Bastion 36 (Olivier Marchal) F 2024

Okay, manchmal haben die Franzosen es auch nicht drauf. Schon mit „Die Banden von Marseille“ hat Olivier Marchal verraten, dass er nichts vom Regiefach versteht. Jetzt hat er mit „Bastion 36“ nachgelegt. Entstanden ist ein unglaubwürdiger, geschwätziger Abklatsch von allen möglichen Copthrillern, in denen wir mal wieder glauben sollen, dass eine gesamte Spezialeinheit der Polizei aus geldgierigen Gangstern besteht, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Wahrscheinlich hat Marchal sich diese tätowierte, whiskysaufende und rauchende Kaspertruppe von „Criminal Squad“ zum Vorbild genommen, anstatt „American Gangster“ von Ridley Scott oder „L.A. Confidential“ von Curtis Hanson. Letztere Versionen haben auch den Vorteil, dass sie zeitlich und örtlich so angesiedelt sind, dass die Akzeptanz derartiger Konstruktionen nicht ständig malträtiert wird. 

Triumph der Ungereimtheiten

Es fängt mit der Verfolgung des Drogenbosses Karim an. Der wird schließlich vom jungen Antoine Cerda, Mitglied der Eliteeinheit „Bastion 36“, gestellt und gleich wieder laufen gelassen. Häh? Wozu jetzt der ganze Aufwand, wenn es keine Gründe für eine Festnahme gibt? So geht das dann munter weiter. Warum Antoine sich bei illegalen Boxkämpfen prügelt, bleibt sein Geheimnis. Wahrscheinlich ein Masochist? Wichtiger als die Story und ihre Handlungslogik sind Marchal die üblichen männlichen Attribute: Saufen, rauchen, Tattoos, schnelle Autos, Prügeleien, Schießereien. Emotionen stellen sich bei diesem Treiben nicht ein.

Unfreiwillige Komik

Stattdessen dürfen wir ab und zu herzhaft lachen, zum Beispiel als Antoine nach seiner Suspendierung und einem Zeitsprung von sechs Monaten mal wieder bei seiner Freundin Anna aufkreuzt. Die ganze Zeit war er auf Tauchstation und fragt sie jetzt: „Bist du sauer?“ Das ist schon witzig. Natürlich ist sie nicht so ungehalten, dass sie unserem Filou nicht verzeihen könnte. Auch das passt in Marchals einfach gestricktes Rollenverständnis.

Lösungen

Warum sollten die schwarzen Schafe einer Polizeieinheit sich überhaupt untereinander abmurksen? Das macht doch keinen Sinn. Sie beziehen doch einen erträglichen Lohn plus Nebeneinnahmen aus kriminellen Machenschaften. Einziges Motiv wäre der mögliche Ausstieg eines  Komplizen. Aber dann wäre einer tot und nicht ein halbes Dutzend, mal abgesehen von dem Wirbel, den die Ermordung eines Polizeibeamten verursachen würde. Viel besser wäre es, wenn Drogenboss Karim hinter der Ermordung stecken würde. Er hätte ein profundes Motiv: Die kriminellen Cops untergraben seine Drogengeschäfte. Das kann er nicht zulassen. Versteht jeder. Am Ende hätte er für „Ordnung“ gesorgt, nicht die Polizei. Mangels Beweisen hätte man ihn laufen lassen müssen, aber nicht am Anfang. Dann könnte alles wieder seinen gewohnten Gang gehen. Das wäre ein besseres, auch ironisches Ende gewesen. Aber ohne interessante Figuren ist sowieso alles für die Katz, also beim Erzählen von Geschichten.

Fazit

Es gibt einige interessante Netflix-Produktionen, „Bastion 36“ gehört zu den grottigen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Bastion 36".

