King Richard (Reinaldo Marcus Green) USA 2021

Okay, so allmählich verdichten sich die Indizien: Für die diesjährigen Oscar-Nominierungen muss man die Zuschauer offensichtlich über zwei Stunden langweilen. Dabei kommt auch dieses Sportlerporträt weitgehend konflikt- und spannungsfrei über die Runden.
Richard (Will Smith) ist ein egozentrischer, von krankhaftem Ehrgeiz geprägter Tennislehrer, dessen Ziel es ist, seine beiden Töchter Serena und Venus zu Tennisstars zu drillen. Er will, dass es seine Töchter mal besser haben als er, vor dem niemand jemals Respekt hatte. Das ist sein Antrieb, als wenn es nicht auch andere Möglichkeiten geben würde, Respekt zu erlangen. Es sind fragwürdige Ambitionen, mit denen er seinen Kindern auch einen Teil ihrer Jugend raubt. Welche Chancen haben sie schon, seinen missionarischen Ansprüchen zu entkommen?

Manchmal muss man schmunzeln über Richards Schlitzohrigkeit und Hartnäckigkeit. Das sind die schönsten Momente dieses Films, bevor wieder der Drill und der Größenwahn den Center Court dominiert. Auch wenn Papa sich fürsorglich gibt, tun die beiden Mädels einem Leid. Sie spielen nach seiner Pfeife und tun alles, um ihm zu gefallen. Ein einziges Mal erkundigt Richard sich nach den Wünschen seiner Tochter Venus, als der Marketingmanager eines Sportartikelherstellers ein lukratives Angebot unterbreitet. Das lehnt sie ab, aber wohl nur weil Richard vorher schon seine Vorbehalte geäußert hat. Also nur vorgegaukeltes Interesse. Wirklicher Respekt ist ihm im Grunde fremd.

In knapp zweieinhalb Stunden kreiert der Film exakt fünf halbwegs dramatische Situationen, die sich alle – und zwar umgehend – in Wohlgefallen auflösen. Da ist zum einen der Anführer einer Jugendgang, der sich für Richards älteste Tochter interessiert. Um sie zu schützen, lässt der sich sogar verprügeln, bis er schließlich mit seiner Dienstwaffe dem Spuk ein Ende bereiten will. Unmittelbar bevor Richard die größte Dummheit seines Lebens begehen kann, wird der Anführer von einem heranbrausenden Wagen überfahren und die tödliche Gefahr hat sich verflüchtigt. Glücklicher Zufall, kann man da nur sagen. Und so geht es munter weiter. Die Ankündigung von Trainerstar Paul Cohen, nur Serena trainieren zu wollen, hätte zu einem Konflikt unter den beiden Schwestern führen können. Aber das regelt Richards Frau, die fortan Venus trainiert. Schade, kann man da nur sagen.

Die Frage ist natürlich, inwieweit man sich als Filmemacher bei der Gestaltung von der biographischen Vorlage entfernen darf? Damit kommen wir zum Kernproblem dieses langweiligen Films: Die Tennis-Karrieren der beiden Williams-Töchter taugen überhaupt nicht als Filmvorlage. Die wichtigsten Ingredienzen (s. Kriterien) sind nicht vorhanden. Es gibt zwar eine charismatische Hauptfigur, aber keine Geschichte und schon gar keine Dramatik. Die hervorragende deutsche Filmbiografie „Trautmann“ über den gleichnamigen deutschen Fußballtorwart, der versucht, in Manchester Fuß zu fassen, zeigt wie man es besser machen kann. Es ist eine grandiose Geschichte über Völkerverständigung, über die Widerstandskraft eines Ehepaares, trotz schwerster physischer und psychischer Schicksalsschläge. Eine emotionale Achterbahnfahrt. Aber „King Richard“ will uns nur den uralten amerikanischen Traum verkaufen, spannungsfrei und in schwarz.

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