Hi-Lo Country

USA, GB 1998, Länge: 114 Min., FSK: 12
Roman: Max Evans
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Walon Green
Kamera: Oliver Stapleton
Musik: Carter Burwell
Montage: Masahiro Hirakubo
Darsteller: Billy Crudup, Woody Harrelson u.a.

Genre: Melodrama, Western
Erzählmotiv: Das mörderische Dreieck
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): entwicklungsfähig
Gegenspieler: teilweise vorhanden
Stimmung: aufgeladen
Bewertung: 3 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video

„Hi-Lo Country“ ist ein Melodrama im Westerngewand, das auf einem Roman von Max Evans beruht. Eigentlich erzählt der Film eine Männerfreundschaft, die durch Liebesgefühle für die gleiche Frau dramatisiert wird. Also auch eine Dreiecksgeschichte, hier mit mörderischem Ausgang, der allerdings durch eine externe Figur herbeigeführt wird. Auch das deutet auf einige Defizite hin. Schon in „Philomena“ hat Stephen Frears seine Schwächen in der Adaption von Vorlagen offenbart. Seine Stärken liegen in den früheren Werken, wie „The Snapper“ oder „Mein wunderbarer Waschsalon“, in denen er auf erfrischende, britische Weise Geschichten aus der Working-Class-Schicht erzählt.

Die Geschichte

Die Cowboys Big Boy Watson (Woody Harrelson) und Pete Calder (Billy Crudup) sind dicke Freunde. Beide arbeiten auf der Ranch von Hoover Young, dem Konkurrenten des Großranchers Jim Ed Love. Die Freunde verlieben sich in die verheiratete Mona, die sich jedoch für Big Boy entscheidet. Pete kann die Zurückweisung nur schwer verbergen und fühlt sich zunehmend zerrissen. Nach dem Besuch bei einer Wahrsagerin, die den Tod des Freundes prognostiziert, vergewaltigt er Mona, hält dies aber vor Big Boy geheim. Der erhält nach Hoovers Tod Anteile an seiner Ranch. Bei einem Streit mit seinem jüngeren Bruder wird Big Boy im Affekt erschossen. Während Mona trauernd am Grab zurückbleibt, macht Pete sich auf den Weg nach Kalifornien. 

Stärken

Sehr schön ist die Beschreibung der Männerfreundschaft, die an den französischen Thriller „Wenn es Nacht wird ins Paris“ erinnert. Ebenfalls fachgerecht wird der „Point of Attack“ etabliert, nämlich die Liebe zur gleichen Frau. Da ahnt man schon, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Das Drama wird durch die innere Stimme des Helden verstärkt, wodurch eine Synchronisation mit seinen Gefühlen und Suspense erzeugt wird. Denn von seiner Liebe zu Mona wissen nur die Zuschauer, der Held und Mona natürlich, allenfalls noch seine Freundin Josepha, die Pete durchschaut. All das schafft Spannung. Exzellent ist auch die Kameraarbeit mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen. Soweit, so gut.

Schwächen

Aber dann. Erst mal kommt der „Point of Attack“ ziemlich spät. Immer wieder verliert der Film sich in Plattheiten und Unglaubwürdigkeiten. Wieso verliebt Pete sich überhaupt in Mona? Dieses Gefühl wirkt mehr wie eine Obsession als eine Liebe. Erschwerend kommt hinzu, dass der Held seine Zurückweisung wie ein kleiner trotziger Junge zur Schau trägt. Das ist schon unfreiwillig komisch und auch nicht sonderlich glaubhaft. Üblicherweise würde man derartige Gefühle, vor allem angesichts dieser prekären Verflechtungen, doch verbergen. Nicht so Pete. In einer Barszene hängt er völlig fertig am Musikautomaten, während Big Boy sich mit Mona vergnügt und Josepha sich langweilt. Desgleichen als das Quartett nach einer Kneipenschlägerei nachts am Lagerfeuer seinen Sieg feiert. Da liegt Pete wie ein waidwundes Tier auf seiner Decke. Sehr merkwürdig auch die Vergewaltigung, die in Anwesenheit Josephas stattfindet. Auch Big Boy ist nicht weit weg. Ein derartiger Moment hätte eigentlich einer Intimität, einer Zweisamkeit bedurft. Auch die Tatsache, dass alle Protagonisten ständig frisch rasiert herumlaufen, trägt nicht gerade zur Authentizität und Glaubwürdigkeit bei. Hier hätte Stephen Frears sich durchaus an früheren Italowestern orientieren können.

Das mörderische Dreieck

Eine dramatische Dreiecksgeschichte beinhaltet eigentlich eine Lösung innerhalb seiner Strukturen. Auch deshalb ist der Brudermord ein erzählerischer Fehler. Zudem kommt er ziemlich überraschend und ist nicht wirklich vorbereitet. Wenn schon ein Externer herhalten muss, wäre Vorarbeiter Les, der mit Mona verheiratet ist, geeigneter gewesen. Der hatte seine Mordpläne im Vorfeld auch schon mehrfach angekündigt.

Lösungen

Eine Konzentration auf das Melodrama, auf die Dreiecksgeschichte. Der erste dramatische Höhepunkt müsste eher platziert werden. Die angesprochenen Plattheiten hätte man ganz einfach vermeiden können: Als Pete mit Big Boy und Mona zum Beispiel zerknirscht in der Kneipe am Musikautomaten hängt, wäre das Gegenteil besser gewesen. Er hätte den Fröhlichen, den Unbekümmerten mimen sollen. Die Zuschauer hätten ja über die innere Stimme seine wahre Befindlichkeit erfahren. Gerade dieser Kontrast hätte die emotionale Wirkung verstärkt. Außerdem hätte seine zur Schau getragene Fröhlichkeit und Intimität mit Josepha ja Monas Eifersucht provozieren können. Apropos Josepha. Sie hat eigentlich keine Handlungsrelevanz. Also streichen. 

Entscheidungen

Ein guter Erzähler hätte den Helden in eine Situation manövriert, in der er existenzielle Entscheidungen treffen muss: Entweder der Freund oder die geliebte Frau. Diese Entscheidungen werden Pete in dieser Geschichte durch den Brudermord leider abgenommen. Die schlimmstmögliche Situation – und die müsste ein guter Erzähler durchspielen – wäre eigentlich folgende gewesen: Im Schneesturm stürzt nicht Hoover vom Pferd, sondern Big Boy. Jetzt müsste Pete entscheiden, was schwerer wiegt, seine Männerfreundschaft oder seine Obsession. Das wäre der Gipfel des Dramas gewesen, nicht der Brudermord.

Romanverfilmung

Es mag ja sein, dass die aufgelisteten Schwächen schon im Roman enthalten sind. Das ist aber noch lange kein Grund, sie zu übernehmen. Eine kunstgerechte Adaption sollte immer die Defizite aussparen, das dramatische Potenzial ausreizen und auch anreichern. 

Fazit

Trotz einiger Vorzüge kommt „Hi-Lo Country“ insgesamt zu platt, unentschlossen und wirr daher, um tiefergehende Gefühle beim Zuschauer zu erzeugen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Hi-Lo Country" von Stephen Frears.

„Hi-Lo Country“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 7,99 Euro

Farbiges Logo von freenet Video.

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 8,99 Euro

Kinoplakate & Aushangfotos von „Hi-Lo Country“ bei

Nathalie

F 2003, Länge: 106 Min., FSK: 16
Produktion: France 2 Cinéma, DD Productions u.a.
Regie: Anne Fontaine
Drehbuch: Philippe Blasband, Jacques Fieschi u.a.
Kamera: Jean-Marc Fabre
Musik: Michael Nyman
Montage: Emanuelle Castro
Darsteller: Fanny Ardant, Emmanuelle Béart, Gérard Depardieu u.a.

Genre: Liebesgeschichte
Erzählmotiv: Versuchung
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): exzellent
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: sinnlich
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, ARTE
Datenträger: DVD

„Nathalie“ erzählt die Beziehungskrise eines wohlsituierten Ehepaares. Genau genommen ist es eine Dreiecksgeschichte, denn die Edelprostituierte Marlène fungiert als Katalysator im erstarrten Eheleben: eine Prostituierte als Therapeutin. Wie in ihrer späteren Liebeskomödie „Mein liebster Alptraum“ erweist Regisseurin Anne Fontaine sich auch hier als gute Beobachterin menschlichen Beziehungswirrwarrs. „Nathalie“ war auch die Vorlage für Atom Egoyans völlig verkorkstes Remake „Chloe“.

