F, AUS 2013, Länge: 112 Min., FSK: 12
Roman: Doris Lessing
Produktion: Gaumont u.a.
Drehbuch + Regie: Anne Fontaine
Kamera: Christophe Beaucarne
Musik: Christopher Gordon
Montage: Luc Barnier, Ceinwen Berry
Darsteller: Naomi Watts, Robin Wright u.a.
Genre: Liebesfilm
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): gutaussehende Langweiler
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: langweilig und bieder
Bewertung: 1 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig
„Tage am Strand“ ist der völlig spannungs- und humorfreie Versuch, eine Geschichte der Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing zu verfilmen.
Dabei demonstriert Anne Fontaine in „Mein liebster Alptraum“ ihr Talent für skurrile Figuren und hemmungslose Situationskomik. Nichts davon in dieser Adaption. Das ist der Fehler – der erste, nicht der einzige: Sie vertraut auf das Werk einer preisgekrönten Literatin, anstatt auf eigene Qualitäten, wobei die A-Literatur auch nicht gerade für Verfilmungen prädestiniert ist. Alfred Hitchcock wusste, warum er tunlichst die Finger davon gelassen hat. Aber es gibt einem trügerische Sicherheit: Muss doch gut werden, wenn man das Werk einer Nobelpreisträgerin als Vorlage nimmt. Tut es aber nicht. Pustekuchen! Die Literatur ist eben ein eigenes künstlerisches Gewerk (s.a. „Die Geschichte der Dienerin“ nach Margaret Atwood oder „Abbitte“ nach Ian McEwan).
Die Geschichte
Schon von klein auf sind Lil und Roz beste Freundinnen. Jahrzehnte später haben beide je einen Sohn im gleichen Alter, Ian und Tom. Nachdem Lils Ehemann bei einem Unfall ums Leben gekommen und Roz’ Mann Harold aus beruflichen Gründen nach Sydney gezogen ist, beginnen die beiden Frauen eine Affäre mit dem jeweiligen Sohn der Freundin. Ihre inneren Vorbehalte lassen sie zwischen Rückzug und Verlangen hin- und herpendeln. Zwei Jahre später lernt Tom bei seiner Arbeit die Sängerin Mary kennen und beginnt ein Verhältnis. Wenig später macht Ian auf einer Party die Bekanntschaft einer jungen Frau. Harold verliebt sich ebenfalls und gründet eine neue Familie. Auch Ian und Tom werden Väter zweier Töchter. Das hindert sie aber nicht daran, ihre Affären mit Lil und Roz weiterzuführen. Als ihre Schwiegertöchter davon erfahren, suchen sie mit ihren Kindern indigniert das Weite.
Figuren
Es gibt keine Hauptperson – keine Heldin, keinen Helden. Es gibt keine Konzentration auf eine Figur. Man erfährt so gut wie nichts über die Protagonisten. Dass sie gut aussehen, viel trinken und wohlhabend sind, ist weder interessant noch prägnant. Aber wie soll man Gefühle entwickeln, wenn einem die Personen und ihr seltsames Treiben egal sind? Es gibt auch keinen Gegenspieler, keinen Bösewicht, also keinen Verursacher von Konflikten oder Gefahren. Das ganze Aufgebot an Figuren ist ein Negativbeispiel: So sollte man es auf keinen Fall machen.
Biederkeit
Insgesamt verströmt der Film eine moralinsaure Biederkeit. Ständig wird so getan, als ob die Liebesverhältnisse der beiden Mütter zu den Söhnen der Freundin etwas Verbotenes wären. Aber alle Protagonisten sind – zumindest vom Alter her – erwachsene Menschen und niemand wird zu irgendetwas gezwungen. So what? Wo liegt das Problem überhaupt? In Stanley Kubricks „Lolita“ (Vorlage: Vladimir Nabokov) hat der Held ein gravierendes Problem: Er heiratet, um an die 12-jährige, frühreife Tochter seiner Ehefrau zu gelangen. Damit hat er jede Menge Schwierigkeiten, zumal die Ehefrau stört. In Alfred Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ (Roman: Patricia Highsmith) gibt es ebenfalls eine Über-Kreuz-Beziehung. Da sind es zwei Ehemänner, die in unglücklichen Ehen gefangen sind. Als der Schurke die Frau des Helden ermordet und nun seinerseits die Einhaltung eines angeblichen Deals einfordert, hat der Protagonist alle erdenklichen Schwierigkeiten. Das sind gravierende Probleme, nach denen man in „Tage am Strand“ vergeblich sucht.
Unfreiwillige Komik
Die Dialoge sind teilweise flach und banal oder auch vorhersehbar. Man mag einfach nicht glauben, dass sie aus der Feder der Nobelpreisträgerin Doris Lessing stammen. Nein, das hat die Drehbuchautorin Anne Fontaine zu verantworten. Nur ganz am Schluss gibt es einen bemerkenswerten Dialog. Nachdem die Schwiegertöchter mit ihren Kindern das Weite gesucht haben, versucht Lil, ihre Freundin zu trösten: „Du bist die Einzige, die sich nicht schlecht benommen hat.“ Roz denkt etwas nach, bevor sie antwortet: „Dann ist es wohl doch meine Schuld.“
Saul, der Chef der Kunstgalerie, in der merkwürdigerweise beide Mütter arbeiten, macht Lil Avancen, die diese stets ins Leere laufen lässt. Eigentlich müsste jeder Trottel merken, dass sie nichts von ihm will. Nicht so unser Saul, der sie irgendwann zu einer Aussprache über ihre „Beziehung“ zwingt, natürlich im Beisein von Roz. So allmählich wundert man sich über nichts mehr, auch nicht über die dargestellte Arbeitswelt im Galerie- und Theaterbetrieb. Wer jemals in diesen Bereichen gearbeitet hat, weiß es ganz genau – die anderen ahnen es: So ist es nirgendwo!
Fazit
Das Schlussbild zeigt die Mütter mit ihren Söhnen auf einem Ponton im Ozean, auf dem sie wie Gestrandete auf einer einsamen Insel dahinschaukeln. Eigentlich müsste dieses Treiben gutaussehender Alkoholiker an ihrem Privatstrand „Tage der Langeweile“ heißen.
