„Old Henry“ ist ein spannender Independent-Western mit einem genialen Hauptdarsteller. In seiner ganzen Atmosphäre und Schonungslosigkeit erinnert er an „Erbarmungslos“ von Clint Eastwood. Ein großer Vorteil ist auch seine konzentrierte, einfache und verständliche Geschichte. Es gibt keinen Schnickschnack. Der Western spielt im Jahre 1906 nur auf einer Farm in Oklahoma und ihrer Umgebung. Die Reduktion drückt sich auch in der Gesamtlänge von knapp 100 Minuten aus. Es geht den Filmemachern eben um eine spannende Erzählung und nicht um Wichtigtuerei.
Die Geschichte
„Old Henry“ (herausragend: Tim Blake Nelson) lebt mit seinem 15-jährigen Sohn Wyatt auf einer kleinen, einsam gelegenen Farm. Eines Tages entdecken sie ein reiterloses Pferd, dessen Sattel mit Blut beschmiert ist. Henry begibt sich auf die Suche und findet den schwerverletzten Curry und eine Packtasche voller Geld. Im ersten Moment will er lieber umkehren, aber dann siegt sein Gewissen und er transportiert Curry zur Farm. Dort versorgt er zusammen mit Wyatt die Schusswunde des Verletzten. Die Verfolger in Gestalt dreier angeblicher Sheriffs lassen nicht lange auf sich warten. Zunächst kann Henry sie hinhalten. Doch nachts schleicht sich einer der Bande zur Farm und eröffnet sofort das Feuer als er Curry entdeckt. Henry kann den Gangster ausschalten.
Showdown
Doch schon am nächsten Tag tauchen die Verfolger mit Verstärkung auf. Außerdem haben sie Henrys bereits misshandelten Schwager als Geisel dabei. Der Boss der Bande, Sam Ketchum (Stephen Dorff), stellt Henry ein Ultimatum. Als der nicht darauf eingeht, erschießt Ketchum den Schwager. Sofort eröffnen Wyatt und Henry das Feuer auf die Gangster. Nach und nach können sie alle Mitglieder der Bande ausschalten. Der stark lädierte Curry ist sich sicher, dass Henry in Wirklichkeit niemand anderes ist, als der untergetauchte „Billy the Kid“ und schießt ihn an. Vor dem finalen Schuss wird er aber von Wyatt niedergestreckt. Am Ende begräbt der Junge seinen Vater und zieht allein von dannen.
Protagonist
Besser kann man einen interessanten und tauglichen Helden eigentlich nicht kreieren. Henry wirkt auf den ersten Blick zwar zäh, aber eher altbacken und langweilig. Mit seinem herunterhängenden Augenlid wirkt er wie eine biedere Ausgabe von Karl Dall. Gleichzeitig hat er etwas Störrisches, Unbeugsames. Da steckt etwas in ihm, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Das macht neugierig. Das macht ihn interessant. Dann kommt das nächste Level. Wir identifizierten uns und sympathisieren mit ihm, spätestens als er Curry das Leben rettet und damit seines aufs Spiel setzt. Wir zittern mit ihm und seinem Jungen mit und gönnen ihm auch seine Verwandlung zum Revolverhelden. Die ist im Grunde der einzige Ausweg. Er ist ein Farmer mit dunkler Vergangenheit, dem sein Junge zurecht vorwirft, ihm nicht die Wahrheit zu sagen. „Old Henry“ ist eine Geschichte, in der – außer dem Jungen – niemand der ist, der er vorgibt zu sein.
Dramaturgie
Es geht sofort zur Sache. Gut so. Konflikte und Gefahren für unsere beiden Helden könnten größer nicht sein. Sie sind – zumindest für Henry – tödlich. Sehr schön sind auch die Konflikte, die Henry mit seinem pubertierenden Sohn hat. Der Junge schenkt ihm nichts. Die Ausweglosigkeit ihrer Lage wird ebenfalls bis zum Maximum eskaliert. Sie können sich entscheiden zwischen „freiem“ Abzug von der Farm, was – wie Wyatt richtig erkennt – ihren sicheren Tod zur Folge hätte oder eine Schießerei mit einer Übermacht von skrupellosen Gangstern. Beides nicht so prickelnd.
