USA 1967, Länge: 107 Min., FSK: 12
Produktion: u.a.
Roman: Elmore Leonhard
Regie: Martin Ritt
Drehbuch: Irving Ravetch, Harriet Frank Jr.
Kamera: James Wong Howe
Musik: David Rose
Montage: Frank Bracht
Darsteller: Paul Newman, Frederic March u.a.
Genre: Western
Erzählmotiv: Gier
Suspense: teilweise vorhanden
Held: weißer Apache
Gegenspieler: Straßenräuber
Stimmung: dramatisch
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Prime Video
Datenträger: Blu-ray, DVD
„Man nannte ihn Hombre“ von Martin Ritt ist ein kleines Meisterwerk, das auf einer ziemlich genialen Vorlage von Elmore Leonhard beruht.
Der Western ist eine Variation von John Fords „Ringo“, also einer abenteuerlichen Postkutschenreise durch Arizona in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Allerdings ist er noch konzentrierter und vor allem dramatischer. Verändert hat sich auch die Darstellung der indigenen Ureinwohner Amerikas. Während in „Ringo“ die Apachen noch als anonyme, mordlüsterne Horde in Erscheinung treten, ist der Held in „Man nannte ihn Hombre“ bei eben jenem Stamm aufgewachsen. Die Aufarbeitung der US-amerikanischen Massaker an der indigenen Urbevölkerung ist in vollem Gange.
Die Geschichte
Der bei den Apachen aufgewachsene Weiße John Russell (Paul Newman) erbt von seinem Stiefvater ein Haus in Sweetmary (Arizona). Zum Leidwesen der Pächterin Jessie will er das Erbe aber veräußern und dafür mit der Postkutsche nach Contention fahren. Mitreisende sind der Regierungsbeauftragte Dr. Favor, seine Frau Audra, ein junges Ehepaar, Jessie, der finstere Grimes sowie der Kutscher Mendez. Als Audra unterwegs mitbekommt, dass John bei den Apachen aufgewachsen ist, muss er die Reise auf dem Kutschbock fortsetzen.
Überfall
Unterwegs geraten sie in einen Hinterhalt von Straßenräubern, die es auf Favors 12.000 Dollar abgesehen haben, die er unterschlagen hat und die eigentlich den Apachen im Reservat gehören. Die vier Banditen nehmen Audra als Geisel und ziehen ab. Dabei kann John zwei von ihnen erschießen, womit die Reisegruppe aber auch wieder im Besitz des Geldes ist und die restlichen Gangster im Nacken hat. Aufkeimende Konflikte innerhalb der Gruppe kann John auf stoische Art und mit Waffengewalt lösen. Bei einem stillgelegten Bergwerk kommt es schließlich zum Showdown. Grimes will das Geld gegen Audra eintauschen und fesselt sie in der sengenden Sonne unterhalb des Verstecks der Reisenden. Das Warten ist ein Kampf auf Leben und Tod. Jessie ist es schließlich, die den Mut hat, Audra zu befreien. Im letzten Moment hält John sie zurück und opfert sich im Duell mit den drei Gangstern, das keiner von ihnen überlebt.
Stärken
Von Anfang an baut der Western eine suggestive, visuelle Spannung auf. Dafür benötigt er nicht viel, jedenfalls keine Knalleffekte. Er operiert mit seinen reduzierten Zutaten. Die Exposition zeigt John Russell mit zwei Apachen beim Fang eine Horde Wildpferde. Das ist faszinierend gefilmt und in Szene gesetzt. Die Spannung steigt langsam und unaufhaltsam, bis sie beim Überfall der Gangster ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Zum zweiten Mal zeigt John Russell sein wahres Gesicht, als er in diesem Moment zwei der Gangster wie selbstverständlich erschießt. Jetzt bekommen sowohl die restlichen drei Banditen als auch die Reisegruppe zumindest ein Ahnung davon, mit wem sie es hier zu tun haben. Von diesem Moment an erhält der Western auch eine zusätzliche metaphorische Ebene: Hier in der Wildnis sind die Dollars keinen Pfifferling mehr wert. Der gnadenlose Kampf um die Ressourcen – Wasser, Essen, Waffen, Pferde – hat begonnen.