Der Panther wird gehetzt (Claude Sautet) F 1960

Die Franzosen haben’s schon drauf. Jedenfalls meistens. „Der Panther wird gehetzt“ ist ein atmosphärisch dichter, spannender Gangsterfilm, der im Winter des Jahres 1959 in Mailand, Südfrankreich und Paris spielt. Die Geschichte wird aus der Perspektive des von der Polizei gejagten Schwerverbrechers Abel Davos (Lino Ventura) erzählt. Diese strukturelle Entscheidung generiert jede Menge Gefahrenmomente für den Protagonisten und führt zu einer Synchronisation mit seiner Gefühlswelt. Man findet ihn nicht sympathisch, aber zittert mit ihm mit. Außerdem wird hier ein klassisches Erzählmotiv etabliert: der Verrat, zusätzlich angereichert mit einem Rachemotiv und Flucht-Verfolgungs-Szenen. Das lapidare, unkonventionelle Finale demonstriert die Ausweglosigkeit des in die Enge getriebenen Panthers.

Die Geschichte

Bei einem Feuergefecht mit der Polizei werden Thérèse, die Frau von Abel Davos, und sein bester Freund getötet. Zusammen mit seinen beiden kleinen Jungen – 5 und 7 Jahre alt – taucht der Gangster in Nizza unter. Er bittet drei alte Komplizen in Paris um Hilfe, die den jungen Gauner Eric Stark (Jean-Paul Belmondo) mit dieser heiklen Mission beauftragen. Getarnt in einem Krankenwagen bringt Eric den Gangster und seine Kinder nach Paris. Unterwegs gabeln sie noch die Schauspielerin Liliane auf, die ihnen bei einer Polizeikontrolle aus der Patsche hilft. In Paris findet Abel Unterschlupf in einer Dachkammer von Erics Wohnhaus. Nachdem die Polizei seine alten Freunde unter Druck setzt, versuchen sie die Adresse seines Verstecks in Erfahrung zu bringen. Aber Abel kommt hinter den Verrat und beginnt einen tödlichen Rachefeldzug. Den beendet er abrupt, als er erfährt, dass die Ehefrau eines von ihm getöteten Ex-Freundes einem Herzinfarkt erlegen ist.  

Stärken

Die Perspektive des flüchtenden Gangsters impliziert einen Haufen Schwierigkeiten und das ist gut so. Zum Teil sind diese Probleme, selbst für einen „Panther“, auch erstaunlich irdisch und normal. So ist Abel zum Beispiel gezwungen, seine beiden kleinen Jungen irgendwie unterzubringen. Sie sind natürlich ein Störfaktor bei seiner Flucht. Auch wenn man sich nicht für Abel erwärmt, man fühlt mit ihm, etwa so wie mit Tom Ripley in der Thrillerreihe von Patricia Highsmith. Das ist das Stichwort. Da sind wir beim Suspense. Der Zuschauer hat in „Der Panther wird gehetzt“ meist mehr Informationen als Teile der handelnden Personen. Wenn Abel zum Beispiel in Paris eine Bar betritt und sich nach allen Seiten vergewissernd umschaut, dann wissen wir, was in seinem Kopf vor sich geht. Das sorgt auch bei noch so alltäglichen Szenen für Spannung.

Einsamkeit

Sehr schön ausgearbeitet ist auch Abels Gefühl zunehmender Einsamkeit: Thérèse und sein Kumpel werden auf der Flucht erschossen, seine ehemaligen Freunde wenden sich von ihm ab, seine Kinder bringt er bei einem alten Freund seines Vaters unter. Bleibt nur Eric, aber der ist frisch verliebt. Auch da ist Abel außen vor. Irgendwann erklärt er dem jüngeren Freund: „Wenn man für niemanden mehr zu sorgen hat, ist alles sinnlos.“

Finale

Das Ende von „Der Panther wird gehetzt“ ist schon außergewöhnlich. Keine Verfolgungsjagd, keine Ballerei, kein Showdown. Nein. Aus der Zeitung erfährt Abel vom Herztod der Ehefrau seines von ihm getöteten ehemaligen Komplizen. Das erinnert ihn an den Tod seiner eigenen Frau und führt ihm die ganze Sinnlosigkeit seines Kampfes vor Augen. „Das wär’s“, ist sein Fazit. Den Rest der Geschichte, seine Festnahme und Hinrichtung, erledigt der Off-Erzähler. Völlig unspektakulär.

