Ringo

USA 1939
Länge: 97 Min., FSK: 12
Produktion: 20th Century Fox u.a.
Regie: John Ford
Drehbuch: Dudley Nichols, Ben Hecht
Kamera: Bert Glannon
Musik: Gérard Carbonara u.a.
Montage: Otho Lovering, Dorothy Spencer
Darsteller: Claire Trevor, John Wayne u.a.

Genre: Western
Erzählmotiv: Der gefährliche Ort
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): originell
Gegenspieler: Apachen + Mörder
Stimmung: abenteuerlich
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Joyn
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Ringo“ (Stagecoach) ist im Grunde ein Roadmovie, das die abenteuerliche Reise in einer Postkutsche von Tonto (Arizona) nach Locksburg (New Mexico) erzählt.

Der Western besticht durch atemberaubende Landschaftsaufnahmen im Monument Valley und interessante, völlig unterschiedliche Charaktere, die sich in einer Extremsituation zusammenraufen. Dabei kontrastiert der Film gekonnt immer wieder (melo)dramatische mit komödiantischen Situationen.

Die Geschichte

Eine Postkutsche mit sechs Fahrgästen startet seine Reise trotz drohender Gefahren durch aufständische Apachen. Unterwegs nimmt Sheriff Curley noch den entflohenen Häftling Ringo Kid in Gewahrsam. Anfangs werden die Reisenden von einer Militärpatrouille eskortiert, die allerdings nach dem Erreichen der ersten Poststation umkehren muss. Als auch bei der zweiten Poststation keine Hilfe wartet, wird die Lage immer brenzliger, zumal die hochschwangere Mitreisende Lucy just in diesem Moment ihr Kind bekommt. Geburtshelfer ist ausgerechnet der ständig alkoholisierte Doc Boone. Ringo nutzt das ganze Durcheinander, um der ehemaligen Prostituierten Alice einen Heiratsantrag zu machen und dann mit ihrer Hilfe das Weite zu suchen. Doch als er in der Ferne Rauchsignale der Apachen sieht, nimmt er von seiner Flucht wieder Abstand. Trotzdem beschließt die Reisegruppe, auch das letzte Teilstück nach Locksburg in Angriff zu nehmen. Sie wähnt sich schon in Sicherheit, da erfolgt doch noch der Angriff der zahlenmäßig überlegenen Apachen. Im letzten Moment kommen Soldaten der Kavallerie zur Hilfe. Am Zielort stellt Ringo die Mörder seines Vaters und Bruders. Das Duell kann er für sich entscheiden. Am Ende verlässt er Locksburg zusammen mit Alice, auf dem Weg zu seiner Farm.

Stärken

Ein großer Vorteil von „Ringo“ ist die Einfachheit der Geschichte (s. Story): Eine Reisegruppe will von A nach B, unterwegs lauern Apachen. Das versteht jeder. Auch die Einheit von Zeit, Ort und Handlung (dramentheoretisches Prinzip von Aristoteles) trägt zur Konzentration auf die Geschichte bei. Hervorragend ist auch die Kontrastierung von (melo)dramatischen Szenen mit komödiantischen. John Ford lässt keinen Schwermut aufkommen. Gut so. Hervorragend ist auch die Inszenierung des finalen Duells. Man sieht nur wie Ringo auf seine Kontrahenten zugeht, einen Schuss aus seiner Winchester abgibt und sich zu Boden wirft. Dann verweilt die Kamera auf Alice, deren angstvolle Miene Bände spricht. Weitere Schüsse fallen. Dann Stille. Luke Plummer, Ringos Widersacher, betritt den Saloon. Man befürchtet das Schlimmste. Da bricht Plummer tödlich getroffen an der Theke zusammen.

Figuren

Highlight dieses Westerns sind seine ins Spiel gebrachten originellen Figuren, die immer wieder für Lacher oder schwarzen Humor sorgen. Allen voran der trinkfreudige Doc Boone oder der Kutscher Buck. Bei der Charakterisierung bezieht John Ford eindeutig Position: Die Mitglieder der „Liga für Tugend und Sitte“ werden als Karikaturen dargestellt. Kein Wunder, dass Banker Gatewood Reißaus nimmt, ist seine Frau doch Teil dieses Komitees. Im Grunde kehrt John Ford die Verhältnisse um: der Trunkenbold, der entflohene Häftling, die Hure, der Glücksspieler – das sind die Guten, die Anständigen. Die Tugendhaften sind die Bösen, die Verlogenen. Angesichts der sich zuspitzenden Gefahren fallen die Masken. Sehr schön ist auch, wie die Konflikte ausdiskutiert werden, wie die Reisegruppe letztlich auf die Schwächeren Rücksicht nimmt. Teamwork sichert dass Überleben. Sehr originell ist auch die Geburt eines Kindes und die Entscheidung zur gemeinsamen Weiterreise. Wann hat man so etwas schon mal gesehen?

Schwächen

Ein Schwachpunkt sind die aufständischen Apachen, die nicht personifiziert sind und nur als tumbe, mordlüsterne Horde in Erscheinung treten. Beim Überfall auf die Postkutsche bilden sie eher eine Art Geleitschutz, wobei sie sich bereitwillig abknallen lassen. Obwohl einer der Fahrgäste dran glauben muss, halten sich die Gefahren, die von den Apachen ausgehen, doch sehr in Grenzen. Zu sehr, müsste man hinzufügen. Denn veritable Antagonisten hätten die Reisenden ohne große Verluste in eine Falle gelockt. Dazu Alfred Hitchcock: „Je gelungener der Schurke, umso gelungener der Film.“ Aber die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren noch nicht die Zeiten, in denen die Ausrottung der US-amerikanischen Ureinwohnern aufgearbeitet wurde.

Ungereimtheiten

Nach eigenen Angaben hat Sheriff Curley das Ziel, den gesuchten Ringo Kid aufzuspüren und wieder ins Gefängnis zu bringen. Da fragt man sich schon, warum er nach erfolgreicher Gefangennahme nicht sofort wieder umkehrt? Sein Ziel hat er doch erreicht, zumal zu diesem Zeitpunkt noch die Militäreskorte die Kutsche begleitet. In die selbe Rubrik fällt die überraschende Freilassung Ringos am Ende. Entweder ist der nun ein entflohener Häftling oder nicht. Was denn nun? Eigentlich müsste Curley  als Gesetzeshüter vor dem finalen Duell auch Ringos Kontrahenten verhaften, denn dessen Mordgeständnis ist ihm ja zu Ohren gekommen. Stattdessen schickt er Ringo mit seiner Winchester ins Duell. Merkwürdiger Sheriff. Die Last-Minute-Rescue beim Überfall durch die Kavallerie ist purer Zufall und deshalb ein Schwachpunkt.

Remakes

Es gibt zwei Remakes von „Ringo“, die aber nicht der Rede wert sind. Aber dann gibt es noch eine Variation, die ein kleines Meisterwerk ist, nämlich „Man nannte ihn Hombre“ von Martin Ritt. Da kann „Ringo“ nicht mithalten. In „Hombre“ wird das Drama auf die Spitze getrieben. Da sind die Antagonisten personifiziert und verbreiten ungleich größere Gefahren. Außerdem führt der Held, der bei den Apachen aufgewachsen ist, im Kampf mit den Gegenspielern die Lösung herbei.

Fazit

Trotz dramaturgischer Schwächen ist „Ringo“ ein beeindruckender, unterhaltsamer und sehenswerter Western.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für John Fords Ringo.

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