The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit

USA 2002, Länge: 114 Min., FSK: 12
Produktion: Miramax Films u.a.
Regie: Stephen Daldry
Drehbuch: David Hare
Kamera: Seamus McGarvey
Musik: Philip Glass
Montage: Peter Boyle
Darsteller: Nicole Kidman, Julianne Moore u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: nicht vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): 3 Frauen
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: langweilig
Bewertung: 1 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

Eigentlich ist es beruhigend, dass die Amerikaner auch mal einen derartigen Müll produzieren. Dabei hätte man eher die Deutschen der Täterschaft dieses verquasten, pseudointellektuellen Literaturlangweilers verdächtigt.

Symptomatisch beginnt „The Hours“ mit einem handwerklichen Fehler. Er zeigt den Freitod der Schriftstellerin Virginia Woolf, der keinerlei Emotionen hervorruft. Wie sollte er auch? Wir haben sie ja noch gar nicht kennengelernt. Wenn der Zuschauer die Chance gehabt hätte, eine Beziehung aufzubauen, ihr nahe zu kommen, wäre ihr Freitod vielleicht ein Verlust gewesen. Aber so …

Erzählebenen

Ein weiterer Fehler sind die drei Erzählebenen, die zum ganzen Wirrwarr passen. Frei nach dem Motto: Wenn’s bei der einen Episode nicht klappt, dann vielleicht bei der nächsten? Nein, so läuft das eben nicht. Die ersehnte Tiefe und Komplexität erzielt man gerade nicht durch die Etablierung mehrerer Erzählstränge, die zudem noch in unterschiedlichen Zeiten angesiedelt sind. Die Lösung wäre genau das Gegenteil gewesen, eine Reduktion und Konzentration auf wenige, taugliche Figuren wie es z.B. „Fahrraddiebe“ oder „Die Brücken am Fluss“ demonstriert haben. Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung sind Prinzipien zur Konstruktion von Dramen, die schon auf Aristoteles zurückgehen.

Figuren

Die Protagonisten in „The Hours“ sind meist Frauen, die merkwürdige und bedeutungsschwangere Dinge sagen und tun. Nur, worum geht’s überhaupt? Was ist die Geschichte? Was ist der erzählerische Bogen? Wer die ersten 20 Minuten übersteht, der erfährt irgendwann, dass es eine Verbindung zum Roman „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf geben soll. Der beeinflusst und verändert nämlich das Leben der weiblichen Protagonisten. Das sind aber – mit Verlaub – noch keine Geschichten!

Fazit

Es gibt immer wieder vereinzelte Szenen, in denen das Talent der hochkarätig besetzten Schauspielerriege aufblitzt. Aber dann dominiert wieder der Wirrwarr, die sinnfreie Bedeutungsschwere. Bleibt die Frage, warum sich Schauspieler von der Qualität einer Meryl Streep oder Nicole Kidman für so eine erzählerische Nullnummer hergegeben haben? Der Regisseur ist bereits vorher mit dem Gutmenschfilm „Billy Elliot“ aufgefallen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "The Hours"

Der Eissturm

F 2023, Länge: 114 Min., FSK: 16
Roman: Rick Moody
Produktion: Fox Searchlight Pictures u.a.
Regie: Ang Lee
Drehbuch: James Schamus
Kamera: Frederick Elmes
Musik: Mychael Danna
Montage: Tim Squyres
Darsteller: Kevin Kline, Sigourney Weaver u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Identität
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Kleinfamilie
Gegenspieler: Gefühlskälte
Stimmung: intensiv + kalt
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV
Datenträger: DVD

Schlaglichtartig wird in „Der Eissturm“ das Leben zweier befreundeter Ehepaare mit ihren pubertierenden Kindern beleuchtet. Dank der exzellenten, gleichnamigen Buchvorlage von Rick Moody sowie einer Riege von herausragenden Schauspielern schafft Ang Lee immer wieder Momente von beeindruckender Intensität.

