USA, GB 2026, Länge: 132 Min., FSK: 6
Produktion: Kiddo Films, Working Title Films u.a.
Regie: Georgia Oakley
Drehbuch: Diana Reid
Kamera: Arnaud Potier
Musik: Roger Goula
Montage: Izabella Curry
Darsteller: Daisy Edgar-Jones, Esmé Creed-Miles u.a.
Genre: Liebesfilm
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Sinn + Sinnlichkeit
Gegenspieler: Geld + Konventionen
Stimmung: emotional
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: noch nicht verfügbar
Scheinbar müssen’s die Frauen wieder richten? Die Adaption von Georgia Oakley ist um Längen besser als die von Ang Lee aus dem Jahr 1995.
Damit ist auch eine eventuelle Frage nach dem Sinn derartiger Neuverfilmungen von Klassikern beantwortet: Ja, kann Sinn machen. Vor allem, weil die Regisseurin sich hier intensiver auf ihre beiden weiblichen Hauptfiguren konzentriert: Elinor und Marianne Dashwood. Beide verkörpern jeweils ein Element des Filmtitels, Elinor den Sinn (oder besser übersetzt: den Verstand) und Marianne die Sinnlichkeit (oder besser übersetzt: das Gefühl).
Die Geschichte
Die Geschwister Elinor, Marianne und Margaret leben zusammen mit ihrer Mutter auf einem Gut ihres Vaters. Nach dessen Tod erbt jedoch ihr älterer Halbbruder John das Anwesen. Das hat den Nachteil, dass die Dashwood-Frauen nun mit dessen biestiger Frau konfrontiert sind, aber auch den Vorteil, dass deren älterer Bruder Edward gelegentlich auf dem Gut weilt. Elinor verliebt sich in ihn, traut sich aber nicht, ihre Gefühle zu offenbaren. Als John das Anwesen schließlich ganz für sich und seine Familie reklamiert, ziehen die Dashwood-Frauen in ein kleines Anwesen. Dieser soziale Abstieg entpuppt sich schon bald als Glücksfall. Denn die rustikale und wohlbetuchte Nachbarin Mrs. Jennings kümmert sich um die Zugezogenen und Marianne lernt den attraktiven John Willoughby kennen, in den sie sich sofort verliebt. Auch der scheint einer Liaison nicht abgeneigt, so dass der ebenfalls interessierte, zurückhaltende Oberst Brandon erst mal das Nachsehen hat.
London
Marianne glaubt schon, mit Willoughby den Mann ihres Lebens gefunden zu haben, da reist dieser plötzlich und ohne Erklärungen nach London ab. Marianne ist todunglücklich und versinkt in Selbstmitleid. Ähnlich fühlt Elinor, die erfahren hat, dass Edward bereits seit fünf Jahren in London verlobt ist. Trotzdem nehmen beide eine Einladung von Mrs. Jennings an, mit ihr nach London zu reisen. Dort trifft Marianne auf einem Ball auf ihren Geliebten, der sie jedoch äußerst kühl behandelt. Wieder ist Marianne am Boden zerstört. Nicht minder entsetzt ist Elinor, als sie Näheres von Edwards Verlobung erfährt. Auch Oberst Brandon ist wieder zur Stelle und versucht, Marianne zu trösten. Auf der Rückreise erkältet sie sich, so dass ihre Begleiter schon das Schlimmste befürchten. Als Willoughby davon erfährt, will er sich bei Marianne entschuldigen. Aufgrund eines Fehltritts ist er nämlich von seiner Tante enterbt worden, weshalb er aus rein materiellen Gründen eine Verlobung eingegangen ist. Für Oberst Brandon ist Willoughby ein Feigling, der einst seinem Mündel ein Kind gezeugt und dann sitzen gelassen hat. Er fordert Willoughby zum Duell, wobei er seinen Kontrahenten jedoch verschont. Kaum sind die Schwestern wieder zu Hause, taucht Edward auf und erzählt, dass seine Verlobung geplatzt ist. Endlich ist er in der Lage, Elinor seine Liebe zu gestehen und macht ihr einen Heiratsantrag. Auch Oberst Brandon ist nicht weit und allmählich scheint Marianne einer Verbindung nicht abgeneigt.
