Die Dolmetscherin (Sydney Pollack) USA 2005

„Die Dolmetscherin“ ist ein über weite Strecken spannender Thriller mit einem klassischen Erzählmotiv: „Der bedrohte Zeuge“. Silvia Broome arbeitet für die UNO und belauscht eines Abends ein Mordkomplott. Ziel des Anschlags ist der Präsident des fiktiven afrikanischen Staates Matobo. Silvia wendet sich an die Polizei, die wiederum den Secret Service einschaltet. Leitender Ermittler ist Tobin Keller (Sean Penn), der ihr anfangs keinen Glauben schenkt. Das ist dramaturgisch fachgerecht gestaltet, denn ein bedrohter Zeuge sollte am besten allein gegen drohende Gefahren kämpfen. Eine schlagkräftige Agenteneinheit an ihrer Seite wäre dramaturgisch kontraproduktiv.

Die Schauspielerriege agiert hervorragend. Die Montage ist schnell, fragmentarisch und alternierend. Man muss sich schon konzentrieren, um dem Geschehen folgen zu können. Gut so. Kamera und Ausstattung sind brillant. Sydney Pollack („Tootsie“, „Die drei Tage des Condors“) steht eben für gute Unterhaltung. Weshalb hier trotzdem kein Meisterwerk entstanden ist, liegt an etlichen Ungereimtheiten und an der viel zu frühen Annäherung zwischen Silvia Broome und Tobin Keller. Die dürfte natürlich erst beim Showdown erfolgen, so wie es z.B. Harold Becker in „Sea of Love“ mit Al Pacino als Detective und Ellen Barkin als Mordverdächtige demonstriert hat.

Ein seltsamer Zufall ist es, dass die rotblonde Silvia aus dem schwarzafrikanischen Matobo stammt, wo ihre Familie Opfer eines Anschlags wurde, hinter dem Präsident Edmond Zuwanie stand. Sie hätte also theoretisch ein Rachemotiv. Warum sollte sich aber jemand mit derartigen Gefühlen überhaupt an die Polizei wenden? Dann wäre das Ableben von Zuwanie doch in ihrem Sinne? Das sind nicht die einzigen merkwürdigen Überlegungen der Ermittler, die sich auch sonst nicht sonderlich kompetent zeigen. Als die Attentäter schon längst Jagd auf die Zeugin machen, ist die ganze Secret-Service-Truppe nicht in der Lage, sie zu schützen. Einer der Mörder kann unbehelligt in ihre Wohnung eindringen.

Seltsam auch, dass Silvia, die in Matobo sogar Teil des bewaffneten Widerstands war, Mitarbeiterin der UNO werden kann. Da würde man doch annehmen, dass die Vorgeschichten von Bewerbern auf Herz und Nieren geprüft werden. Seltsam auch, dass der Oppositionsführer Kuman Kuman, der zufällig im New Yorker Exil lebt, mit seiner Entourage im Linienbus fährt. Das ist doch viel zu unsicher, wie sich dann ja auch herausstellt. Seltsam auch, dass die Attentäter nicht nur den Oppositionsführer, sondern gleich den ganzen voll besetzten Linienbus in die Luft sprengen. So etwas wirbelt – zumal auf ausländischem Terrain – doch viel zu viel Staub auf. So etwas würde man doch diskreter, d.h. intelligenter erledigen.

Vor allem ist das ganze Mordkomplott, hinter dem der Präsident selber steckt, ein ziemlich abstruser Plan. Während seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung wird der Attentäter nämlich im letzten Moment vom Sicherheitschef erschossen, um Zuwanie als Überlebenden eines hinterhältigen Mordkomplotts vor den Augen der Weltöffentlichkeit in besserem Licht erscheinen zu lassen. So ein um drei Ecken gedachter Plan hätte vielleicht in Matobo funktioniert? Dort hätte der Präsident nach einem missglückten Attentat auch Gründe geschaffen, gewaltsam gegen Oppositionelle vorzugehen. Aber in der UNO-Vollversammlung? Dann ist der erschossene Attentäter auch noch mit einer Waffe ohne Munition ausgestattet worden. Glaubt einer von den Urhebern des Plans wirklich, dass das bei einer Untersuchung niemandem auffallen würde? So verspielt der Film nach und nach angesammelte Pluspunkte. Auch das Ende des Showdowns ist vorhersehbar: „Die Dolmetscherin“ schafft es nicht, den Mörder ihrer Familie zu erschießen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Die Dolmetscherin"

Kill the Messenger (Michael Cuesta) USA 2014

„Kill the Messenger“ ist ein spannender Politthriller nach wahren Begebenheiten. Er handelt vom illegalen Drogen- und Waffenhandel der CIA in der 80er Jahren. Seinerzeit hatte der US-Kongress nämlich untersagt, die Contra-Rebellen in Nicaragua mit Waffen zu versorgen. Aber die CIA und ihre Hintermänner fanden einen Weg, den Beschluss zu umgehen. Zur Finanzierung der Waffenkäufe kamen sie u.a. auf die glorreiche Idee, mit nicaraguanischen Drogenbossen zu kooperieren. Die US-Airforce ermöglichte reibungslose Importe von Kokain und Heroin. Klingt alles ziemlich unglaubwürdig, ist aber, ausgelöst durch die Iran-Contra-Affäre, in die Annalen jüngster US-Geschichte eingegangen.

