Old Henry (Potsy Ponciroli) USA 2021

„Old Henry“ ist ein spannender Independent-Western mit einem genialen Hauptdarsteller. In seiner ganzen Atmosphäre und Schonungslosigkeit erinnert er an „Erbarmungslos“ von Clint Eastwood. Ein großer Vorteil ist auch seine konzentrierte, einfache und verständliche Geschichte. Es gibt keinen Schnickschnack. Der Western spielt im Jahre 1906 nur auf einer Farm in Oklahoma und ihrer Umgebung. Die Reduktion drückt sich auch in der Gesamtlänge von knapp 100 Minuten aus. Es geht den Filmemachern eben um eine spannende Erzählung und nicht um Wichtigtuerei.

Die Geschichte

„Old Henry“ (herausragend: Tim Blake Nelson) lebt mit seinem 15-jährigen Sohn Wyatt auf einer kleinen, einsam gelegenen Farm. Eines Tages entdecken sie ein reiterloses Pferd, dessen Sattel mit Blut beschmiert ist. Henry begibt sich auf die Suche und findet den schwerverletzten Curry und eine Packtasche voller Geld. Im ersten Moment will er lieber umkehren, aber dann siegt sein Gewissen und er transportiert Curry zur Farm. Dort versorgt er zusammen mit Wyatt die Schusswunde des Verletzten. Die Verfolger in Gestalt dreier angeblicher Sheriffs lassen nicht lange auf sich warten. Zunächst kann Henry sie hinhalten. Doch nachts schleicht sich einer der Bande zur Farm und eröffnet sofort das Feuer als er Curry entdeckt. Henry kann den Gangster ausschalten.

Showdown

Doch schon am nächsten Tag tauchen die Verfolger mit Verstärkung auf. Außerdem haben sie Henrys bereits misshandelten Schwager als Geisel dabei. Der Boss der Bande, Sam Ketchum (Stephen Dorff), stellt Henry ein Ultimatum. Als der nicht darauf eingeht, erschießt Ketchum den Schwager. Sofort eröffnen Wyatt und Henry das Feuer auf die Gangster. Nach und nach können sie alle Mitglieder der Bande ausschalten. Der stark lädierte Curry ist sich sicher, dass Henry in Wirklichkeit niemand anderes ist, als der untergetauchte „Billy the Kid“ und schießt ihn an. Vor dem finalen Schuss wird er aber von Wyatt niedergestreckt. Am Ende begräbt der Junge seinen Vater und zieht allein von dannen.

Protagonist

Besser kann man einen interessanten und tauglichen Helden eigentlich nicht kreieren. Henry wirkt auf den ersten Blick zwar zäh, aber eher altbacken und langweilig. Mit seinem herunterhängenden Augenlid wirkt er wie eine biedere Ausgabe von Karl Dall. Gleichzeitig hat er etwas Störrisches, Unbeugsames. Da steckt etwas in ihm, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Das macht neugierig. Das macht ihn interessant. Dann kommt das nächste Level. Wir identifizierten uns und sympathisieren mit ihm, spätestens als er Curry das Leben rettet und damit seines aufs Spiel setzt. Wir zittern mit ihm und seinem Jungen mit und gönnen ihm auch seine Verwandlung zum Revolverhelden. Die ist im Grunde der einzige Ausweg. Er ist ein Farmer mit dunkler Vergangenheit, dem sein Junge zurecht vorwirft, ihm nicht die Wahrheit zu sagen. „Old Henry“ ist eine Geschichte, in der – außer dem Jungen – niemand der ist, der er vorgibt zu sein.

Dramaturgie

Es geht sofort zur Sache. Gut so. Konflikte und Gefahren für unsere beiden Helden könnten größer nicht sein. Sie sind – zumindest für Henry – tödlich. Sehr schön sind auch die Konflikte, die Henry mit seinem pubertierenden Sohn hat. Der Junge schenkt ihm nichts. Die Ausweglosigkeit ihrer Lage wird ebenfalls bis zum Maximum eskaliert. Sie können sich entscheiden zwischen „freiem“ Abzug von der Farm, was – wie Wyatt richtig erkennt – ihren sicheren Tod zur Folge hätte oder eine Schießerei mit einer Übermacht von skrupellosen Gangstern. Beides nicht so prickelnd. 

