Chinatown (Roman Polanski) USA 1974

Es ist nicht die Aufgabe von Filmemachern, Erklärungen abzugeben, sondern – im Gegenteil – für Mysterien, Geheimnisse und Irritationen zu sorgen, natürlich für begründete. Das demonstriert dieses Krimidrama par excellance. Es ist ein Prototyp Ibsenscher Erzähldramaturgie, also der häppchenweisen Enthüllung von dramatischen Ereignissen. In „Chinatown“ passieren lauter merkwürdige Dinge, wobei man ahnt, dass es dafür eine plausible Erklärung gibt.

Exposition

Eine Mrs. Mulray beauftragt den Privatdetektiv Gittes (Jack Nicholson) mit der Observation ihres Mannes, um dem Verdacht des Ehebruchs auf den Grund zu gehen. Dabei ist dieser Mulray überhaupt nicht der Typ eines Frauenhelden. Trotzdem erwischt Gittes ihn beim Tête-à-tête mit einer jungen, hübschen Frau. Dieser Seitensprung landet in den Klatschspalten, was zur Folge hat, dass Gittes Besuch von der echten Mrs. Mulray (Faye Dunaway) bekommt. Alles sehr merkwürdig, aber es kommt noch mysteriöser. Denn kurz darauf wird Mulray ermordet aufgefunden und Gittes ahnt, dass er nur benutzt wurde für irgendwelche kriminellen Machenschaften. Aber jetzt hängt Gittes an der Angel. Dann so etwas macht man natürlich nicht mit ihm. Jetzt hat er Gelegenheit zu zeigen, dass er nicht nur Ehebrechern nachstellen kann, dass er ein hervorragender Schnüffler ist. Und der Zuschauer ist immer auf der Höhe seiner Ermittlungen, fungiert sozusagen als sein Partner.

Prägnante Figuren

Die Riege der Schauspieler ist herausragend, allen voran Faye Dunaway in der Rolle der mal entschlossenen, mal nervösen oder verhuschten, wohlhabenden Evelyn Mulray. Nicht minder brillant ist Jack Nicholson, der frech, trickreich und hartnäckig agiert. Sehr prägnant ist seine von Gangstern aufgeschlitzte Nase, die den halben Film von einem Verband verziert wird. Der Schnüffler, der seine Nase zu tief in fremde Angelegenheiten gesteckt hat – ein Bild, das in Erinnerung bleibt. Sehr schön ist auch die konsequente Konzentration auf den Helden, der in jeder Einstellung präsent ist.

Inszenierung

Einer der großen Stärken von Roman Polanski ist die kunstgerechte Inszenierung von Mysterien, von Stimmungen, die eine hypnotische Wirkung erzielen. So auch hier. Irgendwann kann man sich diesen Aufnahmen, diesem Licht, diesen Eindrücken nicht mehr entziehen. Unterstützt wird diese ebenso geheimnisvolle wie bedrohliche Atmosphäre durch die Filmmusik von Jerry Goldsmith mit teilweise disharmonischen Klangteppichen. Die Dialoge sind nie informativ. Sie sind doppeldeutig, mysteriös oder witzig und animieren den Zuschauer zum Detektivspiel. Die Darstellung des Todes von Evelyn Mulray ist genial. Man sieht sie im Auto mit ihrer Tochter davonfahren und Polizisten, die auf sie schießen. Als ihr Wagen schon eine gewisse Entfernung hat, ertönt plötzlich die Hupe – ununterbrochen. Das Fahrzeug scheint an Geschwindigkeit zu verlieren. Keine Nahaufnahme. Kein spritzendes Blut. Nur die penetrante Hupe und die entsetzten Reaktionen ihrer Tochter, ihres Vaters, der Polizisten, von Gittes.

