Ich lasse mir nichts mehr gefallen

F 2024
Länge: 98 Min., FSK: 12
Produktion: Arte France u.a.
Drehbuch + Regie: Gustave Kervern
Kamera: Hugues Poulain
Musik: Thibault Deboaisne
Montage: Anny Danché
Darsteller: Yolande Moreau, Laure Calamy u.a.

Genre: Thrillerkomödie
Erzählmotiv: Rache
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): originell
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: schwarzhumorig
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Arte Mediathek

„Ich lasse mir nichts mehr gefallen“ ist eine charmante, schwarzhumorige Thrillerkomödie mit originellen Protagonisten.

Der Film hat auch ein klassisches Erzählmotiv, nämlich „Rache“. Damit erinnert er an Francois Truffauts „Die Braut trug schwarz“ (Roman: Cornell Wollrich), ohne dessen Qualitäten zu erreichen. Leider wird Gustave Kervern zunehmend Opfer seiner absurden Einfälle, die irgendwann eine Distanzierung und einen Spannungsabfall zur Folge haben.

Die Geschichte

Nach dem Tod ihres Sohnes kann Rentnerin Emilie ihren Platz im Seniorenheim nicht mehr finanzieren. Doch anstatt sich ihrem Schicksal zu ergeben, begibt sie sich auf einen Rachefeldzug. Zielobjekte sind alle Menschen, die ihr im Leben übel mitgespielt haben. Als erstes sucht sie ihren ehemaligen Mitschüler Cédric heim, der sie früher gemobbt hat. Dann zerkratzt sie die Neuwagen ihres ehemaligen Chefs, der sie während ihrer Schwangerschaft entlassen hat. Die anwesende Putzfrau Lynda ergreift ihre Partei, anstatt sie in Schach zu halten bis die Polizei kommt. Stattdessen agieren sie fortan zu Zweit. Aber die Polizei, in Gestalt der beiden Kommissare Nathalie und Yann, heftet sich an ihre Fersen. Beide ahnen noch nicht, dass sie mehr in diese Racheakte verstrickt sind als ihnen lieb ist. Am Ende fungieren Emilie und Lynda quasi als Therapeuten für die beiden Kripobeamten und können ungeschoren das Weite suchen.

Stärken

„Ich lasse mir nichts mehr gefallen“ hat tolle Protagonisten, die auch hervorragend besetzt sind. Endlich mal ein Film, der Senioren und Putzfrauen aufs Podest hebt. Endlich einmal Milieus, die etwas erfreulich Unakademisches haben: Bestattungsinstitut, Pflegeheim, Autohaus usw. Einfach großartig ist Toni, der neue Freund von Emilies Schwiegertochter, der eigentlich George heißt. Eine Quasselstrippe und ein Wichtigtuer par excellance. Ihm schaut und hört man gern zu, wie er ein ums andere Mal nach einem möglichen Erbe forscht. Erfrischend sind auch die unkorrekten Dialoge und der schwarze Humor.

Schwächen

Kerverns Defizite liegen im dramaturgischen Bereich. Gefahrenmomente für unsere Heldinnen tauchen eigentlich zu keiner Zeit auf. Das liegt zum einen an der mangelnden Gegenwehr ihrer Opfer, zum zweiten an den betulichen Ermittlern, die im Grunde mehr mit sich selber beschäftigt sind. Das ist schade. Die Gültigkeit von Hitchcocks Gleichung („Je gelungener der Schurke, desto gelungener der Film“) kann man hier wunderbar studieren. Außerdem verliert die Thrillerkomödie mit diesem Nebenerzählstrang auch seine originellen Protagonisten ein Stück weit aus den Augen.

Satire

Einen weiteres Manko sind die immer wieder ins Spiel gebrachten Übertreibungen. Die sind als Satire gedacht und die darf bekanntermaßen „alles“ (Kurt Tucholsky). Allerdings führen sie dazu, dass man das Geschehen immer weniger ernst nimmt, weil man weiß oder ahnt, dass es in Wirklichkeit ganz anders ist. Ein Beispiel: Wenn die Heimleiterin verkündet, dass Emilie wegen ausbleibender Zahlungen ihres Sohnes am nächsten Morgen vor die Tür gesetzt wird, dann ist das schlichtweg Unfug. Der Versuch, Druck zu erzeugen, bewirkt genau das Gegenteil. Man distanziert sich.

Zufälle

Die sind immer ein erzählerisches Manko. Dass Lynda zufällig, neben ihrer Tätigkeit im Pflegeheim, auch im Autohaus von Emilies ehemaligem Chef als Putzfrau arbeitet und dann auch noch beim Racheakt anwesend ist, wirkt schon arg bemüht. Wenn Emilie und Lynda ihren Mietwagen zu Schrott fahren, nur weil Lyndas Ex-Mann das selbe Modell fährt, dann ist das schwach. Ein intelligenter Racheakt sollte immer den Verursacher einer Ungerechtigkeit in Mitleidenschaft ziehen (s.a. „Der Graf von Monte Christo“), aber doch keinen unbeteiligten Autoverleiher.

Konstruktionen

Vieles wirkt reichlich konstruiert. Wenn die Kripo im Pflegeheim den offensichtlich kriminellen Toni ohne Fußfessel erwischt, dann müsste das Konsequenzen haben. Derartige Überwachungsinstrumente sind doch Bestandteile von Ermittlungsverfahren und richterlicher Anordnungen. Außerdem wäre es gar nicht schlecht gewesen, wenn Nathalie und Yann die Quasselstrippe Toni in Gewahrsam genommen hätten. Das wäre nicht nur glaubwürdiger gewesen, sondern hätte zusätzliche Konflikte generiert. Das Happy End ist sozusagen die Ober-Konstruktion. Einfach surreal. Nichts gilt mehr. Auch hier hätte „Die Braut trug schwarz“ als Vorbild dienen können: Da landet die Heldin nämlich aufgrund ihrer Racheakte im Gefängnis, und zwar im selben, in dem auch der Letzte auf ihrer Liste einsitzt. Dann ergibt alles einen Sinn. So leider nicht ganz.

Fazit

„Ich lasse mir nichts mehr gefallen“ verbreitet trotz seiner Schwächen eine schöne Stimmung. Sehenswert!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Gustave Kerverns "Ich lasse mir nichts mehr gefallen".

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