Die Geschichte

Gynäkologin Catherine arrangiert eine Überraschungsparty zum Geburtstag ihres Ehemannes Bernard. Der ist allerdings beruflich verhindert, behauptet er zumindest. Als Catherine eine anzügliche Nachricht auf dem Handy ihres Mannes abhört, stellt sie ihn zur Rede. Bernard streitet gelegentliche Seitensprünge gar nicht ab. Die hätten allerdings gar keine Bedeutung. In ihrer Kränkung kommt Catherine auf die Idee, ihren Ehemann zu testen. Sie engagiert die Edelprostituierte Marlène, die in einem Café unter dem Decknamen „Nathalie“ Kontakt mit Bernard aufnimmt. Anschließend berichtet sie ihrer Auftraggeberin von ihren amourösen Treffen. Catherine reagiert mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination, finanziert aber weiterhin diese Affäre, später auch ein Apartment der Prostituierten. Nachdem Catherine eines Abends auf einer Party wieder von Bernard versetzt wird, verbringt sie die Nacht mit dem Barkeeper. Im Café führt sie ein Treffen mit Bernard und Marlène herbei und muss überrascht feststellen, dass ihr Mann die junge Frau gar nicht kennt. Marlène hatte die erotischen Geschichten allesamt erfunden. Catherine fühlt sich einerseits hinters Licht geführt, andererseits aber auch erleichtert. Am Ende gehen Catherine und Bernard Hand in Hand an der Seine spazieren.

Stärken

Einer der großen Vorzüge dieses Films sind seine Andeutungen. Es wird viel über Erotik und Sexualität geredet, explizit gezeigt wird sie nur ein einziges Mal. Da schleicht Catherine in der Nachtbar in den ersten Stock und beobachtet Marlène und zwei Kolleginnen mit einem Freier. Das war’s. Ansonsten wird viel geredet und elliptiert. Nachdem Catherine sich zum Beispiel eher unsicher auf ihren One-Night-Stand eingelassen hat, gibt es einen Schnitt und wir sehen sie gutgelaunt am nächsten Morgen das Mietshaus verlassen. Was in der Zwischenzeit geschehen ist, dürfen wir uns vorstellen. Diese Andeutungen regen natürlich die Phantasie des Betrachters an, genauso wie Marlènes gesammelte Erotikmärchen. Das ist doch schön. Der Zuschauer ist gefordert und darf sich am Ende selbst dabei ertappen, dass er genauso wie Catherine ein Opfer verborgener Sehnsüchte ist. Auch wenn Catherine und Marlène nach ihrem Streitgespräch am Ende Zärtlichkeiten austauschen, bleibt ungewiss, ob es dabei geblieben ist. Vieles bleibt unserer (schmutzigen) Phantasie überlassen. 

Seitensprung

Der hat eine Mehrfachfunktion: Er zeigt einerseits, dass Catherine begehrenswert, dass sie nicht nur die Leidtragende ist. Vor allem überzeugt er sie von der Ausrede ihres Mannes, demnach diese Abenteuer keine Bedeutung hätten. Nun weiß sie es. In gewisser Weise sind sie nun quitt, die Voraussetzung für einen Neuanfang. Schön ist auch, dass es Marlène nicht nur ums Geld ging. Das wird am Schluss  deutlich, nicht nur als sie es erklärt. Ebenso deutlich wird ihre Einsamkeit: Im Grunde sehnt die schöne junge Frau sich nach einem Ehemann, der es Wert ist, in Versuchung geführt zu werden. Das ist ihre Eifersucht.

Suspense

Den gibt es, da nur die Zuschauer von Catherines Auftrag an Marlène wissen. Wir sind Geheimnisträger und das sorgt für Spannung. Andererseits werden wir genauso überrascht wie Catherine, dass sich die sexuellen Abenteuer als Fiktion herausstellen. In diesem Punkt gibt es keinen Suspense, was ausnahmsweise kein Nachteil ist. Denn die explizite Darstellung von Sexualpraktiken hätte – wie erwähnt – unsere Phantasie nicht in dem Maße gefordert. Es gibt einen Moment, in dem Catherine hätte stutzig werden können, und zwar als Marlène behauptet, beim Akt mit Bernard auf einem Hotelflur einen Orgasmus erlangt zu haben. Wie bitte? Eine Prostituierte, die bei einem Kunden zum Höhepunkt kommt?! Das hätte Catherine misstrauisch machen müssen. Aber manchmal ignoriert man ja alle Anzeichen eines Schwindels, weil man ihn gar nicht hören will. Marlène bringt es am Ende auf den Punkt: „Hätte ich die Wahrheit gesagt, hätten wir uns gar nicht mehr getroffen.“

Dramaturgie

„Nathalie“ bezieht seine Spannung aus dem Arrangement der beiden Frauen. Denkbar wäre natürlich gewesen, die Rolle der Prostituierten bedrohlicher zu gestalten. Also, welche zusätzlichen Gefahren hätten von Marlène ausgehen können? Sie hätte Catherine zum Beispiel erpressen können. Wenn Bernard von den Aktivitäten seiner Frau erfahren hätte, wäre es wohl endgültig um ihre Beziehung geschehen. Andererseits bekommt sie ja sowieso schon Geld von ihrer Auftraggeberin. Außerdem würde eine derartige Dramatisierung die Liebesgeschichte in zweifelhafte Gesellschaft bringen, nämlich in die von Machwerken wie „Eine verhängnisvolle Affäre“ oder eben diesem hanebüchenen Remake. Also, die Femme fatale, die am Ende dran glauben muss, um das verlogene Familiengebilde nicht zu gefährden. Davon sind die Franzosen – zum Glück – weit entfernt.

Fazit

Anne Fontaine gönnt ihren Protagonisten ein Happy End. Auch das passt zum Film und zur ganzen Stimmung. Beide haben etwas dazugelernt. Bernard wird wohl keine bedenkenlosen Seitensprünge mehr riskieren und Catherine hat gelernt, dass sie tatsächlich nicht viel bedeuten müssen. Manchmal im Gegenteil. Sie können einem Paar den Wert seiner langjährigen Beziehung vor Augen führen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Anne Fontaines „Nathalie“.

„Nathalie“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Farbiges Logo von ARTE mit rotem Schriftzug auf weißem Hintergrund.

Mediathek

Der Sommer mit Anaïs

F 2021, Länge: 99 Min., FSK: 12
Produktion: Année Zéro, Les Films Pelléas, Arte France Cinema
Drehbuch + Regie: Charline Bourgeois-Tacquet
Kamera: Noé Bach
Musik: Nicola Piovani
Montage: Chantal Hymans
Darsteller: Anaïs Demoustier, Valeria Bruni Tedeschi u.a.
Verleih: Prokino

Genre: Liebesfilm
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): ganz stark
Gegenspieler: leider nicht vorhanden
Stimmung: heiter bis tragikomisch
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, YouTube Store
Datenträger: DVD

„Der Sommer mit Anaïs“ ist ein schöner Liebesfilm mit einer originellen Protagonistin. Eigentlich ist es eine Vierecksgeschichte, die atmosphärisch an die Filme von Eric Rohmer erinnert, nur schneller, unkonventioneller und zeitgemäßer.

Die Geschichte

Anaïs ist schwanger. Ihre Entscheidung zur Abtreibung trifft sie ohne Freund Raoul. Anaïs hat keine Lust, sich zu binden. Sie lässt sich mehr oder weniger treiben und beginnt eine Affäre mit dem Verleger Daniel. Im Verlauf eines Besuchs bei ihren Eltern erfährt sie von der Krebserkrankung ihrer Mutter. In Daniels Wohnung zeigt Anaïs Interesse für dessen Ehefrau, der Schriftstellerin Emilie, deren Porträt an einer Wand hängt. Bei einer Zufallsbegegnung hat Anaïs den Mut, sie anzusprechen. Während eines literarischen Kolloquiums kommen beide sich näher. Anaïs ist die treibende Kraft einer sommerlichen Affäre, die in einer Liebesszene am Strand ihren Höhepunkt findet. Wochen später treffen beide Frauen sich in einem Hotel. Aus Vernunftgründen will Emilie die Affäre beenden, kann aber letztlich den Avancen der Geliebten nicht widerstehen. Am Ende verschwinden beide in einem Hotelzimmer.