Schwachpunkte

„Chinatown“ hat zwei Schwachpunkte: Die im Mordfall von Hollis Mulray ermittelnden Kriminalbeamten sind nicht sehr helle. Das ist schade. Denn irgendwann haben sie ja Gittes im Visier und dann wären intelligente Gegner natürlich dramatischer. Der zweite Schwachpunkt ist schon gravierender und betrifft das offene Ende der Kriminalgeschichte. Während das Familiendrama mit dem Tod von Evelyn Mulray seinen düsteren Schlusspunkt gefunden hat, bleibt der Krimi eigentlich ungeklärt. Es ist nicht damit getan, dass Lieutenant Escobar sagt: „Vergiss es, Jake. Wir sind in Chinatown“. Denn Gittes könnte die Verbrechen von Noah Cross – immerhin drei Morde und betrügerische Bodenspekulation in Millionenhöhe – beweisen. Und Gittes ist nicht der Typ, der aufgibt und Noah Cross nicht der Typ, der Mitwisser unbehelligt lässt. Insofern bleibt am Ende ein unbefriedigendes Gefühl.

Lösungen

Die Lösung wäre folgende gewesen: Entweder hätte Gittes dafür sorgen müssen, dass Noah Cross hinter Schloss und Riegel kommt, womit er auch keinen Zugriff mehr auf Evelyns Tochter hat (das Happy End) oder aber er wird ebenfalls von Cross getötet (das komplette Drama). Nur dann ist auch die Krimigeschichte zu Ende. Ansonsten alles genial.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Roman Polanskis Chinatown.

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Wind River (Taylor Sheridan) USA 2017

Es fängt damit an, dass nachts eine junge Frau barfuß durch eine tief verschneite, vereiste Landschaft um ihr Leben rennt. Damit sind wir bei einem der Hauptdarsteller dieses packenden Thrillers, dem „Wind River“ Indianerreservat. Die ebenso schöne wie unwirtliche Gegend in den Bergen Wyomings verleiht dem Film eine einzigartige Atmosphäre. Die exzellente Filmmusik von Nick Cave und Warren Ellis verstärkt die sogartige Spannung. Ein Schneethriller, der an „Fargo“ erinnert, aber besser ist.

Figuren

Ein weiterer Vorzug sind seine bis in die letzten Nebenfiguren hervorragend besetzten Darsteller. Allen voran Jeremy Renner, der hier, anders als in Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“, sein ganzes Können demonstrieren kann. In „Wind River“ spielt er den schweigsamen, traumatisierten Jäger Cory Lambert, der eigentlich Wölfe und Pumas im Visier hat. Aber jetzt gilt es den Mörder der jungen indigenen Natalie zu fassen, die außerdem – wie sich herausstellt – die beste Freundin seiner vor drei Jahren verstorbenen Tochter war. Ihm zur Seite ermittelt die junge FBI-Agentin Jane Banner, die anfangs in jedes Fettnäpfchen tritt, aber dazulernt und außerdem gut schießen kann.

Dramen

Herausragend ist die ebenso dramatische wie glaubhafte Inszenierung der Familiendramen. Auf der einen Seite sind es die erkalteten Begegnungen Corys mit seiner Ex-Frau Wilma, der Mutter ihrer verstorbenen Tochter. Wie ein Puzzle enthüllen ihre irritierenden Dialoge nach und nach das ganze Ausmaß der tragischen Vorgeschichte, an der ihre Beziehung offensichtlich zerbrochen ist. „Der Schmerz lässt nie nach, aber man gewöhnt sich daran“, erzählt Cory dem Vater der ermordeten Natalie. Der ist drauf und dran, am Verlust der geliebten Tochter zu zerbrechen. Am Ende bewahrt ihn nur ein Lebenszeichen seines drogenabhängigen Sohns vorm Suizid. Wenn in „Wind River“ die männlichen Protagonisten weinen oder dazu gar nicht mehr in der Lage sind, dann nimmt man ihnen das ab, dann fühlt man mit ihnen. Ihre Fragilität wird mit dem Testosteron gesteuerten Machogehabe der Mitarbeiter einer nahen Bohrgesellschaft kontrastiert und wirkt dadurch noch intensiver.

Schwachpunkt

Taylor Sheridan, Regisseur und Drehbuchautor dieses Thrillers, war auch der Autor von „Sicario“, zu dem es einige Parallelen gibt: Die sogartige Spannung, die Ibsensche Dramaturgie, die naive Polizistin, der hier aber eine Entwicklung gegönnt wird und – damit kommen wir zum gravierenden Schwachpunkt von „Wind River“ – der Massenschießerei. Wenn am Ende die Mitarbeiter der Bohrgesellschaft das gesamte FBI-Team sowie den hiesigen Polizeichef erschießen, dann ist das nicht minder dämlich als die Ballerei an der Grenzstation in „Sicario“. Was wird wohl die Folge der Ermordung von fünf FBI-Agenten und eines Polizeichefs sein? Genau. Da wird eine ganze Armada anrücken und die Mörder zur Strecke bringen. Damit diskrediert Taylor Sheridan ein weiteres Mal seine Antagonisten. Schade. Dieses völlig unmotivierte Massaker passt auch nicht zur eher ruhigen Grundstimmung des Films.

