F 1990
Länge: 117 Min., FSK: 16
Produktion: Les Films du Loup, Gaumont u.a.
Drehbuch + Regie: Luc Besson
Kamera: Thierry Arbogast
Musik: Éric Serra
Montage: Olivier Mauffroy
Darsteller: Anne Parillaud, Tchéky Karyo u.a.
Verleih: Jugendfilm Verleih
Genre: Thriller
Erzählmotiv: Erpressung + Die unmögliche Liebe
Suspense: perfekt
Heldin: gewalttätig + schutzbedürftig
Gegenspieler: das „Zentrum“
Stimmung: gnadenlos spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
Datenträger: 4K, Blu-ray, DVD
„Nikita“ ist ein hervorragend gemachter, spannender Thriller, der sich ganz auf seine prägnante Heldin konzentriert.
Gleich zwei klassische Erzählmotive schickt Luc Besson hier ins Spiel, nämlich „Erpressung“ und „Die unmögliche Liebe“. Dabei geht er nicht gerade zimperlich zu Werke. Aber auch die Ballereien sind hervorragend inszeniert – meistens. Nur am Ende übertreibt Luc es wieder einmal. Die Stärken dieses Thrillers liegen aber gerade in seinen ruhigen Momenten.
Die Geschichte
Bei einem brutalen Überfall auf eine Apotheke erschießt die drogensüchtige Nikita (Anne Parillaud) einen Polizisten, zwei weitere kommen bei dem Einsatz ums Leben. Urteil: lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Aufgrund der Tatumstände und ihres Profils gerät sie ins Visier des „Zentrums“, einer Spezialeinheit des französischen Geheimdienstes. Die inszenieren ihren Scheintod und stellen sie vor die Wahl, entweder für sie zu arbeiten oder tatsächlich auf dem Friedhof zu landen. Nikita bleibt keine Wahl und durchläuft das Ausbildungsprogramm unter Leitung des Spezialagenten Bob. Dabei erweist sie sich als verwahrlostes, gewaltbereites Geschöpf, das für Regeln wenig empfänglich ist. Erst nach Monaten wird sie bei einem ersten Außeneinsatz auf die Probe gestellt.
„Freiheit“
Dieser Einsatz erweist sich für Nikita als Falle und endet in einer blutigen Schießerei, die sie nur knapp überlebt. Zurück in der Zentrale kommt es zum Eklat mit Bob, der ihr seine Zwangslage verdeutlicht: Einerseits muss er seine Anweisungen befolgen, anderseits hat er mittlerweile Gefühle für seinen Schützling entwickelt. Kurz darauf wird Nikita, ausgestattet mit einer neuen Identität, in die „Freiheit“ entlassen. Draußen führt sie fortan ein Doppelleben und verliebt sich in den Supermarkt-Angestellten Marco. Ihre Zerrissenheit zeigt sich in ihrem Bedürfnis nach privatem Glück und den meist tödlich verlaufenden Einsätzen. Nach einem finalen Einsatz, der in einem Fiasko endet, taucht Nikita schließlich unter.
Stärken
Einfach herausragend ist die darstellerische Leistung der Heldin. Schon faszinierend wie Anne Parillaud diese Melange aus Verwahrlosung, Gewaltbereitschaft und Brutalität einerseits sowie Infantilität, Angst und Zerrissenheit anderseits spielt. In einem Moment durchbohrt Nikita die Hand eines Untersuchungsbeamten mit einem Bleistift und beschimpft ihn als „Ratte“, um im nächsten Moment im Stile eines Kleinkindes den Beistand ihrer Mutter herbeizusehnen. Sie ist eine verwahrloste Wildkatze, ein weiblicher Kaspar Hauser: kein Benehmen, keine Manieren, keine Ausbildung. Aber Nikita gelingt es, unsere Gefühle zu aktivieren und auf Hochtouren zu bringen. Meisterhaft ist die erzählerische Konzentration auf die Heldin, die bis auf den Schluss in jeder Einstellung präsent ist.
Figuren
Nicht minder brillant ist die Figur des Spezialagenten Bob, der im Stile eines zurückhaltenden Technokraten nach und nach Gefühle für Nikita entwickelt und dadurch in eine vergleichbare Zwangslage gerät: Einerseits liebt er diese Frau, andererseits muss er sie auf lebensgefährliche Einsätze schicken: „Verdammte Scheiße! Denkst du, ich kann was dafür?!“ Überhaupt ist das ganze Casting herausragend. Da ist jede Nebenfigur perfekt besetzt. Die Dialoge haben es in sich. Hier gibt es kein Geplänkel. Kostprobe? Bei ihrer Ausbildung im „Zentrum“ muss Nikita am Schießstand trainieren. Nachdem sie ein ganzes Magazin abgefeuert und ins Schwarze getroffen hat, fragt sie der fassungslose Ausbilder: „Haben Sie vorher schon mal geschossen?“ Nikita: „Auf Pappe noch nie, aber auf Menschen.“ Ziemlich genial ist auch die Filmmusik von Eric Serra und die Kameraarbeit von Thierry Arbogast.