Zeitsprung. Kalifornien 1996. Hauptfigur ist der Investigativ-Reporter Gary Webb (Jeremy Renner), der nach einem Tipp den Machenschaften der CIA auf die Spur kommt. Seine Recherchen in den USA und in Nicaragua bei einem inhaftierten Drogenboss bringen handfeste Beweise. Die Veröffentlichung seiner Artikelserie „Dark Alliance“ macht ihn über Nacht berühmt. Auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs schlagen seine Gegner mit ähnlich perfiden Mitteln zurück wie in „Insider“ von Michael Mann. Gary wird nicht einfach umgelegt – noch nicht -, sondern Opfer einer Rufmordkampagne. Um ihn mundtot zu machen, wird er systematisch diskreditiert. Beruflich steht er bald als Lügner und Dilettant da, sein Privatleben wird in den Schmutz gezogen. Von seiner Redaktionsleitung wird er aufs Abstellgleis geschoben, von seiner geliebten Familie muss er sich vorerst trennen. Psychoterror in Reinkultur.

Damit sind wir beim Schwachpunkt dieses Politthrillers. Das sind die ausführlichen Beschreibungen von Garys Familienleben, die im Grunde wenig Handlungsrelevanz haben. Anders als in „Insider“ werden seine Frau und Kinder nicht bedroht, sondern nur indirekt in Mitleidenschaft gezogen. Es ist einfacher an der Seite eines erfolgreichen Journalisten zu leben, als an der eines angeblichen Lügners und Betrügers. Ehefrau Sue und der älteste Sohn Ian stellen ihre Verletzungen in den Vordergrund, um beim pathetischen Ende doch wieder die amerikanische Familenidylle zu zelebrieren. Dieses „Ich-bin-so-stolz-auf-dich“-Gefasel ist ziemlich furchtbar und verlogen. Der ganze Familienklimbim sorgt auch für ein reduziertes Spannungslevel. Es gibt zwar eine latente Gefahr, aber so richtig mitzittern kann man nicht mit dem Helden.

Vor allem lenkt dieser Erzählstrang vom spannenden Stoff ab. Die Nicaragua-Contra-Affäre hätte eine tiefere Behandlung verdient. Im Grunde gibt es hundert Fragen, die allesamt unbeantwortet bleiben. Wie ist es möglich, dass die US-Airforce tonnenweise unbehelligt Rauschgift in die USA schaffen kann? Wie viel Personen sind geschmiert worden bzw. im Dienst der CIA tätig? Wieso geht über einen Zeitraum von 15 Jahren keiner dieser involvierten Mittäter an die Öffentlichkeit? Welche Funktion hat der mit der CIA kooperierende Banker, der angeblich Drogengelder „gewaschen“ hat? Wieso wird für den illegalen Waffenhandel legales Geld benötigt? Wie darf man sich diese Geschäfte konkret vorstellen? Wie werden diese Waffen nach Nicaragua geschafft? Da müsste doch auch die Marine im Spiel sein? Wie sieht die Übergabe an die Rebellen konkret aus? usw.

Das dramatische Potenzial dieses Thrillers wird zum großen Teil verschenkt. Das zeigt auch der lapidare Nachspann, in dem wir erfahren, dass Gary 2004 Selbstmord begangen hat. Unmittelbar vor der Veröffentlichung weiteren Materials wird er mit zwei Kopfschüssen tot aufgefunden. Also, während des gesamten Films ist sein Leben nicht in Gefahr, erst nach dem Ende. Schon bemerkenswert. Auch seltsam, dass ein Selbstmörder sich zweimal in den Kopf schießt. Eigentlich bekommt der Filmtitel „Kill the Messenger“ erst jetzt seine Berechtigung. Insgesamt ist es schade, dass die Filmemacher einem konstruierten Familienleben mehr Platz eingeräumt haben als diesem hochexplosiven Hintergrundmaterial.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Kill the Messenger"

Midnight Run (Martin Brest) 1988

„Midnight Run“ ist eine originelle Thrillerkomödie, die neben den üblichen Genrezutaten vor allem die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Da ist zum einen der desillusionierte Kautionsjäger Jack Walsh (Robert De Niro) und zum anderen der ehemalige Mafiabuchhalter Jonathan „Duke“ Mardukas (Charles Grodin). Der hat nicht einfach nur seine ehemaligen Arbeitgeber beklaut, sondern die Beute von 15 Millionen Dollar auch noch der Wohlfahrt vermacht. Es ist ein klassisches „Odd-Couple“-Paar, also zwei gegensätzliche Charaktere, die aufgrund äußerer Umstände aneinander gekettet sind. Hier im buchstäblichen Sinn, denn Jack hat den Auftrag, den „Duke“ innerhalb von fünf Tagen für 100.000 Dollar nach Los Angeles zu schaffen.

Nachdem er den Gesuchten in New York aufgespürt hat, fesselt er ihn mit seinen Handschellen. Aber ganz so einfach ist die Rückreise natürlich nicht. Zum einen sind ihnen FBI-Agent Alonzo Mosely (Yaphet Kotto) sowie Mafiaboss Jimmy Serrano (Dennis Farina) mit ihren Leuten auf den Fersen. Zum anderen entpuppt sich der „Duke“ als echte Nervensäge. Zunächst täuscht er eine Flugangst vor, weshalb die Jagd nun mit allen übrigen Verkehrsmitteln fortgeführt wird.

Was dann folgt, ist wirklich sehr schön gemacht. Ein Roadmovie mit Flucht-Verfolgungsszenen quer durch die USA. Das gibt dem „Duke“ auch Zeit, seinen Entführer mit unangenehmen Fragen zu konfrontieren, ihn zu kritisieren oder ihm gute Ratschläge zu erteilen. Für Jack ist es auch eine Reise in die Vergangenheit und eine Art Therapie. In Chicago hat er früher als Detective bei der Polizei gearbeitet, bis zu seiner Kündigung. Offenbar wollte Jack sich nicht korrumpieren lassen wie viele seiner Kollegen. Die Schmiergeldzahlungen stammten von eben jenem Serrano, dessen Leute nun hinter ihm her sind. Alles fügt sich zusammen.

