Der denkwürdige Fall des Mr Poe (Cooper)

„Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ ist ein behäbiger und leidlich spannender Krimi, genauer ein Whodunit (an anderer Stelle sind wir schon ausführlich auf die dramaturgischen Beschränkungen derartiger Krimiplots eingegangen). Da Edgar Allan Poe (Harry Melling) eine gewichtige Rolle spielt, darf das Morbide, das Okkulte natürlich nicht fehlen. Schauplatz ist die US-amerikanische Militärakademie West Point im 19. Jahrhundert. Ein vermeintlicher Selbstmord mit anschließender Leichenschändung veranlasst die Leitung der Akademie den New Yorker Polizisten Augustus Mandor (Christian Bale) mit den Ermittlungen zu beauftragen. Vor allem gilt es, die entstandene Unruhe unter den Kadetten im Keim zu ersticken und die Finanziers zu beruhigen. Für West Point geht es um die Rettung seiner Ehre.

Die Geschichte

Vor Ort findet Augustus schnell heraus – was wir schon ahnen -, dass es sich hier um einen Mord handelt. Außerdem findet er einen Papierfetzen in der Faust des Toten, auf dem ein paar Wörter und Buchstaben zu lesen sind. Für die Dechiffrierung spannt Augustus den Kadetten Edgar Poe für seine Arbeit ein. Der entpuppt sich als morbide, trinkfeste und dichtende Quasselstrippe. Ein Gewinn für den Film und für Augustus, denn sein Gehilfe kann sich Zugang zu einer okkulten Studentengruppe verschaffen. Mitglieder sind auch Lea und Artemus, die beiden erwachsenen Kinder des Akademiearztes Dr. Marquis. Edgar verliebt sich in Lea, mit der er seinen Hang zum Morbiden teilt. Als beide sich auf dem Friedhof näherkommen, erleidet Lea einen Anfall und windet sich am Boden. Edgar ist verstört, aber auch fasziniert.

Derweil wird ein weiterer Student stranguliert aufgefunden. Ihm wurden ebenfalls Organe herausgeschnitten. Nach dem Besuch bei einem Professor für Okkultismus, reift in Augustus der Verdacht, es hier mit Teufelsanbetern zu tun zu haben. Bei einem Abendessen im Haus von Dr. Marquis kommt es zum Eklat. Augustus nutzt die Unruhe, um herumzuschnüffeln. Schließlich findet er eine Uniform, die der Mörder getragen haben soll. Auf der Suche nach Edgar findet Augustus ihn in den Fängen der Teufelsanbeter. Lea und Artemus sind drauf und dran, Edgar in einem satanischen Opferritual zu töten. Im letzten Moment kann Augustus ihn befreien, während Lea und Artemus in den Flammen eines entstandenen Brandes ums Leben kommen.

Rachedrama

Damit scheint der Fall geklärt. Aber der Film hat noch eine Wendung parat und mutiert zum Rachedrama: Im Showdown sucht Edgar den Polizisten auf und weist ihm nach, der eigentliche Urheber der Morde zu sein. Die Schändungen der Opfer dienten nur der Verschleierung. Das Motiv von Augustus war Rache für seine von Kadetten der Militärakademie vergewaltigte Tochter, die im Anschluss Selbstmord beging. Originalton Augustus: „Ich wollte nicht, dass diese Männer gestehen. Ich wollte, dass sie in den Tod gehen.“ Das als Leitmotiv für die Geschichte zu postulieren, ist nicht sonderlich originell, eher ein bisschen stupide. Vielschichtiger und intelligenter hat es zum Beispiel Ariel Dorfman in Polanskis Rachedrama „Der Tod und das Mädchen“ gelöst.

Finale

Diese Wendung am Schluss von „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“ mit den Flashbacks ist ein großer Schwachpunkt und wirkt arg konstruiert. Die Umstände der Vergewaltigung muten schon sehr seltsam an. So muss als Tatort ein finsterer Wald herhalten, wobei das Gelände der Akademie viel besser gewesen wäre. Hier hätte man sich eine feucht-fröhliche Feier vorstellen können, in deren Verlauf es in der Nähe des Festsaals zu Übergriffen und zum tödlichen Unfall gekommen wäre. Die Leiche der Tochter hätten die Täter dann im Wald abladen können. Nach dem finalen Geständnis verschont Edgar seinen polizeilichen Mentor, weil er dessen Motive versteht und ihm sein Leben verdankt. Jetzt sind sie quitt.

Schwachpunkte

Ein anderer Schwachpunkt ist der behäbige Spannungsaufbau. Im Grunde gerät die Hauptfigur, Augustus Mandor, nicht einmal wirklich in Gefahr. Edgar hingegen schon, als er sich der schönen Lea hingibt und Augustus auf die Schliche kommt. Folglich wäre er der tauglichere Held gewesen. Abgesehen davon ist er die wesentlich interessantere Figur. Überhaupt liest sich Edgar Allen Poes Biographie wie eine spannende Schauergeschichte. Eigentlich hätte man sein Leben verfilmen sollen.

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