Schwächen

Der Tod von Thérèse hätte Abel stärker belasten müssen. Immerhin trägt er die Hauptverantwortung für dieses Verbrecherdasein. Diesen inneren Konflikt, schuld am Tod seiner Frau und gleichzeitig verantwortlich für seine Flucht und den Schutz der Kinder zu sein, hätte man deutlicher machen müssen. Ähnlich wie in „Charley Varrick – Der große Coup“ von Don Siegel ist das Ableben der geliebten Ehefrau auch hier kein großes Thema. Das ist aber weder glaubhaft noch dramatisch. Die Begegnung mit Liliane auf einsamer nächtlicher Straße, deren brutaler Freund von Eric k.o. geschlagen wird, ist schon ein bisschen absurd. Besser wäre es gewesen, wenn Liliane sich schon am Strand von Nizza mit den beiden Jungen angefreundet hätte. Dann hätte Abel sich für ihre Begleitung aussprechen können und ausgerechnet Eric, ihr späterer Liebhaber, dagegen. Das wäre die Ironie gewesen.

Fazit

Während die Deutschen zeitgleich „Im weißen Rössl“ oder „Das Spukschloss im Spessart“ gedreht haben, liefern die Franzosen mal wieder knallharte Unterhaltung. Ein Anliegen, das Claude Sautet auch noch kunstgerecht umgesetzt hat.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für "Der Panther wird gehetzt".

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The Irishman (Martin Scorsese) USA 2017

Je älter Martin Scorsese wird umso länger, langsamer und langweiliger werden seine Filme (s.a. „Killers of the Flower Moon“). Das Mafiaepos „The Irishman“ kommt auf eine Länge von dreieinhalb Stunden! Dahinter steckt vielleicht auch der Wunsch, den eigenen Werken die Bedeutung beizumessen, die ihnen gebührt. Leider bewirkt Scorsese damit exakt das Gegenteil. Diese Monumentalwerke sind meistens redundant und kontraproduktiv. Potenzgehabe? Neben handwerklicher Professionalität offenbart der Gangsterthriller eklatante dramaturgische Defizite. Alles ist interessant und gut gemacht, aber nicht sonderlich spannend. Emotionen weckt der Film eigentlich nur an einer Stelle.

Die Geschichte

Lastwagenfahrer Frank Sheeran (Robert De Niro) verkauft Teile seiner Fracht unter der Hand an die Mafia. So bekommt er Kontakt zu Mafioso Russell Bufalino (Joe Pesci), der ihm Aufträge als Geldeintreiber und Killer verschafft. Anfang der 60er Jahre wird Frank als Leibwächter für den Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino) abgestellt, zu dem er im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft entwickelt. Nach einer mehrjährigen Gefängnisstrafe begreift Hoffa nicht, dass seine Zeit als Gewerkschaftsführer vorbei ist. Nachdem er wiederholt die Mafiabosse gegen sich aufgebracht hat, erhält Frank den Auftrag, seinen Freund zu ermorden. Nach der Liquidierung werden Frank, Russell und weitere Clanmitglieder zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Aus der Haft entlassen, verbringt Frank seine letzten Jahre, einsam und ohne Kontakt zu seiner Familie, in einem Altersheim.

Stärken

Wie in fast allen Filmen von Martin Scorsese sorgt ein Erzähler für den Einstieg in die Geschichte und in die Befindlichkeiten der Protagonisten. Das ist gut, hat eine literarische Qualität, sorgt für einen erzählerischen Rhythmus und manchmal sogar für Tempo. Die Schauspieler sind bis in die letzten Nebenrollen hervorragend gecasted. Es sind echte Typen mit Marotten und Eigenheiten. So legt zum Beispiel ausgerechnet der korrupte Jimmy Hoffa Wert auf Pünktlichkeit, auf angemessene Kleidung und pflegt eine Dickköpfigkeit, die ihm letztlich zum Verhängnis wird. Auch die Mafiosi stehen ihm in nichts nach und zeigen sich erstaunlich empfindsam. An Hoffas Widerspruchsgeist nervt sie seine „mangelnde Wertschätzung“.

