Perfect Days

D/JAP 2023, Länge: 123 Min., FSK: 0
Produktion: Master Mind Ltd. u.a.
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders, Takuma Takasaki
Kamera: Franz Lustig
Musik: Meira Chasman u.a.
Montage: Toni Froschhammer
Darsteller: Kōji Yakusho u.a.

Genre: Tragikomödie
Erzählmotiv: nicht vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held: sauber
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: langweilig
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„Perfect Days“ ist ein ruhiger, ganz auf seinen Protagonisten konzentrierter Film über den Alltag eines Tokioer Toilettenmannes.

Inhaltlich erinnert er damit an Murnaus Meisterwerk „Der letzte Mann“, ein Stummfilm über die Degradierung eines Berliner Hotelportiers zum Toilettenmann. „Perfect Days“ hat eine – gerade zum Ende hin – positive Grundstimmung und tut niemandem weh. Aber das war’s dann auch mit den Vorzügen. Ansonsten dominiert eine spirituell angehauchte Künstlichkeit das langweilige Geschehen.

„Die Geschichte“

Eine Geschichte im klassischen Sinn existiert nicht. Es gibt wiederkehrende Rituale und Anekdoten aus dem privaten und beruflichen Alltag des ca. 60-jährigen Hirayama. Der säubert und  wartet zum Teil exotische Bedürfnisanstalten in einem besseren Stadtteil von Tokio. Darin eingebettet sind vier Episoden: Zum einen wird Hirayama mit einem jüngeren Kollegen gezeigt, dem er Geld für ein Date leiht. Das sieht er genauso wenig wieder wie seinen Kollegen, der irgendwann unvermittelt kündigt. Dann lässt Hirayama sich mit einem auf einer Toilette versteckten Zettel auf ein Tic-Tac-Toe-Spiel ein. Seine Mitspielerin könnte eine fremde Frau sein, die neben ihm auf ein er Parkbank ihr Essen verzehrt. Als Drittes taucht Hirayamas jugendliche Nichte Niko unvermittelt bei ihm zu Hause auf. Die ist von zu Hause durchgebrannt und begleitet ihren Onkel die nächsten Tage bei seiner Arbeit, bis sie von ihrer Mutter wieder abgeholt wird. Die vierte Anekdote erzählt von Hirayamas Sympathien für die Restaurantbesitzerin Mama, die am Schluss Besuch von ihrem Ex-Mann bekommt. Im ersten Moment zieht Hirayama sich verschämt und eifersüchtig zurück. In einer finalen Begegnung wird er allerdings vom Ex-Mann über dessen Krebserkrankung aufgeklärt. Der Todkranke gibt Hirayama den Auftrag, sich in der Zukunft um Mama zu kümmern.

Schwächen

Im Grunde erfahren wir sehr wenig bis gar nichts über unseren Helden. Das ist schon bemerkenswert angesichts der szenischen Fokussierung. Einmal versucht sein jüngerer Kollege, ihn über sein Alleinsein auszufragen, was Hirayama ignoriert. Ein anderes Mal regt seine Schwester an, den gemeinsamen Vater im Pflegeheim zu besuchen. Da schaut unser Held nur beschämt zu Boden. Welche Ursachen die Distanz hat, bleibt sein Geheimnis, ebenso die Hintergründe seines Singledaseins und seine Kinderlosigkeit. Unklar bleiben auch seine Gefühle, die mit diesen Lebensumständen verknüpft sind: Leidet er unter der Einsamkeit, Trennungen, verpassten Chancen? Wim Wenders interessiert sich nicht wirklich für das Leben seines Helden. Er bleibt an der Oberfläche. Interessanter scheinen für ihn die exotischen Toilettenhäuser, die Musik, die Fotografie, die Bücher, die Licht- und Schattenspiele zu sein. Ein kleines Detail verdeutlicht diesen Sachverhalt: Gelegentlich werden Hirayamas Träume visualisiert, in schwarzweiß. Aber auch da erfahren wir nichts über seine Vorgeschichte, über seine Sorgen oder gar Qualen. Dafür gibt es manierierte Doppelbelichtungen mit Licht- und Schattenspielereien zu sehen. Immer wieder die Frage: Was soll das? Emotionen oder gar Spannung können so aber nicht entstehen. 

Konzentration

So wie Wenders sich in den Szenen auf seinen Protagonisten konzentriert, hätte er es auch mit seinen Anekdoten handhaben sollen. Anstelle von vier oberflächlich behandelten Episoden wäre eine Fokussierung die Lösung gewesen. Tauglich sind eigentlich nur die Ausreißergeschichte, quasi eine Variante von Mike Mills’ „Come on, Come on“ (macht man sich eigentlich in Japan nicht auch strafbar, eine jugendliche Ausreißerin aufzunehmen, ohne Eltern oder Behörden zu informieren?). Dann natürlich die Liebesgeschichte zur Restaurantbesitzerin Mama. Das wäre dann eine Dreiecksgeschichte gewesen, zum Beispiel im Stile des sehr konzentrierten „Two Lovers“ von James Gray. Dann hätte Wenders auch ein Erzählmotiv gehabt, was immer ein großer dramatischer Vorteil ist. So leider nicht.

Kulturtourismus

Was wollen deutsche Regisseure eigentlich in exotischen Ländern (s.a. Doris Dörrie mit „Kirschblüten – Hanami“)? Sind sie die besseren Beobachter, gerade weil sie aus der Fremde kommen? Hat nicht der Brite Alan Parker mit „Mississippi Burning“ einen schonungsloseren, unverfälschteren Beitrag zur US-amerikanischen Rassentrennung abgeliefert als die einheimischen Filmemacher (s.a. „The Help“ von Tate Taylor oder „Die Farbe Lila“ von Steven Spielberg)? Aber dafür müsste man sich schon mehr für seine Figuren und ihre Konflikte interessieren, die Voraussetzungen für eine funktionierende Filmerzählung. Gibt es auf der anderen Seite ausländische Regisseure, die ihre Filmerzählungen in Deutschland ansiedeln? Außer Nazischinken oder Spionagefilmen – meist noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs – fällt einem da nichts ein. Also warum hat Wim Wenders keinen Film über einen deutschen Toilettenmann gedreht, so wie Murnau es getan hat? Warum dieser Ausflug in fernöstliche Gefilde?

Fazit

Unterm Strich ist mit „Perfect Days“ das Artefakt einer exotischen Welt entstanden, die nicht zeigt wie sie ist, sondern wie Wim Wenders sie sich mit all seinen Vorlieben ausgedacht hat. Ein alles andere als perfektes Werk.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Wim Wenders' "Perfect Days".

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