USA 1939, Länge: 220 Min., FSK: 12
Roman: Margaret Mitchell
Regie: Victor Fleming u.a.
Drehbuch: Sidney Howard
Kamera: Ernest Haller
Musik: Max Steiner
Montage: Hal C. Kern, James E. Newcom
Darsteller: Vivien Leigh, Clark Gable u.a.
Genre: Drama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Odd-Couple-Paar
Gegenspieler: Dickköpfigkeit
Stimmung: dramatisch
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
„Vom Winde verweht“ erzählt keine Liebesgeschichte, keine Familiensaga und auch kein Melodrama, sondern das Drama zweier Menschen, die Opfer ihrer emotionalen Illusionen sind.
Des Weiteren zeigt der Film das Porträt einer impulsiven, starken Frau, die in unwirtlichen Zeiten unternehmerische Qualitäten an den Tag legt und der Scholle treu ist. Das hat etwas Modernes, Zeitloses. Ebenso die Skizzierung der Bindungsunfähigkeit der Protagonisten. Ansonsten wirkt aus heutiger Sicht vieles an diesem Schmachtfetzen übertrieben (Schicksalsschläge), künstlich (Technicolor) oder schwülstig (Dialoge). Aber das Südstaaten-Epos hat eben auch seine Qualitäten …
Teil 1
Georgia 1861. Die junge Scarlett O’Hara wächst auf der Baumwollplantage Tara, nahe Atlanta, auf. Sie ist in Ashley, den Erben der benachbarten Plantage, verliebt. Der plant jedoch, seine gutmütige Cousine Melanie zu heiraten. Auf einem Gartenfest versucht Scarlett, Ashley umzustimmen. Aber vergebens. Ebenfalls anwesend ist der etwas zwielichtige Captain der Südstaatler Rhett Butler, der kein Blatt vor den Mund nimmt und Scarlett provoziert. Aus Trotz über Ashleys Entscheidung heiratet sie spontan Melanies jüngeren Bruder Charles. Der stirbt aber gleich nach Ausbruch des Bürgerkriegs an Lungenentzündung. Scarletts Trauer über den Verlust hält sich in Grenzen.
Atlanta
In der Hoffnung, Ashley wiederzusehen, zieht Scarlett nach Atlanta zu der schwangeren Melanie und deren Tante. Auf einem Wohltätigkeitsball trifft sie erneut auf Rhett, der sie als Tanzpartnerin ersteigert. Wieder provoziert sie der eloquente Captain und gesteht ihr seine Liebe. Aber Scarlett erteilt ihm eine Abfuhr. Im örtlichen Lazarett geht sie dem Doktor zur Hand und lernt so die Grauen des Krieges kennen, der nun immer näher rückt. Unmittelbar vor dem Einmarsch der Yankees setzen bei Melanie die Wehen ein. In ihrer Verzweiflung wendet Scarlett sich an Rhett. Gemeinsam mit einer Hausangestellten helfen sie Melanie bei der Geburt ihres Sohnes. Anschließend fliehen sie vor Plünderern und heranrückenden Soldaten aus Atlanta. Kurz bevor sie Tara erreichen, verlässt Rhett die Frauen und den Säugling, um sich den Südstaatlern anzuschließen.
Tara
Vom Anwesen steht nur noch das Hauptgebäude. Ansonsten sind Land und Stallungen verwüstet und geplündert. Scarletts Mutter ist verstorben, ihr Vater hat den Verstand verloren und ihre beiden Schwestern sind krank. Zum ersten Mal ist Scarlett in ihrem Leben ganz auf sich gestellt. Aber sie ist genauso widerstandsfähig wie dickköpfig und schwört, nie wieder Hunger leiden zu müssen.
Teil 2
Scarlett übernimmt die Rolle des Familienoberhaupts. Einen marodierenden Yankee-Soldaten erschießt sie in Notwehr. Überraschenderweise hilft Melanie ihr bei der Entsorgung der Leiche. Als Ashley aus dem Krieg zurückkehrt, will auch Scarlett ihm um den Hals fallen. Im letzten Moment kann Mammy, das farbige Kindermädchen, sie zurückhalten. Unter vier Augen gesteht Scarlett dem Rückkehrer erneut ihre Liebe. Obwohl auch Ashley Gefühle für sie hat, will er Melanie und ihren gemeinsamen Sohn nicht verlassen. Eine Grundstückssteuer in Höhe von 300 Dollar auf Tara versucht Scarlett von Rhett zu erhalten. Nachdem dieses Vorhaben scheitert, macht sie sich an Fred, den Freund ihrer Schwester, heran, der in Atlanta mit einem Geschäft zu etwas Wohlstand gekommen ist. Beide heiraten und Scarlett baut das Unternehmen aus.
Der dritte Mann
Nach einem Überfall auf Scarlett nehmen sowohl Fred als auch Ashley an der geheimen Zusammenkunft einer Bürgerwehr (Klu-Klux-Klan) teil. Während Fred dabei erschossen wird, verschafft Rhett Ashley ein Alibi und kann ihn so vor der Verhaftung retten. Rhett nutzt die Gunst der Stunde und unterbreitet Scarlett einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Die Geburt der gemeinsamen Tochter Bonny bringt kurzfristig Entlastung im Dauerstreit des Paares, zumal Rhett die Kleine abgöttisch liebt. Aber der nächste Schicksalsschlag lässt nicht lange auf sich warten. Bonny bricht sich bei einem Reitunfall das Genick. Kurz darauf stirbt auch noch Melanie. Auf dem Totenbett muss Scarlett ihr versprechen, sich um Ashley und ihren Sohn zu kümmern. Scarlett wirft sich dem Geliebten in die Arme, der allerdings wieder in Selbstmitleid versinkt. Erst jetzt erkennt sie, dass Ashley der Falsche und Rhett der Richtige ist. Aber der hat mittlerweile endgültig das Weite gesucht.
Antikriegsfilm
Der 1. Teil konzentriert sich auf die Charakterisierung seiner Protagonisten, insbesondere auf Scarlett O’Hara sowie auf die Auswirkungen eines erbarmungslosen Krieges, ohne eine einzige Kampfhandlung zu visualisieren. Gerade mit diesem Fokus auf das, was Krieg mit den Menschen macht, überzeugt „Vom Winde verweht“ als eindrucksvoller Antikriegsfilm. Eine Liebesgeschichte ist im 1. Teil nicht erkennbar. Dafür sind die Begegnungen zwischen Scarlett und Rhett auch zu flüchtig und stets von frotzelndem Geplänkel geprägt. Eine Liebesgeschichte oder Melodrama mit Fundament benötigt aber sowohl eine Annäherung als auch Zeit, die die Liebenden miteinander verbringen (s.a. „Unterwegs nach Cold Mountain“).
Drama
Im 2. Teil dominiert das zwischenmenschliche Drama, das aus Schicksalsschlägen und der Unfähigkeit der Protagonisten resultiert, über den eigenen Schatten zu springen. Ein einziges Mal schafft Rhett es, seine Eifersucht und verletzten Eitelkeiten hintenanzustellen. Das ist die Phase nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter. Nach deren Unfalltod fällt das Ehepaar sofort wieder in seine destruktiven Verhaltensmuster zurück. Es sind also die inneren Widerstände oder Konditionierungen, die hier zum Scheitern führen, womit der Film auch an Marcel Carnés Meisterwerk „Die Kinder des Olymp“ erinnert, ohne an dessen Qualitäten heranzureichen.
Heldin
Scarlett ist keine typische Frauenfigur, schon gar nicht für die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist. Sie ist wahrlich kein Heimchen am Herd. Nach Bonnys Geburt betrachtet sie skeptisch ihre Taille im Spiegel und verkündet: „Ich will keine Babys mehr.“ Scarlett ist eine interessante Heldin, aber nicht sympathisch. Muss sie auch nicht. Für den Erfolg ihres Unternehmens ist ihr die rücksichtslose Ausbeutung ihrer Arbeiter gleichgültig: „Wie ich das Geld verdiene, soll mir egal sein.“ Sie ist verzogen, privilegiert, temperamentvoll, lebenshungrig, unreif, ein verwöhntes Balg – im 1. Teil. Dann entwickelt sie sich zu einer starken, selbständigen und freiheitsliebenden Person, wobei sie ihren Eigensinn und ihre Kämpfernatur nie verliert, auch nicht nach dem Totalverlust. Das veranschaulicht auch ihr Schlusssatz: „Morgen ist auch noch ein Tag.“ Es geht immer weiter, egal was passiert.