Schwächen

Es gibt keine wirklichen Gefahren für den Protagonisten. Einmal wird Frank zum Chef des Bufalino-Clans zitiert. Aber da bekommt er eine zweite Chance, sein Startschuss als Mafiakiller. Das zweite Gefahrenmoment ist der Mordauftrag, der seinen Freund Jimmy Hoffa betrifft. Des Weiteren gibt es kein klassisches Erzählmotiv, was ein entschiedener Nachteil ist. Der Mafiathriller „Donnie Brasco“ von Mike Newell speist seine unglaubliche Spannung aus dem Erzählmotiv „Falsche Identität“ und natürlich aus Suspense. Beides suchen wir in „The Irishman“ vergeblich.

Emotionen

Im Grunde ist Frank kein tauglicher Held. Ohne dass seine inneren Zweifel transparent werden, schlüpft er bereitwillig in die ihm angetragene Rolle eines Mafiakillers. Er ist nichts weiter als ein treuer Gefolgsmann, ein williger Befehlsempfänger. Gerade der Mordauftrag an seinen Freund Jimmy Hoffa hätte nicht nur seine inneren Konflikte befeuern müssen, sondern auch die mit seiner Frau oder Freundin. Das alles bleibt ausgespart. Lediglich der Streit mit seiner Tochter Peggy, die Hoffa hatte, wird angerissen. Das ist aber zu wenig, um eine Nähe zu dieser Figur aufzubauen und Gefühle zu entwickeln. Hinzu kommt wieder das völlig deplatzierte Overacting von DeNiro, der ständig irgendwelche Grimassen schneidet. Das ist ein Störfaktor. Einmal ist sein Gesicht zur Maske erstarrt, als er kurz nach dem Mord an Hoffa mit Mafioso Russell im Auto heimfährt. Da bekommt man eine Ahnung, wie nahe ihm dieser letzte Mord geht. Das ist die Stelle, an der man auch begreift, was der Film alles links liegen lässt.

Lösung

Auf dieses dramatische Potenzial hätte Scorsese sich konzentrieren sollen: Franks Zwiespalt, der aus dem Auftrag der Mafiosi resultiert, seinen Freund Jimmy Hoffa zu liquidieren. Das ist das Drama. Das ist eine Zwickmühle, aus der es kein Entrinnen gibt. Diese innere Zerrissenheit hätte man aber zelebrieren müssen. Sie hätte auch Suspense geschaffen, ein elementarer dramatischer Baustein.

Fazit

„The Irishman“ ist ein handwerklich perfekt gemachter Gangsterfilm, der zwar interessant, aber viel zu lang ist und keine Emotionen weckt. Traue keinem Film über 120 Minuten Länge!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "The Irishman".

Charley Varrick – Der große Coup (Don Siegel) USA 1973

„Charley Varrick“ hat auch 50 Jahre nach seiner Herstellung nichts von seiner dramatischen und atmosphärischen Dichte eingebüßt. Der Gangsterthriller punktet mit einer raffinierten Geschichte und originellen Regieeinfällen. Wieder mal erweist Don Siegel sich als Meister harter Actionfilme, der um jeden Preis unterhalten will. Das ist gut und das gelingt ihm, auch wenn die psychologische Auslotung seiner Figuren nicht zu seinen Kernkompetenzen zählt.

Die Geschichte

Charley Varrick (Walter Matthau), Ehefrau Nadine und zwei Komplizen sind Bankräuber, die sich auf Überfälle kleinerer Geldhäuser spezialisiert haben. Diese Ausgangssituation hat u.a. David Mackenzie in „Hell or High Water“ kopiert. Charleys Bande hat sich eine kleine Privatbank in Tres Cruces (New Mexico) ausgesucht. Allerdings läuft der Coup mit einer Schießerei und vier Toten völlig aus dem Ruder. Nadine erleidet einen Bauchschuss und stirbt auf der Flucht. Charley und sein verbliebener Komplize können erst mal untertauchen. Während in den Nachrichten die gestohlene Summe mit 2.000 Dollar angegeben wird, haben sie tatsächlich eine drei Viertel Million erbeutet. Dabei handelt es sich um geparktes Geld der Mafia, die nun Killer Molly auf die Bankräuber ansetzt.