Sehr schön ist auch die Begegnung von Jack mit seiner Ex-Frau, bei der beide schnell wieder in alte Muster verfallen. Den aufkeimenden Streit kann ihre gemeinsame Tochter Denise schlichten. Auch das ist eine sehr schöne, berührende Szene. Überhaupt ist es einer der Vorzüge dieses Films, irgendwie immer MEHR zu bieten. Er ist nicht „nur“ witzig, spannend und rasant. Er lässt sich dann auch wieder Zeit, kümmert sich um seine Figuren, schafft berührende Momente und macht nachdenklich.

Am Ende hat Jack die Frist eingehalten. Er trifft rechtzeitig mit dem „Duke“ in Los Angeles ein, wo er ihn aber zum Entsetzen seines Auftraggebers laufen lässt. Damit verzichtet Jack zwar auf sein Honorar, hat aber einen Freund fürs Leben gewonnen. Außerdem entpuppt sich das Geschenk, das er im Gegenzug vom „Duke“ erhält, als das Dreifache seines Honorars. Nachdem die beiden Freunde Abschied genommen haben, entledigt Jack sich seiner alten, kaputten Armbanduhr (ein Geschenk seiner Ex-Frau). Er ist bereit für einen Neuanfang und geht beschwingten Schrittes in die Nacht.

Darüber hinaus sind alle Figuren und Nebenfiguren hervorragend gecastet: Der schmierige Besitzer des Kautionsbüros, sein kauziger Gehilfe, der bullige, etwas unterbelichtete Kautionsjäger Marvin Dorfler usw.
„Midnight Run“ zeigt auch wie Running Gags kunstgerecht eingesetzt werden. Dreimal schafft Jack es, seinen Konkurrenten Marvin mit einem billigen Trick abzulenken. Beim vierten Mal will Marvin partout nicht drauf reinfallen und sich umschauen. Hätte er es dieses Mal doch gemacht, dann hätte er hinter sich eine ganze Armada von Polizisten sehen können. So ist er wieder der Gelackmeierte.

Ein paar Schwachpunkte gibt es schon: FBI und Mafiosi wirken ein bisschen unterbelichtet. Das ist stellenweise ganz amüsant, aber nicht sonderlich spannend. Das betrifft auch sämtliche Schießereien, bei denen wie durch ein Wunder niemand getroffen wird. Insgesamt hätten die Verfolger ein bisschen hinterhältiger sein können. Dass es ganz einfach ist, am Telefon die Kreditkarte einer anderen Person zu sperren, muss man schlucken. Ebenso wie Serranos plötzliches Interesse an angeblich belastenden Disketten. Diese Datenträger sind doch unendlich duplizierbar, was doch auch ein etwas einfältiger Mafiaboss ahnen könnte. Trotzdem macht diese Thrillerkomödie einfach gute Laune!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für "Midnight Run"

Zwielicht (Gregory Hoblit) USA 1996

„Zwielicht“ ist ein spannender Gerichtsthriller nach dem gleichnamigen Roman von William Diehl, der noch einmal eindrucksvoll bestätigt, dass man tatsächlich nicht alles glauben sollte, was man denkt. Staranwalt Martin Vail (Richard Gere) glaubt nämlich im Mordprozess gegen seinen Mandanten Aaron Stampler (Edward Norton) so ziemlich als einziger an dessen Unschuld. In der Schlußszene wird Vail eines Besseren belehrt. Wie alle anderen ist auch er auf einen genialen Soziopathen hereingefallen. Allerdings ist die Folgenlosigkeit dieser Wendung ein erzählerisches Armutszeugnis.

1. Wenn Aaron Stampler im Prozess für unzurechnungs- und schuldunfähig erklärt wird, betrifft das den Mord an den Erzbischoff von Chicago. Bei der finalen Beichte erfahren wir aber auch von einem weiteren Mord, nämlich den an seiner Freundin Linda. Selbst nach dem amerikanischen Rechtssystem würde es sich hier um einen neuen Fall unter neuen Voraussetzungen handeln. An dieser Stelle sich ganz den Gefühlen eines reingelegten, eitlen Anwalts zu widmen und den Film dann zu beenden, ist schon haarsträubend. Was sind denn das für Filmemacher?! Was ist denn das für ein Anwalt?! Damit macht Vail sich mitschuldig an der Vertuschung eines Schwerverbrechens. Er nimmt billigend in Kauf, dass Stampler nach seiner möglichen Freilassung ungeschoren davonkommt und im schlimmsten Fall weitere Morde begehen könnte. Hier lassen zum Beispiel „Double Jeopardy“ von Bruce Beresford oder Gregory Hoblits späterer Thriller „Das perfekte Verbrechen“ den Zuschauer weniger im Regen stehen.

2. Ein weiteres Problem ist die Figur des arroganten, publicitysüchtigen Staranwalts. Wenn Martin Vail tatsächlich mal ins Schwitzen gerät, lässt auch das einen kalt. Eine Synchronisation der Gefühle findet nicht statt. Selbst wenn er am Ende reingelegt wird, empfindet man vielleicht einen kurzen Moment der Schadenfreude, aber keine Empathie. Man fühlt sich an das alte Sprichwort erinnert, demnach Hochmut vor dem Fall kommt. Das war’s dann aber auch. Eine interessantere, facettenreichere Figur hätte mehr Gefühle generieren können. Billy Wilder hat es in „Zeugin der Anklage“ mit dem skurrilen Sir Wilfried demonstriert.