Stärken
Im Opening sehen wir, aufgescheucht durch eine Postkutsche, Rehe durch den Wald laufen. Eines davon ist Marianne. Das ist eine schöne, bildhafte Charakterisierung. Das sprunghafte Reh, impulsiv und verspielt, ausgestattet mit Bewegungsdrang und Verletzlichkeit, die Beschützerinstinkte weckt (Willoughby). Kontrastiert wird sie mit ihrer zurückhaltenden, nachdenklichen und eher rationalen Schwester Elinor. Man versteht auch, warum die beiden sich verlieben, und zittert mit ihnen mit. Behandelt werden existenzielle Fragen: Was wiegt schwerer, das Gefühl oder der Wunsch nach materieller Sicherheit? Wie lange warte ich auf den Mann meiner Träume? Können meine Gefühle mich nicht täuschen? Ihre jüngere Schwester Margaret sieht das ganz pragmatisch: „Er muss reich sein, alles andere ist mir egal.“ Das sehen Elinor und Marianne natürlich etwas anders. Überhaupt sind alle Figuren bis in die kleinsten Nebenrollen hervorragend besetzt. Es gibt schwarzen Humor, witzige Szenen und gute Dialoge. So weit — so gut.
Dramaturgie
Das ist jetzt nicht die Domäne von Jane Austen (und die Regisseurin hat sich eng an die Vorlage gehalten). Zum einen ist ja bekannt, dass Austen ihren Hang zur Romantik in ihren literarischen Werken ausgelebt hat, heißt: Die Enden sind stets happy. Aber Vorhersehbarkeit ist natürlich dramaturgisch nicht optimal. Andererseits macht sie ihre Sache sehr gut, und zwar immer dann, wenn die Protagonisten sich einer Hoffnung hingeben, die sich dann zerschlägt. Das fängt mit der Testamentseröffnung an, die in Tränen der Dashwood-Frauen endet, als sie erfahren, dass sie nicht im Nachlass berücksichtigt wurden. Also himmelhoch jauchzend — zu Tode betrübt. So ist das richtig. Leider wird dieses Prinzip nicht richtig durchgezogen. So entpuppt sich der vermeintliche soziale Abstieg viel zu schnell als wahrer Glücksfall. Hier hätte man die Enttäuschung verstärken sollen. So hätte Mrs. Jennings zum Beispiel eine kleine Hexe sein können, anstatt einer hilfsbereiten, gutherzigen Quasselstrippe. Also die Anhäufung von Konflikten lässt manchmal zu wünschen übrig. Allerdings zählt die zu den zentralen Aufgaben eines Erzählers. Er sollte, mindestens bis zum Happy End, seinen Protagonisten das Leben so schwer wie möglich machen.
Romanvorlage
Nun könnte man einwenden, dass die Geschichte ja vom Roman vorgegeben wurde. Aber eine Adaption heißt ja nicht, dass der Handlungsablauf eins zu eins übernommen wird. Es ist doch ein ständiges Selektieren, Changieren und — wenn man’s richtig macht — Dazudichten. Eigentlich gibt es keinen Grund, erzählerische Defizite einer Vorlage zu übernehmen. Jane Austens Stärke lag ja weniger in der Dramatisierung von Geschichten als in der Skizzierung von interessanten Charakteren und ihren emotionalen Zwängen.
Finale
Als Elinor und Edward am Ende Hand in Hand zum Cottage zurückkehren, jubeln die Frauen, einschließlich Mrs. Jennings, als hätte das Liebespaar gerade ein Tor bei einem wichtigen Fußballspiel erzielt. Das ist schön und witzig. Viel besser ist in dieser Adaption von „Sinn und Sinnlichkeit“ auch die Andeutung einer Annäherung zwischen Marianne und Oberst Brandon sowie der geringere Altersunterschied. Ihre Heirat, wie in der Romanvorlage und der Adaption von Ang Lee durchgespielt, wirkt zu aufgesetzt, zu künstlich und ist einfach überflüssig.

