Insider (Michael Mann) USA 1999

Es handelt sich hier um einen ebenso spannenden wie klugen Psychothriller, der auf einem tatsächlichen Fall beruht und ohne Darstellung von Gewalttaten auskommt. Der Film konzentriert sich ganz auf die inneren Konflikte seiner beiden Hauptdarsteller. Das ist zum einen Jeffrey Wigand (Russel Crowe), der als Wissenschaftler eines Tabakkonzerns vor den Suchtgefahren einer chemischen Beimischung warnt. Ein entsprechendes firmeninternes Memo hat seine Kündigung zur Folge. Trotz vertraglicher Schweigepflicht entscheidet er sich aus Gewissensgründen für die Veröffentlichung seiner Insider-Kenntnisse. Damit kommt Lowell Bergman (Al Pacino), Producer des CBS-Politmagazins „60 Minutes“ ins Spiel. Was folgt, ist ein gnadenloser Kampf zwischen den Geschäftsführern, Lobbyisten und Anwälten des Tabakkonzerns auf der einen Seite und Wigand mit Bergman und seiner Redaktion auf der anderen Seite. Ein Kampf, der nicht mit Kugeln ausgetragen wird, sondern – subtiler und cleverer – mit Rufmordkampagnen, Psychoterror und Gerichtsklagen. Wigands Ehe übersteht diesen Kampf nicht. Seine Frau verlässt ihn mit den beiden gemeinsamen Kindern. Bergman gerät in einen vergleichbaren Zwiespalt, als CBS vom Tabakkonzern aufgekauft und das schon fertig produzierte Interview mit Wigand nicht ausgestrahlt werden soll. Hier sind die sektengleichen Zwänge einer Firmenstruktur sehr schön beschrieben. Als es für die Journalisten unverfänglich ist, plädieren alle Mitarbeiter der Redaktion für eine Ausstrahlung des Interviews, also für eine Veröffentlichung der Wahrheit. Als der Druck der Fernsehbosse dann zunimmt, ist Bergman plötzlich allein. An hehre journalistische Grundsätze kann sich plötzlich keiner mehr erinnern. Um den Renitenten ruhig zu stellen, wird er – anders als Wigand – nicht gefeuert, sondern beurlaubt, was eigentlich viel cleverer ist. Denn Ressentiments entstehen eher durch Kündigungen als durch kostenlose Urlaube.
Aber Bergman denkt gar nicht daran, lange auf dem Abstellgleis zu verweilen. Er schlägt mit seinen Mitteln zurück, indem er einen befreundeten Redakteur der New York Times von diesem Skandal berichtet. Die entscheiden sich nach kurzer Recherche für eine Veröffentlichung dieses Angriffs auf die Pressefreiheit auf der ersten Seite ihrer Zeitung. Ein Schachzug, der natürlich ein großes Interesse am nichtgesendeten Beitrag erzeugt. Dem müssen die TV Bosse schließlich nachgeben: Das Interview wird gesendet. Doch Bergman hat genug von seinen alten Kollegen und kündigt seinen Job bei „60 Minutes“, weil gegenüber zukünftigen Informanten nicht noch einmal als Verräter dastehen will. Er ist nicht käuflich.
Zum packenden Geschehen gesellt sich eine brillante Kameraarbeit (Dante Spinotti), oftmals aus der Hand gefilmt, manchmal in Zeitlupe, immer unglaublich konzentriert auf Handlung und Personen. Die Montage, die Komposition von Geräuschen, die Filmmusik offenbaren die Handschrift eines ganz großen Regisseurs: Michael Mann, einer der wenigen Autorenfilmer Hollywoods. Seine Werke sind stets ebenso eigenwillig wie spannend.
Es gibt zwei Schwachpunkte im Film. Zum einen agiert Wigands Frau in ihrer Zickigkeit zu eindimensional. Da stellen sich bei der Trennung des Ehepaares regelrechte Glücksgefühle ein: Gottseidank ist er diese Tante endlich los. Ein komplexeres Verhalten wäre natürlich dramatischer gewesen und nur darum geht’s, nicht darum, welchen Charakter die reale Mrs. Wigand hatte. Des weiteren zahlt auch diese Geschichte ihren Preis für die Fokussierung auf zwei Hauptdarsteller: Die emotionale Anteilnahme wird gerecht aufgeteilt, aber nicht bis zum Anschlag maximiert. Dafür hätte man die Geschichte ganz aus Wigands Perspektive erzählen müssen. Aber dann wären die journalistischen Internas natürlich auf der Strecke geblieben. Eine Frage der Abwägung. Was ist wichtiger: die Eskalation der emotionalen Anteilnahme für den Protagonisten oder der Medienkrimi?

