D 2026, Länge: 124 Min., FSK: 6
Produktion: Ninety-Minute Film u.a.
Regie: Hannu Salonen
Drehbuch: Domenik Pockberger, Spephan Falk
Kamera: Felix Cramer
Musik: Karim Sebastian Elias
Montage: Antonia Fenn
Darsteller: Oliver Masucci, Felix Kammerer u.a.
Genre: Biopic
Erzählmotiv: Das große Ziel (Big Caper Movies)
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): originell
Gegenspieler: Funktionäre
Stimmung: spritzig
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar
Von Sportfilmen geht eine Faszination aus, der wir uns nur schwer entziehen können. Denn im übertragenen Sinne finden sich die Geschichten, die der Sport schreibt, in unser aller Leben wieder.
Es geht um das Verfolgen großer Ziele, um das Überwinden von Widerständen, um den unbedingten Glauben an sich selbst und dass wir über uns hinauswachsen können. Und es geht darum, dass wir nicht kapitulieren, selbst wenn der Weg ganz nach oben lang und mühsam erscheint. Die Essenz eines guten Sportfilms ist daher häufig dieselbe, aber immer auch wieder aufs Neue inspirierend: Mit genug Hingabe, Disziplin und einem großen Herz können wir mehr erreichen, als wir jemals für möglich gehalten hätten.
Sportfilme
Die meisten Sportfilme erzählen also emotionale Storys von AußenseiterInnen, die zu HeldInnen werden. Sie rücken benachteiligte, ja gebeultete Menschen in den Fokus, die nach Misserfolgen alles geben, um sich auf ihren persönlichen Olymp zurück zu kämpfen. Und sie fangen oft auch die Magie des alles entscheidenden Teamspirits ein.
Das war z.B. bei DAS WUNDER VON BERN oder GEGEN JEDE REGEL so und das ist auch bei ADAMS ACHT der Fall, einem fulminanten Biopic über Karl Adam, den sogenannten „Ruder-Professor“ aus Ratzeburg, der mit seinem Deutschland-Achter 1960 in Rom völlig überraschend die olympische Goldmedaille einheimste.
Vorbilder
Der Ruderer Peter-Michael Kolbe aus Hamburg war einer der Heroen meiner Kindheit. In den 1970er und 1980er Jahren war er fünfmaliger Weltmeister im Einer. Kolbe war ein großer, kräftiger Typ, der in der Ruderszene als „störrischer Eigenbrötler“ galt, immer etwas zu verbittert auf die Welt blickte und offenbar an der Gesamtsituation zu leiden schien. Womöglich, weil er nie eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewinnen konnte, da andere Ruderer – vor allem der Finne Pertti Karpinnen – ihre Schlagzahl kurz vor dem Ziel noch einmal erhöhen konnten und es für den sentimentalen Mann aus Hamburg nur dreimal zu Silber reichte. Mir war dieser hanseatische Sturkopf trotzdem sympathisch.
Probetraining
Ich wollte unbedingt rudern lernen mit allem Pipapo und daher meldete ich mich bei einem Ruderclub an der Alster für ein „Schnupperwochenende“ an. Der junge Trainer bemühte sich verzweifelt, das müde Rudel – das aus viel zu vielen Jungs und zu wenigen Mädchen aus der Hautevolée Harvestehudes und einem Dahergelaufenen wie mir bestand – mit allerhand Wissen über diese seltsame Körperertüchtigung aufzuladen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass …
- Du beim Rudern nicht nur die Arme, sondern auch die Beine und den Oberkörper trainierst. Klang anstrengend, aber okay. Check!
- Du beim Rudern, im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten, sitzen darfst. Nur beim Paddeln, beim Radfahren oder bei der Formel 1 darfst Du auch sitzen. Das kam mir schon mal entgegen, da Gehen oder Laufen bisher noch nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört hatte. Hörte sich also verlockend an! Check!
- Du beim Rudern mit dem Rücken zum etliche Kilometer entfernten Ziel sitzt, Du also nicht siehst, wo sich Dein Bestimmungsort befindet oder wie weit Du noch davon entfernt bist. Du sollst also um Dein Leben pullen und Dich ja nicht zwischendurch umdrehen, um zu checken, ob Du noch auf dem richtigen Kurs oder schon fälschlicherweise nach Helgoland abgedriftet bist. WTF! No way!
Ich bin aufgewachsen mit der Gewissheit, dass man sein Ziel stets über Kimme und Korn anvisiert, dass man es im Blick behält und nicht aus den Augen verliert, dass es ein Leichtes ist, den Boden unter den Füßen zu spüren und der Weg sowieso das Ziel ist. Und jetzt das!?
Nach der grauen Theorie wurde ich eiskalt, aber immerhin ausgestattet mit einer Schwimmweste, in ein Ruderboot gesetzt, um einmal über die Alster (ein See in Hamburg ) zur Lombardsbrücke und zurück zu skullen. Am Besten ohne zu kentern. Was für ein Spießrutenlaufen bzw. -rudern! Der See war voll mir Segelbooten und Ausflugsschiffen, die alle Vorfahrt hatten, weshalb ich nur im Schneckentempo voran kam, die Brücke nie erreichte, entnervt aufgab und in den Heimathafen zurückkehrte. Wie hatte Peter-Michael Kolbe das nur hingekriegt? Hatte der etwa einen Rückspiegel an seinem Boot? Oder Augen im Hinterkopf, um den Kurs zu halten? Für mich war auf jeden Fall klar: Rudern ist absolut nicht mein Ding und ich würde mich wieder auf Handball und Minigolf konzentrieren.
