F 1969, Länge: 138 Min., FSK: 16
Produktion: Les Films Corona u.a.
Roman: Joseph Kessel
Drehbuch + Regie: Jean-Pierre Melville
Kamera: Pierre Lhomme
Musik: Éric Demarsan
Montage: Françoise Bonnot
Darsteller: Lino Ventura, Simone Signoret u.a.
Genre: Kriegsdrama
Erzählmotiv: Der Verrat
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Résistance-Kämpfer
Gegenspieler: Kollaborateure + Gestapo
Stimmung: düster
Bewertung: 3 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
„Armee im Schatten“ ist ein atmosphärisch dichtes, düsteres, eher ruhiges, dokumentarisch anmutendes Kriegsdrama nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Kessel.
Es spielt gegen Ende des 2. Weltkriegs in Frankreich und erzählt die Geschichte einer Gruppe von Widerstandskämpfern, in der nichts beschönigt oder verherrlicht wird. Im Gegenteil. Die Atmosphäre ist geprägt von Pessimismus, Resignation und Angst, nicht nur vor der Gestapo, sondern auch vor den eigenen Leuten. Der Film ist der Versuch, den Résistance-Kämpfern des 2. Weltkriegs ein filmisches Denkmal zu setzen.
Die Geschichte
In Folge eines Verrats landet Widerstandskämpfer Philippe (Lino Ventura) in einem Internierungslager. Doch bei einem Gefangenentransport gelingt ihm die Flucht. In Marseille liquidiert er, zusammen mit anderen Mitstreitern, den Verräter in den eigenen Reihen. Dann flieht er aus Sicherheitsgründen mit einer Gruppe von Rebellen in einem U-Boot nach London. Als Philippe von der Verhaftung seines Freundes Felix erfährt, lässt er sich mit einer Militärmaschine über Frankreich absetzen, um seinen Freund zu befreien. Der wird allerdings in einem Hochsicherheitsgefängnis der Gestapo in Lyon gefangen gehalten und gefoltert. Untergrundkämpferin Mathilde versucht mit einem getarnten Rot-Kreuz-Fahrzeug, Felix aus dem Gefängnis zu holen. Aber der ist bereits sterbenskrank, weshalb der Transport verweigert wird. Im Zuge einer Razzia wird auch Philippe festgenommen. Bei sadistischen Exekutionsspielen der Gestapo können Mathilde und ihre Leute Philippe befreien. Ein paar Wochen verbringt er auf einem einsamen Gehöft. Dann erfahren die Résistance-Kämpfer von Mathildes Verhaftung. Sie wird von der Gestapo erpresst, die Namen ihrer Mitstreiter zu verraten. Um dieser Gefahr vorzubeugen, liquidieren sie Mathilde auf offener Straße. Im Nachspann erfährt man, dass sowohl Philippe als auch der Rest der Freischärler von den Nazis gefasst und getötet wurde.
Der Verrat
„Armee im Schatten“ basiert auf einem klassischen Erzählmotiv, das sich von Anfang bis Ende wie ein blutroter Faden durch die Handlung zieht: Der Verrat. Das Motiv impliziert konflikthafte Interaktionen, den Bruch von Freundschaften und in diesen Zeiten: Lebensgefahren. Es ist das Damoklesschwert, das über den Widerstandskämpfern schwebt. Es beginnt mit Philippes Internierung, die ein Verräter in den eigenen Reihen verschuldet hat. Am Ende reicht die Angst vor einem Verrat, um Freundin und Mitkämpferin Mathilde zu liquidieren. Wie ein Krebsgeschwür hat es alle Résistance-Kämpfer befallen: Man kann niemandem mehr trauen.