Stärken

Der spannende, dichte Plot beruht auf dem Roman „The Looters“ von John Reese. Immer wieder gibt es überraschende, aber plausible Wendungen, die die Spannung eskalieren. Immer wieder gibt es produktive Irritationen, die allesamt erzählerisch aufgelöst werden. So versteht man zum Beispiel zunächst nicht, warum Charley Varrick beim nächtlichen Einbruch in der Praxis seines Zahnarztes nicht nur die Röntgenaufnahmen seiner verstorbenen Frau entwendet, sondern auch seine mit denen seines Komplizen vertauscht. Der Sinn wird erst beim Showdown deutlich, als Charley Varrick seinen Verfolger mit einer Sprengladung ins Jenseits befördert. Die war nämlich im abgestellten Wagen mit der Leiche seines getöteten Partners deponiert. Damit wird die gerichtsmedizinische Untersuchung auch Charley Varrick als Toten identifizieren. Jetzt hat er nicht nur die Beute, sondern auch die Mafia ein für allemal abgeschüttelt.

Sehr schön ist auch die Atmosphäre, die der Thriller aufbaut. Immer wieder gibt es witzige und skurrile Momente – ein wohltuender Kontrast zu den teilweise harten Actionszenen. Auch die jazzartige Filmmusik von Lalo Schifrin trägt zum 70er-Jahre-Flow bei.

Schwächen

So gekonnt der Plot konstruiert ist, so schablonenhaft agieren die Personen. Das beginnt mit dem Tod von Charleys Ehefrau Nadine. Nachdem sie mitsamt Fluchtwagen verbrannt wird, geht Charley Varrick schnell wieder zur Tagesordnung über. Das ist aber weder glaubhaft noch dramatisch. Dass man nach dem Verlust eines geliebten Menschen eigentlich schwer wieder zur Tagesordnung übergehen kann, demonstriert zum Beispiel Taylor Sheridans Thriller „Wind River“.

Klischees

Überhaupt agieren alle Figuren zu klischeehaft. Charley Varrick ist zu cool, sein Partner zu einfältig. Mafioso Molly ist eigentlich nur eitel und sadistisch. Er schlägt zum Beispiel Frauen, um sie sich gefügig zu machen. Das FBI darf nicht ermitteln, weil hier eine Privatbank überfallen wurde. Der zuständige Sheriff und seine Leute agieren eher im Stile einer deutschen Mordkommission, also umständlich und korrekt. Von ihnen geht eigentlich keine Gefahr aus, was dramaturgisch natürlich nicht so toll ist.

Fazit

 Ein vielschichtiger Plot kollidiert mit eindimensionalen Figuren – Der kleine Crash.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für "Charley Varrick".

American Gangster (Ridley Scott) USA 2007

Dieser exzellente Thriller von Ridley Scott hat zwei entscheidende Vorteile. Zum einen beruht er auf tatsächlichen Begebenheiten in den USA der 70er Jahre. Ansonsten würde man die teilweise haarsträubenden Geschehnisse wohl als kompletten Unfug abtun. Wer würde schon glauben, dass man große Mengen Heroin in den Särgen gefallener US-Soldaten ins Land schmuggeln kann? Ridley Scott weiß um die dramatische Kraft derartiger Vorlagen (s. „Black Hawk Down“, „Alles Geld der Welt“ oder „The Last Duel“). Zum zweiten konzentriert er sich in „American Gangster“ ganz auf seine beiden interessanten, prägnanten Charaktere und verzichtet auf vordergründige Action – und das in einem Gangsterthriller.

