DogMan

F 2023
Länge: 114 Min., FSK: 16
Produktion: LBP, EuropaCorp u.a.
Drehbuch + Regie: Luc Besson
Kamera: Colin Wandersman
Musik: Éric Serra
Montage: Julien Rey
Darsteller: Caleb Landry Jones, Jonica T. Gibbs u.a.

Genre: Drama, Tragikomödie, Thriller
Erzählmotiv: Identität
Suspense: teilweise vorhanden
Held: Hundefreund
Gegenspieler: Menschen
Stimmung: abgründig + spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, Videobuster

Die große Stärke von Luc Besson ist die Skizzierung von prägnanten Charakteren, die man so schnell nicht vergisst (s. a. „Nikita“ und „Léon – der Profi“).

Auch bei „DogMan“ steht, genauso wie in diesen beiden Beispielen, ein Außenseiter, ein Traumatisierter, eine verlorene Seele im Fokus und Luc Besson ist ihr Anwalt. Fokus ist hier wörtlich zu nehmen. Die Konzentration auf den Helden ist einfach beeindruckend. Kein Schnickschnack, keine Mehrfachperspektiven, keine Ablenkungen. Es geht um den „DogMan“ und sonst nichts. Einfach sensationell, wie Caleb Landry Jones ihn spielt. Die Genreeinstufung fällt schon schwerer. Der Film ist eine Mixtur aus Tragikomödie, Thriller, Familiendrama und Gangsterkomödie. In jedem Fall hat er es in sich.

Die Geschichte

Nach einer Schießerei mit mehreren Toten wird Douglas Munrow ziemlich ramponiert, mit trägerlosem Kleid, blonder Perücke und geschminktem Gesicht, in seinem LKW von der Polizei festgenommen. Auf der Ladefläche: dutzende von Hunden. Die Polizeipsychologin Evelyn verhört ihn und erfährt seine Lebensgeschichte.

Rückblende

Als kleiner Junge lebt Douglas bei seinem gewalttätigen Vater, der überforderten Mutter und seinem älteren Bruder. In einem Zwinger hält der Vater etliche Hunde, die er schlecht behandelt und für brutale Kämpfe trainiert. Als Douglas den Tieren zum wiederholten Mal den Tieren heimlich zu Hilfe kommt, sperrt der Vater ihn zur Strafe in den Zwinger. Seine schwangere und verzweifelte Mutter sucht ihr Heil in der Flucht. Nach einer erneuten Hilfsaktion feuert der Vater sogar mit seiner Schrotflinte auf Douglas. Der Junge verliert einen Finger, ist fortan gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Allerdings führt der Vorfall zur Verhaftung von Vater und Bruder. Douglas kommt in ein Kinderheim, wo er die junge, engagierte Theaterpädagogin Salma kennenlernt. Sie studiert mit ihm Shakespeare-Stücke ein. Der Junge ist fasziniert von der Welt der Imagination und von Salma. Die verlässt allerdings bald wieder das Kinderheim, um ein Engagement beim Theater anzutreten. 

Hundeleben

Als junger Erwachsener führt Douglas ein städtisches Hundeheim. Er verfolgt Salmas Karriere und klebt Zeitungsausschnitte und andere Fundsachen in ein Album. Nach einem umjubelten Auftritt am Broadway überreicht Douglas ihr das Sammelwerk. Sie ist total gerührt, um ihm im nächsten Moment ihren Mann vorzustellen. Douglas hatte sich insgeheim Hoffnungen gemacht und ist wie vor den Kopf gestoßen. Als das Hundeheim geschlossen werden soll, flieht er mit seinen Vierbeinern in ein heruntergekommenes, leerstehendes Fabrikgebäude, wo sie vor der feindlichen Außenwelt erst mal geschützt sind. 

Theater

Auf der Suche nach Jobs gelangt Douglas zufällig in ein kleines Transvestiten-Theater. Wie magisch angezogen kann er den Theaterchef zu einem Probeauftritt überreden. Von diesem Moment an singt Douglas einmal die Woche in Frauenkleidern Chansons. Seine Geldprobleme löst dieses Engagement aber nicht. Deshalb bildet er seine Hunde als Diebesbande aus, spezialisiert auf den Schmuck reicher Leute. Irgendwann kommt ihm ein Versicherungsagent auf die Schliche. Doch anstatt die Polizei zu alarmieren, fordert der Agent mit Waffengewalt die Herausgabe der Juwelen, was ihm zum Verhängnis wird. Nicht besser ergeht es dem Gangsterboss El Verdugo und seiner Bande, die ihren Überfall auf Douglas und seine Hunde nicht überleben. Die Schießerei führt zur Verhaftung. Am Ende bedankt sich Douglas bei Evelyn für die Gespräche. Nach einer Befreiungsaktion seiner Hunde erhebt er sich vor dem Gefängnis aus seinem Rollstuhl und wankt einige Schritte, bis er tot zusammenbricht. 