Lösungen

Die Lösung wäre folgende gewesen: Nur einer der Mitarbeiter der Bohrfirma ist der Täter, der aber von den anderen gedeckt wird. Cory ist ein Jäger, ein Fährtenleser, Jane hat psychologisches Gespür. Aufgrund ihrer Fähigkeiten könnten sie am Ende gemeinsam dem Mörder auf die Schliche kommen. Das wär’s gewesen. Deshalb reicht es nicht ganz zum Sprung in die Bestenliste.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Taylor Sheridans Wind River.

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Sicario (Denis Villeneuve) USA 2015

Von Beginn an wird man in diesem Thriller in einen Strudel eskalierender Spannung hineingezogen, der einen bis zum Schluss mitreißt. „Sicario“ von Denis Villeneuve wird aus der Perspektive der Hauptfigur, der jungen FBI-Agentin Kate Macer erzählt, die sich freiwillig einer Anti-Drogen-Spezialeinheit anschließt. Wahrscheinlich eine Abteilung der CIA? Man weiß es anfangs nicht so genau und das ist gut so.

Dramaturgie

Der Zuschauer erfährt immer genauso viel oder so wenig vom undurchsichtigen Geschehen wie die Heldin. „Sicario“ ist ein Prototyp Ibsenscher Dramaturgie, also der häppchenweisen Enthüllung von dramatischen Ereignissen. Es werden jede Menge Fragen aufgeworfen, die beantwortet werden wollen. Im Fachjargon: produktive Irritation. Wie ein Puzzle fügt sich die Geschichte nach und nach zusammen.

Rache

Eigentlich geht es um ein klassisches Erzählmotiv, um eine Rachegeschichte. Der von der CIA angeheuerte Söldner Alejandro Gillick will Vergeltung für die Ermordung seiner Familie durch den mexikanischen Drogenboss Alarcón. Dabei ist die Spezialeinheit, der auch Alejandro angehört, nur ein Vehikel für seine Rache und Kate – wie sich am Schluss herausstellt – nur eine Schachfigur. Denn die CIA darf im eigenen Land nur in Zusammenarbeit mit einer anderen Bundesbehörde Operationen durchführen. Nur deshalb wird Kate benötigt. Nicht für den vorgeblichen Kampf gegen den Drogenhandel. Das ist bitter für die idealistische Heldin und deshalb ist es dramaturgisch gut.

Schwachpunkte

„Sicario“ hat zwei Schwachpunkte. Zum einen ist es die Szene an der Grenzstation bei der Überführung eines mexikanischen Drogenbosses, als es zu einem unerwarteten Stau kommt. Ein verdächtiges Fahrzeug wird von schussbereiten amerikanischen Elitesoldaten umstellt. Dass die mexikanischen Gangster in diesem Moment trotzdem zur Waffe greifen, was – oh Wunder! – ihr sofortiges Ableben zur Folge hat, ist schon ein bisschen dämlich. Vor allem aber ein Verstoß gegen eine elementare dramaturgische Regel: Der oder die Antagonisten sollten so intelligent und hinterhältig wie möglich sein. Warum, ist klar. Weil die Protagonisten es dann schwieriger haben.

Finale

Der zweite Schwachpunkt ist schon gravierender. Er betrifft den Schluss des Films und der ist nichts anderes als Verrat an der Hauptdarstellerin. Wenn Alejandro Kate nämlich die Pistole auf die Brust setzt, um ihre Unterschrift unter dem geschönten Abschlussbericht zu bekommen, dann müsste sie, dann darf sie nicht klein beigeben. Zumal sie kurz zuvor das ganze Ausmaß der Intrige erfasst hat. Zumal Alejandro ihr verrät, dass sie ihn an seine ermordete Tochter erinnert. Sie müsste auf diesen Moment vorbereitet sein und den Spieß umdrehen. Sie müsste pokern und Alejandro jetzt endlich mal für ihre Zwecke einsetzen! Das wäre die Lösung gewesen. Schade. Ansonsten ist es ein brillant gemachter Rachethriller im Drogenmilieu mit exzellenter Filmmusik. „Sicario 2“ ist nicht der Rede wert.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Denys Villeneuves Sicario.

