Bravados

Mit seiner teilweise angedeuteten, teilweise ungeschminkten Kompromisslosigkeit und Härte wirkt „Bravados“ wie ein Vorbote der späteren Italo-Western. Erzählt wird ein klassisches Rachedrama, deren Vorgeschichte man häppchenweise erfährt (Ibsensche Enthüllungsdramaturgie). Der schwarz gekleideten Farmer Jim Douglas (Gregory Peck) reitet allein nach Rio Arriba, um der Hinrichtung von vier zum Tode verurteilten Gangstern beizuwohnen. Dort trifft er auch auf die hübsche Josefa Velarde (Joan Collins), mit der er früher wohl mal eine Beziehung hatte. Fragen beantwortet er bruchstückhaft oder ausweichend. Eine geheimnisvolle Aura umgibt den wortkargen, verbitterten Farmer. Man fragt sich die ganze Zeit, was ihm widerfahren ist? Das ist gut gemacht und steigert die Spannung.

Die Jagd

Dann erscheint der angereiste Henker, der aber mit den Gangstern unter einer Decke steckt. Bei ihrer Flucht nehmen sie Amy, die Tochter des Drugstorebesitzers, als Geisel mit. Einem sofort zusammen gestellten Suchtrupp schließt Jim Douglas sich nicht an. Er hat seine eigenen Pläne, was ihm den Vorwurf der Feigheit einbringt. Das stört den Lonesome Rider von „Bravados“ aber nicht. Er ruht sich erst mal aus und macht sich am nächsten Tag an die Verfolgung. Schon bald stößt er auf den Suchtrupp, der von einem der Gangster in Schach gehalten wird. Aber jetzt erweist Jim Douglas sich als ein zu allem entschlossener und fähiger Anführer.

Der erste Gangster

Den ersten im Hinterhalt lauernden Gangster kann er überwältigen. In der rechten Hand hält Jim Douglas seinen Revolver, mit der Linken zeigt er ihm das Foto einer jungen Frau. Erst jetzt kann man die Zusammenhänge erahnen. Es ist ein Bild seiner Ehefrau, die vergewaltigt und ermordet wurde. Obwohl der Gangster im Angesicht des Todes seine Unschuld beschwört, kennt Douglas keine Gnade. Hasserfüllt erschießt er den am Boden liegenden Verbrecher. Derweil klärt der Pater von Rio Arriba Josefa über den Meuchelmord an Jims Ehefrau auf. Sein Nachbar Butler hatte die vier Gangster zur Tatzeit in der Nähe von Jims Farm beobachtet.

Der zweite Gangster

Den zweiten Gangster hängt Douglas einfach auf. Seine Kumpanen erreichen Butlers Farm, wo sie erst mal ihren Hunger stillen. Den flüchtigen Farmer erschießt der dritte Gangster von hinten. Der vierte, ein Indio, findet einen Geldbeutel beim Toten und nimmt ihn an sich. Zeitgleich wird Amy vom dritten Gangster im Farmhaus vergewaltigt. Dann flüchten die Verbrecher zu zweit weiter nach Mexiko. Als Jim Douglas mit dem Suchtrupp auf Butlers Farm eintrifft, sieht er sich angesichts seines ermordeten Nachbarn und der vergewaltigten Amy in seiner erbarmungslosen Jagd bestätigt. Am Rio Grande, der Grenze zu Mexiko, setzt er die Verfolgung allein fort.

Der dritte Gangster

Den dritten Gangster stöbert Douglas in einer Cantina auf und erschießt ihn im Duell. Der Indio kann fliehen, aber Douglas ist ihm auf den Fersen. In einer kleinen Hütte, in der der vierte Gangster mit Frau und Kind lebt, kommt es zum Showdown. Douglas hat nur Augen für den Indio, wird aber von dessen Frau außer Gefecht gesetzt. Nun wird der Spieß umgedreht. Douglas wird mit dem Revolver bedroht und berichtet von seinem Schicksal. Aber der Indio kann seine Unschuld beweisen, denn der Geldbeutel, den er Butler abgenommen hat, gehört eigentlich Douglas. Den kann sein Nachbar aber nur gewaltsam an sich genommen haben. Jetzt wird Jim Douglas klar, wer tatsächlich seine Frau ermordet hat und welchem Irrtum er unterlegen ist. Kein Geringerer als sein Nachbar war der Mörder seiner Frau. Nachdem der Indio spürt, dass von Douglas keine Gefahr mehr ausgeht, lässt er ihn laufen.