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht

Der einzige Zeuge (Peter Weir) USA 1985

Von Beginn an baut dieser Thriller eine sogartige Spannung auf, die vorrangig aus der Verknüpfung zweier klassischer Erzählmotive resultiert: „Der bedrohte Zeuge“ und „Die unmögliche Liebe“. Des Weiteren liefert der Aufeinanderprall völlig unterschiedlicher Welten zusätzliches Konfliktpotenzial. Die in der Landwirtschaft verwurzelte, technikfeindliche Lebenswelt der religiösen Amischen wird mit dem Lifestyle moderner Großstädter kontrastiert. Heimlicher Held der Geschichte ist der 8-jährige Samuel, ein Amisch-Junge, der seinen ersten Ausflug mit seiner verwitweten Mutter Rachel (Kelly McGillis) in das Universum der Großstädter förmlich in sich aufzusaugen scheint. Das jähe Erwachen kann kaum brutaler sein: Auf einer Bahnhofstoilette in Philadelphia wird er Zeuge eines Mordes. Ermittelnder Detective ist John Book (Harrison Ford), der Mutter und Sohn erst mal bei seiner Schwester unterbringt. Am nächsten Morgen frühstücken John, Rachel und Samuel gemeinsam in einem Schnellrestaurant. In dieser Szene haben die Drehbuchautoren (Kelley, Wallace) sich etwas Geniales einfallen lassen. Im Verlauf eines kleinen Streits hält Rachel dem Detective sämtliche Schwächen vor, die seine Schwester ihr anvertraut hat. Auch wenn nicht alles stimmen mag, erhalten wir hier auf originelle Weise eine umfassende Charakterisierung des männlichen Protagonisten. Das ist exzellent! John Book ist der Appetit vergangen und der des Zuschauers ist geweckt. Als Samuel auf dem Polizeirevier McFee, ein Detective des Rauschgiftdezernats, als Täter identifiziert, beginnt eine gnadenlose Jagd. Nichtsahnend informiert John seinen Vorgesetzten Chief Paul Schaeffer vom Sachverhalt und wird kurz darauf Opfer eines Mordanschlags. Schütze aus dem Hinterhalt ist kein Geringerer als McFee, womit klar ist, dass der mit Schaeffer unter einer Decke steckt. Schwer verletzt taucht John mit Rachel und Samuel auf der Farm ihres Schwiegervaters unter. Nach seiner Genesung wird John in den bäuerlichen Alltag der Amischen integriert. Wie ein Dokumentarfilm skizziert der Film die immaterielle, tief religiöse Welt, in der die Familie mit klar definierten Geschlechterrollen im Fokus steht. Der gemeinsame Bau einer Scheune, den die Amischen ameisengleich an einem Tag bewältigen, wird wie eine Hymne inszeniert – ein Triumph von Teamgeist und Hilfsbereitschaft. Die Abgründe treten zutage als John und Rachel sich ineinander verlieben. Das kollidiert mit den bigotten Moralvorstellungen und der hermetischen Abgeschiedenheit der Amischen, in der eine Beziehung zu „Engländern“ geächtet wird. Es ist eine Liebe, die von Anfang an keine Aussicht auf Erfolg hat. Diese emotionale Zerrissenheit