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Donnie Brasco (Mike Newell) USA 1997

Eigentlich ist es mit der Dramaturgie doch ganz einfach: Wir haben hier einen Helden, Donnie Brasco, mit dem wir mitzittern und der in maximale Schwierigkeiten gerät. Donnie heißt eigentlich Joseph und ist ein New Yorker FBI-Agent, der sich freiwillig zum Undercover-Einsatz meldet. Ziel ist es, mit verdeckten Ermittlungen einen ganzen Mafiaclan auf die Anklagebank zu bringen. Von Anfang an haben wir es hier mit einer Suspense-Geschichte zu tun, d.h.: Der Zuschauer hat immer mehr Informationen als Teile der handelnden Personen. Wir wissen, dass Donnie eigentlich ein FBI-Agent ist, nicht aber die Mafiosi. Wir wissen, dass er als verdeckter Ermittler arbeitet, nicht aber seine Ehefrau. Das ist perfekt konstruiert und Hauptgrund für die suggestive Spannung.

Nach einer wahren Begebenheit

Ein zweiter großer Vorzug dieses spannenden Thrillers ist seine authentische Vorlage. Denn Donnie alias Joseph Pistone hat als FBI-Agent tatsächlich sechs Jahre lang (!) gegen die Bonanno-Familie in New York ermittelt. Am Ende hat er 120 Clanmitglieder hinter Gitter gebracht. Der dritte große Pluspunkt des Films ist seine herausragende Besetzung bis in die letzte Nebenrolle. Wie der abgehalfterte, ständig klamme Mafiosi Lefty (Al Pacino) und Donnie Brasco (Johnny Depp) allmählich eine emotionale Beziehung aufbauen, ist einfach brillant. Wenn Lefty sich über mangelnde Wertschätzung seiner Bosse beschwert, obwohl er 26 Morde für sie begangen hat, dann gruselt es einem und man spürt: So oder so ähnlich muss es gewesen sein.

Der Held

Dieser dokumentarische Touch gibt dem Film eine ganz besondere Intensität. Die innere Zerrissenheit der Hauptfigur zeigt sich zum einen in der wachsenden Freundschaft zu Lefty, zum anderen im Ehedrama. Ganz allmählich aber unaufhaltsam gleitet Donnie in den Sumpf des Verbrechens. Es fängt mit harmlosen Ausflüchten an und gipfelt im Vertrauensbruch mit allen Menschen, die ihm nahe stehen. Für Ehefrau und Kinder ist er irgendwann ein notorischer Lügner. Herrlich die Szene beim Therapeuten, als Donnie sich als Undercover-Agent des FBI outet und ihm keiner mehr glaubt. Nur bei einer Sache glaubt Donnie Gewissheit zu haben: Wenn seine Tarnung auffliegt, würde er Leftys Schicksal besiegeln. „Es ist als würde ich ihm eine Kugel durch den Kopf jagen.“ Damit verrät Donnie zu diesem Zeitpunkt auch, dass ihm das Wohlergehen seines väterlichen Freundes mehr am Herzen liegt als das seiner Familie.

Schwachpunkt

Da sind wir denn auch beim einzigen Manko des Films, nämlich bei der unterentwickelten Liebesbeziehung von Donnie zu seiner Frau und seinen Kindern. Wenn ihm seine geliebte Familie genauso wichtig gewesen wäre, hätte das seine Zerrissenheit noch maximiert. Ansonsten ist dieser gnadenlos spannende Mafiathriller ein dramaturgisches Lehrstück.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht fürMike Newells Donnie Brasco.

