Vier im roten Kreis

F 1970
Länge: 140 Min., FSK: 16
Produktion: Les Films Corona u.a.
Drehbuch + Regie: Jean-Pierre Melville
Kamera: Henri Decaë
Musik: Éric Demarsan
Montage: Marie-Sophie Dubus u.a.
Darsteller: Alain Delon, Yves Montand u.a.
Verleih: Studiocanal

Genre: Gangsterthriller
Erzählmotiv: Das große Ziel (Big Caper Movies)
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Einbrecher
Gegenspieler: Ex-Komplizen + Polizei
Stimmung: unheilvoll
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Vier im roten Kreis“ ist ein atmosphärisch dichter Gangsterthriller, der mit seiner Lakonie und seinen schweigsamen Helden an die zeitgleich entstandenen Italowestern erinnert.

Mit spannungssteigernden Parallelmontagen konzentriert Melville sich voll und ganz auf einen im Grunde zum Scheitern verurteilten Juwelenraub. Der Thriller ist ein Männerfilm, der eigentlich die Freundschaft zweier Gangster erzählt. Frauen kommen nur am Rande vor. 

Die Geschichte

Marseille. Kurz vor seiner Haftentlassung wird dem Einbrecher Corey (Alain Delon) schon der nächste Coup schmackhaft gemacht: ein Einbruch beim Pariser Nobeljuwelier Mauboussin. Kaum wieder auf freiem Fuß sucht er seinen Ex-Komplizen Rico auf und erleichtert ihn um Bargeld und Pistole. Zwei seiner Verfolger kann Corey ausschalten. Mit einem gekauften Wagen begibt er sich auf die Reise nach Paris. Unterwegs versteckt sich der entflohene Schwerverbrecher Vogel (Gian Maria Volonté) im Kofferraum seines Wagens. Auf der Flucht entwickelt sich eine Freundschaft zwischen beiden. In Paris nehmen sie Kontakt mit dem alkoholkranken Scharfschützen Jansen (Yves Montand) auf. Für den ist der Job eine Chance, seiner Sucht zu entkommen. Bei einem minutiös geplanten Einbruch gelingt dem Trio der Juwelendiebstahl. Allerdings ist ihnen Kommissar Mattei dicht auf den Fersen und stellt den Gangstern eine Falle. Bei einem fingierten Verkauf der Beute werden Corey, Vogel und Jansen auf der Flucht erschossen.

Stärken

Die Freundschaft zwischen Corey und Vogel ist schön entwickelt. Beide riskieren im Verlauf des Geschehens ihr Leben, um den anderen zu retten. Ihre Verbundenheit hat beinahe schon etwas Anrührendes und erinnert damit an die Freundschaft der beiden Gangster in „Wenn es Nacht wird in Paris“ von Jacques Becker. Sehr schön ist auch der Einbruch bei einem Pariser Nobeljuwelier. Hier nimmt Melville sich Zeit. Minutiös erzählt er, wie Corey und Vogel sich Zutritt zum Gebäude verschaffen und schließlich mit Jansens Hilfe das Alarmsystem ausschalten. Das ist sehr visuell und spannend. Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind verschwommen. Es gibt korrupte Gefängniswärter und einen Kommissar, für den Erpressung berufliche Routine ist. Auch das gehört zu den Vorzügen dieses Film noirs. Die Parallelmontagen erhöhen zwar die Spannung, entfernen uns aber auch immer von den Protagonisten. Der dramatische Ertrag impliziert einen Verlust. Damit sind wir bei den Defiziten.

Schwächen

Überhaupt wird eine Fülle von Personen aufgeboten, die eigentlich gar nicht zur konzentrierten Anordnung passt. Hier wäre eine Reduktion vorteilhaft gewesen. Andererseits gibt es Personen, von denen wir gern mehr erfahren hätten. Coreys Freundin zum Beispiel. Immerhin hat er in seiner fünfjährigen Haftzeit mehrere Fotos von ihr aufbewahrt. Also bedeutet sie ihm etwas. Diese Konfrontation hätte eigentlich kommen müssen. Des Weiteren verhalten unsere Gangster sich am Ende, als sie auf den zweiten Hehler (Kommissar Mattei) reinfallen, etwas leichtgläubig. Hier hätte man sie mit etwas mehr Raffinesse ausstatten können. 