Schwachpunkte

Der ganze Schluss von „Bravados“ ist eine erzählerische Katastrophe. Zum einen müsste Jim Douglas die Erkenntnis, eigentlich nicht viel besser zu sein als seine Opfer, regelrecht erschüttern. Schließlich entlarvt die Wahrheit über den Mord an seiner Frau die ganze Fragwürdigkeit seines Rachefeldzugs. Zum zweiten fällt die Reaktion seiner Mitmenschen auf seinen tödlichen Irrtum schon unfreiwillig komisch aus. „Sie haben nur drei Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt“, versucht ihn der Pater zu beruhigen. Als Jim Douglas in der Schlusseinstellung die Kirche verlässt, jubeln ihm die Einwohner des Ortes zu. Worüber jubeln die? Darüber, dass ein Selbstjustiz praktizierender Farmer unter ihnen weilt?

Am Ende von „Bravados“ schreitet Jim Douglas Arm in Arm mit Josefa daher, was einem vorhersehbaren und arg konstruierten Pseudo-Happy-End gleichkommt. Eigentlich hat diese Beziehung keine Handlungsrelevanz. Zum vierten fehlt natürlich die direkte Konfrontation zwischen dem Rächer und dem Täter. Die Bankräuber haben Jim Douglas sozusagen die Arbeit abgenommen. Das ist schade. Dabei hätte er jetzt mal zeigen können, dass mehr in ihm steckt als nur dieser blinde Hass. In „Der Graf von Monte Christo“ demonstriert Alexandre Dumas wie’s richtig gemacht wird, desgleichen Ariel Dorfman in „Der Tod und das Mädchen“.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Henry Kings Bravados.

Pale Rider

Mit seiner Kritik am Raubtierkapitalismus und am Raubbau an der Natur war „Pale Rider“ seiner Zeit weit voraus. Der Western ist eine Variation von Akira Kurosawas Abenteuerepos „Die sieben Samurai“. Anstelle eines Bauerndorfes wird hier eine Goldgräbersiedlung in einem kalifornischen Canyon regelmäßig von Männern des Minenbesitzers LaHood überfallen. Anstatt sieben Samurais kämpft hier nur einer zusammen mit den Siedlern für Frieden und Gerechtigkeit. Das ist kein Geringerer als der „Pale Rider“, den alle Prediger nennen (Clint Eastwood).

Der Held

Anfangs tritt er noch in der Verkleidung eines Reverends auf, um im Verlauf der Geschichte sein wahres Gesicht zu zeigen, nämlich das eines Revolverhelden. Das Szenario ist ganz einfach und verständlich angelegt: Gut gegen Böse in winterlicher Gebirgslandschaft. Das ist ein großer Pluspunkt, wobei die Guten – anders als in den US-amerikanischen Western der 50er und 60er Jahre – auch mal mit unlauteren Mitteln kämpfen. So sprengt zum Beispiel der Prediger zusammen mit dem Goldgräber Hull Barret (Michael Moriarty) das gegnerische Lager mit Dynamit in die Luft.

Die Geschichte

Der Film beginnt mit einer Gruppe von Reitern, die sich im rasenden Galopp einer Siedlung von Goldgräbern nähern. Das Getrappel der Pferde schwillt bedrohlich an. Im Lager reißen die Männer Hütten und Zelte nieder und schießen wild um sich. Aber es sind Warnschüsse. „Nur“ der Hund der 15-jährigen Megan wird tödlich getroffen. Die lebt im Camp mit ihrer alleinerziehenden Mutter Sarah Wheeler (Carrie Snodgress). Ihr Mann, das wird später deutlich, hat sich schon Jahre zuvor aus dem Staub gemacht. Umworben wird sie von Hull Barret. Nach dem Überfall kutschiert dieser, trotz Warnungen, in die nahe gelegene Stadt, um Vorräte zu besorgen. Dort wird er von Lahoods Leuten verprügelt, bis der auftauchende Prediger ihm aus der Patsche hilft. Zusammen kehren sie ins Lager zurück. Trotz seiner Kleidung erscheint der Prediger Megan wie die leibhaftige Erfüllung ihres erbeteten Beistands. Sowohl das junge Mädchen als auch ihre Mutter verlieben sich in den Fremden.