Figuren

15 Jahre hat Frank Lucas (Denzel Washington) als Fahrer für den Gangster „Bumpy“ gearbeitet. Das war seine Schule. Nach dessen Ableben baut Frank sich – Stück für Stück – ein eigenes Imperium auf. Das funktioniert auch, weil niemand den Schwarzen aus Harlem auf dem Zettel hat. American Gangster sind seinerzeit eher italienischer oder irischer Abstammung. Parallel zum Aufbau seines Drogenhandels wird immer wieder die Entwicklung des Rauschgiftfahnders Richie Roberts (Russell Crowe) montiert. Der findet in einer Anfangssequenz zusammen mit seinem Partner eine Million Dollar nicht nummerierter Geldscheine im Kofferraum eines Verdächtigen. Anstatt sie zu behalten, liefert er sie brav auf dem Revier ab. Damit ist er bei seinen Kollegen unten durch. Ein ehrlicher Cop passt einfach nicht ins System. Das ist originell und verrät einiges über Korruption in amerikanischen Sicherheitsbehörden (nicht nur der 70er Jahre, s. „City of Lies“) und über Richies Charakter: eigensinnig, stur und unbestechlich. Sehr schön. Diesen beiden Figuren folgt man gern durchs spannende Geschehen. 

Eigentlich vertreten die Polizisten die Werte der Gangster und umgekehrt. Originalton Frank: „Das wichtigste in diesem Geschäft: Ehrlichkeit, Anstand und Fleiß“. Originalton Detective Trupo (Josh Brolin): „Zum ersten jeden Monats wollen wir 10.000 Dollar auf dem Konto.“ Allerdings begeht Frank einen kleinen Fehler, als er versucht, Richie zu bestechen. Das ist nicht besonders clever, denn die Geschichte mit der zurückgewiesenen Million hat sich auch bis zu den Gangstern rumgesprochen. Nur reicht die Phantasie der „American Gangster“ nicht aus, an die Unbestechlichkeit eines Menschen zu glauben. Selbst in der Untersuchungshaft versucht Frank noch, Richie zu ködern und beißt auf Granit. Erst da kapiert er, dass ihm eigentlich nur noch ein Ausweg bleibt: die bedingungslose Kooperation mit der Polizei. Und wenn einer korrupte Polizisten ans Messer liefern kann, dann ist es Frank.

Dramaturgie

Eigentlich gerät Richie Roberts nie wirklich in Gefahr. Es gibt anfangs eine Situation als er seinen drogensüchtigen Partner vor einem aufgebrachten Mob rettet. Aber das war’s dann. Die Frage, inwieweit man tatsächliche Begebenheiten zugunsten der Dramatik verändern darf, ist schon an anderer Stelle ausführlich behandelt worden (s. „Der Spion„). Nach Franks gescheiterten Bestechungsversuchen hätte eigentlich eine härtere Gangart folgen müssen – nach dem Motto: Du möchtest doch nicht, dass deinem Jungen in Las Vegas etwas zustößt? Immerhin wird Frank im Beisein seiner Frau ein Mal aus einem fahrenden Wagen heraus beschossen. Das ist angesichts der Tatsache, dass er eingefleischten italienischen Mafiosi das Geschäft mit dem Heroinhandel streitig macht, erstaunlich wenig.

Dialoge

Es gibt einige interessante Statements. So hat Frank u.a. folgende Lebensweisheit parat: „Der lauteste im Raum ist immer der schwächste.“ Ein einziges Mal verstößt er gegen seine eigene Regel, als er in einem luxuriösem Pelzmantel zum Boxkampf geht. Es ist einmal zu viel, denn das bringt Richie auf seine Spur. Mafiaboss Dominic Cattano hat folgende Weisheit parat: „Entweder man ist erfolgreich, dann hat man Feinde oder man ist erfolglos, dann hat man Freunde.“ Damit prognostiziert er Frank auch, was ihn in der Zukunft erwartet.

Finale

Am Ende wird der Rollentausch vollzogen: Gangster Frank Lucas ist Mitarbeiter der Polizei. Detective Trupo begeht Selbstmord mit seiner Dienstwaffe. Richie scheidet aus dem Polizeidienst aus und arbeitet als Rechtsanwalt. Sein erster Klient ist kein Geringerer als Frank, dem er eine vorzeitige Haftentlassung verschafft. Im Rolltitel des Abspanns erfahren wir weitere unglaubliche Details. So bestand drei Viertel der New Yorker Drogenbehörde aus korrupten Polizisten!