Das Drama wirft einen gnadenlosen Blick hinter die Fassade bürgerlichen Wohlstands, in dem sich die Erwachsenen auseinander gelebt haben. Die Ehemänner sorgen für das materielle Wohlergehen, die Ehefrauen langweilen sich und flüchten sich in Affären, die heranwachsenden Kinder rebellieren auf ihre Art gegen diese Form der Vernachlässigung. „Warst du weg?“, lautet die Begrüßung des 14-jährigen Mikey als sein Vater nach mehrtägiger Geschäftsreise zurückkehrt. Man hat sich nicht mehr viel zu sagen oder gar zu fragen. Es herrscht Gefühlskälte, visuell eindrucksvoll mit einem Eissturm in Szene gesetzt.

Schwachpunkte

Leider überträgt sich diese Kälte auf den Betrachter. Das Geschehen wirkt wie die Versuchsreihe eines Wissenschaftlers, der das Treiben von Kleinstlebewesen unter dem Mikroskop erforscht. Dieser distanzierte, ständig wechselnde Blick führt letztlich dazu, dass man mit keiner Person richtig mitfühlt. Dass am Ende der Tod eines Kindes für eine vorgebliche Einsicht oder Läuterung der Ehepaare herhalten muss, ist äußerst schwach. Da helfen die späten Tränen der Familienväter dann auch nicht mehr. Hitchcocks Postulat hat eben nichts von seiner Gültigkeit verloren (s. „Defätismusskala„).

Lösungen

Viel besser wäre es gewesen, was der Film zumindest andeutet, wenn beim finalen Partnertausch auf einer Schlüsselparty letztlich keiner mitgespielt hätte. Wenn alle, anstelle eines Seitensprungs, wieder beim jeweiligen Partner gelandet wären. Dann hätte die Lösung in den Figuren selbst gelegen und nicht in diesem Deus-ex-machina (plötzlich eintretender, unmotivierter Höhepunkt). Sie wäre glaubhafter und wesentlich stärker gewesen. Sie hätte sich aus der Erkenntnis der Erwachsenen gespeist, dass sich ihre emotionalen Defizite nicht durch Affären beheben lassen, sondern nur durch eine Befriedigung ihrer Sehnsucht nach Zuwendung, Geborgenheit und Liebe.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Ang Lees Der Eissturm.

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Citizen Kane

USA 1941, Länge: 119 Min., FSK: 12
Produktion: RKO Pictures u.a.
Regie: Orson Welles
Drehbuch: Herman J. Mankiewicz, Orson Welles
Kamera: Gregg Toland
Musik: Bernard Herrmann
Montage: Robert Wise
Darsteller: Orson Welles, Joseph Cotten u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Der Auftrag
Suspense: nicht vorhanden
Held: Zeitungsmagnat
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: lehrreich
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video

Noch einmal „Citizen Kane“ gesichtet. Der Film hat viele schöne, innovative Ideen zur Inszenierung, Erzählchronologie, Bildkomposition und Montage. Aber leider bleibt es bei diesen formalen Vorzügen.

Die Geschichte

Als der schwerreiche Zeitungsmagnat Charles Foster Kane in seinem schlossartigen Anwesen stirbt, lautet sein letztes Wort: „Rosebud“. Reporter Thompson erhält den Auftrag, das Rätsel um dieses Wort zu lösen. In Rückblenden erfährt man, wie Kanes Mutter zu Reichtum gelangt. Um ihrem Sohn eine exquisite Ausbildung zu ermöglichen, benennt sie einen Vormund und schickt ihn nach New York. Als junger Mann baut Kane mit seinem Vermögen ein riesiges Zeitungs- und Medienimperium auf. Anfangs gibt er sich noch als Kämpfer für die Gerechtigkeit und die Unterdrückten, verfällt aber zunehmend der Machtgier und dem Sensationsjournalismus. Seine Ehe erleidet ebenso Schiffbruch wie seine politischen Ambitionen. Letztere aufgrund einer Affäre mit der untalentierten Sängerin Susan Alexander, die Kane schließlich heiratet. In der Folgezeit zwingt er sie zu einer Opernkarriere und zieht sich nach deren Scheitern verbittert auf sein Schloss zurück, wo er völlig vereinsamt stirbt. Als nutzlose Gegenstände in einem Kamin verbrannt werden, sieht man auf einem Kinderschlitten den Namen „Rosebud“, bevor er den Flammen zum Opfer fällt.