Gold

Der Canyon, in dem LaHood mit modernster Technik das Erdreich abträgt, ist wenig ergiebig. Nach einem Goldfund im Lager der Siedler will er deshalb mit allen Mitteln an ihre Claims. Vergeblich versucht LaHood, den Prediger zu bestechen und auf seine Seite zu ziehen. Aber der ist natürlich nicht käuflich und schlägt stattdessen vor, den Siedlern ein Kaufangebot in Höhe von 1.000 Dollar pro Claim zu machen. LaHood willigt schließlich ein, droht aber bei Scheitern der Kaufverhandlungen mit Marshal Stockburn und seinen Deputys. Das sind keineswegs Gesetzeshüter, sondern bezahlte Killer, die der Prediger zu kennen scheint.

Teamgeist

Einige der Goldgräber wollen verkaufen, bis Hull eine flammende Rede hält und an ihren Teamgeist und ihre Würde appelliert. Schließlich entscheiden die Siedler sich zum Verbleib. Am nächsten Morgen scheint der Prediger verschwunden. Aber er holt nur seine Waffen aus einem Depot in der Stadt. Seine Verwandlung zum Revolverhelden ist nun vollkommen. Mittlerweile haben Stockburn und seine Leute den Ort erreicht. Ihre erste „Amtshandlung“ besteht darin, den betrunkenen Goldgräber Spider zu erschießen. Nachdem der Prediger LaHoods Lager in die Luft gesprengt hat, macht er sich allein auf den Weg zum letzten Duell in die Stadt. Dort wird er bereits von Stockburn, den Deputys und LaHoods Männern erwartet. Der Prediger kann seine Gegner separieren und einen nach dem anderen ausschalten, bis auf LaHood. Der versucht ihn aus dem Hinterhalt zu erschießen. Doch der herbeigeeilte Hull rettet dem Prediger das Leben. Dann reitet der „Pale Rider“ allein von dannen.

Lakonie

Trotz des Einzelgängertums seines Helden ist „Pale Rider“ ein Plädoyer für den Teamgeist. Der Zusammenschluss verleiht den Siedlern Rückhalt und Kraft. Er führt die Wende im bleihaltigen Kampf herbei. Selbst der einzelkampferprobte Prediger wäre ohne Hulls mutigen Beistand am Ende erschossen worden. Die Dialoge sind manchmal etwas banal, dann wieder erfrischend lakonisch und fragmentiert. Anstatt sich am Ende umständlich bei seinem Lebensretter zu bedanken, bemerkt der Prediger nur folgendes: „Sie sind gut zu Fuß.“ Hulll: „Ja, das bin ich.“ Mehr muss man ja auch nicht sagen.

Die unmögliche Liebe

Sehr schön ist auch die angedeutete „Unmögliche Liebe“ zwischen dem Prediger und Sarah bzw. zwischen dem Prediger und Megan. Beide Beziehungen haben keine echte Chance. Die schwärmerischen Avancen der Tochter weist der Prediger zurück und beschützt sie damit. Die Mutter wählt am Ende Hull, den sie zwar weniger liebt. Aber er ist der Partner, der sie nicht verlassen wird, wie einst ihr Ex-Mann oder der „Pale Rider“.

Schwachpunkte

Demgegenüber leidet der Spannungsaufbau an der Kunstfigur des einsamen Revolverhelden. Der agiert sowohl mit seinen Fäusten als auch mit seinen Waffen im Stile eines Supermannes, weshalb man sich auch nicht groß ängstigt. Sein einziger Fauxpas, LaHoods Hinterhalt, kommt zu spät. Schade. Das hat Clint Eastwood in seinem späteren Meisterwerk „Erbarmungslos“ wesentlich besser gelöst. Da kommen die Helden verletzlicher und gebrochener daher. Insofern ist „Pale Rider“ eigentlich nur eine Fingerübung für den großen Wurf.