Wendungen

Plausible Wendungen in einer Geschichte sind nie verkehrt. Warum? Könnte sonst langweilig werden. In „Old Henry“ gibt es eine Vielzahl von Wendungen und Überraschungen: Die Sheriffs, die sich als Gangster entpuppen. Vor allem natürlich Henrys Entwicklung vom „dummen, wehrlosen alten Mann“ (Wyatt) zum entschlossenen, mit allen Wassern gewaschenen Revolverhelden. Sehr schön ist auch seine anfängliche Abwehr, sich um den schwerverletzten Curry und die Beute zu kümmern. Hätte er diesem unliebsamen Fund den Rücken gekehrt, wäre ihm Vieles – eigentlich alles – erspart geblieben. Aber es hätte ihm keine Ruhe gelassen. Beim Showdown flieht er angeschossen vor Ketchum, bis er dann den Spieß wieder umdreht. Henry ist kein Superheld. Beide Wendungen sind dramatisch und schaffen Sympathien.

Reduktion

„Old Henry“ demonstriert auch, wie man mit einfachen Landschaftsbildern Spannung generieren kann. Immer wieder der Blick der Protagonisten zum Hügel vor der Farm. Da sieht man nur den Höhenzug und den Horizont – mal bei Tag, mal bei Nacht. Sonst nichts. Dann Schnitte auf die Blicke der Helden. Das schafft eine unglaubliche Spannung. Denn wir wissen, was in ihnen vorgeht und wir wissen, dass irgendwann drei Reiter auf diesem Hügel erscheinen werden. Eine idyllische Landschaftsaufnahme als Symbol für eine tödliche Bedrohung. Die Filmmusik ist exzellent, ebenso wie die Ausstattung. Da stimmt jedes Detail. Wenn der Schwager Wyatt auf seinen Hut klopft, ist eine kleine Staubwolke zu sehen. Das angerostete Bettgestell, in dem Curry verarztet wird, erleichtert uns das Eintauchen in karge Lebenswelten des frühen 20. Jahrhunderts. Davon hätte Kevin Costner sich bei seinem „Horizon“ mal eine Scheibe abschneiden sollen.

Schwächen

Der Anfang des Western ist unnötig brutal und zeigt Currys Komplizen zu Fuß auf der Flucht. Verfolgt wird er von Ketchum und seinen Männern zu Pferde. Obwohl der Flüchtende angeschlagen und zu Fuß ist, sich zudem in einem Versteck befindet, eröffnet er das Feuer auf seine Verfolger. Die wissen nun genau, wo ihr Opfer steckt. Nach kurzer Jagd schießen sie ihn an, foltern und erdrosseln ihn. Obwohl nach diesem Opening die Antagonisten eindrucksvoll etabliert sind, fragt man sich schon, ob es nicht etwas weniger grausam hätte geschehen können. Denn eigentlich sind gerade die ruhigen Momente die Stärken dieses Westerns. Des Weiteren fragt man sich, warum Flüchtende sich sich wieder einmal so unklug verhalten müssen?

Weitere Ungereimtheiten

Ab und zu sind Flashbacks eingestreut, deren Sinn sich nicht erschließen. Sie könnten etwas mit der Legende vom Ableben „Billy the Kids“ zu tun haben? Aber im Grunde sind sie überflüssig. Dann fragt man sich, wieso der angeschossene Curry mutterseelenallein in der Wildnis liegt? Der muss doch ebenfalls bei seiner Flucht von den Verfolgern getroffen worden sein, die – und das kommt erschwerend hinzu – einen vortrefflichen Fährtenleser in ihren Reihen haben. Da die Gangster Curry erwischt haben, hätte er da zwar schwerverletzt am Boden liegen können, aber eigentlich nicht mehr sein Revolver und schon gar nicht die Beute. Später fragt man sich, wieso Curry bei der Operation und Entfernung seiner Kugel – alles ohne Narkose – nicht ohnmächtig wird und relativ schnell wieder munter ist? 

Fazit

Insgesamt fallen die Schwächen nicht so ins Gewicht. Die Vorzüge dieses spannenden, hochdramatischen Westerns sind dominant. Man sollte sich nicht mit „Old Henry“ anlegen, man sollte ihn anschauen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für „Old Henry“.

