Ich bin dein Mensch (Maria Schrader) D 2021

Eigentlich macht es keinen Spaß über solche Filme zu schreiben. Aber es heißt ja: Klaus, wo sind die aktuellen Filme? Mach ich doch (s. „Nomadland“ Link) und dann sieht man ja, was dabei rauskommt. Gegenüber deutschen Filmen will man ja auch keine Vorurteile haben, denn Vorurteile sind blöd. Dumm nur, wenn die Vorurteile, die sich trotz guter Vorsätze partout nicht verscheuchen lassen wollen, auch noch übertroffen werden. Einen Amateurfilm kann man u.a. an den minutenlangen Einstellungen von Protagonisten erkennen, in denen sie auf Bürgersteigen wandeln, Treppen hochgehen, im Auto fahren usw., ohne dass die Handlung nur einen Deut vorangetrieben wird. Damit geht „Ich bin dein Mensch“ verschwenderisch um.

Gegeizt wird mit allen Zutaten für eine gute Erzählung. Dieser Film hat nichts Befreiendes, Subversives, Rücksichtsloses, Trickreiches, Freches, keinen Witz, keine Spannung, keine guten Dialoge und erzeugt keine Emotionen. Viel schlimmer als die limitierten handwerklichen Fähigkeiten der Regisseurin und die grassierende Langeweile ist die ganze Scheinheiligkeit, das Bemühen um Political Correctness, die Biederkeit, die Bedeutungsschwere, die Angst, die Schere im Kopf und die Künstlichkeit, mit der hier zu Werke gegangen wird. Sie sind Ausdruck einer Parallelwelt, in der sich Filmemacher und Entscheider bewegen. Wie will man denn auch aus den von Steuergeldern finanzierten Elfenbeintürmen herab die Menschen auf der Erde erreichen? Da wird ein stylisches Ambiente zelebriert, angefüllt mit künstlichen Figuren einer drittklassigen Vorabendserie.

Allen voran die Heldin, die ca. 40-jährige Alma, die hier zwar keine Werberin, sondern – ebenso direkt aus dem Leben gegriffen – eine Archäologin an einem Berliner Museum mimt. Neben dieser Tätigkeit legt der Dekan (oder wer immer das ist?) ihr nahe, an einem beziehungstechnischen Forschungsprojekt teilzunehmen. Sie soll nämlich drei Wochen mit einem männlichen Roboter (Tom) verbringen, der ganz auf ihre persönlichen Bedürfnisse programmiert ist. Wieso spielt der Dekan (oder wer das ist?) hier überhaupt den Agent Provocateur? Wieso lässt Alma sich auf diese Nötigung ein? Seit wann wird eine neue Technologie mit unwilligen Probanden erprobt? Seit wann werden derartige Versuchsreihen von Robotern überwacht? Warum gibt es keine fundierte Recherche über KI? Warum gibt es keine Beschäftigung mit existierenden Filmen ähnlicher Thematik, mit „Nummer 5 lebt!“, „Robot & Frank“, „Ex Machina“, „Her“, „Wall-E“ usw.? Warum werden deren Qualitäten ignoriert?

Zur Dürftigkeit des Plots von „Ich bin dein Mensch“ gehört die Vorhersehbarkeit der Entwicklung von Almas Beziehung zum Roboter, in den sie sich – oh Wunder! – am Ende verliebt. Ihre Liebesnacht mit Tom auf dem steinigen Boden des Pergamonmuseums (!) gipfelt in einem Fünf-Sekunden-Quickie (!) und war, nach Almas Bekunden, die schönste ihres Lebens. Da kann man nur sagen: Armes Mädel! Dann stellt sie auch noch fest, dass ihre Forschungsergebnisse von argentinischen Wissenschaftlern längst veröffentlicht wurden. Da kann man nur sagen: Dumm gelaufen! Zumindest zeigt Alma an dieser Stelle mal echte Gefühle und weint über ihre eigene Dummheit.

Wann und unter welchen Umständen ist hierzulande eigentlich die Kunst, gute Geschichten zu erzählen, auf der Strecke geblieben? 1933? Wo ist das Bedürfnis von Filmemachern, funktionierende Geschichten zu erzählen? Wo ist die Auseinandersetzung mit den gestalterischen Zutaten? Vor knapp 100 Jahren kam kein Geringerer als Alfred Hitchcock zu Studienzwecken nach Deutschland, um von Murnau, Lang usw. zu lernen. Und heute? Ist allenfalls deutsches Geld bei einer Filmproduktion gut genug. Warum gibt es an deutschen Schulen keinen Unterricht in Creative Writing, keine Bildung im Erzählen guter Geschichten?

Dann müssten wir uns heute wahrscheinlich nicht über diese ganzen Missverständnisse unterhalten? Dann wäre das im Ansatz vorhandene dramatische Potenzial dieser Geschichte erkannt und ausgereizt worden. Das ist nämlich die Nähe zu einem klassischen Erzählmotiv: „Die Unmögliche Liebe“ („Romeo und Julia“, „Casablanca“, „Die Brücken am Fluss“ usw.). Aber wissen die Filmemacher überhaupt, was ein klassisches Erzählmotiv ist? Blöde Frage. Kann es ohne Studium archaischer Erzählstrukturen überhaupt gute Geschichten geben? Jetzt reicht’s aber. Deshalb schenken wir uns auch taugliche dramaturgische Lösungen. Nur so viel: „Die Unmögliche Liebe“ impliziert das Scheitern einer Liebesgeschichte, die Verzweiflung und nicht die Auffrischung von Gefühlsduseleien einer 30 Jahre zurück liegenden Jugendliebe mit pseudophilosophischem Gefasel. Dann doch lieber Inga Lindström.

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