Liebesgeschichte
Im Grunde sind beide Hauptfiguren sich zu ähnlich. Auf dem Opernball bringt Rhett es auf den Punkt: „Wir sind selbständig, gerissen und nennen die Dinge beim Namen.“ Dickköpfigkeit fehlt noch in dieser Aufzählung. Bei ihm kommt noch die Eifersucht hinzu, die eigentlich gar nicht zu einem Lebemann wie ihm zu passen scheint. Außerdem behandelt er Scarlett bis zum Ende von oben herab: „Ich verlass’ dich jetzt, mein Kind.“ Beide agieren im Stile eines klassischen Odd-Couple-Paares und sind Opfer ihrer Träume. Bis zum Schluss ist Scarlett Sklavin ihrer Obsession für Ashley Wilkes. Erst als Melanie stirbt und sie quasi noch den Auftrag bekommt, sich um den Witwer zu kümmern, erkennt sie, dass dieser nicht der Richtige ist. Aber da ist es zu spät. Rhett möchte, dass Scarlett ihn irgendwann mal so anschaut wie Ashley. Als das dann endlich passiert, läuft er davon. Scarlett genauso. Im Grunde kann sie alles haben, nur Ashley nicht. Das ist Teil der Obsession. Als sie ihn ganz am Ende für sich haben kann, will sie ihn nicht mehr. Da ist dann Schluss mit den Spielereien.
Die Liebe des Lebens
Letztlich hat man bei Scarlett und Rhett zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie füreinander bestimmt sind, wie etwa die Protagonisten in „Begegnung“ von David Lean oder „Die Brücken am Fluss“ von Clint Eastwood. Deshalb hat die Liebesgeschichte in „Vom Winde verweht“ auch nicht die Intensität dieser beiden Meisterwerke. Sie ist bei weitem nicht so stark. Das hängt auch mit den äußeren Widrigkeiten zusammen. Denn eine Liebesgeschichte zweier Menschen, die füreinander bestimmt sind und aufgrund widriger äußerer Umstände nicht zueinander kommen, ist weitaus dramatischer. Wir fühlen mehr mit ihnen mit. Die finale Trennung von Scarlett und Rhett lässt einen vergleichsweise kalt.
Stärken
Es gibt eine sehr schöne Szene, die ohne Worte Scarletts innere Verfassung visualisiert. Auf dem Wohltätigkeitsball in Atlanta sieht man sie von hinten, wie sie als „trauernde“ Witwe von einer Empore scheinbar regungslos auf die Tanzenden schaut. Dann gleitet die Kamera am schwarzen Kleid nach unten und verbleibt auf ihren im Takte der Musik hin und her schwingenden Beinen. Kein Zweifel: Die Frau hat Hummeln im Hintern. Positiv ist auch, dass zwar ziemlich oft aber schnell gestorben wird. Es gibt kein langes Siechtum. Ein Brief vom verstorbenen Charles, zack, Trauerkleidung. Weiter geht’s. Bonny fällt vom Pferd. Schnitt auf den Sarg. Dadurch verliert der Tod an Bedeutungsschwere und gewinnt etwas Natürliches.
Rassismus
„Vom Winde verweht“ wird latenter Rassismus vorgeworfen. Sicher, die Schwarzen werden durch Stereotype dargestellt. Magd Prissy ist – filmisch ausgedrückt – unterbelichtet, der Hausangestellte Pork (Schweinefleisch) ist in der Not hilflos. Immerhin ist das Kindermädchen Mammy resolut und nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie ist sozusagen die Quoten-Farbige und eine wichtige Vertrauensperson. Aber diese simplifizierten Charakterzeichnungen sind ihrer Zeit geschuldet. Die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, die Zeit der Rassenunruhen, von Martin Luther King, den Black Panthers, die Werke von James Baldwin oder Toni Morrison waren noch in weiter Ferne. Im Grunde verhält es sich mit der Aufarbeitung des Rassismus’ ähnlich wie mit der Darstellung der Native Americans in den frühen Western (s. z.B. „Ringo“). Diese berechtigte Kritik hat aber nichts mit den erzählerischen Schwächen des Films zu tun. Sie sind ein Ablenkungsmanöver: Man redet über Rassismus, anstatt übers Handwerk. Wenn in diesem Film eine Gruppierung wirklich diskreditiert wird, dann sind es die Nordstaatler, also die „Yankees“. Sie treten hier ausschließlich als marodierende, plündernde, Unheil bringende Horde in Erscheinung.
Weitere Schwächen
Irgendwann wirkt dieses sich ständig wiederholende Geplänkel zwischen Scarlett und Rhett ein bisschen langweilig. Über die gesamte Länge des Films gibt es in diesem Punkt, mit Ausnahme von Bonnys Kindheit und dem Schluss, keine Änderung und keine Entwicklung. Die Gutmütigkeit und Anständigkeit von Melanie ist schwer zu ertragen. Ein einziges Mal sorgt die Cousine für eine Überraschung, als sie Scarlett beim Entsorgen der Leiche hilft.
Fazit
„Vom Winde verweht“ hat seine Qualitäten als Drama, als Charakterstudie und Antikriegsfilm. Für eine Liebesgeschichte oder für ein Melodrama fehlen einfach die Zutaten.