Butcher’s Crossing (Gabe Polsky) USA 2022

Es gibt Romanstoffe, die sich zur Verfilmung eignen und welche, von denen man tunlichst die Finger lassen sollte. Zur letzteren Gruppierung gehört das literarische Meisterwerk „Butcher’s Crossing“ von John Williams. Der Roman ist eine Parabel über menschliche Rücksichtslosigkeit, Getriebenheit, Gier, über menschlichen Wahn und über das Scheitern. Es ist auch eine Geschichte über die Ausrottung der US-amerikanischen Ureinwohner, ohne dass diese auch nur ein einziges Mal in Erscheinung treten. Man raubt ihnen einfach einen Teil ihrer Lebensgrundlage. So ging das. Insofern ist der Roman auch eine Aufarbeitung amerikanischer Geschichte. Die Verfilmung kann dem Epos nicht ansatzweise das Wasser reichen.

Die Geschichte

Kansas 1874. Der junge Will Andrews hat sein Studium in Harvard geschmissen, um das wirkliche Leben kennenzulernen. Im fernen Butcher’s Crossing sucht er den Fellhändler McDonald auf, der ein Bekannter seines Vaters ist. Dieser warnt ihn vor einem Ausflug in die Wildnis. Doch Will schlägt seine Vorbehalte in den Wind. Im Saloon freundet er sich mit dem zwielichtigen Miller (Nicholas Cage) und seinem einarmigen Begleiter Charlie Hoge an. Miller erzählt von einer gigantischen Büffelherde, die er einst in einem Tal am Rande der Rocky Mountains gesichtet hat. Obwohl Will sich in die Prostituierte Francine verliebt, weist er ihre Avancen zurück. Stattdessen finanziert er die obskure Jagdgesellschaft, zu der noch der Häuter Fred Schneider stößt. Im Herbst des Jahres brechen sie auf und erreichen unter zahlreichen Entbehrungen das gelobte Tal, in dem sie tatsächlich eine riesige Büffelherde vorfinden.

Die Jagd

Miller beginnt, die Bisons abzuknallen –  eines nach dem anderen, wobei er sich in einen regelrechten Blutrausch hineinsteigert. Er lässt alle Vorsichtsmaßnahmen außer Acht, bis die Vier plötzlich vom Wintereinbruch überrascht werden. Der Rückweg über einen Bergpass ist versperrt, weshalb ihnen nichts anderes übrig bleibt, als in einem notdürftig eingerichteten Lager zu überwintern. Zunehmende Konflikte entwickeln sich zu einem regelrechten Lagerkoller. Der unter Verfolgungswahn leidende Fred Schneider tötet Charlie Hoge im Affekt. Nur weil Miller bei der beschwerlichen Rückkehr auf den Täter nicht verzichten kann, sieht er von einer Bestrafung ab. Als der Frühling Einzug hält, wagen die Überlebenden den Aufbruch. Einen Teil der erbeuteten Felle müssen sie mangels Transportmöglichkeiten zurücklassen.

Beim Abstieg vom Gebirgspass stürzt Schneider mit der gesamten Ladung einen Felshang hinunter in die Tiefe und stirbt. Will und Miller kehren schließlich als einzige Überlebende nach Butcher’s Crossing zurück, das sie seltsam ausgestorben vorfinden. Nachdem sie McDonald aufgestöbert haben, klärt der beide über die Geschehnisse auf: Der Markt für Büffelfelle ist aufgrund des Überangebots zusammengebrochen. Er ist pleite und kann den versprochenen Preis nicht zahlen. Miller zündet in der Nacht das Lager mit den verbliebenen Fellen des Händlers an und tötet den herbeigeeilten McDonald. Will reitet am nächsten Tag in die Prärie hinaus. 