Dramaturgie
Endlich mal jemand, der was vom Handwerk versteht. Dafür sind nicht nur die klassischen Erzählmotive mit ihrem dramatischen Potenzial ein Beleg. Suspense-Situationen durchziehen die Handlung wie ein blutroter Faden. In den meisten Szenen hat der Zuschauer einen Informationsvorsprung gegenüber Teilen der handelnden Personen. So wird’s gemacht! Wenn Luc Besson mal mit Überraschungen operiert, dann sind es welche, die diese Bezeichnung verdienen: Zum Beispiel Nikitas erster Besuch außerhalb des „Zentrums“ in einem luxuriösen Restaurant. Vor allem aber hat der Regisseur eine veritable Heldin kreiert, die zwischen himmelhochjauchzenden und zu Tode betrübten Gefühlswelten changiert. Stets schwebt das Damoklesschwert über Nikita: Wenn sie nicht mitspielt, droht ihre Liquidation. Luc Besson zelebriert die Ausweglosigkeit ihrer Lage. Das ist perfekt!
Filmkritik
Da ist von „ästhetisierten Gewaltszenen“ die Rede, mal wird Nikita als „Tötungsmaschine“, mal als „Killerin“ bezeichnet. Aber das ist kompletter Unfug. Sie ist genau das Gegenteil einer Maschine. Ihre innere Zerrissenheit ist immer transparent. Nikita ist sicherlich keine sympathische Figur. Muss sie auch nicht. Entscheidend ist, dass wir mit ihr mitfiebern und Emotionen entwickeln. Das ist sehr viel mehr, als das, was die meisten Filme zu bieten haben. Ein anderer Vorwurf der Filmkritik ist die undifferenzierte Darstellung der Spezialeinheit des Geheimdienstes mit Lizenz zum Töten: „… das exzessiv ausgespielte Thema der Staatsgewalt in keiner Weise reflektiert.“ Aber das ist nicht Thema dieses Thrillers. Er muss gar nicht dazu Stellung nehmen oder erklären, was längst Realität ist (s. Tiergartenmord). „Nikita“ ist eine „Was-Wäre- Wenn-Geschichte (Stephen King), in der die Zwangslage einer jungen Frau gnadenlos eskaliert wird. Darum geht’s hier.
Ungereimtheiten
Als Nikita in die „Freiheit“ entlassen wird, erhält sie eine neue Identität als Krankenschwester. Ihre Tarnung sollte aber zumindest einer simplen Überprüfung standhalten, nämlich der telefonischen Erkundigung beim Krankenhaus nach eben jener Person. Dass die gar nicht existiert, merkt Marco ja bei seinem Anruf. Diese Fahrlässigkeit des „Zentrums“ ist aber alles andere als professionell. Nikita dürfte auch kein Beweismaterial in der gemeinsamen Wohnung aufbewahren. Das ist genauso fahrlässig und gefährdet zudem das Leben ihres Geliebten. Apropos. Wieso Marco am Ende am Leben bleibt, ist sehr merkwürdig. Der weiß doch viel zu viel. Desgleichen Nikita. Sie mag zwar untergetaucht sein, aber sie hat doch nur ihre Identität als Krankenschwester. Für einen nationalen Geheimdienst sollte es doch kein Problem sein, sie aufzuspüren und ebenfalls zu liquidieren. Alles gefährliche Mitwisser. Damit sind wir bei diesem katastrophalen Ende.
Finale
Der Thriller war schon drauf und dran, die volle Punktzahl einzusammeln und dann dieser abstruse Schluss. Völlig überzogen und unglaubwürdig. Was ist das überhaupt für ein Schwachsinn, den Botschafter zu betäuben, einen Geheimagenten als eben jenen Botschafter zu verkleiden, damit der in der russischen Botschaft geheimes Material kopieren kann? Wieso wird die Operation plötzlich abgebrochen? Wieso erscheint plötzlich der Tatortreiniger, der – bis auf Nikita – alle liquidiert, sogar den eigenen Agenten? Dann muss Nikita in der Maskerade des Botschafters diese Mission zu Ende führen (!), die im Kugelhagel endet und nur unsere Heldin auf wundersame Weise verschont. Schon hanebüchen. Das Entscheidende ist aber, dass es kein Ende ist. Das „Zentrum“ würde und müsste (wie oben erwähnt) Nikita aufspüren. Für Nikita gibt es exakt eine Lösung, zu entkommen, und das ist ihr vorgetäuschter Tod, so wie es zum Beispiel Don Siegel in „Charley Varrick“ durchgespielt hat. Also die Umkehrung dessen, was das „Zentrum“ anfangs mit ihr gemacht hat: Sie haben ihren Tod für sie inszeniert und jetzt inszeniert sie ihren Tod für das „Zentrum“. Dann wäre sie frei. Nur dann.
Fazit
Trotz dieser Defizite überwiegen die positiven Aspekte. Es macht einfach Spaß, Könnern bei der Ausübung ihres Handwerks zuzuschauen.