Antagonisten

Dieser Schwachpunkt betrifft auch die Antagonisten. Marshal Stockburn hat der Strategie des Predigers beim Showdown nichts entgegenzusetzen. Auch beim finalen Duell lässt er sich einfach erschießen. Da ist Sheriff Little Bill (Gene Hackman) in „Erbarmungslos“ schon ein anderes Kaliber. Man hätte auch gern mehr über die Vorgeschichte von Stockburn und dem Prediger erfahren. Offensichtlich sind sie in der Vergangenheit schon einmal aneinander geraten, worauf auch die Schussnarben auf dem Rücken des Predigers hindeuten. Stockburn hat ihn wohl für tot gehalten. Aber was genau passiert ist, bleibt leider im Dunkeln.

Die Szene mit dem betrunkenen Goldgräber Spider, der Stockburn und seine Leute auf der Straße provoziert, ist kompletter Unfug. Selbst im alkoholisierten Zustand kann man eigentlich nicht so blind ins Verderben laufen. Außerdem hätten seine anwesenden Söhne ihn vor dieser Dummheit bewahren müssen.

Fazit

Insgesamt ist „Pale Rider“ ein leidlich spannender, aber origineller und unterhaltsamer Western vor beeindruckender Gebirgskulisse.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Clint Eastwoods Pale Rider.

Neues aus der Welt

Wohlwollend betrachtet, könnte man „Neues aus der Welt“ als elegisch bezeichnen, langweilig oder behäbig wäre allerdings zutreffender. Genau wie in „The Power of the Dog“ auch hier der Fehler, die Geschichte viel zu früh zu beginnen. Die sollte natürlich beim ersten dramatischen Höhepunkt einsetzen und das ist Captain Jefferson Kyle Kidds (Tom Hanks) Entdeckung eines von marodierenden Südstaatlern überfallenen Fuhrwerks. Der schwarze Fahrer wurde aufgeknüpft und das weiße, bei den Kiowas aufgewachsene Mädchen, Johanna Leonberger, hat sich in die Büsche geschlagen. Der Überfall selbst und die Identität der Mörder wird uns vorenthalten. Nun gut, aber wieso begibt sich das traumatisierte Mädchen so schnell in Captain Kidds Obhut, in die eines Fremden? Hier müsste – auch in der Folgezeit – mehr Widerstand erfolgen.

Lösungen

Es wäre die Chance für eine konfliktreiche Odd-Couple-Konfiguration gewesen. Wieso lassen die Mörder das Mädchen überhaupt ungeschoren davonkommen? Sie ist doch die einzige Zeugin eines brutalen Verbrechens. Auch dieses Erzählmotiv („Der bedrohte Zeuge“) lässt Paul Greengrass sich entgehen. Wie wär’s denn gewesen, wenn Captain Kidd die Mörderbande überrascht hätte? Weil er Südstaatler ist, hätten sie ihn erst mal verschont. Dann wäre – wie gehabt – die Kavallerie gekommen. Die Bande hätte fliehen müssen, von den Soldaten nur halbherzig verfolgt. Dann hätte Captain Kidd das verstörte Mädchen eingefangen und sie beim Indianerbeauftragten abgeliefert. Die Mörder wären zur Fahndung ausgeschrieben worden. Von diesem Moment an hätten Captain Kidd und Johanna – als Zeugen eines Mordes – eine Killerbande auf den Fersen gehabt. Auf die drei Kasper, die Johanna in Dallas für 50 Dollar kaufen wollen, hätte man gut und gerne verzichten können.

Die Geschichte

Des Weiteren ist dieses Gutmensch-Verhalten von Captain Kidd, nämlich die sofortige uneigennützige Fürsorge für das Mädchen, ziemlich nervig und dramaturgisch kontraproduktiv. Viel besser wäre es gewesen, wenn er des öfteren versucht hätte, diese lästige Göre loszuwerden und sie jedes Mal wieder zurückgekehrt wäre. Diese Anhäufung erzählerischer Fehler trägt maßgeblich zur dürren Geschichte von „Neues aus der Welt“ bei: Der verwitwete Captain Kidd bringt die verwaiste Johanna im Texas des 19. Jahrhunderts zu Onkel und Tante, aus deren Obhut er sie am Ende wieder befreit.