3. In einem Nebenerzählstrang vertritt Vail den lateinamerikanischen Kriminellen Pineiro, der aber auch sein Viertel vor Spekulanten schützt. Kaufinteressent ist auch eine Stiftung, der Oberstaatsanwalt Shaughnessy angehört, ebenso der Erzbischoff vor seinem Ableben. Während des Prozesses nimmt Vail den Oberstaatsanwalt zwar ins Kreuzverhör, um auf ein Tatmotiv hinzuweisen. Denn der Erzbischoff war gegen die Immobilienspekulation der Stiftung. Leider bleibt auch dieses Verhör ohne Konsequenzen. Wenig später schwimmt Pineiros Leiche im Fluss. Kein weiteres Wort, keine Bilder über Hintergründe oder Zusammenhänge. Dann hat dieser Nebenerzählstrang in „Zwielicht“ aber auch keine Handlungsrelevanz und sollte gestrichen werden.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Zwielicht"

Lansky (Eytan Rockaway) USA 2021

„Lansky“ ist eine sehenswerte Gangsterbiographie, die 1981 in Miami spielt. Hauptpersonen sind der ehemalige Mafioso Meyer Lansky (Harvey Keitel) sowie der erfolglose Autor und Journalist David Stone (Sam Worthington), der seine Memoiren verfassen soll. Erzählt wird in zwei zeitlichen Ebenen: Die Treffen zwischen Lansky und David finden in der Gegenwart statt, die Erinnerungen des alternden Gangsters in Rückblenden. Lansky diktiert die Bedingungen: Nichts darf ohne seine Einwilligung veröffentlicht werden. Diese scheinbar banale Vereinbarung hat angesichts von Lanskys krimineller Vergangenheit schon dramatischen Zündstoff.

Das hätte man eigentlich nur ausreizen müssen: „Der Pakt mit dem Teufel“ (s. Erzählmotive im 1. Kapitel der „7 Säulen der Filmgestaltung“). Leider verschenken die Filmemacher dieses Gefahrenpotenzial. David hätte nach seinem Vertragsbruch in Lebensgefahr geraten müssen. Eigentlich noch schlimmer. Denn die dramaturgische Kardinalfrage lautet so: Was ist in der jeweiligen Spielanordnung das Schlimmstmögliche für den Protagonisten? Ist doch eigentlich nicht so schwierig? In Davids Fall ist das die Bedrohung für seine geliebten Kinder. Also, ein kompetenter Autor hätte zumindest mit dieser tödlichen Gefahr gespielt. In diesem Thriller geraten leider weder David noch seine Kinder in ernsthafte Gefahr.

Nur die ermittelnden FBI-Agenten, die hinter Lanskys verschwundenem Vermögen her sind, sorgen für Bedrohungen. Sie setzen zum einen die bildhübsche Maureen auf David an, um an entsprechende Informationen zu gelangen. Eigentlich ein durchschaubares Manöver. Man fragt sich nur, ob die Spionin für das FBI oder für Lansky arbeitet? An dieser Stelle wäre ein anderer Informationsfluss dramatischer gewesen, nämlich Suspense (s. 3. Kapitel der „7 Säulen der Filmgestaltung“). Der Zuschauer hätte über das Doppelspiel der Spionin informiert werden müssen. Das hätte die Emotionen gesteigert. Als diese Intrige später verpufft, erpressen die FBI-Agenten David zur Kooperation. Der entscheidet sich angesichts seiner privaten und finanziellen Probleme ebenfalls zum Doppelspiel. Das ist gut. Dass dieser Verrat keine Konsequenzen hat, ist gar nicht gut.

So wecken Lanskys Erinnerungen zwar unser Interesse, aber keine weitergehenden Gefühle. Schade. Dabei haben die Geschichten des „Bankiers des organisierten Verbrechens“ es in sich, handeln sie doch von der brutalen Vorgehensweise beim Aufbau eines illegalen Glücksspielimperiums. Lanskys Mann fürs Grobe ist sein Freund Bugsy Malone. Später muss Lansky sich einem Mehrheitsvotum des National Crime Syndicate beugen, das Bugsy Malone ermorden lässt. Lansky ist ein Kontrollfreak. Um so mehr leidet er unter dem Zerwürfnis mit seiner Ehefrau und vor allem unter der körperlichen Behinderung des gemeinsamen Sohnes. Lansky, der gewohnt ist, mit Geld und Gewalt alles zu regeln, stößt hier an seine Grenzen. „Frauen kann man leider nicht erschießen“, verrät er Bugsy einmal bedauernd.

Lanskys Geschichten sind manchmal ungeschminkt, manchmal beschönigend. So zum Beispiel, wenn er seinen kriegsentscheidenden Beitrag zur Enttarnung deutscher Spione im 2. Weltkrieg beschreibt. Zum Schluss werden die FBI-Ermittler zurückgepfiffen. Die Hintergründe bleiben im Unklaren. Man kann nur spekulieren. Wahrscheinlich hat Lansky sein Vermögen der US-Regierung vermacht, die in einigen Bundesstaaten und Reservaten das Glücksspiel erlaubt hat und kontrolliert. Darauf deutet auch sein finaler Besuch im Pflegeheim hin, in dem sein geliebter Sohn betreut wird. Das könnte der Deal gewesen sein: 300 Millionen Dollar für Straffreiheit und lebenslange Betreuung seines Sohnes. Dieses Agreement würde im Nachhinein auch erklären, warum ihn Davids Verrat nicht weiter interessiert hat. Es würde auch seine Selbsteinschätzung erklären: „Ich bin ein Engel mit einem schmutzigen Gesicht.“

Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der Figur des Journalisten. Dieser kommt Lansky zu Beginn „etwas unterwürfig“ vor. Leider ändert sich diese Haltung im Verlauf des Films nicht. Hier hätte man David eine Entwicklung gewünscht. Sie wäre auch vonnöten gewesen, wenn er von Lansky und vom FBI richtig in die Mangel genommen worden wäre. Insofern sind die Schwächen in der Dramatisierung eng mit denen in der Charakterisierung verknüpft. Insgesamt ist „Lansky“ – trotz der beschriebenen Gräueltaten – ein erstaunlich ruhiger und informativer zeitgeschichtlicher Gangsterfilm.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Lansky"

The Trip (Tommy Wirkola) N 2021

2021 war ein schlechtes Erntejahr. Ein sehr schlechtes sogar. Insofern wundert einen dieser unglaubwürdige Pseudothriller mit Splatter-Einlagen nicht. Dominiert wird „The Trip“ von Figuren, denen man selbst in einem düsteren Film nicht begegnen möchte. Das Problem ist nicht, dass die Protagonisten unsympathisch sind. Das Problem ist, dass sie uninteressant sind (s. 4. Kapitel der „7 Säulen der Filmgestaltung“). Da ist zum einen der ca. 40-jährige Fernsehregisseur Lars, flankiert von seiner Ehefrau, der Schauspielerin Lisa. Obwohl sie in wohlsaturierten Verhältnissen leben (Reihenhaus, Gärtner, Mercedes, Blockhütte am See, Boot), haben sie nichts Besseres zu tun, als sich auf der Fahrt ins Wochenende gegenseitig ihr berufliches Versagen vorzuwerfen. Das ist nicht nur angesichts ihres Wohlstands schwer nachzuvollziehen. Selbst wenn die finanziellen Probleme vakant wären, würde sich ein Paar gegen Ende ihrer Beziehung kaum so unterhalten. Man hätte sich arrangiert, würde aber nicht jeden Tag die selbe Schallplatte auflegen.

Nicht nur dieser Aspekt zeigt die gestalterischen Limitierungen der Filmemacher. Das Naheliegende ist nie originell, meist auch nicht glaubhaft und schon gar nicht dramatisch. Die Lösung wäre das Gegenteil gewesen: Lars hätte sich auf ihrer letzten Fahrt überaus freundlich und zuvorkommend verhalten können. Das hätte Lisa misstrauisch machen müssen und so hätte sie ihm auf die Schliche kommen können. Stattdessen regiert der Zufall, denn auch Lisa will ihren Gatten just an diesem Wochenende beseitigen. Zusätzliches Motiv für beide ist eine Lebensversicherung über mehrere Millionen Kronen. Wozu diese Absicherung der kinderlosen Ehepartner, die sich nach eigenem Bekunden von Anfang an nicht sonderlich grün waren? Würde eine derartige Vertragssumme nicht das Misstrauen einer Versicherung hervorrufen? Spätestens im Schadensfall, womit ihre morbiden Pläne sowieso hinfällig wären.

Zu Fall kommen, kann man bekanntermaßen auf verschiedene Weise, aber auch durch Zufall. Ausgerechnet an diesem Wochenende können drei Schwerverbrecher aus dem Gefängnis entfliehen. Norwegen ist ein großes Land, aber natürlich kreuzen die Gangster bei ihrer Flucht das Gelände der Blockhütte, um beim blutrünstigen Treiben mitzumischen. Nachdem der Gärtner als erstes dran glauben musste, benötigt man schließlich Frischfleisch. Das Gemetzel dauert über zwei Stunden. „The Trip“ ist nur empfehlenswert für Sadomasochisten und Freunde schlecht gemachter Thriller.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 schwarze traurige Gesichter für "The Trip"

The Outfit (Graham Moore) UK 2022

„The Outfit“ mutet eher an wie ein kammerspielartiger Agatha-Christie-Krimi als ein Mafiathriller. Keiner verlässt den Raum! Das ganze Geschehen spielt in der Schneiderei von Leonard Burling in Chicago 1956. Wobei die Einheit von Zeit, Raum und Handlung und die eher ruhige Erzählweise positiv auffallen. Leider hat Moore die Auslassungen seines Landsmannes Alfred Hitchcock zum Suspense nicht näher studiert. Die Zuschauer werden nicht mit Informationen gefüttert, sondern ein ums andere Mal mit zum Teil konstruierten Wendungen überrascht. Ein Rätselspiel nach dem Motto: Ich sehe was, was du nicht siehst. Was ist das? Wie „Kai aus der Kiste“ werden immer neue Überraschungen hervorgezaubert. Das ist aber keine Kunst und sorgt nur kurzfristig für Gefühlsregungen.

Und Graham Moore muss immer noch einen draufsetzen. Da reicht es eben nicht, wenn Leonard in seiner Londoner Vergangenheit nur Schneider gewesen ist und den Tod seiner Familie durch einen Brand verschuldet hat. Nein, er muss auch noch Gangster gewesen sein, der hervorragend mit Messern umgehen kann – eine typische Station im beruflichen Werdegang von Schneidern.

Emotionen können so aber nicht entstehen. Der Zuschauer wird nicht in die Entscheidungsfindungen des Protagonisten eingebunden. Er wird stets im Nachhinein über Zusammenhänge informiert, was das Mitfiebern verhindert. Wie wäre es denn gewesen, wenn der Zuschauer gesehen und verstanden hätte, das kein Geringerer als Leonhard selbst der Absender des Päckchens war, mit dem der Mafiaclan von Roy Boyle auf einen Verräter in den eigenen Reihen hingewiesen wurde? Wir hätten seinen Antrieb und seine Wünsche verstehen können. Wir hätten bei den ersten Widrigkeiten seines Plans mit ihm mitfiebern können.