 

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "American Gangster"

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Der blutige Pfad Gottes (Troy Duffy)

„Der blutige Pfad Gottes“ ist eine ziemlich bleihaltige und blutige Thriller-Groteske, frei nach dem Motto: Wie können die beiden Helden möglichst schnell in die nächste Ballerei gelangen? Das ist im Grunde kein großes Problem. Man nehme ein paar Russen-Mafiosi, ein paar italienische Mafiosi, und hetze beide nicht sonderlich hellen Gruppierungen mit Hilfe von zwei rachsüchtigen irischen Gangstern gegeneinander auf. Das FBI, mit Detective Paul Smecker (William Daffoe) an der Spitze, hat die Aufgabe die Tatorte zu reinigen.

Vorbilder

Das erinnert ein bisschen an Kurosawas „Yojimbo – der Leibwächter“ oder Walter Hills Remake „Last Man Standing“, das ebenfalls mit Zeitlupen und Rückblenden operiert. Die psychologischen Rafinessen der Vorbilder sind dem Regisseur allerdings nicht so wichtig wie die nächste Schießerei. Dieser Hang zur Brutalität und Infantilität erinnert wiederum stark an Quentin Tarantino.

Figuren

Letztlich erzeugt „Der blutige Pfad Gottes“ keinerlei Spannung. Das hängt auch mit den Helden zusammen, den MacManus-Brüdern, die sich als verlängerter Arm einer gerechten Sache verstehen. Darüberhinaus erfahren wir so gut wie nichts über sie. Wie soll man so mit ihnen mitzittern? Alle übrigen Figuren sind zwar hervorragend gecastet, aber was nützt das? Dem ganzen wird noch eine Pseudo-Philosophie übergestülpt: Ist es nicht legitim für Gerechtigkeit zu sorgen, wenn die gesetzlichen Vertreter dazu nicht in der Lage sind? Also, darf man Gott spielen? „Wie weit gehen wir auf diesem Weg?“, fragt Connor MacManus irgendwann, wobei die Antwort schon längst klar ist: bis zum bitteren Ende. In der finalen Gerichtsverhandlung wird auch noch der letzte überlebende Mafioso hingerichtet.

Absurdistan

Das letzte Gemetzel findet unter freundlicher Hilfestellung des FBI statt, die den Brüdern den Zugang zum Gerichtssaal ermöglichen. Eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass man hier nichts, aber auch gar nichts mehr ernst nehmen kann. Den Anfang markiert Connors Sprung aus dem fünften Stock eines Hochhauses auf den Kopf eines russischen Gangsters, den er – im Gegensatz zum Mafioso – völlig unbeschadet übersteht. In einer Welt, in der alles möglich ist, gibt es aber letztlich keine Überraschungen. Man wundert sich nämlich über nichts mehr und das ist dramaturgisch nicht so toll.

Fazit

Es gibt ein paar originelle und witzige Szenen, aber das war’s dann auch. Dann dominiert wieder das Grelle, das Überzogene, die infantile Spielsucht. Ein Film für eher schlichte Gemüter, die sich an Ballereien, grotesken Situationen und viel Blut erfreuen können.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Der blutige Pfad Gottes"

Lansky (Eytan Rockaway) USA 2021

„Lansky“ ist eine sehenswerte Gangsterbiographie, die 1981 in Miami spielt. Hauptpersonen sind der ehemalige Mafioso Meyer Lansky (Harvey Keitel) sowie der erfolglose Autor und Journalist David Stone (Sam Worthington), der seine Memoiren verfassen soll. Erzählt wird in zwei zeitlichen Ebenen: Die Treffen zwischen Lansky und David finden in der Gegenwart statt, die Erinnerungen des alternden Gangsters in Rückblenden. Lansky diktiert die Bedingungen: Nichts darf ohne seine Einwilligung veröffentlicht werden. Diese scheinbar banale Vereinbarung hat angesichts von Lanskys krimineller Vergangenheit schon dramatischen Zündstoff.