Vorhersehbarkeit

Schon relativ bald ahnt man, dass die Geschichte für unsere Gangster nicht gut ausgehen wird, zumal wir uns zeitlich im Existenzialismus befinden. Also, sie werden am Ende dran glauben müssen und so kommt es dann ja auch. Aber jede Erfüllung einer Erwartungshaltung ist ein erzählerischer Schwachpunkt. Warum? Weil es langweilig ist. Hier wäre eine Überraschung natürlich angebracht.

Gran Torino

Wenn Walt Kowalski in Clint Eastwood Meisterwerk „Gran Torino“ am Ende den Vorstadtgangstern gegenübersteht, dann prägen alle Rollen, die er bis dato in diversen Filmen verkörpert hat, unsere Erwartungshaltung. Heißt: Wir glauben und hoffen, dass er die Gangster erledigen kann. Was dann folgt ist eine fundamentale Überraschung und eigentlich die einzig funktionierende Lösung in dieser Spielanordnung. Walt opfert sich und sorgt mit seinem Ableben dafür, dass die Gangster lebenslänglich hinter Gitter wandern. Was für ein Ende! So etwas fehlt leider in „Vier im roten Kreis“. 

Wenn der Kommissar am Anfang des Films Vogel im Nachtzug von Marseille nach Paris eskortieren will, dann ahnt man ebenfalls, dass der Gangster fliehen wird, zumal er fahrlässig nur an einem Handgelenk gefesselt ist. Und so kommt es dann ja auch. Mattei kann noch froh sein, dass die Attacke nicht ihm gilt, sondern nur dem Fluchtversuch. Auch das ist langweilig inszeniert. Man fragt sich, warum der Kommissar so sorglos ist.

Zufälle

Der Film beginnt mit einem Zitat von Ramakrishna, das ein unvermeidliches Aufeinandertreffen der Protagonisten im roten Kreis prognostiziert, also eine Vorherbestimmung. Aber dieses angebliche Zitat ist nichts weiter als eine Verschleierungstaktik. Es soll davon ablenken, dass es in der Handlung einige Zufälle gibt. Die sollen wir alle schlucken, zumal Ramakrishna es ja so postuliert hat. Leider sind Zufälle immer erzählerische Schwachpunkte. Da helfen auch keine Zitate von indischen Mystikern.

Ungereimtheiten

Nach der Flucht von Vogel aus dem Nachtzug ist ihm eine Hundertschaft von Polizisten erstaunlich schnell auf den Fersen. Das Zusammenstellen eines derartigen Suchtrupps würde aber mindestens eine Stunde in Anspruch nehmen. Vogels Vorsprung müsste also viel größer sein. Scharfschütze Jansen wird als schwerkranker Alkoholiker etabliert, der erstaunlich schnell wieder zu Sicherheit und Präzision zurückfindet.

Finale

Nachdem unsere Helden auf der Flucht erschossen werden, kommt der nihilistische Polizeipräsident noch einmal zu Wort: „Es gibt keine Unschuldigen. Die Menschen sind Verbrecher … alle Menschen, Herr Mattei!“ Das ist aber nichts weiter als eine pessimistische Floskel. Um dieser Einschätzung eine zusätzliche Bedeutung zu verleihen, wäre es ganz schön gewesen, wenn der Präsident sich am Ende als Obergangster entpuppt und die Juwelen an sich genommen hätte. Unseren Gangstern hätte man eine erfolgreiche Flucht gönnen können: außer Spesen, nichts gewesen. Ein solches Ende hätte auch die oben monierte fehlende Überraschung egalisiert.

Fazit

Trotz einiger Schwächen ist „Vier im roten Kreis“ ein atmosphärisch düsterer, sehenswerter und spannender Gangsterthriller.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Jean-Pierre Melvilles "Vier im roten Kreis".

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