Wendungen
Plausible Wendungen in einer Geschichte sind nie verkehrt. Warum? Könnte sonst langweilig werden. In „Old Henry“ gibt es eine Vielzahl von Wendungen und Überraschungen: Die Sheriffs, die sich als Gangster entpuppen. Vor allem natürlich Henrys Entwicklung vom „dummen, wehrlosen alten Mann“ (Wyatt) zum entschlossenen, mit allen Wassern gewaschenen Revolverhelden. Sehr schön ist auch seine anfängliche Abwehr, sich um den schwerverletzten Curry und die Beute zu kümmern. Hätte er diesem unliebsamen Fund den Rücken gekehrt, wäre ihm Vieles – eigentlich alles – erspart geblieben. Aber es hätte ihm keine Ruhe gelassen. Beim Showdown flieht er angeschossen vor Ketchum, bis er dann den Spieß wieder umdreht. Henry ist kein Superheld. Beide Wendungen sind dramatisch und schaffen Sympathien.
Reduktion
„Old Henry“ demonstriert auch, wie man mit einfachen Landschaftsbildern Spannung generieren kann. Immer wieder der Blick der Protagonisten zum Hügel vor der Farm. Da sieht man nur den Höhenzug und den Horizont – mal bei Tag, mal bei Nacht. Sonst nichts. Dann Schnitte auf die Blicke der Helden. Das schafft eine unglaubliche Spannung. Denn wir wissen, was in ihnen vorgeht und wir wissen, dass irgendwann drei Reiter auf diesem Hügel erscheinen werden. Eine idyllische Landschaftsaufnahme als Symbol für eine tödliche Bedrohung. Die Filmmusik ist exzellent, ebenso wie die Ausstattung. Da stimmt jedes Detail. Wenn der Schwager Wyatt auf seinen Hut klopft, ist eine kleine Staubwolke zu sehen. Das angerostete Bettgestell, in dem Curry verarztet wird, erleichtert uns das Eintauchen in karge Lebenswelten des frühen 20. Jahrhunderts. Davon hätte Kevin Costner sich bei seinem „Horizon“ mal eine Scheibe abschneiden sollen.
Schwächen
Der Anfang des Western ist unnötig brutal und zeigt Currys Komplizen zu Fuß auf der Flucht. Verfolgt wird er von Ketchum und seinen Männern zu Pferde. Obwohl der Flüchtende angeschlagen und zu Fuß ist, sich zudem in einem Versteck befindet, eröffnet er das Feuer auf seine Verfolger. Die wissen nun genau, wo ihr Opfer steckt. Nach kurzer Jagd schießen sie ihn an, foltern und erdrosseln ihn. Obwohl nach diesem Opening die Antagonisten eindrucksvoll etabliert sind, fragt man sich schon, ob es nicht etwas weniger grausam hätte geschehen können. Denn eigentlich sind gerade die ruhigen Momente die Stärken dieses Westerns. Des Weiteren fragt man sich, warum Flüchtende sich sich wieder einmal so unklug verhalten müssen?
Weitere Ungereimtheiten
Ab und zu sind Flashbacks eingestreut, deren Sinn sich nicht erschließen. Sie könnten etwas mit der Legende vom Ableben „Billy the Kids“ zu tun haben? Aber im Grunde sind sie überflüssig. Dann fragt man sich, wieso der angeschossene Curry mutterseelenallein in der Wildnis liegt? Der muss doch ebenfalls bei seiner Flucht von den Verfolgern getroffen worden sein, die – und das kommt erschwerend hinzu – einen vortrefflichen Fährtenleser in ihren Reihen haben. Da die Gangster Curry erwischt haben, hätte er da zwar schwerverletzt am Boden liegen können, aber eigentlich nicht mehr sein Revolver und schon gar nicht die Beute. Später fragt man sich, wieso Curry bei der Operation und Entfernung seiner Kugel – alles ohne Narkose – nicht ohnmächtig wird und relativ schnell wieder munter ist?
Fazit
Insgesamt fallen die Schwächen nicht so ins Gewicht. Die Vorzüge dieses spannenden, hochdramatischen Westerns sind dominant. Man sollte sich nicht mit „Old Henry“ anlegen, man sollte ihn anschauen.
