Stärken

Die Hauptfigur erinnert ein wenig an Poppy aus „Happy-Go-Lucky“ von Mike Leigh, die ebenso unbekümmert wie neugierig und gesprächig durchs Leben mäandert. Schon in der Eröffnungsszene gelingt es Anaïs, mit einem charmanten Redeschwall von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Mit ihrer überbordenden Energie ist sie ebenso unwiderstehlich wie anstrengend, aber immer sympathisch und interessant. So weiß sie nicht recht, was sie will, findet aber Leute gut, die wissen, was sie wollen. Manchmal weiß sie es aber doch, zum Beispiel als sie sich Emilie annähert. Da hat sie den Mut, alle Regeln über den Haufen zu werfen. Anaïs sorgt dafür, dass diese Liebe zustande kommt und eine Zukunft hat. Sie ist eine faszinierende Protagonistin. Zudem ist diese Liebesgeschichte sehr konzentriert erzählt. Anaïs ist in jeder Einstellung präsent. Auch dadurch kommt der Film seiner Hauptfigur ganz nahe.

Schwächen

Der Zufall ist immer ein erzählerisches Manko. Am besten, man benötigt ihn gar nicht. Wenn schon, dann am Anfang einer Geschichte (s.a. „Juror#2“ oder „Die Filzlaus“), weil man ihn dann am ehesten akzeptieren kann. In „Der Sommer mit Anaïs“ läuft die Heldin ihrem Zielobjekt ungefähr zur Hälfte des Geschehens zufällig über den Weg. Die Lösung wäre eigentlich ganz einfach gewesen: Die zufällige Begegnung einfach streichen. Aus der Teilnehmerliste des literarischen Kolloquiums, das der Doktorvater ihr anträgt, erfährt Anaïs von Emilies Teilnahme. Also, nix wie hin. Problem gelöst. 

Gefahren

Des Weiteren hätte man die Gefahrenmomente für die Heldin erhöhen können oder sollen. Da wären zum einen die existenziellen Probleme. Hier könnte man sich zum Beispiel eine weniger verständnisvolle Hausverwalterin vorstellen. Also, eine Steigerung des Drucks. Zum zweiten die Konsequenzen der Enttarnung eines lesbischen Verhältnisses. Wir befinden uns zwar im freizügigen Frankreich, aber trotzdem könnten Verwandte oder Freunde den Liebenden zumindest das Leben erschweren, wenn nicht gar die Hölle heiß machen. In jedem Fall sollten diese dramatischen Ereignisse auch eher ins Spiel gebracht werden. 

Fazit

„Der Sommer mit Anaïs“ ist ein beschwingter Liebesfilm mit tragikomischen Einschüben, der sehr schön die vibrierende Annäherung zweier Liebenden beschreibt. Das Richtige für nasskalte, graue Wintertage.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für „Der Sommer mit Anaïs“.

„Der Sommer mit Anaïs“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Get it on Google Play

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Neue Filme & Bücher
bei Media-Dealer + bücher.de

Banner_468x60

DVD bei Media-Dealer: 10,97 Euro

Farbiges Cover eines DVD Datenträgers von Charline Bourgeois-Tacquets "Der Sommer mit Anaïs".

Begegnung

GB 1945
Länge: 85 Min., FSK: 16
Produktion: Cineguild
Regie: David Lean
Drehbuch: David Lean, Noel Coward
Kamera: Robert Krasker
Musik: Sergei Rachmaninow
Montage: Jack Harris
Darsteller: Celia Johnson, Trevor Howard u.a.

Genre: Melodrama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: genial
Held(en): exzellent
Gegenspieler: Eheverhältnisse
Stimmung: melodramatisch
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Begegnung“ ist ein konzentriertes, schnörkelloses Melodrama, das zu David Leans besten Filmen zählt, bevor er mit ausschweifender Opulenz („Reise nach Indien“) und hemmungsloser Gigantomanie („Lawrence von Arabien“) auf Abwege geriet. Der Film beruht auf einem Theaterstück von Noël Coward, der auch am Drehbuch beteiligt war und behandelt ein klassisches Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Laura Jesson (grandios: Celia Johnson), die verheiratet ist, zwei Kinder und eine Affäre hat. Die innere Stimme der Protagonistin verleiht dem Film etwas Literarisches und gewährt tiefe Einblicke in ihr Seelenleben. Auch 80 Jahre nach seiner Entstehung hat dieses Liebesdrama etwas sehr Modernes. Das liegt zum einen natürlich an der weiblichen Perspektive, sich in jener Zeit auf etwas einzulassen, was gegen gesellschaftliche Konventionen verstieß. Zum anderen an der Machart, an der Erzählweise, der Montage, der Kameraarbeit mit Traumsequenzen und ungewöhnlichen Nahaufnahmen sowie der Filmmusik.

Suspense

Laura, Ehefrau und Mutter, erlebt etwas, was sie sich nie hätte vorstellen können: Sie verliebt sich in einen anderen Mann. Dieses Geheimnis belastet und quält sie. Laura wünscht sich eine Freundin, der sie alles anvertrauen könnte. Hat sie aber nicht. Im Grunde wäre ihr Ehemann, der gutmütige und großzügige Fred, der einzige, dem sie von ihrer großen Liebe erzählen könnte. Aber das tut sie natürlich nicht, um ihn nicht zu verletzen. Einmal, ganz am Anfang ihrer Affäre, erzählt sie Fred beiläufig von ihrer Begegnung mit einem fremden Mann. Das ist Alec, der später ihr Geliebter wird. Aber Fred scheint nicht richtig zuzuhören, ist mit anderen Dingen beschäftigt. Vielleicht will er auch lieber nichts davon hören. Jedenfalls hakt er nicht nach, stellt keine Fragen. Wem soll Laura also ihren Zwiespalt anvertrauen? Richtig, den Zuschauern. Das ist genial gemacht. Das ist Suspense! Das sorgt für Spannung.

Die Liebe

Einmal in der Woche fährt Laura in die nahegelegene Stadt. Am Bahnhof gerät das Staubkorn einer vorbeifahrenden Lokomotive in ihr Auge. Im Wartesaal hilft ihr der anwesende Arzt Dr. Alec Harvey – der Beginn einer großen Liebe. Es sind Seelenverwandte, die sich hier begegnen und doch keine Chance haben. Auch Alec ist durch Frau und Kindern gebunden. Trotzdem fühlen sich beide so zueinander hingezogen, dass sie sich auf diese „Begegnung“ einlassen. Er hat Humor und macht ihr eine wunderschöne Liebeserklärung, die zeigt, dass er sie als Mensch wahrgenommen hat. Die anfängliche Unbekümmertheit weicht einer unheilvollen Ahnung: „Da bekam ich zum ersten Mal das Gefühl einer drohenden Gefahr.“ Ab diesem Moment zelebriert David Lean die innere Zerrissenheit, die Ausweglosigkeit der Heldin: „Wir werden nie unbeschwert sein“. Aus kleinen Ausreden werden Lügen, aus Sorgen Schuldgefühle, aus drohenden Enttarnungen resultieren Demütigungen. Besser kann man eine Protagonistin eigentlich nicht in die Enge treiben. Die Synchronisation mit ihrer Gefühlswelt lässt uns an ihrer emotionalen Achterbahnfahrt teilhaben. Mehr geht nicht.

Nebenerzählstrang

David Lean kontrastiert das Melodrama mit einer kleinen humorvollen Liebesgeschichte. Während Laura und Alec zunehmend deprimiert im Wartesaal des Bahnhofs nebeneinander sitzen, versucht der charmante Bahnhofsvorsteher sich hartnäckig der bärbeißigen Wirtin anzunähern. Das ist zum einen witzig und sorgt für Leichtigkeit, zum anderen intensiviert der Kontrast die Gefühlswelten der Liebespaare: Je unbeschwerter die Episode im Hintergrund, umso dramatischer die eigentliche Liebesgeschichte.