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Der Profi (Georges Lautner) F 1981

„Der Profi“ ist ein spannender, politisch unkorrekter Agententhriller mit sehr originellen Figuren. Er basiert auf dem Roman „Death of a Thin Skinned Animal“ von Patrick Alexander. Von den eigenen Leuten verraten, startet Geheimagent Josselin Beaumont (Jean-Paul Belmondo) einen Rachefeldzug gegen seine ehemaligen Kollegen. Den führt er trickreich, großmäulig und schlagkräftig aus. Im Zweifelsfall verlässt er einen Gefahrenort lieber durch die Vorder- als durch die Hintertür. Immer wieder gibt es witzige und unkorrekte Dialoge oder Situationen. Man kann lachen und mit Beaumont mitfiebern. Brillant ist auch die Filmmusik von Ennio Morricone.

Rachedrama

Während der Neue Deutsche Film zeitgleich bedeutungsschwere Nabelschauen und Politlangweiler fabriziert hat, widmete die Nouvelle Vague sich klassischen Erzählmotiven. „Der Profi“ ist nichts anderes als eine Variante von Alexandre Dumas’ „Der Graf von Monte Christo“, dem Prototypen einer Rachegeschichte. Allerdings hätte Regisseur Georges Lautner, der auch am Drehbuch mitschrieb, die dramaturgischen Finessen der Vorlage besser herausfiltern sollen.

Die Geschichte

Beaumont wird in das afrikanische Land Malagawi geschickt, um den residierenden Präsidenten zu töten. Doch die politischen Interessen ändern sich und die Lequidierung des malagawischen Regierungschefs ist nicht mehr erwünscht. Da es zu spät ist, Beaumont von seinem Auftrag abzuhalten, wird er vom französischen Geheimdienst geopfert. Die malagawischen Behörden verhaften ihn, pumpen ihn mit Drogen voll und stellen ihn vor ein „Gericht“. Das Urteil: Lebenslange Zwangsarbeit in einem Arbeitslager. Doch Beaumont kann fliehen und sich nach Frankreich durchschlagen, wo er seinen Rachefeldzug startet.

Der Graf von Monte Christo

Wenn Beaumont nach zweijähriger Abwesenheit seine Frau Jeanne (Élisabeth Margoni) aufsucht, dann benehmen die beiden sich, als wäre nichts weiter geschehen. Wenn Edmond Dantès (der Graf von Monte Christo) zu seiner geliebten Frau zurückkehrt, ist die mit seinem größten Widersacher verheiratet und hat (scheinbar) ein Kind von ihm. So ist das natürlich richtig. Das Drama sollte, wann immer es möglich ist, auf die Spitze getrieben werden. In „Der Profi“ bleiben die ehemaligen Weggefährten von Beaumont, also die Verräter, leider verschont. Ausnahmen sind Kommissar Rosen (Robert Hossein) und seine sadistische Assistentin.

Finale

Das überraschende Ende des Films ist Ausdruck seiner Botschaft: Für wirtschaftliche und politische Interessen gehen Regierungen und ihre Organe über Leichen. Insgesamt ein origineller, unterhaltsamer Film mit einem Wermutstropfen: Die Stoffentwicklung hätte gern etwas tiefschürfender sein können.

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Red Sparrow (Francis Lawrence) USA 2018

Von der ersten Sekunde an ist „Red Sparrow“ von Francis Lawrence ein spannender, exzellent gemachter Agententhriller. Vorbildlich treibt er seine Heldin Dominika (Jennifer Lawrence) in immer größere Schwierigkeiten, die maximal eskaliert werden. Immer wieder wartet der Film mit überraschenden, meist schlüssigen Wendungen auf. Außerdem ist er rasant erzählt. Man muss sich schon konzentrieren, um dem Geschehen folgen zu können und das ist gut so.

Schwachpunkte

Es gibt zwei kleine Schwachpunkte und einen gravierenden. Die vorgeblichen Sexszenen des Films entpuppen sich als zwei Vergewaltigungsversuche (ist das Sex?) und zwei lächerliche Nummern auf Küchentischen. Da hätte man eigentlich gern etwas gesehen, was diese Ankündigung gerechtfertigt hätte. Aber die Amerikaner tun sich offensichtlich schwer damit. Der hervorragende französische Agententhriller „Die Möbius-Affäre“ zeigt wie Sex richtig praktiziert und dargestellt wird.