spielt vor allem Kelly McGillis mit einer Melange aus Verliebtheit und Angst einfach überragend. Am Abend nach dem Bau der Scheune sieht John sie nackt in ihrem Zimmer und widersteht. „Ich hätte bleiben müssen oder du hättest gehen müssen“, bringt er das Drama auf den Punkt. Sehr schön ist auch das Fortführen der Thrillerebene. Bei einem Telefonat erfährt John vom Ableben seines Partners „in Ausübung seiner Dienstpflicht“. Dass sich hinter dieser Formulierung nichts anderes als die Beseitigung eines gefährlichen Mitwissers verbirgt, ist ihm sofort klar. Nach einer Handgreiflichkeit mit einem Touristen wird eine Polizeistreife auf John aufmerksam, denn Amische lehnen jede Anwendung von Gewalt ab. Damit haben die Verfolger ihn geortet und es kann zum Showdown kommen, bei dem John zwei seiner Gegenspieler ausschalten kann. Doch dann bringt Schaeffer Rachel in seine Gewalt und droht, sie zu erschießen. Die Lösung führt der kleine Samuel herbei, indem er die Nachbarn alarmiert. Schaeffer erkennt die Ausweglosigkeit seiner Situation, denn er kann nicht alle Herbeigeeilten erschießen. Das ist sehr stimmig gelöst: Ein Sieg der Gemeinschaft über die Habgier. Genauso überzeugend ist der Abschied der Liebenden, der nämlich ohne überflüssige Worte auskommt.
Es gibt drei Schwachpunkte: Zum einen muss man wieder schlucken, dass die komplette Einheit eines Rauschgiftdezernats aus brutalen Gangstern besteht, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Immerhin besteht diese Bande hier, im Gegensatz zu „L.A. Confidential“, nur aus drei Gangstercops. Dann ist dieser Mord auf der Bahnhofstoilette viel zu grausam inszeniert. Er gleicht einer Hinrichtung und hätte Samuel eigentlich traumatisieren müssen. Besser und glaubhafter wäre ein Totschlag im Affekt gewesen, denn der Ermordete war ja Polizist, also wahrscheinlich ein abtrünniges Mitglied der Gangstercops. Da hätte man sich sehr gut einen eskalierenden Streit vor dem Totschlag vorstellen können. Die Möglichkeit, dass der Ermordete ihnen im Zuge von Ermittlungen auf die Schliche gekommen ist, kann man eigentlich ausschließen. Denn dann wären ja weitere Beamte in diese Untersuchung involviert gewesen. Entscheidendes Manko sind aber die ausbleibenden Versuche von John und seinem Partner, ihre Erkenntnisse über Schaeffers kriminelle Machenschaften einem anderen hochrangigen Polizeibeamten, einem Staatsanwalt oder einem Journalisten anzuvertrauen. Die sind ja nicht alle korrupt. Hier hätte mehr kommen müssen, als nur eine kurze Debatte zwischen beiden, die nichts daran ändert, dass sein Partner wie ein braves Schaf zur Schlachtbank trabt und John dies letztlich billigend in Kauf nimmt. Ansonsten ein fulminanter Thriller.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht

Gloria (USA 1980) Regie: John Cassavetes

Es handelt sich hier um einen fulminanten Mafiathriller, der auch 40 Jahre nach seiner Herstellung nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. Das liegt zum einen am Aufbau eines Spannungsbogens, der von Anfang bis zum Ende kunstgerecht auf die Spitze getrieben wird, zum anderen an der genialen Gena Rowlands in der Rolle der alternden, ehemaligen Gangsterbraut Gloria Swenson. Der Film war auch die Vorlage für Luc Bessons ebenso brillanten Rachethriller „Léon – der Profi“. In „Gloria“ ist es die Mafia, die glaubt, ein Exempel statuieren zu müssen und den abtrünnigen Buchhalter Jack Dawn samt Familie liquidieren will. Der 6-jährige Sohn Phil soll im letzten Moment bei Nachbarin Gloria unterschlüpfen. Die Widerwilligkeit des Jungen zur verhassten Nachbarin zu gehen, ist sehr schön retardiert. Die Ermordung der Familie wird – anders als bei Luc Besson – nicht als blutspritzende Gewaltorgie inszeniert. Man sieht den Jungen in Glorias Wohnung noch mit seinem Vater telefonieren, bis mit einem explosionsartigen Knall das Fenster von Dawns benachbarter Wohnung zersplittert und die Telefonleitung „tot“ ist. Das ist super, viel besser als bei „Léon – der Profi“. Das Gespann Gloria/Phil ist vortrefflich als Odd-Couple-Paar etabliert. Sie hasst Kinder, der Junge mag sie ebenso wenig. Besser kann man es nicht anrichten. Besser kann man es auch nicht weitertreiben. Denn die nachfolgenden Flucht-Verfolgungs-Szenen sind gnadenlos spannend und geben ihrer Heldin Gelegenheit zur kompletten Entfaltung. Nach Enttarnung ihres ersten Unterschlupfs wird Gloria mit dem Jungen auf der Straße von einem PKW mit fünf Mafiosi gestellt. Nachdem sie auf ihre Frage „Ihr wollt doch kein Kind abknallen?“ nur beredtes Schweigen erntet, zieht sie ohne Vorwarnung ihren Revolver und feuert alle Kugeln ins Innere des davon preschenden Wagens. Das ist Gloria! Aber sie ist weit mehr als nur eine zu allem entschlossene Beschützerin des Jungen. Sie leidet unter Einsamkeit, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Sie ist sarkastisch, auch wenn sie vorgibt, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Sie hat Angst, obwohl sie es gegenüber Phil abstreitet. Sie entwickelt Gefühle für den Jungen, obwohl sie es nicht will, obwohl es in ihrem Lebensmodell nicht vorgesehen ist. Das ist schön, auch die Zeit, die der Film sich in diesen Momenten nimmt.
Es gibt Wendungen, Überraschungen, eine geniale Ausstattung, eine tolle Kameraarbeit, eine brillante Filmmusik (Bill Conti), die stets auf das Geschehen eingeht und nicht domestiziert. Die Dialoge sind pointiert und schonungslos: „Ich bin froh, dass ich bei dir bin“, sagt der Junge. „Schön, dann werden wir uns mal einen Grabstein suchen“, antwortet Gloria.
Tja, gibt es denn gar nichts zu mäkeln? Doch. Leider hat der Film zwei nicht unerhebliche Schwachpunkte: Zum einen fragt man sich, warum Gloria den Jungen im Laufe der Geschichte nicht irgendwann der Polizei anvertraut, zumal Jack Dawn ja schon mit dem FBI in Verhandlung war. Ein Zeugenschutzprogramm mit neuer Identität wäre für den Jungen eine dauerhafte Überlebensmöglichkeit gewesen. Für diese Unterlassung gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Von diesem Moment an hätte Gloria den Jungen nie wiedersehen können. Diesen Zwiespalt hätte Cassavetes aber thematisieren und zelebrieren müssen. Zum zweiten ist die Geschichte nicht richtig zu Ende erzählt, denn Mafiaboss Tanzini, der am überlebenden Jungen bis zum Schluss ein Exempel statuieren will, ist nicht tot, ebenso wenig wie Gloria oder Phil. Tanzini wird sein Vorhaben nicht aufgeben. Deshalb wäre es besser gewesen, wenn Gloria zusammen mit Phil am Ende tatsächlich mit einem Schiff nach Südamerika geflohen wäre und diese Geschichte nicht nur als Ausrede benutzt hätte. Hier hat Luc Besson in „Léon – der Profi“ ein besseres Ende kreiert, in dem der Held sich opfert und den Antagonisten mit in den Abgrund reißt. Ansonsten ist „Gloria“ ein genialer Thriller.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht

The Protégé (Martin Campbell) USA 2021

So langsam glaube ich doch an den Zusammenhang von Jahreszahlen und Qualität. Was für ein Müll! Warum verfilmt man so ein Sammelsurium an klischeehaften Schnipseln? Wer gibt sein Geld dafür aus?
Ein absurdes Szenario jagt das andere. Schon nach kurzer Zeit gewinnt die Verständnislosigkeit Oberhand über das Bemühen, hier tiefere Zusammenhänge zu vermuten und zu erschließen. Irgendwie geht es um den Profikiller Moody (Samuel L. Jackson) und seine Ziehtochter Anna(Maggie Q), die er gerettet hat als sie noch ein Mädchen war. Natürlich fällt ihm nichts Besseres ein, als sie ebenfalls zur Profikillerin auszubilden. Irgendwie geht es um Rache, dann auch wieder nicht. Des öfteren stirbt jemand (Moody, Hayes usw.), der dann doch nicht tot ist. Aber da hat man sich schon längst ausgeklinkt.
Hauptproblem ist – neben dem absurden Treiben – das ganze Bataillon an künstlichen Figuren, die zudem nie wirklich in Bedrängnis geraten. Wenn, geschieht es nur scheinbar und ist einem sowieso egal. Die Dialoge bewegen sich auf folgendem Niveau: „Töte mich oder fick mich.“ Ach, hätte er sie doch umgebracht! Der absolute Knaller ist die vietnamesische Motorrad-Rockerbande, die von einem Althippie ohne Helm angeführt wird. Jedenfalls kann man einmal herzhaft lachen. Das ist doch was!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter

The Adverse (Brian Metcalf) USA 2021

Es gibt Filmemacher, die stellen ihrem Werk ein Nietzsche-Zitat voran. Kann eigentlich nicht verkehrt sein, suggeriert es doch gedanklichen Tiefgang? Hier ist es aber der erste Beitrag zur unfreiwilligen Komik. Es folgen klischeehafte Figuren, die hölzerne Dialoge absondern und abstruse Dinge tun. Die größte Lachnummer ist der koksende Betreiber einer Nachtbar, der von Gangsterboss Kaden (Mickey Rourke ist sich auch für nichts zu schade) zusammen gestaucht und vom Regisseur selbst gespielt wird. Wen oder was soll man denn hier ernst nehmen? Abbruch nach 10 Minuten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 7 schwarze traurige Gesichter

Das Schweigen der Lämmer (Jonathan Demme) USA 1991

Zu Zeiten als der Oscar noch nicht ein Symbol gesellschaftlicher Wiedergutmachung war, gab es hin und wieder würdige Preisträger. Einer davon ist der gnadenlos spannende Psychothriller „Das Schweigen der Lämmer“ nach einem Roman von Thomas Harris. Hier stimmt praktisch alles: Drehbuch, Inszenierung, Kamera, Ausstattung, Filmmusik, Montage und vor allem die hervorragenden Schauspieler.
Heldin ist die junge FBI-Agentin Clarice Starling (Jodie Foster), die einer Sondereinheit des FBI angehört. Ihr Ziel ist es, den Serienmörder „Buffalo Bill“ zur Strecke zu bringen. Dafür sucht Clarice den kannibalistisch veranlagten Psychiater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) auf, der in Baltimore im Gefängnis einsitzt. Von ihm erhoffen die Ermittler sich Hinweise zur Klärung des Mordfalls. Vor der fensterlosen Gefängniszelle entwickelt sich ein nervenzermürbendes Katz-und-Mausspiel. Quid pro quo lauten die Spielregeln, die von Dr. Lecter bestimmt werden. Für jede Information aus ihrem Privatleben liefert er Andeutungen zur Psyche des Serienmörders. Das ist genial gemacht. So tauchen wir tief in das Vorleben der Heldin ein, erfahren von ihrer Beziehung zum gewaltsam getöteten Vater und ihre Zeit auf dem Schlachthof des Onkels. Seit jenen Tagen wird sie vom Schreien der zur Schlachtbank geführten Lämmer in ihren Albträumen verfolgt. Clarice beantwortet Dr. Lecters Fragen wahrheitsgemäß. Zum einen würde er eventuelle Lügen sofort durchschauen, zum anderen ist er ihre Hoffnung bei der Aufklärung des Mordfalls. Im Laufe der Verhöre entwickelt sich ein Verhältnis zwischen beiden. Er mag sie und gibt ihr schließlich – verklausuliert – die entscheidenden Hinweise. Und Clarice ist fasziniert von der Inkarnation des Bösen, von seiner Intelligenz, von seiner Direktheit, von seiner Hinterhältigkeit. Ein abgründiges Vater-Tochter-Verhältnis.
Der Showdown ist ein kleines Meisterstück, brillant inszeniert und montiert. Besser geht’s nicht. Da ist zum einen Crawford, der Chef der Sondereinheit, der mit seinen Leuten das Haus eines vermeintlichen Täters in Chicago stürmt, zum anderen Clarice, die alleine weiter in Ohio ermittelt. Beide Handlungsstränge laufen alternierend aufeinander zu, bis Clarice dem Killer ganz allein gegenübersteht. Dieser Moment wird natürlich fachgerecht retardiert, bis sie ihn im letzten Moment ausschalten kann.
Schwachpunkte: Wenn „Buffalo Bill“ eines seiner Opfer nachts vor einem Diner beobachtet, dann benötigt er dafür ja wohl kein Nachtsichtgerät. Das wird hier nur eingeführt, weil es beim Showdown eine Rolle spielt. Das hätte man geschickter lösen können. Dr. Lecters Entkommen aus dem provisorischen Hochsicherheitstrakt im 5. Stock eines Gerichtsgebäudes in Memphis muss man erst mal schlucken. Da benötigt es schon einiges Wohlwollen. Aber okay, ist ja Kintopp. Clarice hat Schwierigkeiten mit Männern, auch weil sie ihren Vater idealisiert. Das hat Dr. Lecter messerscharf erkannt. Sie lässt keine Männer in ihre Nähe kommen, weder den älteren Crawford noch den jungen Biologen, der ihr im Laufe der Ermittlungen Avancen macht. Da hätte man der Heldin zum Schluss der Geschichte schon eine Entwicklung gegönnt. Ansonsten: perfekte, abgründige Unterhaltung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht

Death Proof – Todsicher (Quentin Tarantino) USA 2007

Das Talent von Quentin Tarantino blitzt gelegentlich in vereinzelten Szenen auf, nie in einer Filmerzählung. Die Eröffnung von „Inglourious Bastards“ ist zum Beispiel genial, ebenso einige Situationen in „Django Unchained“. Aber dann dominiert wieder die grenzenlose Infantilität eines pubertierenden Rotzlöffels in Gestalt eines Gothic-Säufers und gipfelt in hanebüchenem Müll wie „Kill Bill“ oder „Death Proof“. Der ist ein handwerkliches Armutszeugnis. Nach geschlagenen 45 Minuten gibt es den ersten dramatischen Höhepunkt. Bis dahin Geschwätzigkeiten knapp bekleideter junger Frauen über Saufen, Kiffen, Filme, Autos und Ficken – worüber Mädels eben so reden. Viel Musik. Ein Lapdance. Viel Schnickschnack, mal in Farbe, mal in Schwarzweiß. Warum? Egal. Hier geht’s um Tarantinos degenerierte Spielzeugwelt, in der Autos (Dodge Challenger aus „Fluchtpunkt San Francisco“) eben wichtiger sind als die Figuren oder halbwegs nachvollziehbare dramatische Ereignisse. Spannungsfreier Schwachsinn. Eigentlich müsste der Filmtitel folgendermaßen lauten: „Death Boredom – Todsicher“.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter

Free Fire (Ben Wheatley) GB 2016

Okay, offensichtlich haben die Filmemacher einen großen Teil ihrer Vergangenheit mit fragwürdigen Ballerspielen verbracht. Es gibt in „Free Fire“ ein dutzend schräger Typen, die in einer alten Fabrikhalle einen Waffendeal abwickeln wollen. Die Location ist hervorragend und einige Dialoge sind lakonisch, aber das war’s dann. Entscheidender Fehler ist das Fehlen eines oder mehrerer Protagonisten. Antagonisten, im dramatischen Sinn, gibt’s eigentlich auch nicht. Deshalb sind einem diese abgehalfterten Figuren und ihr Ableben herzlich egal. Völlig hanebüchen wird das Ganze, als mitten in der Ballerei plötzlich noch zwei Heckenschützen auftauchen und munter mitmischen. Warum warten sie nicht einfach ab, bis die Trottel sich gegenseitig umgelegt haben und schnappen sich dann den Geldkoffer? Egal. Hier geht’s um andere Dinge. Wer dieses ebenso bleihaltige wie infantile Treiben bis zum Ende durchhält, erfährt noch, dass nur einer überlebt. Wer, weiß ich nicht. Der Ausschalter ist mir zuvor gekommen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter

The Equalizer (Antoine Fuqua) USA 2014

Hier bekommt die Russenmafia ordentlich eins auf die Mütze. Das haben sie eben davon, wenn sie sich in den Staaten so breit machen. Der Mann, der hier für Gerechtigkeit sorgt, heißt Robert McCall (Denzel Washington). In seinem normalen Leben ist er ein unscheinbarer Mitarbeiter eines Baumarkts, in seinem Vorleben war er Spezialagent des DIA. Vorleben ist hier wörtlich zu nehmen, denn McCall hat sein Ableben und damit seinen Ausstieg aus der Agententätigkeit inszeniert. Dummerweise versucht er anschließend, ein guter Mensch zu sein. Aber dazu gehören Gleichgesinnte, ein anderes Vorleben und andere Fähigkeiten. So freundet er sich in einem Diner mit der Prostituierten Alina (Chloé Grace Moretz) an. Als die von einem Kunden und ihrem Zuhälter Slavi krankenhausreif geschlagen wird, ist Schluss mit lustig. Jetzt kommt meine Lieblingsszene. McCall knöpft sich den Gangster und seine Leute in ihrer Hotelsuite vor. „Na, Opa. kriegst du überhaupt noch einen hoch?“, wird er verhöhnt. Kurz darauf liegen fünf Tote auf dem edlen Teppich. Das geht Ober-Russenmafioso Pushkin gewaltig auf den Keks, weshalb er seinen Mann fürs Grobe, Teddy Rensen, nach Boston schickt, um dort den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Bis zum Showdown müssen noch einige korrupte Polizisten und russische Gangster ins Gras beißen, aber gegen McCall haben sie letztlich keine Chance.
Damit sind wir beim Hauptproblem des Films. Man hat nie wirklich Angst um McCall, der bei seinem Kampf gegen die Übermacht kein einziges Mal eine Schusswaffe benutzt. Er wirkt wie eine Kunstfigur, wie Superman ohne Kostüm. Zudem nervt seine missionarische Gutherzigkeit, so als müsste er sämtliche Schandtaten seines Vorlebens wieder ausbügeln – „The Equalizer“. Leider erfährt man nichts von diesen Untaten. Man erfährt auch nicht, ob sie ihm in irgendeiner Form zu schaffen machen. Derartige innere Konflikte wären natürlich nicht schlecht für eine Annäherung an diese Figur. Aber so ist McCall einem „equal“. In „Man on Fire“ hat Tony Scott mit dem Ex-Agenten Creasy (ebenfalls Denzel Washington) demonstriert, wie man es richtig macht. Immerhin gibt es jetzt weniger russische Mafiosi. Das ist doch auch was.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter

Das schnelle Geld (D.J. Caruso) USA 2005

Diese Spielerbiographie erinnert an „The Wolf of Wall Street“ (Martin Scorsese), ohne allerdings auch nur annähernd dessen Qualität zu erreichen. Die Geschichte des Sportinvaliden Brandon Lang (Matthew McConaughey) taugt überhaupt nicht als Filmvorlage. Sie hat am Anfang einen dramatischen Höhepunkt, dann muss man viel Geduld aufbringen, bis zur Mitte des Films wieder etwas halbwegs Spannendes passiert. Außer Brandons schwerer Verletzung haben alle „dramatischen“ Ereignisse keine Konsequenzen. Das schnelle Verpuffen. Es gibt teilweise schöne Dialoge. Aber das darf man vom Drehbuchautor Dan Gilroy („Nightcrawler“) auch erwarten.
Ein weiterer Schwachpunkt ist die Figurenkonstellation: Sportwettenberater Walter Abrams (Al Pacino) behandelt seinen Zögling Brandon meist zuvorkommend, fast liebevoll. Es ähnelt einer Vater-Sohn-Beziehung, aber ohne dass hier die Fetzen fliegen. Die freundschaftliche Beziehung von Brandon zu Toni (Rene Russo), Walters Frau, beschreitet leider auch kein verbotenes Terrain. Spannung und Emotionen können so nicht entstehen. Die Lösung wäre folgende gewesen: Brandon geht mit dem Engagement bei Walter einen Pakt mit dem Teufel ein („Faust“). Er verkauft seine Seele an den Agenturchef, der kein Erbarmen kennt. Zudem verliebt Brandon sich in Toni, die seine Gefühle erwidert. Das wäre das Drama. Aber so bleibt alles beim Ringelpietz ohne Anfassen, passend zum schalen Ende, als Brandon sich einfach davonstiehlt. Einmal erlebt er eine heiße Liebesnacht, aber auch da entpuppt sich alles als Spiel, als Arrangement, nichts Ernstes also.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter