Seraphim Falls (David von Ancken) USA 2016

Dieser Independent-Western überzeugt in der ersten Stunde durch spannende Verfolgungsjagden in den verschneiten Berglandschaften Nevadas. Es handelt sich hier um eine klassische Rachegeschichte. Ex-Südstaaten-Colonel Carver (Liam Neeson) macht den Ex-Yankee-Captain Gideon (Pierce Brosnan) für den Tod seine Familie verantwortlich. Mit einem Haufen zwielichtiger Söldner will er ihn zur Strecke bringen. Dabei wird Gideon verwundet, verliert sein Pferd und – bis auf ein Buschmesser – seine Waffen. Endlich mal ein Film, in dem ein Schwerverletzter nicht kurze Zeit später wieder putzmunter durch die Gegend läuft. Seine Wundbehandlung mit reduzierten Mitteln in feindlicher Umgebung ist hochspannend. Das sind die Stärken von „Seraphim Falls“: seine authentischen, detailgetreuen und dramatischen Flucht-Verfolgungs-Szenen. Man zittert mit Gideon mit, dessen Situation kaum aussichtsloser sein kann.

Leider driftet der Held auf seiner Flucht nach und nach in wüstenähnliche Prärielandschaften. Der Film versandet in surrealen Begegnungen und gutgemeinten Versuchen, amerikanische Traumen wie Bürgerkrieg und Ausrottung der Ureinwohner anzureißen: Erst begegnen die Protagonisten einem Indianer, der ein Wasserloch bewacht und bei seinen Tauschgeschäften pseudophilosophische Weisheiten von sich gibt. Noch absurder ist das fatamorganamäßige Erscheinen einer Marketenderin (Anjelica Huston), die Jäger und Gejagtem wahlweise Heilmittel oder Waffen anbietet.

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit privater und gesellschaftlicher Schuld findet nicht statt. Die Fragwürdigkeit von Carvers erbittertem Rachefeldzug wird zu keiner Zeit thematisiert. In „Bravados“ (Henry King) konfrontiert eines der Opfer den Rächer mit den Abgründen seiner Vergeltungssucht. In Clint Eastwoods Meisterwerk „Erbarmungslos“ debattieren die abgehalfterten Söldner bis zum bitteren Ende regelmäßig über den Sinn oder Unsinn ihrer Rachemission. Nichts davon in „Seraphim Falls“. Hier ist der Rächer ein eiskalter Killer, der ohne mit der Wimper zu zucken zwei seiner Leute tötet, als sie keine Funktion mehr für ihn haben. So kann natürlich keine Empathie entstehen. Die finale Vergebung kauft man Carver dann auch nicht mehr richtig ab. Dafür ist sein Charakter zu eindimensional angelegt.

Die Lösung wäre folgendes gewesen: Alles im Schnee spielen zu lassen und auf den surrealen Schnickschnack zu verzichten. Ganz auf die authentische Dramatik einer Verfolgungsjagd zu setzen und dabei die Rachsucht, diesen verzweifelten Wunsch nach Gerechtigkeit, in Frage zu stellen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Seraphim Falls"

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