Form

David Lean hatte vor seinen ersten Filmen als Kameraassistent und Cutter gearbeitet. Das spürt man. „Begegnung“ beginnt mit dem Ende, mit der Trennung. Man sieht Laura und Alec eng beieinander und traurig im Wartesaal des Bahnhofes. Wir wissen noch nicht, warum sie so betrübt sind, aber wir hängen am Haken. Man will eine Antwort auf diese Frage. Produktive Irritation. Dann kommt die Nervensäge, die Quasselstrippe in Gestalt von Dolly. Für die Liebenden das Schlimmstmögliche. Als Laura zu Hause bei Mann und Kindern ist, kommt die Rückblende, die Geschichte. Hätte David Lean den Film chronologisch erzählt, dann wäre erstmal wenig passiert. Die nicht-chronologische Erzählweise ist also keine Attitüde, sie dient dem Spannungsaufbau.

Schwächen

Singular. Es gibt nur einen: Das sind Lauras Kinder oder besser ihre Abwesenheit. Im Grunde tauchen sie nur einmal auf, als die frisch verliebte Laura nach Hause kommt und Sohn Bobby einen Unfall hatte. Sofort wird sie natürlich von Schuldgefühlen übermannt. Das ist hervorragend gemacht und verdeutlicht ihren inneren Zwiespalt. Leider sind im weiteren Verlauf ihre Kinder kein Thema mehr. Das ist aber nicht glaubhaft und auch nicht dramatisch. Ihre existenzielle Frage lautet doch: Entscheide ich mich für die Liebe meines Lebens oder für Ehemann und Kinder. Entweder oder. Beides geht nicht. Da hätte Laura der drohende Verlust ihrer Kinder natürlich das Leben zusätzlich erschwert. Clint Eastwood hat es in seinem Melodrama  „Die Brücken am Fluss“ demonstriert. Francesca kann es nicht übers Herz bringen, ihre Kinder zu verlassen. Wenn es „nur“ um den Ehemann ginge, wäre ihre Zwangslage weniger dramatisch, hätte sie sich vielleicht für den Geliebten entschieden. Aber so …

Fazit

Am Ende bleibt alles, wie es ist. Nicht ganz, denn Laura wird sich an jede Minute dieser „Begegnung“ erinnern, an das beglückende genauso wie an das schmerzhafte. Auch Fred zeigt mit seinem Schlusssatz, dass er vielleicht doch nicht so ahnungslos war, wie es den Anschein hat: „Du bist so weit weg gewesen. Danke, dass du zurückgekommen bist“. Ein zeitloses, geniales Melodrama mit einer herausragenden Hauptdarstellerin. Viel besser geht’s nicht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für David Leans Begegnung.

Neue Filme & Bücher
bei jpc + bücher.de

Blu-ray bei jpc: 10,99 Euro

Schwarzweiß Cover einer Blu-ray von David Leans "Begegnung".

DVD bei jpc: 11,99 Euro

Schwarzweiß Cover einer DVD von David Leans "Begegnung".

Kinder des Olymp

Angesichts der zeitgeschichtlichen Umstände kann man die Produktion dieses Meisterwerks als wahres Husarenstück bezeichnen. Unter den argwöhnischen Augen der nationalsozialistischen Besatzer gelang Regisseur Marcel Carné und seinem Drehbuchautor Jacques Prévert gegen Ende des 2. Weltkriegs ein packendes Melodrama. Nach den Auflagen der Nazis durften Spielfilme keine politischen Inhalte haben und nicht in der Gegenwart spielen. Also verlegten die Filmemacher das Geschehen ins Pariser Theatermilieu des 19. Jahrhunderts. Außerdem gelang es ihnen, eine Fülle von Künstlern ins Spielgeschehen zu integrieren, um sie vor einer Deportation ins Arbeitslager zu bewahren. Aus dieser Schutzmaßnahme resultiert das brodelnde Leben auf den Straßen des Films, das einem unentwegten Jahrmarktstrubel gleicht. Aus heutiger Sicht mutet „Kinder des Olymp“ wie ein opulenter Fantasyfilm an, der mit seinem zeitlosen Thema und starken Frauenfiguren gleichzeitig sehr modern wirkt.

Erzählmotiv

Das klassische Erzählmotiv von „Kinder des Olymp“ ist „Die unmögliche Liebe“ („Romeo und Julia“, „Die Brücken am Fluss„, „La Strada“ usw.) Wieso ist ein klassisches Erzählmotiv überhaupt so wichtig? Weil es archaische Erzählstrukturen gibt, die das notwendige dramatische Potenzial für eine funktionierende Geschichte enthalten (s.a. „Stoffe der Weltliteratur“ von Elisabeth Frenzel). Klassische Erzählmotive sind wie Räder, mit denen man ein Gefährt zum Laufen bringen kann. Ohne Räder wird es schwierig, dieses Vehikel zu bewegen.  

Die Geschichte

Ein amouröses Sechseck. Weibliche Hauptfigur ist die schöne Garance (Arletty), die gleich von vier Männern umworben wird: Da ist zum einen der draufgängerische, witzige, manchmal auch zynische Schauspieler Frédéric Lemaître (Pierre Brasseur), dann der zwielichtige, kriminelle Möchtegern-Dichter Pierre-Francois Lacenaire (Marcel Herrand), der wohlhabende, arrogante Graf Edouard de Monteray (Louis Salou) sowie der verträumte Pantomime Baptiste Debureau (Jean-Louis Barrault). Komplettiert wird das Sextett durch die Schauspielerin Nathalie (Maria Casarès), die Baptiste abgöttisch liebt und seine Ehefrau wird.

Die erste Begegnung

Tiefere Gefühle empfindet Garance aber nur für Baptiste, der Liebe ihres Lebens. Ihr Aufeinandertreffen ist eine der schönsten Meetingszenen der Filmgeschichte: Baptiste sitzt auf einer Bühne vor dem Théâtre des Funambules. Während sein Vater wortreich das abendliche Stück anpreist, wird einem Zuschauer die Taschenuhr gestohlen. Die unschuldige Garance gerät in Verdacht, steht sie doch genau neben dem Opfer des Diebstahls. Ein herbeigeeilter Polizist verhört den Bestohlenen und Zeugen. Aber der Einzige, der den wahren Täter beobachtet hat, ist Baptiste. Der liefert nun mit einer pantomimischen Einlage und zur Erheiterung des Publikums eine Schilderung des Tathergangs. Garance ist zutiefst berührt, hat Baptiste doch nicht nur ihre Unschuld bewiesen, sondern sie auch zum Lachen gebracht und ihre Gefühle geweckt. Auch Baptiste ist von der fremden Schönen fasziniert, die er am Ende im Karnevalstreiben aus den Augen verliert.

Der Traum

Während bei anderen Beispielen dieses Erzählmotivs die äußeren Umstände und Widrigkeiten eine Liebe unmöglich machen, sind es in „Kinder des Olymp“ die inneren Widerstände. Die Liebe zwischen Garance und Baptiste funktioniert nur, weil es ein Kommen und Gehen gibt, weil sie eigentlich gar nicht zusammenkommen wollen. Die Liebe als Traum. Eine dauerhafte Beziehung würde das Ende dieses Traums bedeuten, was beide zumindest ahnen oder fühlen. Vor allem der träumerische Baptiste personifiziert diese Variante des Erzählmotivs.

Suspense

Immer wieder hat der Zuschauer mehr Informationen als Teile der handelnden Personen. Es gibt bei einer Aufführung im Funambules eine wundervolle pantomimische Szene, in der Baptiste sich aus Liebeskummer mit einem Seil erhängen will. Irgendwann schaut er zur Seite und sieht hinter den Kulissen Garance und Frédéric im vertrauten Tête-à-tête. Sein Gesicht erstarrt. Nur der Zuschauer und seine Ehefrau Nathalie werden Zeuge seiner wahren Gefühle. Das ist Suspense! Später vertraut der Kleiderhändler Jericho Nathalie an, dass ihre Rivalin wieder nach Paris zurückgekehrt ist. Wir wissen es vor den Liebenden, womit die Spannung geschürt wird. 