Dramaturgie

Das hätte man eigentlich nur ausreizen müssen: „Der Pakt mit dem Teufel“ (s. Erzählmotive im 1. Kapitel der „7 Säulen der Filmgestaltung“). Leider verschenken die Filmemacher dieses Gefahrenpotenzial. David hätte nach seinem Vertragsbruch in Lebensgefahr geraten müssen. Eigentlich noch schlimmer. Denn die dramaturgische Kardinalfrage lautet so: Was ist in der jeweiligen Spielanordnung das Schlimmstmögliche für den Protagonisten? Ist doch eigentlich nicht so schwierig? In Davids Fall ist das die Bedrohung für seine geliebten Kinder. Also, ein kompetenter Autor hätte zumindest mit dieser tödlichen Gefahr gespielt. In diesem Thriller geraten leider weder David noch seine Kinder in ernsthafte Gefahr.

Nur die ermittelnden FBI-Agenten, die hinter Lanskys verschwundenem Vermögen her sind, sorgen für Bedrohungen. Sie setzen zum einen die bildhübsche Maureen auf David an, um an entsprechende Informationen zu gelangen. Eigentlich ein durchschaubares Manöver. Man fragt sich nur, ob die Spionin für das FBI oder für Lansky arbeitet? An dieser Stelle wäre ein anderer Informationsfluss dramatischer gewesen, nämlich Suspense. Der Zuschauer hätte über das Doppelspiel der Spionin informiert werden müssen. Das hätte die Emotionen gesteigert. Als diese Intrige später verpufft, erpressen die FBI-Agenten David zur Kooperation. Der entscheidet sich angesichts seiner privaten und finanziellen Probleme ebenfalls zum Doppelspiel. Das ist gut. Dass dieser Verrat keine Konsequenzen hat, ist gar nicht gut.

Emotionen

So wecken Lanskys Erinnerungen zwar unser Interesse, aber keine weitergehenden Gefühle. Schade. Dabei haben die Geschichten des „Bankiers des organisierten Verbrechens“ es in sich, handeln sie doch von der brutalen Vorgehensweise beim Aufbau eines illegalen Glücksspielimperiums. Lanskys Mann fürs Grobe ist sein Freund Bugsy Malone. Später muss Lansky sich einem Mehrheitsvotum des National Crime Syndicate beugen, das Bugsy Malone ermorden lässt. Lansky ist ein Kontrollfreak. Um so mehr leidet er unter dem Zerwürfnis mit seiner Ehefrau und vor allem unter der körperlichen Behinderung des gemeinsamen Sohnes. Lansky, der gewohnt ist, mit Geld und Gewalt alles zu regeln, stößt hier an seine Grenzen. „Frauen kann man leider nicht erschießen“, verrät er Bugsy einmal bedauernd.

Hintergründe

Lanskys Geschichten sind manchmal ungeschminkt, manchmal beschönigend. So zum Beispiel, wenn er seinen kriegsentscheidenden Beitrag zur Enttarnung deutscher Spione im 2. Weltkrieg beschreibt. Zum Schluss werden die FBI-Ermittler zurückgepfiffen. Die Hintergründe bleiben im Unklaren. Man kann nur spekulieren. Wahrscheinlich hat Lansky sein Vermögen der US-Regierung vermacht, die in einigen Bundesstaaten und Reservaten das Glücksspiel erlaubt hat und kontrolliert. Darauf deutet auch sein finaler Besuch im Pflegeheim hin, in dem sein geliebter Sohn betreut wird. Das könnte der Deal gewesen sein: 300 Millionen Dollar für Straffreiheit und lebenslange Betreuung seines Sohnes. Dieses Agreement würde im Nachhinein auch erklären, warum ihn Davids Verrat nicht weiter interessiert hat. Es würde auch seine Selbsteinschätzung erklären: „Ich bin ein Engel mit einem schmutzigen Gesicht.“

Fazit

Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der Figur des Journalisten. Dieser kommt Lansky zu Beginn „etwas unterwürfig“ vor. Leider ändert sich diese Haltung im Verlauf des Films nicht. Hier hätte man David eine Entwicklung gewünscht. Sie wäre auch vonnöten gewesen, wenn er von Lansky und vom FBI richtig in die Mangel genommen worden wäre. Insofern sind die Schwächen in der Dramatisierung eng mit denen in der Charakterisierung verknüpft. Insgesamt ist „Lansky“ – trotz der beschriebenen Gräueltaten – ein erstaunlich ruhiger und informativer zeitgeschichtlicher Gangsterfilm.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Lansky"