Finale

Dieses Happy End ist, neben den phantastischen Landschaftsaufnahmen, eines der wenigen Highlights dieses überraschungsarmen Films: Der Captain baut Johanna mit in seine Vortragsreihen ein. Seinen Unterhalt verdient er nämlich als herumreisender Nachrichtensprecher und Geschichtenerzähler. Seinen zahlenden Zuhörern (zum großen Teil Analphabeten) liest er Meldungen aus aktuellen Zeitungen vor, die er gekonnt aufbereitet. Die Anteilnahme und Reaktionen des Publikums erinnert an die Blütezeit des französischen Vaudeville Theaters. Das ist grandios. Ironischerweise ist jede Anekdote, die Captain Kidd bei seinen Vorträgen zum Besten gibt spannender und unterhaltsamer als der gesamte Film. Ansonsten: Nichts neues aus der neuen Welt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für den Western Neues aus der Welt.

Johnny Guitar

In der Eröffnungsszene zeigt sich das ganze erzählerische Desaster von „Johnny Guitar“. Eine Postkutsche wird von vier Gangstern überfallen, wobei einer der Kutscher erschossen wird. Johnny Guitar (Sterling Hayden) beobachtet diesen Überfall aus der Ferne. Anstatt am Tatort möglichen Verletzten zu helfen, reitet er weiter. Die unterlassene Hilfeleistung nimmt den Betrachter nicht unbedingt für den Protagonisten ein und verschenkt dramatisches Potenzial. Im weiteren Verlauf werden vier Männer der Saloonbesitzerin Vienna (Joan Crawford) des Überfalls verdächtigt. Ob sie etwas damit zu tun hatten oder wer es war, erfahren wir bis zum Schluss nicht, womit diese Szene aber auch überflüssig ist. Leider nicht die einzige Szene.

Figuren

Dabei ist die Figur einer Saloonbesitzerin, die zudem Ländereien aufkauft und die Hosen anhat durchaus interessant. Emotionen entstehen allerdings zu keiner Zeit. Das liegt zum einen an ihrem inkohärenten Verhalten: Wieso zahlt sie z.B. ihren Geliebten Johnny aus, damit dieser die Stadt verlassen kann? Zum anderen an ihrer durch und durch eindimensionalen Gegenspielerin Emma Small, die schimärenhaft gegen Vienna giftet und die Rancher aufstachelt. Mit ihrer geifernden Vehemenz wirkt diese schwarz gekleidete Hexe eher wie eine Lachnummer. Wer soll denn das alles glauben? Welchen Grund gibt es überhaupt für die Feindschaft? Vieles bleibt im Interpretationsbereich.

Schwachpunkte

Warum verlassen Vienna und Johnny nach dem willkürlichen Ultimatum der Rancher nicht einfach für ein paar Wochen die Gegend? Nach ihrer Rückkehr wäre wahrscheinlich schon die Eisenbahn da und auch die Rancher hätten die wirtschaftlichen Vorteile einer Bahnanbindung begriffen. Davon abgesehen sollte eine Deadline immer mit maximalen dramatischen Konsequenzen verbunden sein – in diesem Fall: die Trennung der Liebenden. Das tut sie aber nicht. Vienna und Johnny könnten zusammen wegfahren oder gemeinsam das Ultimatum verstreichen lassen. Sie sind nicht gezwungen, sich zu trennen. Das ist ein zentraler Schwachpunkt.

Kritiker

Die Kritiker, vor allem die der „Nouvelle Vague“, haben „Johnny Guitar“ über den grünen Klee gelobt. Begründet wird dies vor allem mit angeblichen Parallelen zu den politischen Säuberungen der McCarthy-Ära. Das ist aber ziemlich weit hergeholt. Vienna wird zwar zur Persona non grata erklärt, aber nicht auf Grund ihrer Gesinnung, sondern aus Eifersucht. Sie hat ein Verhältnis mit Ted, einen von Viennas Leuten, den auch Emma liebt und ist zudem als erfolgreiche weibliche Unternehmerin potenziell verdächtig. Also, der Vergleich hinkt. Sie hat ja kein Berufsverbot und könnte mit ihrem Vermögen überall wieder unternehmerisch tätig sein.

Kriterien

Ein weiterer Grund, den die Kritiker bemühen, ist ein angeblich lesbisches Verhältnis zwischen Vienna und Emma. Für eine derartige Vermutung benötigt man allerdings viel Phantasie. Der Film liefert zu keiner Zeit auch nur ansatzweise ein entsprechendes Indiz. Unklar bleibt auch, was diese „Gründe“ mit der Qualität eines Films zu tun haben sollen? Ist ein Film automatisch besser, wenn er metaphorisch eine bestimmte politische Epoche behandelt oder ein verkapptes Melodrama zwischen Frauen? Wohl kaum.