Die Dialoge

Geredet wird viel und manchmal etwas theatralisch. Aber wenn man sich auf dieses Stilmittel eingelassen hat – immerhin befinden wir uns im Theatermilieu -, dann geht es zur Sache. Die Dialoge sind schonungslos, ehrlich, manchmal auch doppeldeutig oder sarkastisch, aber nie langweilig. „Wenn du mich lieben würdest, würdest du nicht so viel Witze machen“, bringt Garance ihr Verhältnis zu Frédéric auf den Punkt. Später belehrt sie Baptiste: „Liebe ist doch so einfach“, um dann bis zum Ende exakt das Gegenteil zu praktizieren.

Dramatisch ist auch die Szene, als Nathalie ihren Mann mit Garance in der Pension überrascht. Sie könnte zutiefst verletzt einfach fliehen. Aber Carné benutzt diesen Moment zur schonungslosen Konfrontation: „Antworte mir, Baptiste. Hast du wirklich immer an sie gedacht, sogar in der Nacht?“ Sein Schweigen ist beredt. Dann wendet Nathalie sich an Garance: „Sie gehen, man trauert Ihnen nach, aber zu bleiben, das ist etwas anderes.“ Nun hat die Liebhaberin Gelegenheit, Nathalie aufzuklären: „Auch ich war jeden Tag bei ihm.“ 

Fazit

Das Melodrama ist den mittellosen Zuschauern des damaligen Theaters gewidmet, die auf den billigen Plätzen in den obersten Reihen saßen (französisch: „paradis“). Auch 80 Jahre nach seiner Herstellung hat „Les enfants du paradis“ nichts von seiner emotionalen Kraft eingebüßt. Ganz großes Kino!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 7 blaue Smileys und 0 schwarze traurige Gesichter für Marcel Carnés Kinder des Olymp.

„Kinder des Olymp“ online streamen bei

Get it on Google Play

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 11,99 Euro


DVD’s und Blu-rays von „Kinder des Olymp“ neu und gebraucht auf

Farbiges Logo von ebay.

Gebrauchte Filme & Bücher bei

Kinoplakate & Aushangfotos von „Kinder des Olymp“ bei

Blue Bayou

„Blue Bayou“ ist ein berührendes Melodrama mit authentischen Figuren und einer einfachen Geschichte nach wahren Begebenheiten: Dem aus Korea stammenden verheirateten Antonio droht die Abschiebung aus den USA, obwohl er dort seit 30 Jahren lebt und mit seiner Frau Kathy eine gemeinsame Tochter hat. Der Film ist psychologisch sehr gut gemacht. Die Handlungen der Protagonisten sind stets nachvollziehbar. Die Schauspieler sind hervorragend besetzt, allen voran die kleine Jessie (Sydney Kowalske), Kathys erste Tochter aus einer vergangenen Beziehung.

Erwartungshaltung

Immer wieder werden unsere Erwartungen durchbrochen und das ist gut so. Warum? Weil es sonst langweilig werden würde. Antonio sieht aus wie ein Gangster und bestätigt dieses Klischee, wenn er mit seiner Gang Motorräder klaut. Ansonsten ist er aber weich, kinderlieb und zärtlich zu seiner Frau. Er ist ein Traumatisierter, der sich nach und nach den Dämonen seiner Vergangenheit stellt. Streifenpolizist Ace, Jessies Vater, agiert anfangs ähnlich tumb wie sein Partner. Aber er entwickelt sich. Ace bereut sein Weggehen, versucht sich wieder einzubringen, wendet sich am Ende gegen seinen Partner und kämpft um seine leibliche Tochter. Auch das ist eine Wendung.

Kitsch

In etlichen Filmkritiken wird „Blue Bayou“ Kitsch vorgehalten (schreibt da eigentlich der eine vom anderen ab?). Was ist das überhaupt – Kitsch? Duden: „aus einem bestimmten Kunstverhältnis heraus als geschmacklos empfundenes Produkt der darstellenden Kunst …“. Alles klar?

Definition

Wenn wir zum Beispiel ein Liebespaar vor einem Sonnenuntergang sehen und der Mann haucht ein „ich liebe dich“ ins Ohr der Angebeteten, dann ist das wohl kitschig. Wenn Enkelsohn Danny in „Thelma – Rache war nie süßer“ seiner Oma auf einer Parkbank eine Liebeserklärung macht, dann ist das kitschig. Beide Situationen haben etwas Oberflächliches und Künstliches. Sie stimmen nicht und können deshalb auch keine echten Gefühle hervorrufen. Darum ginge es aber (u.a.) beim Erzählen von Geschichten.

Emotionen

Weil „Blue Bayou“ es schafft, tiefergehende Gefühle zu erzeugen, ist er auch nicht kitschig. Er ist berührend und hat damit ein wesentliches Ziel erreicht. Warum diese Berührungsängste mit Gefühlen? Genauso könnte man ja anderen melodramatischen Meisterwerken, wie „La Strada“ oder „Die Brücken am Fluss“ usw., die Erzeugung von Emotionen vorhalten, was schlichtweg Unfug ist. Im Grunde sind sie ein Qualitätsmerkmal, dessen Gelingen man anerkennen müsste.

Showdown

Das Ende von „Blue Bayou“ ist hochdramatisch. Bei Antonios Abschiebung auf dem Flughafen stößt auch Kathy mit ihren beiden Töchtern dazu, um ihn in die Fremde zu begleiten. Auch Ace ist mit von der Partie. Jetzt trifft Antonio eine Entscheidung, die ihm das Herz bricht, aber letztlich seinen Töchtern und auch seiner Frau ein besseres Leben ermöglicht. Er verlässt allein das Land, in dem er über 30 Jahre gelebt hat und in das es nun keine Rückkehr mehr geben wird. In Südkorea würden sie als unwillkommene Ausländer in unsicheren Verhältnissen leben. Antonio bringt ein Opfer, um Frau und Kinder zu schützen. Das ist das Drama. Jetzt ist er erwachsen geworden. 

Schwächen

Ein Schwachpunkt ist die männliche Hauptperson. Sie weckt teilweise nicht die Emotionen, die sie hervorrufen könnte. Antonio ist in erster Linie Opfer seiner Vergangenheit, fast ertränkt von der eigenen Mutter, misshandelt von den Pflegeeltern. Stets haben andere über sein Schicksal bestimmt. Er macht zu wenig Fehler, um ein veritabler Held zu sein („Es ist die Ehre großer Charaktere, schuldig zu sein“ Hegel). Ein einziges Mal ergreift Antonio in der Filmhandlung richtig die Initiative, als er bei seiner Abschiebung die Trennung von Frau und Kindern herbeiführt. Diese Passivität mag auch in der Mehrfachfunktion des Regisseurs begründet sein, der außerdem noch die Rolle des Drehbuchautors und des männlichen Helden innehat. Eine Konzentration auf das Regiefach wäre besser gewesen. 

Suspense

„Blue Bayou“ hat die selbe Spielanordnung wie „Die Brücken am Fluss“: Eine Beziehungsgeflecht von drei Erwachsenen und zwei Kindern. Aber in Clint Eastwoods Meisterwerk wird sofort eine Suspense-Geschichte etabliert: Der Ehemann fährt mit den beiden Söhnen für vier Tage auf eine Viehauktion. Diese Drei haben weniger Informationen als das Liebespaar und die Zuschauer. Das schafft die Spannung. Man weiß um die Unmöglichkeit dieser Liebe, hofft dennoch auf einen glücklichen Ausgang und zittert mit Francesca und Robert mit. Das ist konzentriert und perfekt konstruiert.

Informationsfluss

In „Blue Bayrou“ hat der Zuschauer einmal einen Informationsvorsprung gegenüber anderen Protagonisten, und zwar als Antonio sich am Motorraddiebstahl beteiligt. Ein Geheimnis, das relativ schnell enttarnt wird. Insgesamt erweckt der Film den Eindruck, als habe er sich eng an eine authentische Vorlage gehalten. Diese Orientierung an tatsächlichen Ereignissen birgt immer eine Gefahr in sich: Im Zweifelsfall wird ein Filmemacher nämlich nicht von ihnen abweichen. Schließlich ist die Geschichte ja so passiert. Aber die Form des fiktionalen Films benötigt im Idealfall auch Suspense, d.h. gestalterischen Spannungsaufbau und die kommt in diesem Melodrama zu kurz.