Stärken

„Wo immer es einen Glücklosen gibt, schickt Gott einen Hund“, heißt es im Vorwort. Bei Douglas sind es dutzende von Hunden. Daran kann man den Grad seiner seelischen Verletzungen ermessen. Schließlich – das hat er gelernt – ist auf die Menschen kein Verlass. Die Männer sind gewalttätig (Vater, El Verdugo) oder Verräter (Bruder), die Frauen (Mutter oder Salma) suchen irgendwann das Weite. Man versteht seine Faszination, aus den Männerkleidern herauszuschlüpfen, seinen Wunsch nach einer Metamorphose: „Die imaginäre Welt hat mich zärtlich in den Arm genommen.“ Einfach genial ist die Szene am Broadway-Theater, die seine Hoffnungen und seine Zerrissenheit verdeutlicht. Douglas ist ebenso klug wie traurig und fähig zur Selbstreflexion. Deshalb am Ende auch der Dank an Evelyn. Luc Besson gelingt es, die Gefühle des Helden mit denen des Zuschauers zu synchronisieren.

Hunde

Der zweite Hauptdarsteller sind die Vierbeiner. Für Douglas sind sie die einzigen Wesen, auf die man sich verlassen kann: „Hunde können nicht lügen, wenn es um Liebe geht.“ Ihr einziger Fehler: „Sie vertrauen Menschen.“ Einfach toll ist die Szene, wie Douglas seinen Hunden aus Shakespeare-Stücken vorliest und sie gespannt lauschen, als würden sie den Sinn der Worte verstehen.

Schwächen

Okay, das Ableben von El Verdugo und seiner Bande ist Kintopp und in gewisser Weise auch witzig. Um die ist es auch nicht schade. Aber weniger wäre auch hier mehr gewesen. Genau wie in „Nikita“ sind es die ruhigen Momente, in denen der Film seine Kraft entfalten kann, nicht in den Ballereien. In die selbe Kategorie fällt auch die Racheaktion am Bruder, als der nach acht Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Hätte ein Denkzettel nicht genügt? Was ist denn schlimmer: der Tod oder das Weiterleben unter körperlichen Beeinträchtigungen und vor allem mit dem Eingeständnis der eigenen Schuld (s. a. „Der Tod und das Mädchen“ von Roman Polanski)? Desgleichen der Versicherungsagent. Hier hätte man sich einen Deal vorstellen können: Fifty-fifty, sonst kommt sein Spezialhund. Außerdem hätte Douglas sich auf seine Einladung zum Abendessen einlassen sollen, oder besser Luc Besson. Denn der hat hier eine Suspense-Situation verschenkt.

Glaubwürdigkeit

Dann gibt es eine ganze Reihe von Szenen, die unsere Akzeptanz für die Glaubwürdigkeit arg strapazieren. Da gibt es einen kleinen Hund, der ein Bild von einem Polizeiwagen präsentiert bekommt und anschließend in der Lage ist, in den Straßen einen Einsatzwagen zu orten und die Polizisten mit sich zu locken. Desgleichen die Diebesbande. Das ist zwar ganz witzig, muss man aber auch erst mal schlucken. Oder seine Hunde als Küchenhelfer. Die wissen ganz genau, wo das Mehl ist, und holen es für den DogMan aus dem Regal. Hier wären ein paar Trainingseinheiten ganz vorteilhaft gewesen. Also Douglas übt mit seinen Hunden das Stehlen von Schmuck oder das Apportieren von Lebensmitteln. Dann wäre man vermutlich nicht drüber gestolpert und hätte eher drüber hinwegsehen können. Aber so ist auch die finale Befreiungsaktion aus dem Gefängnis ein Stolperstein.

Fazit

Ansonsten ist der Schluss schön. Douglas hat Evelyn nämlich ein Geschenk gemacht, von dem sie nichts ahnt. Seinen Wachhund hat er vor dem Haus von Evelyn positioniert, um sie vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann zu beschützen, und man hat keinen Zweifel, dass der Hund seine Aufgabe erfüllen wird.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Luc Bessons DogMan.

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