Das Drama
Hier wäre es allerdings dramatischer gewesen, sich auf die Erpressung von Mathilde durch die Gestapo zu konzentrieren. Sie enthält das größte Konfliktpotenzial. Diesen möglichen Verrat hätte man zusätzlich durch eine Intensivierung der Liebesgeschichte zwischen Philippe und Mathilde anreichern können. Im Film wird sie nur angedeutet, und zwar als beide nach Philippes Befreiung im Heck des Fluchtwagens sitzen und sie zärtlich seine Hand ergreift. Aber das war’s dann. Mehr gibt’s nicht. Schade. Dabei hätte man Philippes inneren Zwiespalt mit einem Liebesverhältnis auf die Spitze treiben können. Dann hätte er vor der Wahl gestanden, entweder seine Geliebte oder seine Mitstreiter opfern zu müssen. Es wäre der größtmögliche Konflikt für den Helden gewesen, und den sollte man als Erzähler durchexerzieren.
Schwächen
Durch die inneren Stimmen der Protagonisten können wir tief in ihre Befindlichkeiten eintauchen. Allerdings wäre auch hier eine Konzentration besser gewesen als der ständige Wechsel von Philippe zu Mathilde oder zu Felix. So verlieren wir unseren Helden immer wieder aus den Augen und können keine richtige Nähe aufbauen. Es gibt immer wieder Szenen, die nicht wirklich handlungsrelevant sind. Da transportiert zum Beispiel der junge Jean-François einen Koffer mit einem Funkgerät von Marseille nach Paris und muss mehrere Kontrollen passieren. Das ist zwar ganz spannend, aber eine Bedeutung für die Geschichte hat weder der Transport noch das Funkgerät.
Wahre Begebenheiten
Ein Problem sind auch die wahren Begebenheiten, die sowohl der Roman als auch Melvilles persönliche Erfahrungen enthalten. Im Zweifelsfall hält man sich eben an das, was passiert ist. Für die Dramatisierung einer Geschichte sollten sie aber als eine Art Steinbruch fungieren. Die Lösung wäre eine Selektion gewesen, eine Bearbeitung des dramatischsten Steinblocks: Konzentration auf die Liebesgeschichte und den daraus resultierenden Konflikten. Erstaunlich ist auch, dass einige Szenen trotz der wahren Begebenheiten unter mangelnder Handlungslogik und Glaubwürdigkeit leiden. Wie schon in „Vier im roten Kreis“ misst Melville diesen Faktoren leider eine untergeordnete Rolle zu.
Ungereimtheiten
Bei Philippes Flucht am Anfang aus einem provisorischen Verhörraum im Hotel Majestic fragt man sich, wo denn die Verfolger bleiben? Das einzige erleuchtete Geschäft ist ein Friseurladen, in den Philippe dann flieht und sich auch noch rasieren lässt. Aber das Geschäft müsste doch durchsucht werden? Sehr merkwürdig. Die zweite Befreiungssituation bei den sadistischen Exekutionsspielen mutet noch absurder an. Ebenso seltsam ist die Geschichte mit dem anonymen Brief des jungen Jean-François. Wieso landet er nach seiner Festnahme in der Gefängniszelle von Felix, um ihm dort eine Zyankali-Kapsel zukommen zu lassen? Die beiden würde man doch in getrennte Zellen sperren. Wieso wird Mathilde am Ende von der Gestapo auf freien Fuß gesetzt? Selbst wenn sie die Namen ihrer Mitstreiter verraten hat, würden die Nazis sie doch niemals laufen lassen. Ihr Schicksal ist doch so oder so besiegelt?
Fazit
„Armee im Schatten“ endet, wie viele andere Werke Melvilles, im großen Scheitern. Auch in „Vier im roten Kreis“ oder in „Der eiskalte Engel“ bleiben die Protagonisten am Ende auf der Strecke. Ein Überleben oder so etwas wie Hoffnung ist nicht vorgesehen. Insofern hat das Kriegsdrama auch etwas Fatalistisches. Irgendwann sehnt man sich nach „Das Leben im Schloss“ von Jean-Paul Rappeneau, der ebenfalls die Zeit der Besatzung Frankreichs gegen Ende des 2. Weltkriegs behandelt. Nur konzentrierter, spielerischer, humorvoller, leichter, irgendwie französischer.