Form

„Citizen Kane“ hat drei Erzählebenen, die unchronologisch miteinander montiert sind. Zum einen die Gegenwartsebene um den Reporter Thompson, der im Stile eines Detektivs ermittelt. Zum zweiten die inszenierte Vergangenheitsebene, in der Kanes Leben aufgerollt wird. Zum dritten die inszenierten Wochenschauberichte, die dokumentarische Einblicke in das Leben von Charles Foster Kane geben. Orson Welles und sein Kameramann Gregg Toland arbeiteten mit Plansequenzen. Das sind längere Einstellungen, die eine zusammenhängende Handlung ohne sichtbare Schnitte zeigen. In die gleiche Kategorie fallen auch etliche Einstellungen mit großer Tiefenschärfe, also ebenfalls visuelle Informationen ohne zerstückelnde Schnitte. Berühmt ist der Selbstmordversuch von Susan Alexander in ihrem Schlafzimmer: Links im Vordergrund sieht man ein leeres Glas mit einem Löffel, in der Mitte die schwer atmende Susan, während Kane rechts im Hintergrund versucht, die Schlafzimmertür aufzubrechen. Auffallend sind auch etliche Kamerapositionen von oben oder von unten, die die Personen charakterisieren. Aus der Froschperspektive – also von unten – wirken sie mächtig, groß oder bedrohlich. Aus der Vogelperspektive – also von oben – hingegen klein, unscheinbar oder zerbrechlich. Sehr schön sind auch einige Montagesequenzen, in denen Orson Welles das Erzähltempo forciert. So zeigt er zum Beispiel in kürzester Zeit den Niedergang seines Ehelebens, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt. Nicht zu vergessen natürlich die exquisite Filmmusik von Bernard Herrmann. So weit, so gut.

Emotionen

Aber dann. Letztlich ist „Citizen Kane“ ein typischer Kritikerfilm. Er ist choreografiert wie eine Versuchsanordnung und bleibt distanziert. Mit wem soll man hier mitzittern? Mit Charles Foster Kane? Mit Susan Alexander? Mit Kanes Einsamkeit, mit seiner Egomanie, mit seiner geraubten Kindheit? Funktioniert leider nicht. Entweder tun die Protagonisten einem leid oder sind einem egal. Eines von beiden. Eine Synchronisation mit ihren Gefühlswelten findet nicht statt. Woran liegt das? Kane ist kein tauglicher Held. Er gerät zwar in Schwierigkeiten, zeigt aber keine Entwicklung. Zweifel, Reue, Selbstreflexion oder gar Schuldeingeständnisse suchen wir vergebens. Wenn sie mal auftauchen, dann nur flüchtig. Auch sein Reichtum trägt nicht zu einer Anteilnahme bei. Im Gegenteil. Als Kane sich mit seinem letzten Freund zerstreitet, bricht er eigentlich auch mit dem Zuschauer. Da nützen dann auch die ganzen tollen Kameraeinstellungen nichts mehr. Dazu Alfred Hitchcock: „Zusammenfassend kann man sagen: Das Rechteck der Leinwand muss mit Emotion aufgeladen sein.“

Citizen Welles

Eigentlich ist es gar kein Film, der sich am Leben des US-amerikanischen Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst orientiert. Citizen Kane kümmert sich in erster Linie um Citizen Welles: Ein prophetisches Lebensporträt eines egozentrischen Regisseurs, der eigentlich vom Theater kommt. So stammt zum Beispiel die Anekdote mit dem Vormund und der Trennung von den Eltern aus dem Leben von Orson Welles und nicht aus dem von Hearst. Ansonsten gibt es einige Parallelen: Beide waren Einzelkinder, stets darauf bedacht, sich und anderen ihre Einzigartigkeit zu demonstrieren.

Fazit

Kommerziell war „Citizen Kane“ ein Flop und für Welles eigentlich schon der Anfang vom Ende in Hollywood, gemessen an seinen künstlerischen Ambitionen. In einer fundierten Bestenliste hat dieser Film eher nichts verloren.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Citizen Kane.

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