Lösung

Bei einem Zwischenfall im Supermarkt, der letztlich zum Konflikt mit der Ausländerbehörde führt, hätte Antonio allein sein müssen, ohne Kathy und Jessie. Die drohende Abschiebung hätte er vor beiden geheimhalten müssen. Diese Szene hätte auch eher positioniert werden müssen. Dann wäre es von Anfang an eine Suspense-Geschichte gewesen. Wir hätten Antonios Schweigen zwar nicht gutgeheißen, aber verstanden. Dann hätten wir richtig mit ihm mitfiebern können.

Fazit

„Blue Bayou“ ist ein packendes Melodrama, das psychologisch sehr gut konstruiert ist. Schwächen im Spannungsaufbau tun dem positiven Gesamteindruck keinen Abbruch.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Blue Bayou.

„Blue Bayou“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen (4K): 3,99 Euro
Kaufen (4K): 9,99 Euro

Farbiges Logo von freenet Video.

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 10,99 Euro


DVD’s, Blu-rays, Audio CD’s von „Blue Bayou“ neu und gebraucht auf

Farbiges Logo von ebay.

Gebrauchte Filme & Bücher bei

DVD: gebraucht ab 8,31 Euro

Farbiges Cover einer DVD von Justin Chons "Blue Bayou".

Kinoplakate & Aushangfotos von „Blue Bayou“ bei

Ein kleines Stück vom Kuchen

Das Adjektiv im Filmtitel hat aber auch gar nichts mit der Qualität dieses Melodramas zu tun. „Ein kleines Stück vom Kuchen“ erzählt die Liebesgeschichte zwischen der 70-jährigen Mahin und dem gleichaltrigen Faramarz und ist ganz großes Kino. Tolle Schauspieler, eine originelle Liebesgeschichte, ein klassisches Erzählmotiv, sehr konzentriert, ohne Schnickschnack – grandios. Die Regisseure haben auch eine hervorragende Beobachtungsgabe. Nicht nur das Kaffeekränzchen der alten Damen in Mahins Haus ist umwerfend inszeniert. Ihre Einsamkeit ist genauso lebendig eingefangen wie die Spontanparty.

Die Geschichte

Mahin lebt allein in ihrem Haus in Teheran. Tochter und Enkelkinder sind im Ausland, der Ehemann bereits vor Jahrzehnten gestorben. Beim Kaffeetrinken mit Freundinnen und beim Anschauen von Liebesschnulzen werden ihre Sehnsüchte transparent. In einem Lokal für Rentner nimmt Mahin ziemlich unverblümt Kontakt mit dem gleichaltrigen Taxifahrer Faramarz auf, von dem sie sich schließlich nach Hause kutschieren lässt. Bei heimlich gebunkertem Wein, Essen und Musik kommen sich beide langsam näher. Geheimnisse müssen sie nicht mehr voreinander haben. So mündet die feucht-fröhliche Sause in einer legendären Duschszene, bei der beide ihre Kleidungsstücke noch tragen. Leider erleidet Faramarz in ihrem Bett einem Herzanfall, woraufhin Mahin den Geliebten in ihrem Garten verbuddelt.

Die Figuren

Mahin ist etwas füllig, schläft nachts schlecht, findet erst in den Morgenstunden zur Ruhe. Sie ist mutig und sagt, was sie denkt. Ihre Zivilcourage bewahrt eine junge Frau vor dem Zugriff der Sittenpolizei. Mahins Annäherungsversuche ans andere Geschlecht sind eher direkt. Im Taxi des Auserwählten steigt sie vorne ein, nicht hinten. Von Schüchternheit keine Spur. Sie ist eine echte Heldin, interessant, originell und unvergesslich.

Auch wenn Faramarz anfangs etwas zurückhaltend wirkt, steht er ihr in nichts nach. Er hat Humor, ruht in sich und lässt sich auf dieses kleine Abenteuer ein. Das ist schön. Hätte er ja auch ablehnen können. Er kauft Viagra, das ihm später mit zum Verhängnis wird, und macht ihr eine Liebeserklärung: „Du bist wunderschön.“ Verliebte auf einer Wellenlänge, Seelenverwandte: „Wenn jetzt die Sittenpolizei kommt.“ – „Was sollen die uns schon anhaben?“ – „Sie könnten uns zwangsverheiraten.“ Gemeinsames Gelächter, in das man nur einstimmen kann.

Schwachpunkte

Die feucht-fröhliche Atmosphäre ist vielleicht etwas lang geraten? Hier hätte man sich schon kleine oder größere Störungen vorstellen können. Vielleicht hätte die neugierige Nachbarin noch mal aufkreuzen können? Vielleicht die Sittenpolizei oder eine besorgte Freundin? Aber der eigentliche Fehler ist die Ignoranz ihrer Zukunftspläne, die sie im angeheiterten Zustand schmieden. Faramarz erzählt nämlich, wie er früher mal verbotenerweise Wein hergestellt hat. Die Krüge hat er im Erdreich deponiert, wo sie vor der Sittenpolizei sicher waren und der Wein fermentieren konnte. Das hätte das letzte Bild sein müssen: Mahin vergräbt Weinkrüge in seinem Grab – da, wo der Traubensaft am besten gärt. Ihr gemeinsames Projekt, das auch nach seinem Tod weiterlebt.

Finale

„Es ist die schönste Nacht meines Lebens“ konstatiert Faramarz, um kurz darauf das Zeitliche zu segnen. Ein schöner Tod, nur nicht für die Hinterbliebenen. Ein Stück von ihrer Torte, die sie immer für besondere Anlässe serviert, kommt für ihn zu spät. Faramarz bekommt kein kleines Stück mehr vom Kuchen. Aber wir, die Zuschauer, haben ein großes Stück von der Torte bekommen. Ganz anders als in „Wolke 9“ von Andreas Dresen, der ebenfalls die Liebesgeschichte eines älteren Paares erzählt. Ein langweiliger, zutiefst deprimierender, furchtbarer Film, der Suizidgedanken aufkommen lässt.

Fazit

„Ein kleines Stück vom Kuchen“ ist heiter und traurig, aber er lässt uns nicht deprimiert zurück. Im Gegenteil. Trotz des dramatischen Endes strahlt diese Liebesgeschichte von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha eine unglaubliche Lebenskraft aus. Null Punkte auf der Defätismusskala.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Ein kleines Stück vom Kuchen.

„Ein kleines Stück vom Kuchen“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen: 4,99 Euro
Kaufen: 11,99 Euro

Farbiges Logo von freenet Video.

Leihen: 4,99 Euro
Kaufen: 13,99 Euro

In blau, schwarz und weiß gestaltetes Logo von Videobuster.

Leihen: 3,49 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Neue Filme & Bücher
bei Media-Dealer + bücher.de

Blu-ray bei Media-Dealer: 17,99 Euro

Farbiges Cover einer Blu-ray von Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen".

DVD bei Media-Dealer: 15,97 Euro

Farbiges Cover einer DVD von Maryam Moghaddams und Behtash Sanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen".

Berüchtigt

„Berüchtigt“ (Notorious) von Alfred Hitchcock ist kein Krimi, auch kein Drama, am ehesten noch ein Spionagethriller, eigentlich aber ein Thrillermelodrama. Im Fokus stehen nämlich die Liebesgeschichte zwischen dem Geheimagenten Devlin (Gary Grant) und Alicia Huberman (Ingrid Bergmann) sowie die Gefahren, die aus ihrem Undercover-Einsatz resultieren. „Berüchtigt“ ist eines von Hitchcocks Meisterwerken und beruht auf einer Kurzgeschichte des Journalisten John Taintor Foote. Das Script stammt vom US-amerikanischen Autor Ben Hecht, der das Geheimnis guter Drehbücher wie folgt definiert hat: „Zwei Hunde, ein Knochen.“ „Berüchtigt“ ist eine Visualisierung seines Postulats, sowohl auf der Ebene des Melodramas als auch auf des Thrillers.

Die Geschichte

Der US-amerikanische Geheimdienst sucht Zugang zu einer Gruppe von Neonazis, die in Rio ihr Unwesen treibt. Agent Devlin wird auf die hübsche Alicia Huberman angesetzt, Tochter eines verstorbenen Nazis. Der ideale Köder. Die lässt sich auf das Doppelspiel ein. Zum einen will sie wieder gutmachen, was ihr Vater verbrochen hat, zum anderen verliebt sie sich in Devlin. In Rio lautet ihr Auftrag, sich an Alexander Sebastian, den Kopf der Naziclique, heranzumachen. Der Plan scheint aufzugehen, bis Alexander sie zur Heirat nötigt. Aus unterschiedlichen Gründen stellen Alicia und Devlin ihre Gefühle zurück. Die Heirat wird vollzogen. Doch Alexander kommt hinter das doppelte Spiel seiner Ehefrau und beginnt, in Zusammenarbeit mit seiner Mutter, Alicia zu vergiften. Im letzten Moment kann der misstrauische Devlin die Geliebte retten.