Cut
Jetzt, über vierzig Jahre später habe ich einen Film gesehen, der mich davon überzeugt hat, dass die alten Gewissheiten richtig dämlich sein können, dass ein Mindchange sogar in meinem Alter noch möglich ist und ich durchaus damit liebäugele, mich doch mal wieder aufs Wasser zu begeben, um ein wenig entspannt zu rudern. Ohne zu wissen, wo ich irgendwann anlande, nur um den Moment zu genießen, mich durch eigene Muskelkraft über einen See zu bewegen, selbst wenn ich hinterher einen mörderischen Muskelkater habe. Der Film heißt ADAMS ACHT. Worum es geht, kannst Du hier lesen …
Die Geschichte
Ratzeburg, Mitte der 1950er Jahre. Hierhin hat es Karl Adam nach seiner Entnazifizierung als Lehrer für Mathematik, Physik und Sport verschlagen. Im sogenannten „3. Reich“ – das erfahren wir später – hatte er in einer Napola – einer nationalsozialistischen Erziehungsanstalt – als Boxtrainer gearbeitet. Oliver Masucci, der den Adam spielt, nimmt man durchaus ab, dass er früher im Ring ein paar Geraden und Haken zu viel einstecken musste: seine Nase sah gewiss mal anders aus. Dann stehen unverhofft die üblichen SS-Schergen in der Sporthalle und fordern den Trainer auf, einige seiner Jungs für den „Volkssturm“ auszuwählen, um sie als Kanonenfutter für Führer und Vaterland zu verheizen. Adam gibt nach und schließt seinen kleinen Individualfrieden mit dem Nazi-Establishment. Er schickt einige seiner Schutzbefohlenen in einen Krieg, der schon längst verloren ist.
Jahre später besucht einer der Jungs seinen ehemaligen Trainer in Ratzeburg: er hat das Martyrium an der Ostfront tatsächlich überlebt, ist aber für den Rest seines Lebens gezeichnet. Karl Adam leidet darunter, er zweifelt an sich selbst und er macht sich selbstverständlich Vorwürfe, weil er seinerzeit nicht imstande war, seine Jungen zu beschützen. Auch seine Ehe wird durch dieses Trauma belastet. Es kommt zu einem Streit zwischen seiner Frau und ihm und ich dachte tatsächlich, sie würden sich jetzt trennen. Zum Glück haben die Beiden ihre Beziehung doch noch irgendwie gerettet. Wie das Ehepaar das hingekriegt hat, war für die Drehbuchautoren Domenik Pockberger und Stephan Falk allerdings nicht so wichtig. Schade offen gestanden, dass ihnen das egal war. Ansonsten haben sie aber ganz viel richtig gemacht.
Ratzeburg
Auch Regisseur Hannu Salonen hat die Geschichte ganz famos inszeniert. Nämlich in Ratzeburg, einer Kleinstadt an der Grenze zur damaligen „Ostzone“ und wahrscheinlich der allerletzte Ort, von dem jemand jemals eine sportliche Revolution erwartet hätte. Ratzeburg sieht in diesem Film so beschaulich, ja geradezu pitoresk aus, dass man auf die Idee kommen könnte, dass das Tourismusbüro mal ein paar Euro investiert hat, um die Stadt zu feiern. Ist gelungen, würde ich sagen.
Jedenfalls trifft Karl Adam hier auf eine Generation junger Kerle, die nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft und ihrem Testosteron. Lauter kleine Einzelkämpfer und Underdogs. Der Lehrer erkennt jedoch etwas in diesen Jungen, das sonst niemand wahrnimmt. Er setzt sie zusammen in ein Ruderboot und er gibt ihnen eine Chance. Adams ungewöhnliche Trainingsmethoden führen zu ersten Erfolgen, doch die arroganten Verantwortlichen des deutschen Rudersports belächeln und boykottieren ihn. Hans, einer aus dem Team, kämpft auch noch gegen eine Grenze, die immer undurchdringlicher wird. Ulla, seine große Liebe, lebt nicht weit entfernt, auf der anderen Seite des Sees. Im anderen Deutschland, der DDR.
Goldmedaille
Der kalte Krieg wirft inzwischen seine Schatten über das ganze Land und Adams Team ringt nicht nur mit körperlichen Anstrengungen sondern auch mit alten Vorwürfen, ideologischen Grabenkämpfen und der Vergangenheit, die sich nicht so einfach ignorieren lässt. Doch mit seiner Entschlossenheit und seinen visionären Methoden formt der „Ruder-Professor“ aus den Außenseitern etwas, das größer ist als die Summe ihrer Einzelteile. Und schließlich steht bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom ein Team am Start, an das niemand geglaubt hat – bereit, für eine sportliche Sensation zu sorgen und Geschichte zu schreiben.
Fazit
Warum der Film ADAMS ACHT und nicht ADAMS NEUN heißt, weiß ich nicht. Schließlich saßen ja damals nicht nur die acht Ruderer im Boot, sondern auch noch der Steuermann Willi Padge. Den sollten wir auf keinen Fall vergessen.