Deus ex machina

Der zweite Schwachpunkt ist das Erscheinen des SWR-Killers Matorin in Budapest. Dafür gibt es zu diesem Zeitpunkt der Geschichte keinen Grund. Außerdem wurde vorher ausführlich thematisiert, dass derartiges Agieren von russischen Agenten im Ausland politisches Konfliktpotenzial birgt. Andererseits schildert das Sachbuch „The Compatriots“ (Soldatov / Borogan) detailliert von den blutigen Spuren russischer Spionageeinsätze im Ausland. Allerdings finden die auch nicht wöchentlich statt. Da gibt es schon zeitliche Distanz. Jedenfalls hat der Roman an dieser Stelle den Einsatz besser motiviert, indem der russische Präsident Druck auf den SWR-Direktor ausübt und den leitet man – nicht nur in solchen Systemen – schon mal weiter.

Dilemma

Als Drittes verzichten die Filmemacher – und das ist der größte Fehler – auf das Behandeln von Dominikas innerem Zwiespalt: Soll sie am Ende mit dem CIA-Agenten Nate in die USA gehen und dort ein neues Leben beginnen, also ihrem Wunschtraum folgen? Oder soll sie sich gegen den Doppelagenten in den Reihen des SWR austauschen lassen, also nach Moskau zurückkehren, um in der Nähe ihrer geliebten Mutter zu sein? Wenn sie ihrem Traum nachgeht, kann sie eigentlich nicht glücklich werden. Als Überläuferin würde man ihre Mutter in Moskau wie den letzten Dreck behandeln. Das ist ihr Dilemma: Wie sie sich auch entscheidet, sie kann nicht glücklich werden. Aber diesen Zwiespalt hätte man nicht nur thematisieren müssen, so etwas muss man retardieren, zelebrieren und ausreizen bis zum letzten Tropfen wie es zum Beispiel Clint Eastwood in „Die Brücken am Fluss“ demonstriert hat.

Roman vs. Verfilmung

Auch an dieser zentralen Stelle liefert der Roman ein stärkeres Motiv für ihre Rückkehr. Da lässt sie sich nämlich tatsächlich gegen den Doppelagenten austauschen, zu dem sie eine großväterliche Beziehung aufgebaut hat. Im Film entpuppt sich der Maulwurf als SWR-Direktor, den sie hereingelegt hat. Das wirkt ein bisschen überkonstruiert und verharmlost die Antagonisten. Das Motiv der Romanvorlage, den tatsächlichen Maulwurf mit diesem Austausch zu retten, ist stärker und macht sie menschlicher. Auch ihre Liebe zur Mutter hätte man deutlicher herausarbeiten müssen. Dann hätte man nämlich mehr mit ihr mitfiebern können. Immerhin bietet „Red Sparrow“ zweieinhalb Stunden lang intelligente und spannende Unterhaltung.

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Fargo (Joel und Ethan Coen) USA 1996

„Fargo“ ist ein abgründiger, schwarzhumoriger Provinzthriller, der bis in die letzte Nebenrolle durch seine originellen Charaktere besticht. Es sind echte Typen, ausgestattet mit Marotten oder gestrickten Pullovern. Allen voran der windige Autoverkäufer Jerry Lundegaard, dem man gern dabei zuschaut, wie ihm nach und nach die Felle wegschwimmen. Herrlich wie Kidnapper Carl (Steve Buscemi) sich rechthaberisch mit einem Parkhauswächter über vier Dollar streitet. Eine Marotte, die ihm letztlich zum Verhängnis wird.

Wofür das alles?

Die Dialoge sind witzig, überraschend oder originell, teilweise im Dialekt der Region von North Dakota. Die Locations und die ganze Ausstattung stimmen bis ins letzte Detail. „Fargo“ hat – wenn man so will – eine Philosophie: Joel und Ethan Coen kontrastieren das Lebensmodell der schwangeren Polizistin Marge mit der Geldgier fast aller übrigen Figuren, die folgerichtig auf der Strecke bleiben. Am Ende fragt Marge den überlebenden Gangster mit ehrlicher Verwunderung: Wofür das alles? Darauf weiß der keine Antwort, weil er den tieferen Sinn dieser Frage gar nicht versteht.

