Hell or High Water (David Mackenzie) USA 2016

Der Gangsterthriller „Hell or High Water“ besticht durch seine herausragende Besetzung und durch die Inszenierung einer glaubhaften, desillusionierenden Atmosphäre. Die ländliche Trostlosigkeit von Texas (gedreht in New-Mexico) erinnert an das Louisiana von „True Detective“. Man ahnt, dass es so und nicht anders dort ist und will da eigentlich auch nicht unbedingt hin. Jede kleine Bankfiliale, jedes kleine Café, jede Durchgangsstraße und jede Nebenperson ist perfekt ausgewählt.

Die Helden sind die beiden ungleichen Brüder Toby und Tanner, die sich nach dem Tode ihrer Mutter auf einen Raubzug begeben. Wie „Bonnie & Clyde“ überfallen sie Banken, wobei sie allerdings geschickter vorgehen. Sie überfallen nur kleine Filialen der „Texas Midlands Bank“ und rauben nur kleinere Summen, so dass sie noch nicht einmal ins Visier des FBI geraten. Nur der kurz vor der Pensionierung stehende Texas Ranger Marcus hängt sich mit seinem Partner Alberto an ihre Fersen. Die Bruderliebe ist sehr schön entwickelt. So wie man mit Robin Hood mitfiebert, ist man bei ihren Raubzügen gegen die Hypothekeninhaber von Mamas Farm auf ihrer Seite.

Tobys Motivation ist der Armut zu entkommen, die seine Familie „wie ein Krebsgeschwür“ erfasst hat. Er will Wiedergutmachung leisten für unterlassene Unterhaltszahlungen, indem er seiner Ex-Frau und seinen beiden Söhnen mit einem Treuhandkonto die Erträge von Mamas Farm zukommen lässt. Denn dort – was die Bank nicht weiß – liegen Erdölquellen. Tanner, der zehn Jahre im Gefängnis war, hat eigentlich keinen Plan und begleitet seinen Bruder, weil er ihn liebt und dieser Feldzug ganz nach seinem Geschmack ist. Folgerichtig opfert er sich am Ende, indem er die Verfolger auf sich lenkt. Bei der in den Drehbüchern von Taylor Sheridan obligatorischen Schluss-Ballerei (siehe „Sicario“ und „Wind River“) wird Tanner ebenso erschossen wie Alberto.

Trotz dieser Sympathien für das Brüderpaar bleibt vieles an der Oberfläche. Was hat Toby vorher unternommen, der verhassten Armut zu entkommen? Was ist er eigentlich von Beruf? Wieso ist er mit seinen Fähigkeiten gescheitert? Ehen können auseinander gehen, aber was hat er getan, dass auch seine Söhne nichts von ihm wissen wollen? In „Wind River“ (Drehbuch: Taylor Sheridan) sind die kurzen Begegnungen des Helden mit seiner Ex-Frau irritierend und aufschlussreich. Man bekommt eine Vorstellung von den Gründen des Scheiterns. Sie gehen in die Tiefe. Hier ist Tobys Ex-Frau nur eine Zicke. Auch diese Beziehung bleibt an der Oberfläche.

Der Film ist kein reiner Thriller, schon gar kein Western oder Neo-Western, wie er in einigen Ankündigungen etikettiert wird. Er ist zum überwiegenden Teil ein Thriller, der die Perspektive der beiden Bankräuber einnimmt. Zum geringeren Teil ist er ein Krimi, der die Perspektive der beiden Texas Ranger einnimmt. Diese Genre-Mixtur offenbart schon die erzählerischen Defizite. Eine Konzentration wäre besser gewesen.

Auch hier bietet die Mehrfachperspektive keinen narrativen Mehrwert, zumal der Krimistrang über amüsantes Odd-Couple-Geplänkel nicht hinauskommt. Die Krimiebene hätte nur einen Wert gehabt, wenn die Ermittlungen der beiden Ranger die Bankräuber in die Enge getrieben hätte. Das tun sie aber nicht. Am Ende sind die beiden Ranger eher zufällig beim letzten Überfall und beim Showdown dabei. Eigentlich hätte Marcus nur seinem Verdacht nachgehen müssen und eine Querverbindung zwischen Geschädigten der Bank und den Tätern herstellen müssen. Also, wie viele Schuldner hat die Bank? Bei wem stehen demnächst größere Zahlungen oder Pfändungen an? Wer passt ins Täterprofil? Mit empirischen Nachforschungen hätte er den Helden das Leben schwer machen können und das wäre natürlich dramaturgisch richtig gewesen.

Die ganzen Nominierungen, die „Hell or High Water“ erhalten hat, sind auch mit dem „Nomadland-Effekt“ zu erklären. Sich auf die Seite von armen, armen Farmern zu schlagen, denen eine böse, böse Bank das Grundstück wegnehmen will, ist eben politisch korrekt. Die erzählerischen Unkorrektheiten spielen da eine untergeordnete Rolle. Das offene Ende ist eigentlich kein offenes Ende, denn der inzwischen pensionierte Marcus prophezeit Toby, was ihn den Rest seines Lebens erwarten wird: Auch wenn die Polizei ihm nichts nachweisen kann, wird Toby immer damit leben müssen, dass bei den Banküberfällen vier Menschen ums Leben gekommen sind. Recht hat er und Tanner auch mit seiner Erkenntnis: „Man muss immer bezahlen für das, was man gemacht hat.“

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