Die Kritiker haben keine Kriterien – nicht wirklich. Keiner redet über die narrativen Defizite oder darüber, dass der Banküberfall von Viennas Männern an Dummheit kaum zu überbieten ist und man nicht andauernd Personen bei ihren unterbelichteten Aktionen zuschauen möchte. Keiner redet über die ständig glatt rasierten und mit frischen Hemden gekleideten Gangster. Deren Hütte in ihrer Silbermine ist ein bestens ausgestattetes, luxuriöses Blockhaus, in dem es an nichts mangelt. Keiner redet über die unfreiwillige Komik, die aus diesen Zutaten resultiert.

Fazit

Dass dieses Machwerk zu den besten Western zählen soll, ist eine Beleidigung für „The Searchers“, „Red River“, „Man nannte ihn Hombre“, „El Dorado“, „Erbarmungslos“ usw.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Johnny Guitar"

Seraphim Falls

Dieser Independent-Western überzeugt in der ersten Stunde durch spannende Verfolgungsjagden in den verschneiten Berglandschaften Nevadas. Es handelt sich hier um eine klassische Rachegeschichte. Ex-Südstaaten-Colonel Carver (Liam Neeson) macht den Ex-Yankee-Captain Gideon (Pierce Brosnan) für den Tod seine Familie verantwortlich. Mit einem Haufen zwielichtiger Söldner will er ihn zur Strecke bringen. Dabei wird Gideon verwundet, verliert sein Pferd und – bis auf ein Buschmesser – seine Waffen. Endlich mal ein Film, in dem ein Schwerverletzter nicht kurze Zeit später wieder putzmunter durch die Gegend läuft. Seine Wundbehandlung mit reduzierten Mitteln in feindlicher Umgebung ist hochspannend. Das sind die Stärken von „Seraphim Falls“: seine authentischen, detailgetreuen und dramatischen Flucht-Verfolgungs-Szenen. Man zittert mit Gideon mit, dessen Situation kaum aussichtsloser sein kann.

Schwachpunkte

Leider driftet der Held auf seiner Flucht nach und nach in wüstenähnliche Prärielandschaften. Der Film versandet in surrealen Begegnungen und gutgemeinten Versuchen, amerikanische Traumen wie Bürgerkrieg und Ausrottung der Ureinwohner anzureißen: Erst begegnen die Protagonisten einem Indianer, der ein Wasserloch bewacht und bei seinen Tauschgeschäften pseudophilosophische Weisheiten von sich gibt. Noch absurder ist das fatamorganamäßige Erscheinen einer Marketenderin (Anjelica Huston), die Jäger und Gejagtem wahlweise Heilmittel oder Waffen anbietet.

Rache

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit privater und gesellschaftlicher Schuld findet nicht statt. Die Fragwürdigkeit von Carvers erbittertem Rachefeldzug wird zu keiner Zeit thematisiert. In „Bravados“ (Henry King) konfrontiert eines der Opfer den Rächer mit den Abgründen seiner Vergeltungssucht. In Clint Eastwoods Meisterwerk „Erbarmungslos“ debattieren die abgehalfterten Söldner bis zum bitteren Ende regelmäßig über den Sinn oder Unsinn ihrer Rachemission. In Roman Polanskis genialem „Der Tod und das Mädchen“ verzichtet die Protagonistin auf Vergeltung. Nichts davon in „Seraphim Falls“. Hier ist der Rächer ein eiskalter Killer, der ohne mit der Wimper zu zucken zwei seiner Leute tötet, als sie keine Funktion mehr für ihn haben. So kann natürlich keine Empathie entstehen. Die finale Vergebung kauft man Carver dann auch nicht mehr richtig ab. Dafür ist sein Charakter zu eindimensional angelegt.

Lösungen

Die Lösung wäre folgendes gewesen: Alles im Schnee spielen zu lassen und auf den surrealen Schnickschnack zu verzichten. Ganz auf die authentische Dramatik einer Verfolgungsjagd zu setzen und dabei die Rachsucht, diesen verzweifelten Wunsch nach Gerechtigkeit, in Frage zu stellen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Seraphim Falls.