Denn eigentlich macht Leonhard sich nur Sorgen um seine Sekretärin Mable, die er liebt wie seine eigene Tochter. Aufgrund seiner Vergangenheit hat er schließlich auch wieder etwas gutzumachen. Nachdem er ihre (vermeintliche) Liaison mit Richie beobachtet, dem unterbelichteten Sohn des Mafiabosses, versucht er im Stile von „Yojimbo“ (Akira Kurosawa) Zwietracht unter den Gangstern zu säen. Weiß Leonhard doch nur zu gut, dass in diesen Kreisen Missgunst und Geldgier mehr zählen als Freundschaften. Die Figurenkonstellation Mafiaboss mit unterbelichtetem Spross ist auch nicht sonderlich originell, weil man die schon etliche Male gesehen hat (z.B. in „Road to Perdition“ von Sam Mendes).

Leonards Plan scheint letztlich zu funktionieren. Denn die Gangster bringen sich reihenweise gegenseitig um, bis sich gegen Ende herausstellt, dass Mable tatsächlich ein mit dem FBI kooperierender Maulwurf ist. Sie hat sich nur mit Richie eingelassen, um an diskreditierende Informationen über den Boyle-Clan zu gelangen. Auch diese Überraschung kontert Moore mit einer weiteren Wendung usw. Jedenfalls hat Mable am Ende einen Koffer voller Geld und wählt den umgekehrten Fluchtweg, den Leonhard seinerzeit eingeschlagen hat: Sie flieht nach Europa.

Völlig hanebüchen wird das Verwirrspiel nach dem Showdown, als der Erzähler uns darüber aufklärt, dass es – trotz aller Bemühungen – keine wirkliche Perfektion gibt. Leonhard ist gerade dabei, seine Schneiderei in Brand zu setzen, um so alle Spuren zu beseitigen. Da tritt Francis, Boyles rechte Hand, als Untoter noch einmal in Erscheinung. Apropos Untote: Auch Richie läuft nach einem Bauschuss schnell wieder munter durch die Gegend. Jedenfalls haben auch zwei Kopfschüsse aus nächster Nähe Francis offensichtlich nichts anhaben können, weshalb er Leonhard nun ans Leder will. Zum Glück hat der nichts von den Fertigkeiten seiner dunklen Vergangenheit verlernt und killt den Todesunwilligen mit seiner Schere. Dann verlässt auch er seinen brennenden Laden, den er dieses Mal selber angezündet hat. Seine Zukunft sieht er so: „Nun, man breitet sein Werkzeug aus und fängt neu an.“ Wohl dem, der nicht nur ein Handwerk gelernt hat.

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The Gateway (Michele Civetta) USA 2020

„The Gateway“ ist ein Independent-Thriller, der mit sehr originellen Protagonisten, Nebendarstellern und Schauplätzen überzeugen kann. Es ist ein Stelldichein der verlorenen Seelen. Allen voran der alkohol- und drogenabhängige, stets mit einer Pistole bewaffnete Streetworker Parker (Shea Whigham). Als Halbwaise im Heim aufgewachsen, versucht er, in seinem Job in Not geratenen Kindern zu helfen. Seine leidvolle Vorgeschichte ist sein Antrieb. Ein Schutzengel im Ghetto. Auch ein Beziehungsinvalide. „Du liebst dich nicht selbst“, diagnostiziert eine weibliche Kneipenbekanntschaft, als sie nach einer gemeinsamen Nacht sofort wieder zum Gehen aufgefordert wird.

Einer von Parkers Schützlingen ist die 12-jährige Ashley, die bei ihrer überforderten Mutter Dahlia lebt. Da die berufstätig ist und ihr Mann Mike im Gefängnis einsitzt, kümmert Parker sich mit um das Mädchen. Die Lage ändert sich, als Mike aus dem Gefängnis entlassen wird und Parker als Eindringling das Feld räumen soll. Aber Mike ist ein Dummkopf und arbeitet fleißig daran, so schnell wie möglich wieder ins Gefängnis zu kommen. Dabei helfen ihm seine ebenfalls unterbelichteten, tätowierten und gewalttätigen Kumpels. Im Auftrag ihres Bosses Duke planen sie, anderen Gangstern das von einem Drogenkartell abgezweigte Heroin zu klauen. Eine grandiose Idee, besonders wenn sie von diesen Knallchargen ausgeführt wird. Die unfreiwillige Komik, die diese Bösewichte verbreiten, hat schon wieder etwas Drolliges. Da fragt Mike seinen Boss allen Ernstes: „Sicher, dass uns das Kartell jetzt in Ruhe lässt?“ Der scheint tatsächlich überzeugt zu sein, dass dieser Diebstahl für die Bestohlenen und das Kartell okay ist. Entsprechend dilettantisch wird der Überfall durchgeführt. Da erzählt der maskierte Mike vor einer Geisel, dass er gestern aus dem Gefängnis entlassen wurde. Anschließend werden ein halbes Dutzend Gangster erschossen, bevor sie mit dem Heroin fliehen können. Mikes nächste glorreiche Idee ist es, das Rauschgift im Rucksack seiner Tochter zu deponieren.

Ein weiterer Schwachpunkt sind die Begegnungen zwischen Parker und seinem Vater (Bruce Dern), den er nachts heimlich beobachtet. Angesichts dessen tiefsitzenden Schuldgefühlen müssten diese Gespräche aber anders verlaufen. Der Vater müsste kleinlauter, schuldbewusster agieren. Inzwischen wird Parker nach einer Tätlichkeit gegenüber einem aufdringlichen Kollegen entlassen. Diese Szene im Büro, angefangen von einer harmlosen Plänkelei bis zur Eskalation, ist von beiden hervorragend gespielt. Der Showdown ist dagegen vorhersehbar, nicht aber Parkers Ableben, der bei einem Feuergefecht mit Mike und Konsorten tödlich getroffen wird. Als Parker das Zeitliche segnet, kümmern Dahlia und Ashley sich um ihn, nicht um den ebenfalls schwer verletzten, neben ihm liegenden Mike. „The Gateway“ macht einfach gute Laune, woran auch Parkers Tod nichts ändert. Entscheidenden Beitrag leistet die hervorragende Filmmusik. Parkers Beerdigungsfeier wird im Stile einer Party inszeniert. Das Leben geht weiter.

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Tödliche Entscheidung (Sidney Lumet) USA 2007

Was für ein grandioses Thrillerdrama von Sidney Lumet! Nichts für schwache Nerven. Angeführt von einer herausragenden Schauspielerriege, allen voran Philip Seymour Hoffman als drogensüchtiger Immobilien-Buchhalter Andrew „Andy“ Hanson, führt der Weg der Protagonisten geradewegs in den Abgrund. Fehlendes Geld der beiden Brüder Andy und Hank (Ethan Hawke) für ein vermeintlich besseres Leben in Rio oder zum Begleichen von Schulden für den Unterhalt der Tochter sind der Auslöser für einen scheinbar einfachen Überfall auf den Juwelierladen der eigenen Eltern. „Ganz easy“, versucht Andy seinem jüngeren Bruder den Coup schmackhaft zu machen. Einfach Samstagmorgen reinspazieren, der kurzsichtigen Putzfrau Doris, die zu der Zeit im Laden aushilft, Bargeld und Schmuck stehlen. Fertig. Die Versicherung würde für den Schaden aufkommen und sie hätten nach Abzug der Hehlerprovision noch 120.000 Dollar. So weit der Plan. Doch der endet im Fiasko. Eine „Tödliche Entscheidung“.

Denn zum einen steht nicht Doris, sondern die eigene Mutter Nanette Hanson zur Tatzeit im Laden, zum anderen traut Hank sich nicht, den Überfall allein durchzuführen. Deshalb engagiert er ohne Andys Wissen den Kleinkriminellen Bobby Lasorda. Der entpuppt sich aber als dilettantisches Großmaul, fuchtelt beim Überfall mit seiner Waffe herum und verängstigt Nanette dermaßen, dass sie, in die Enge getrieben, zu einer in den Schubladen deponierten Pistole greift. Beim nachfolgenden Schusswechsel wird Bobby getötet und Nanette schwer verletzt. Auf der Intensivstation wird sie, bereits hirntot, noch tagelang am Leben gehalten. Ihr Ehemann und Vater der beiden Brüder Charles Hanson (Albert Finney) hat die Vorsorgevollmacht und soll über die Abschaltung der lebenserhaltenden medizinischen Geräte entscheiden. Nicht nur dieser Moment wird fachgerecht retardiert und ist an Dramatik kaum zu überbieten. Denn bei Charles’ innerem Kampf, im Krankenhaus und zu Hause, sind seine Söhne anwesend, die letztlich diese Qualen verursacht haben. Eine klassische Suspense-Situation, denn der Zuschauer weiß mehr als Teile der handelnden Personen. Das treibt die Spannung zum Maximum. Auch Charles’ Entscheidung endet tödlich. Er gibt schließlich sein Einverständnis für das Ableben seiner geliebten Frau.

Dabei erzählt Lumet diesen Strudel fataler Entscheidungen nicht-chronologisch. Was in anderen Filmen oftmals den Erzählrhythmus hemmt, ist hier keine Spielerei, sondern eine Eskalation der Spannung. Produktive Irritation heißt das dramaturgische Mittel. Der Zuschauer stolpert über Geschehnisse, die erst mal verwunderlich sind. Aber man ahnt, dass es einen plausiblen Zusammenhang gibt und will ihn erschließen. Der Zuschauer wird zum Mitdenken und Mitfiebern animiert. Besser kann man es nicht machen. Immer wieder finden die Filmemacher überzeugende Lösungen auf die dramaturgische Kardinalfrage: Was ist in der jeweiligen Spielanordnung das Schlimmstmögliche für die Protagonisten? So unterhält sich Charles mit seinem ältesten Sohn Andy bei der Beerdigungsfeier und entschuldigt sich bei ihm, dass er nicht der Vater war, den dieser sich gewünscht hat. Diese Bitte um Verzeihung zieht Andy angesichts der von ihm verschuldeten Umstände förmlich die Schuhe aus. Keine Vorhaltungen oder Streitereien hätte eine derart niederschmetternde Wirkung erzielen können wie die Entschuldigung für begangene Fehler. Später weint Andy neben seiner Frau: „Das ist nicht fair. Man kann nicht alles ungeschehen machen.“

Auch zwischenzeitlich auftretende Schwachpunkte nutzt die grandiose Drehbuchautorin Kelly Masterson zur erzählerischen Optimierung. Denn Bobbys Ehefrau könnte Hank identifizieren. Diese offene Frage wird gelöst, indem die Ehefrau zusammen mit ihrem Bruder Hank erpresst: Ihr Stillschweigen soll 10.000 Dollar kosten. Eine unerschwingliche Summe für die beiden Brüder, denen das Wasser schon längst nicht mehr nur bis zum Hals steht. Deshalb ist Andys Griff zum Revolver ein nachvollziehbarer Ausweg, zumal ihm auch noch die Steuerfahndung dicht auf den Fersen ist. Doch auch der Versuch, lästige Zeugen zu beseitigen, gerät zum Fiasko. Ähnlich wie beim Überfall im Juwelierladen wird der abgelenkte Täter (Andy) von der überfallenen Frau (Bobbys Ehefrau) erschossen. So erleidet Andy das Schicksal seiner Mutter und landet schwerverletzt auf der Intensivstation. Charles, der mittlerweile hinter die Zusammenhänge gekommen ist, schleicht sich ins Krankenzimmer und schaltet – nach Andys Beichte – die lebenserhaltenden Geräte ab. Zusätzlich erstickt er seinen Sohn mit einem Kopfkissen. Damit ist das Drama komplett.

