Anthony Zimmer

F 2005
Länge: 85 Min., FSK: 12
Produktion: Canal+ u.a.
Drehbuch + Regie: Jérôme Salle
Kamera: Denis Rouden
Musik: Frédéric Talgorn
Montage: Richard Marizy
Darsteller: Sophie Marceau, Yvan Attal u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Falsche Identität
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): trickreich
Gegenspieler: gehen über Leichen
Stimmung: geheimnisvoll
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Anthony Zimmer“ ist ein richtig schöner französischer Unterhaltungsfilm, vorzugsweise an grauen Winterabenden zu genießen.

Im Portfolio hat der Thriller mit Krimielementen die Sonne Südfrankreichs, eine schöne geheimnisvolle Frau, einen trickreichen Geldwäscher, die russische Mafia, ein ganzes Bataillon von Interpol Agenten  und – natürlich – die Liebe. Bemerkenswert sind auch die erkennbaren Anleihen an Werke von Altmeister Alfred Hitchcock. Das Opening erinnert an „Der Fremde im Zug“, nur sind es hier die attraktiven Beine von Chiara Manzoni (Sophie Marceau), die in eleganten Pumps zum Gare du Nord stöckelt. Die Story erinnert an „Der unsichtbare Dritte“, nur dass Francois Taillandier (Yvan Attal) keineswegs so unbedarft und unschuldig ist, wie er sich gibt. Ein paar Ungereimtheiten kann die schöne Stimmung in diesem sonnendurchfluteten Thriller nicht entscheidend trüben.

Die Geschichte

Der wegen Geldwäsche in Millionenhöhe von Interpol und der russischen Mafia gesuchte Anthony Zimmer hat mit plastischer Chirurgie sein Aussehen und seine Stimme verändert. Interpol-Chef Akerman (Sami Frey) setzt seine attraktive Agentin Chiara auf ihn an, die ein Liebesverhältnis zum Gesuchten hatte. Im TGV an die Côte-d’Azur setzt sie sich zu einem wildfremden Mann, der Anthony Zimmer von der Körperstatur her ähnelt. Das ist der eher unscheinbare Übersetzer Francois, der dem Charme der geheimnisvollen Schönen verfällt. Ihre Einladung, das Wochenende gemeinsam in einem Luxushotel in Nizza zu verbringen, erscheint ihm wie ein Traum. Aus dem gibt es allerdings ein jähes Erwachen, als russische Mafiosi ihm nach dem Leben trachten. Mit Mühe und Not kann er ihnen ein ums andere Mal entkommen. Beim Showdown in Anthony Zimmers luxuriösem Anwesen rettet Francois Chiara aus den Fängen der russischen Mafiosi, die allesamt von Akermans Leuten liquidiert werden. Der Übersetzer entpuppt sich als Anthony Zimmer und kann mit seiner Geliebten unbehelligt den Tatort verlassen. Auch Akerman lässt ihn ziehen, obwohl er dessen wahre Identität durchschaut. Dafür hat er dessen Notizbuch mit allen Geldwäsche-Transaktionen.

Stärken

Die Filmemacher lassen sich Zeit mit der Einführung ihrer Figuren. Die Meeting-Scene im Schnellzug hat es schon in sich. In reduzierten Dialoge wird das Geheimnisvolle zelebriert. Dabei zeigt Chiara sich als ruchlose Femme fatale, die nicht davor zurückschreckt, Francois der Mafia als Köder hinzuwerfen, nur um vom Geliebten abzulenken. Aber Akerman hat sie ja treffend charakterisiert: „Sie ist skrupellos“. Richtig Fahrt nimmt der Film dann mit dem Eintreffen der russischen Mafiosi auf. Sehr schön sind auch die Flashbacks, mit deren Hilfe Francois versucht, sich das Erlebte nachträglich zusammenzureimen. Sie erhalten später, als seine wahre Identität herauskommt, auch noch eine zusätzliche Bedeutung.

Schwächen

Ein gravierender Schwachpunkt ist das Ende. Hier will Jérôme Salle uns weismachen, dass Chiara ihren Geliebten trotz plastischer Chirurgie nicht erkennt. Das ist aber – mit Verlaub – nicht besonders glaubwürdig, denn Menschen sind mit fünf Sinnen ausgestattet. Selbst wenn die Augen nicht zur Identifikation eines intimen Freundes ausreichen, bleiben immer noch vier Organe übrig. Chiara hätte ihren Geliebten anhand seiner Gerüche, seiner Gestik, Mimik, Muttermalen, Marotten usw. erkennen müssen. Hier reiht sich „Anthony Zimmer“ in andere fragwürdige Beispiele der Filmgeschichte ein, in denen uns Vergleichbares „verkauft“ werden soll: „Irma la Douce“, „Mrs. Doubtfire“ usw. Allesamt Filme, in denen man sich fragt, ob die getäuschten Partner ihre fünf Sinne noch beieinander haben? Nur das Erzähltempo, das „Anthony Zimmer“ am Schluss vorlegt, verhindert unproduktive Irritationen. Man hat schlicht keine Zeit mehr, um sich über diese Unglaubwürdigkeit Gedanken zu machen. Warum wird der Kripobeamte Driss von der russischen Mafia ermordet? Was soll das? Ihr Interesse gilt doch Anthony Zimmer. Außerdem wirbelt so ein Polizistenmord doch viel zu viel Staub auf. 

Suspense

In einem wichtigen Punkt hat Jérome Salle Altmeister Hitchcock nicht richtig studiert: Das ist – genau – Suspense. „Anthony Zimmer“ ist von Anfang bis Ende ein Rätselspiel, zwar ein spannendes mit Überraschungen und Wendungen, aber mit reduzierter emotionaler Anteilnahme. Wie wäre es denn gewesen, wenn die Zuschauer von Francois’ wahrer Identität gewusst hätten? Hätte dieses Wissen die Spannung minimiert? Nein. Im Gegenteil. Man kann sehr wohl mit einem Schurken mitzittern, zumal „Anthony Zimmer“ kein Mörder wie Tom Ripley oder Norman Bates war. Selbst in diesen Fällen hat die Identifikation funktioniert.

Fazit

„Anthony Zimmer“ hat nicht nur eine schöne Stimmung, sondern auch eine angenehme Länge. In 85 Minuten ist alles erzählt. Wunderbar. Daran könnte sich Martin Scorsese mal ein Beispiel nehmen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Jérôme Salles "Anthony Zimmer".

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