Dramaturgie

So weit – so genial. Allerdings: Drei Morde in der Provinz, da darf man eigentlich schon die Mordkommission und die Spurensicherung des FBI erwarten. Hier nichts dergleichen. Da hilft denn auch der infantile Fake-Hinweis der Regisseure nicht mehr, dass die Geschichte auf einem wahren Fall beruhen soll. Ein weiterer Schwachpunkt ist die Fokussierung auf die schwangere Polizistin Marge. Sie ermittelt zwar mit charmanter Naivität im Stile eines weiblichen Columbos, gerät aber zu keiner Zeit des blutrünstigen Geschehens in Gefahr. Da gibt es weder Druck von einer übergeordneten Dienststelle noch vom Ehemann oder den durchgeknallten Kidnappern, die sie leider nicht ins Visier nehmen. Das ist natürlich ein dramaturgischer Kardinalfehler.

Lösung

Autoverkäufer Jerry Lundegaard hätte einen weitaus tauglicheren Helden abgegeben.

Fazit

So hinterlässt „Fargo“ keine nachhaltige Wirkung. Er ist wie ein guter Cognac. Man genießt ihn und das war’s dann. Aber das ist ja auch nicht schlecht.

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Dolores Claiborne (Taylor Hackford)

Puh, nach 25 Jahren noch einmal „Dolores Claiborne“ von Taylor Hackford angeschaut. Was für ein toller Film! Die Romanvorlage stammt von Stephen King, der kein Verfechter des Plottens ist, also der handlungsorientierten Storyentwicklung. Die meisten seiner Geschichten basieren auf einer Was-wäre-wenn-Figurenkonstellation. Hier: Was wäre, wenn eine Haushälterin, die ungestraft ihren Ehemann umgebracht hat, eines zweiten Mordes verdächtigt würde, den sie nicht begangen hat (aus „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King)? Man muss kein Freund aller seiner Geschichten sein. Aber Stephen King versteht sein Handwerk, genauso wie alle Beteiligten dieses schnörkellosen Psychothrillers.

Figuren

Wer Sehnsucht nach wirklich starken Frauenfiguren verspürt, ist hier an der richtigen Stelle. Die Haushälterin Dolores Claiborne, gespielt von der grandiosen Kathy Bates, opfert sich jahrelang mit schlecht bezahlten Jobs auf. Sie will ihrer Tochter Selena, der ebenso brillanten Jennifer Jason Leigh, eine Ausbildung und vor allem die Befreiung vom übergriffigen Vater ermöglichen. In den Dialogen geht es zur Sache. Keine Zeit für Plänkeleien oder Redundanz. „Ich brauche keinen Anwalt“, sagt Dolores zu ihrer Tochter, die sie seit 15 Jahren nicht gesehen hat und im ersten Moment nicht wieder erkennt.

Handwerk

Die Kameraarbeit von Gabriel Beristain ist ein Meisterstück. Jede Einstellung ist auf den Handlungskern fokussiert. Selten einen Film gesehen, in dem einfach jedes Bild stimmt. Die Gegenwart ist in ein kühles, gräuliches Blau getaucht, die Vergangenheit ist bunt. Immer wieder werden die Flashbacks kunstvoll ins Geschehen montiert. Manchmal geht eine Person durchs Bild, die den Zeitenwechsel im Stile einer eleganten Wischblende einleitet. Im herunter gekommen Haus, in dem Dolores und ihre Tochter früher gewohnt haben, stimmt einfach jedes Detail der Ausstattung. Die exzellente Filmmusik von Danny Elfman verstärkt den suggestiven Sog der dramatischen Ereignisse.

Schwachpunkte

Die männlichen Figuren kommen ein bisschen schlecht weg. Sie wirken manchmal arrogant, verbohrt, einfältig oder gewalttätig. Sei’s drum. Bei einer fundierten Bewertung von Spielfilmen geht es nicht um Genderfragen. Das war’s aber auch schon. Mehr gibt es nicht zu monieren.

Fazit

Wie bereits in „Misery“ war auch in „Dolores Claiborne“ Rob Reiners „Castle Rock Entertainment“ ausführende Produktionsfirma. Exzellenten Handwerkern vertraut man eben. Bezeichnenderweise gibt es von diesem Meisterwerk noch nicht einmal eine deutsch synchronisierte Blu-ray-Fassung. „Dolores Claiborne“ gehört in die TOP 20 der Filmgeschichte.

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