Nicht ganz. Es gibt doch einen Schwachpunkt: Charles weiß, dass auch sein Lieblingssohn Hank die Finger mit im Spiel hatte. Diese fällige Konfrontation spart der Film aus. Das ist schade, aber nur eine kleine Trübung dieses dramatischen Meisterwerks. Es ist einer dieser Filme, nach denen man Hegels Erkenntnis („Es ist die Ehre großer Charaktere schuldig zu sein“) verstehen kann.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 blaue Smileys für "Tödliche Entscheidung"

Insider (Michael Mann) USA 1999

Es handelt sich hier um einen ebenso spannenden wie klugen Psychothriller, der auf einem tatsächlichen Fall beruht und ohne Darstellung von Gewalttaten auskommt. „Insider“ konzentriert sich ganz auf die inneren Konflikte seiner beiden Hauptdarsteller. Das ist zum einen Jeffrey Wigand (Russel Crowe), der als Wissenschaftler eines Tabakkonzerns vor den Suchtgefahren einer chemischen Beimischung warnt. Ein entsprechendes firmeninternes Memo hat seine Kündigung zur Folge. Trotz vertraglicher Schweigepflicht entscheidet er sich aus Gewissensgründen für die Veröffentlichung seiner Insider-Kenntnisse. Damit kommt Lowell Bergman (Al Pacino), Producer des CBS-Politmagazins „60 Minutes“ ins Spiel.

Was folgt, ist ein gnadenloser Kampf zwischen den Geschäftsführern, Lobbyisten und Anwälten des Tabakkonzerns auf der einen Seite und Wigand mit Bergman und seiner Redaktion auf der anderen Seite. Ein Kampf, der nicht mit Kugeln ausgetragen wird, sondern – subtiler und cleverer – mit Rufmordkampagnen, Psychoterror und Gerichtsklagen. Wigands Ehe übersteht diesen Kampf nicht. Seine Frau verlässt ihn mit den beiden gemeinsamen Kindern. Bergman gerät in einen vergleichbaren Zwiespalt, als CBS vom Tabakkonzern aufgekauft und das schon fertig produzierte Interview mit Wigand nicht ausgestrahlt werden soll. Hier sind die sektengleichen Zwänge einer Firmenstruktur sehr schön beschrieben. Als es für die Journalisten unverfänglich ist, plädieren alle Mitarbeiter der Redaktion für eine Ausstrahlung des Interviews, also für eine Veröffentlichung der Wahrheit. Als der Druck der Fernsehbosse dann zunimmt, ist Bergman plötzlich allein. An hehre journalistische Grundsätze kann sich plötzlich keiner mehr erinnern. Um den Renitenten ruhig zu stellen, wird er – anders als Wigand – nicht gefeuert, sondern beurlaubt, was eigentlich viel cleverer ist. Denn Ressentiments entstehen eher durch Kündigungen als durch kostenlose Urlaube.

Aber Bergman denkt gar nicht daran, lange auf dem Abstellgleis zu verweilen. Er schlägt mit seinen Mitteln zurück, indem er einen befreundeten Redakteur der New York Times von diesem Skandal berichtet. Die entscheiden sich nach kurzer Recherche für eine Veröffentlichung dieses Angriffs auf die Pressefreiheit auf der ersten Seite ihrer Zeitung. Ein Schachzug, der natürlich ein großes Interesse am nichtgesendeten Beitrag erzeugt. Dem müssen die TV Bosse schließlich nachgeben: Das Interview wird gesendet. Doch Bergman hat genug von seinen alten Kollegen und kündigt seinen Job bei „60 Minutes“, weil gegenüber zukünftigen Informanten nicht noch einmal als Verräter dastehen will. Er ist nicht käuflich.

Zum packenden Geschehen gesellt sich eine brillante Kameraarbeit (Dante Spinotti), oftmals aus der Hand gefilmt, manchmal in Zeitlupe, immer unglaublich konzentriert auf Handlung und Personen. Die Montage, die Komposition von Geräuschen, die Filmmusik offenbaren die Handschrift eines ganz großen Regisseurs: Michael Mann, einer der wenigen Autorenfilmer Hollywoods. Seine Werke sind stets ebenso eigenwillig wie spannend.

Es gibt zwei Schwachpunkte im Film. Zum einen agiert Wigands Frau in ihrer Zickigkeit zu eindimensional. Da stellen sich bei der Trennung des Ehepaares regelrechte Glücksgefühle ein: Gottseidank ist er diese Tante endlich los. Ein komplexeres Verhalten wäre natürlich dramatischer gewesen und nur darum geht’s, nicht darum, welchen Charakter die reale Mrs. Wigand hatte. Des weiteren zahlt auch diese Geschichte ihren Preis für die Fokussierung auf zwei Hauptdarsteller: Die emotionale Anteilnahme wird gerecht aufgeteilt, aber nicht bis zum Anschlag maximiert. Dafür hätte man die Geschichte ganz aus Wigands Perspektive erzählen müssen. Aber dann wären die journalistischen Internas natürlich auf der Strecke geblieben. Eine Frage der Abwägung. Was ist wichtiger: die Eskalation der emotionalen Anteilnahme für den Protagonisten oder der Medienkrimi?

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für "Insider"