Retardierung
Hervorragend auch die Szene kurz danach, wie John Russell zusammen mit Mendez in den Felsen hockt und die Rückkehr der Gangster abwartet. Die Ruhe vor dem Sturm. Eine Demonstration wie Retardierung (im richtigen Moment) die Spannung bis zum Anschlag treiben kann. Der Showdown ist an Dramatik nicht zu toppen. Mehr geht nicht. Das ist die bittere Ironie dieses Dramas: Ausgerechnet der „Apache“, den Audra noch auf den Kutschbock geschickt hat, opfert sich für sie. Ausgerechnet in dem Moment, in dem Jessie entdeckt, was John Russell tatsächlich für ein Mensch ist, segnet er das Zeitliche. Eine Liebesgeschichte hat in diesem Anti-Hollywood-Western keinen Platz. Ein Abgesang auf alle Schmachtfetzen.
Figuren
John Russel ist ein schweigsamer, rätselhafter und mit allen Wassern gewaschener Held, von den Weißen desillusioniert. Er denkt, handelt und kämpft wie ein Apache, von denen er alles gelernt hat. Seine Gegenüber konfrontiert er mit einfachen Fragen, die häufig verblüffend sind. „Hombre“ ist kein Westerner alten Schlages wie etwa der Typus, den John Wayne verkörpert hat. John Russell kann sich in einem Moment zurücknehmen, wirkt fast demütig, um dann unvermittelt zuzuschlagen. Notfalls erschießt er die Gangster von hinten. Da ist er Pragmatiker: „Wenn wir sie nicht erschießen, erschießen sie uns.“ Er hegt zwar Sympathien für die rotzfreche Jessie, aber eine Annäherung kommt für ihn nicht in Frage. Erst als er tot im Staub liegt, beginnt sie zu begreifen. Ohne ihn hätte keiner der Reisenden überlebt, die selbstgefällige Audra am allerwenigsten. Niemand wird John Russell je vergessen, die Überlebenden genauso wenig wie die Zuschauer.
Apachen
Eine Generation nach „Ringo“ gibt es keine aufständischen Apachen mehr. Sie vegetieren in menschenunwürdigen Reservaten, in denen sie von Halsabschneidern wie Dr. Favor nach Strich und Faden übers Ohr gehauen werden. Elmore Leonhard und Martin Ritt betreiben keine Verklärung oder Diskreditierung. Sie geben dem Kind einen Namen: Die Weißen haben die Native Americans ausgerottet, so wie sie es zeitgleich mit den Bisons gemacht haben. Dementsprechend ist auch die in „Ringo“ beschriebene Rücksichtnahme unter den Reisenden ausgemerzt. Das Teamwork ist einem Kampf Jeder gegen Jeden gewichen, bis auf eine Ausnahme.
Dialoge
Sie werden sparsam verwendet, aber dann sind sie schonungslos und genial. Da war ein Meister am Werk, nämlich Elmore Leonhard. Kostprobe? Bei der ersten Verhandlung kommt Grimes mit einer Friedensfahne zur Bergwerkshütte, um sein Angebot zu unterbreiten: „Entweder ihr gebt uns das Geld oder wir erschießen die Frau.“ John Russel: „Erschießt sie!“ Das ist überraschend und scheint im ersten Moment menschenverachtend. Aber Russell weiß, dass die Banditen die letzten sind, die sich an eine Abmachung halten. Beim Showdown starrt der junge Billy John Russell verständnislos an: „Ich soll ihm in den Rücken schießen?“ John (lapidar): „Ich werd’ ihm sagen, dass er sich für Sie mal umdreht.“ Sehr schön ist auch das Ablästern der drei Frauen während einer kurzen Rast. An den Männern lassen sie kein gutes Haar.
Schwächen
Singular. Gibt nur eine. Woher sollte Grimes und seine Bande von den unterschlagenen 12.000 Dollar erfahren haben? Weder Dr. Favor noch seine Frau hatten Veranlassung, über ihre Schandtaten zu plaudern. Eigentlich konnten nur staatliche Finanzprüfer stutzig geworden sein oder natürlich die Betroffenen, die Apachen. Aber wo ist die Querverbindung zu Grimes? Das hätte der Film schon deutlich machen können.
Fazit
„Man nannte ihn Hombre“ ist ein konzentriertes, schnörkelloses Meisterwerk. Grandios!