Klassisches Erzählmotiv

Meister Hitchcock wusste um das dramatische Potenzial der Vorlage: Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander. Aus beruflichen Gründen muss er sich von ihr trennen, indem er sie einem anderen Mann zuführt. Das ist das Drama: Die Unmögliche Liebe (s.a. „Die Brücken am Fluss“, „La Strada“ usw.). Hier ein Konflikt zwischen Liebe und Pflichterfüllung. Für einen frühen Ausstieg aus den beruflichen Zwängen hätte ihre Liebe ein anderes Fundament bedurft, mehr Sicherheit, auch eine andere Zeit. Aber so müssen beide die größtmögliche Prüfung absolvieren. So hat Devlin eine Schuld auf sich geladen. Er war es, der Alicia zum Pakt mit dem Teufel verführt hat. Am Ende von „Berüchtigt“ gönnt Hitchcock dem Liebespaar ein Happy End, eine Wendung also. Aus der unmöglichen Liebe wird die mögliche: „Ich lass dich nie mehr allein.“ Das ist schön und haben sich beide auch verdient.

Suspense

Selbstredend gestaltet Hitchcock den Informationsfluss so, dass wir (die Zuschauer) die meiste Zeit mehr wissen, als Teile der handelnden Personen. Wir kontrollieren sozusagen das Geschehen. Wenn Alicia mit Alexander anbändelt, wissen wir um die Hintergründe. Vor allem wissen wir um die tödlichen Gefahren, die eine Enttarnung ihres Doppelspiels implizieren. Diese Gefahren werden von Hitchcock zum Teil genüsslich retardiert. Wenn sich beim Empfang in Alexanders Villa der Vorrat von auf Eis gelagerten Champagnerflaschen dem Ende zuneigt, wissen wir um die Konsequenzen. Denn der Schlüssel zum Weinkeller befindet sich gerade in Devlins Händen. Die Zwischenschnitte auf den schrumpfenden Vorrat sind das Damoklesschwert, das dicht über den Köpfen der Liebenden schwebt. So ist das richtig: Keine Rätselspiele, sondern Suspense

Die Figuren

Schon toll, wie Alicia als Femme fatale inszeniert wird: trinkfreudig, spitzzüngig und leicht bekleidet. Im Grunde eine sehr moderne Frauenfigur. Sehr schön sind auch ihre Ängste, dass Devlin sie in erster Linie als geeigneten Köder und als Schnapsdrossel sehen könnte. In gewisser Weise steht Devlin seiner interessanten Partnerin in nichts nach. Obwohl auch er sich sofort verliebt hat, verschanzt er seine Gefühle hinter dem Spionageauftrag: „Wisch die Tränen ab. Sie passen nicht zu dir.“ Die Offenbarung seiner Gefühle lässt er nicht zu, noch nicht. Die Wahrung der Fassade, die sich in Bitterkeit und Verachtung ausdrückt, lässt ihn schließlich verzweifeln. Er beantragt seine Versetzung nach Spanien. Erst im letzten Moment siegt sein Misstrauen: Sollte es andere Gründe für Alicias merkwürdiges Verhalten geben als übermäßigen Alkoholkonsum?

Demgegenüber ist die Figur ihres Ehemanns schwach. Alexander Sebastian ist zu alt, um ernsthaft Alicias Partner zu sein. Er ist eher der väterliche Freund. Hier wäre ein gleichaltriger, also gleichwertiger Rivale viel besser und dramatischer gewesen.

Weitere Schwachpunkte

Wenn Devlins Boss, Capt. Paul Prescott, beim ersten Dinner von Alicia mit Alexander ebenfalls im Restaurant erscheint, ist das viel zu gefährlich, zumal beide Männer sich ja – warum auch immer – aus der Vergangenheit kennen. Was will Prescott da überhaupt? Jedenfalls müsste Alexander sofort Verdacht schöpfen und diesem nachgehen. Damit wäre aber auch das ganze Unterfangen gescheitert.

Die Hochzeit von Alicia und Alexander wird einfach ausgeklammert. Gezeigt werden nur die Resultate: Einzug Alicias in die herrschaftliche Ville ihres Gatten, Empfang usw. Eine körperliche Annäherung zwischen den Eheleuten fällt unter den Tisch. Alexanders sexuelle Wünsche und Alicias Ablehnung wäre aber dramatisches Konfliktpotenzial gewesen, auch bei den geheimen Treffen mit Devlin. Seine süffisante Frage, wie es denn so in der Hochzeitsnacht war, darf man sich eigentlich nicht entgehen lassen, auch wenn das Geschehen vor 80 Jahren angesiedelt ist.

Die deutsche Synchronisation von 1951 machte aus der Naziclique ein Drogenkartell, aus dem Uranerz wurde Heroin. Das ist schon ein bisschen unbedarft, auch unfreiwillig komisch. Es weiß doch jedes Kind, dass südamerikanische Drogendealer anders aussehen als deutsche Nazis. Wie kommt man überhaupt auf so eine Idee? Angeblich wollte der Verleiher aus pekuniären Gründen so kurz nach dem 2. Weltkrieg den Deutschen keine Geschichte mit bösen, bösen Nazis zumuten. Wäre denkbar. Ein anderer möglicher Grund könnte aber auch politische Einflussnahme gewesen sein, denn im Original wird die IG Farben namentlich erwähnt. Der seinerzeit weltgrößte Chemiekonzern hatte sich zahlreicher Kriegsverbrechen schuldig gemacht und wurde nach Kriegsende zerschlagen.

Fazit

Trotz seiner Defizite hat „Berüchtigt“ auch 80 Jahre nach seiner Herstellung nichts von seiner erzählerischen Kraft eingebüßt. „ ‚Berüchtigt‘ ist Hitchcocks Quintessenz.“ (Francois Truffaut)

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Alfred Hitchcocks Berüchtigt.

„Berüchtigt“ online streamen bei

Get it on Google Play

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 11,99 Euro

Neue Filme & Bücher
bei jpc + bücher.de

DVD bei jpc: 5,99 Euro

Farbiges Cover einer DVD von Alfred Hitchcocks "Berüchtigt".

Hörbuch bei bücher.de: 15,45 Euro

Farbiges Cover eines Hörbuchs von John Taintor Footes "Berüchtigt".


DVD’s, Blu-rays, Programmhefte von „Berüchtigt“ neu und gebraucht auf

Farbiges Logo von ebay.

Gebrauchte DVD von „Berüchtigt“ bei

Zeit der Unschuld

„Zeit der Unschuld“ ist eine ebenso opulente wie distanzierte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edith Wharton. Ein Melodrama, das ein klassisches Erzählmotiv behandelt: Die Unmögliche Liebe. In der New Yorker Aristokratie von 1870 hat die Liebe des jungen, bereits verlobten Anwalts Newland Archer (Daniel Day-Lewis) zur verheirateten, aber getrennt lebenden Gräfin Ellen Olenska (Michelle Pfeiffer) keine wirkliche Chance. Eine Romeo-und-Julia-Variante über große Gefühle, ohne diese zu erzeugen. Auf „getAbstract“ existiert eine sehr gute Zusammenfassung der Geschichte.

Romanverfilmung

Die eigentlich interessante Frage ist, welche Romane sich zur Verfilmung eignen und welche eher nicht? Nicht nur in diesem Punkt haben Alfred Hitchcock und Clint Eastwood eine Gemeinsamkeit, nämlich ihr untrügerisches Gespür für das filmische Potenzial eines Stoffes. Sie haben sich vorzugsweise bei Autoren der B- oder C-Literatur bedient, wohlwissend dass die Qualität von geschriebenen Wörtern nur bedingt etwas mit der von laufenden Bildern zu tun haben. Clint Eastwood hat sich bei „Die Brücken am Fluss“ einer zwar erfolgreichen, aber eher drittklassigen Vorlage bedient. Er wusste, welche Dramatik diese unglaubliche Konzentration auf eine schicksalhafte Begegnung hat.

Cornell Woolrich

Alfred Hitchcock und Francois Truffaut haben mehrfach Werke des literarisch eher unbedeutenden Cornell Woolrich verfilmt, dessen Romane allesamt dramaturgische Lehrstücke sind. Beide Regisseure wussten, worauf es ankommt: Nicht auf die Formulierungskunst, sondern auf Suspense, Deadlines, Druck, Gefahren, Konflikte, Reduktion und veritable Helden. Hitchcocks „Fenster zum Hof“, nach einer Kurzgeschichte von Cornell Woolrich, spielt nur in einem Hinterhof, Clint Eastwoods „Die Brücken am Fluss“ an nur vier Tagen im Madison County, meist auf der Farm von Francesca Johnson (Meryl Streep). Beide Filme sind zeitlich und örtlich unglaublich komprimiert: Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung.

Edith Wharton

Martin Scorsese hat mit „Zeit der Unschuld“ einen Roman verfilmt, der sozusagen in der Aristokratie der Literatur angesiedelt ist. Edith Wharton hat für dieses Werk den Pulitzer-Preis erhalten und war mehrfach für den Nobelpreis nominiert. Da darf die Verfilmung der Vorlage natürlich in nichts nachstehen. Diese Bürde ähnelt hohen Erwartungen, die meistens – wie auch hier – nicht erfüllt werden. Auch sonst lässt diese Adaption Zweifel an der Tauglichkeit für eine Verfilmung aufkommen.

Schwächen

Es gibt eine Fülle von Personen, deren Funktion bis zum Schluss nicht richtig deutlich wird. Es gibt keine Reduktion, dafür einen ständigen Wechsel von Schauplätzen. Es gibt keine zeitliche Komprimierung, sondern die Geschichte einer unerfüllten Liebe über einen Zeitraum von über 25 Jahren. Es gibt codierte Dialoge, weil die Protagonisten, als Opfer enger gesellschaftlicher Regeln, fast nie frei aussprechen können, was sie eigentlich denken. „Hieroglyphenwelt“ nennt die Erzählerin diese Kommunikationsform. Es bleibt einfach zu Vieles im Interpretationsbereich.

Protagonist

Newland Archer ist zwar nicht feige, hat aber letztlich nicht das Format, sich über das vorhandene Regelwerk hinwegzusetzen. Es bleibt bei sehnsuchtsvollen Wunschträumen oder selbstmitleidigen Klagen. All dies trägt leider nicht zur Anteilnahme bei. Die manierierten Kamerafahrten von Michael Ballhaus sind visueller Ausdruck dieser Distanz. Alles sehr schick hier.

Fazit

In der Verfilmung von „Zeit der Unschuld“ dominieren die guten Absichten. Letztlich ein stylisches, getragenes, dialoglastiges High-Society-Melodrama, das kaum Gefühle erzeugt und den Zuschauer eher ratlos zurücklässt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Zeit der Unschuld.

Benny & Joon

„Benny & Joon“ von Jeremiah S. Chechik ist eine märchenhafte Liebesgeschichte, die das Zusammenleben mit psychisch Behinderten thematisiert. Sehr schön ist die ganz irdische und wenig märchenhafte Ausgangssituation für den Automechaniker Benny (Aidan Quinn): Nach dem Unfalltod der Eltern fühlt er sich für seine psychisch kranke Schwester Joon (Mary Stuart Masterson) verantwortlich. Dabei wirft der Film die Frage auf, inwieweit man sich für einen anderen Menschen aufopfern und das persönliche Wohlergehen hinten anstellen sollte? Wo ist die Grenze? Wann kippt eine Hilfestellung für andere Menschen ins Gegenteil? Im Grunde kann man diese Fragestellung auf andere Abhängigkeitsmodelle übertragen. Also, kann zum Beispiel die übermäßige Fürsorge einer alleinerziehenden Mutter für ihr einziges Kind nicht kontraproduktiv sein? Ist die Aufopferung für ein pflegebedürftiges Elternteil sinnvoller als die Betreuung in einem Seniorenheim usw.?

Die Geschichte

Schon gleich zu Beginn weist Benny die Avancen einer jungen Kundin zurück. Dabei dominieren Missverständnisse. Während die junge Frau die Absage auf ihre Person bezieht, wissen wir den wahren Grund. Benny ist ein Gefangener seines Verantwortungsgefühls für seine pflegebedürftige Schwester. Das ändert sich erst, als Joon beim Pokern mit Bennys Freunden den scheinbar nichtsnutzigen Sam (Johnny Depp) „gewinnt“. Der neue Untermieter erweist sich mit seinen originellen und komödiantischen Einfällen allerdings schon bald als Glücksfall und kann Joons Herz erobern. Darauf reagiert Benny eifersüchtig, weshalb er Sam hinauswirft. Erst als Joon auf ihrer gemeinsamen Flucht mit Sam in der Psychiatrie landet, erkennt Benny seinen Fehler. Trickreich gelingt es ihm zusammen mit Sam, Joon aus der Klinik zu „befreien“. Sie wagt den Sprung in die Eigenständigkeit und will mit Sam zusammenziehen.

Die Figuren

Der Film punktet mit interessanten und originellen Figuren. Man versteht Bennys Motive, die im Grunde ja nicht egoistisch sind. Man zittert mit ihm mit, dass er doch noch die Kurve kriegt und in der Lage ist, auch mit anderen Frauen eine Beziehung einzugehen. Sam ist eine Phantasiefigur, die manchmal im Baum hockt, Passagen von Horrorfilmen rezitiert oder Bügeleisen zweckentfremdet. Trotz seiner Stilisierung überwiegt das Positive. Er ist immer für eine Überraschung gut und kann mit seinem pantomimischen Talent andere Menschen zum Lachen bringen.

Da hinkt die Darstellung der Joon etwas hinterher. Eigentlich kommt ihre autistische Erkrankung nur einmal richtig zum Vorschein und zwar auf der Flucht mit Sam, weshalb sie dann ja auch in einer Klinik landet. Jedenfalls ist ihre Darstellung bei weitem nicht so intensiv, wie das Spiel des 9-jährigen Simon in „Das Mercury Puzzle“ (Harold Becker) oder das von Raymond, gespielt von Dustin Hoffman, in „Rain Man“ (Barry Levinson).

Dramaturgie

Interessanterweise heißt der Film „Benny & Joon“ und nicht „Sam und Joon“. Der Fokus liegt also nicht auf der Liebesgeschichte, sondern auf der Beziehung zwischen Krankem und Pflegendem. Folgerichtig kommt es zum Eklat zwischen den Hauptpersonen, als Benny den Pokergewinn seiner Schwester hinauswirft. Fachgerecht wird auch eine Deadline eingebaut, als die Psychiaterin Benny eröffnet, dass die Bewerbungsfrist für das in Frage kommende Pflegeheim in einer Woche endet. Das erhöht natürlich den Druck. Am Ende wagt Joon die Befreiung vom vereinnahmenden Bruder: „Du brauchst meine Krankheit“, wirft sie ihm an den Kopf. Mit Bennys Einsicht, seinem Loslassen gönnen die Filmemacher der Geschichte ein Happy End.

Ungereimtheiten

Das Haus, in dem „Benny & Joon“ wohnen, hat aber auch gar nichts mit den Vorstellungen von der Lebenswelt eines Automechanikers gemein. Es ist eher Bestandteil des Märchens und wirkt wie die Villa Kunterbunt in „Pippi Langstrumpf“. Wer jemals in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie war, weiß wie schwer es ist, dort hineinzukommen, geschweige denn wieder heraus. Da hätten die Filmemacher sich etwas mehr Mühe geben können, zumal Hindernisse der Spannung ja nicht abträglich sind. Wieso Joons Psychiaterin in der fremden Klinik auftaucht und dort offensichtlich über Befugnisse verfügt, die über denen der stationierten Ärzte hinausgehen, ist ebenfalls seltsam.

Fazit

Trotz seiner Schwächen und Ungereimtheiten überwiegt das Positive. Dem Film gelingt es, mit einer ganz alltäglichen Problematik eine unterhaltsame Dreiecksgeschichte zu erzählen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Benny & Joon.