Romanverfilmungen

Der Roman taucht tief in das Innenleben seiner Protagonisten ein. Er lebt von den Beobachtungen, den Gefühlen, den eskalierenden Konflikten und den Naturbeschreibungen. Diese literarischen Vorzüge lassen sich nur bedingt in bewegte Bilder übertragen. Der Film ist eine eigenständige Kunstgattung, die zum Teil andere Zutaten benötigt. Hinzu kommt der ganz einfache Umstand, dass eine Adaption von Meisterwerken zum Scheitern prädestiniert ist. Sie ist genauso sinnvoll wie Remakes von filmischen Meisterwerken wie „Die sieben Samurai“ oder „Psycho“. Man kann dabei nur verlieren. Alfred Hitchcock hat sich Zeit seines Schaffens wohlweislich immer an zweit- oder drittklassigen Vorlagen orientiert, mit entsprechendem visuellen und dramatischen Potenzial. In der „TOP 20“ gibt es etliche Romanverfilmungen, aber keine davon ist ein literarisches Meisterwerk. 

Roman vs. Verfilmung

Zu Beginn des Films führt ein Erzähler den Zuschauer auf literarische Weise ins Geschehen. Das ist eine gute Entscheidung. Nur, warum ist der Erzähler kein weiteres Mal im gesamten Film zu vernehmen? In der Exposition seines Romans nimmt John Williams sich Zeit für seinen Helden und seine Figuren. Die aufkeimenden Liebesgefühle für die Prostituierte Francine werden genauso ausführlich beschrieben wie das Zustandekommen und die Vorbereitungen der Jagdgesellschaft. Das schafft eine Nähe zu den Protagonisten. Der Film verzichtet auf diese Details. Ruckzuck ist das ungleiche Quartett unterwegs. Das ist der nächste Fehler. Im Film wird der einarmige Charlie Hoge von Fred Schneider im Affekt erschlagen, im Film wird Charly am Ende wahnsinnig, was wesentlich stärker ist.

So reiht sich eine Fehlentscheidung an die nächste. Im Roman verbrennt Miller am Ende einen Teil der eigenen Büffelfelle, im Film Restbestände des Händlers. Was ist dramatischer? Natürlich die Vernichtung der eigenen Bestände – ein verzweifelter Ausdruck eigenen Scheiterns. Die Filmlösung ist ein plumper Racheakt. Im Schlussteil seines Romans beschreibt John Williams ausführlich Wills Annäherung an Francine, die er dann eines Nachts einfach verlässt. Er ist ein Getriebener, der seinem Credo folgt: „Ich will vom Land so viel kennenlernen wie möglich“. Auch diese finale Annäherung und diesen Abschied spart der Film aus. Die letzte Fehlentscheidung. Während John Williams sich auf die Befindlichkeiten seiner Protagonisten konzentriert, bleibt die Verfilmung an der Oberfläche. Sie ist plakativ. Ganz interessant mit schönen Landschaftsaufnahmen. Mehr nicht.

Dramaturgie

In der Verfilmung bleibt der Antagonismus auf der Strecke. Die thematisierten Gefahren des Verdurstens, eines Indianerüberfalls, eines Angriffs durch wilde Tiere lösen sich allesamt in Luft auf. Das große Verpuffen. Diese Aktionen werden zwar auch nicht im Roman beschrieben, dafür aber hautnah der eskalierende Lagerkoller, der grassierende Wahnsinn des Unterfangens. Anstelle von psychologischem Tiefgang wird der Zuschauer mit politisch korrekten Statements beglückt, zum Beispiel als Fred Schneider irgendwann den ganzen Wahnwitz resümiert: „Wir gehören hier draußen nicht her.“

Lösungen

Eine kunstgerechte Verfilmung hätte sich von der Romanvorlage entfernen und zum Beispiel ein klassisches Erzählmotiv einführen müssen wie in „The Revenant“, der ebenfalls von der rücksichtslosen Eroberung und Unterjochung des Wilden Westens erzählt. Aber um sich vom Handlungsablauf eines Meisterwerks zu entfernen, bedarf es einer gehörigen Portion Chuzpe und eines Bewusstseins. Beides kann man Gabe Polsky nicht nachsagen.

Fazit

Die Verfilmung von „Butcher’s Crossing“ ist ein plakativer Western, der zu keiner Zeit Emotionen weckt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Butcher's Crossing.

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Farbiges Cover des Romans "Butcher's Crossing" von John Williams.

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Leichen pflastern seinen Weg (Sergio Corbucci) I 1968

Mit „Leichen pflastern seinen Weg“ hat Sergio Corbucci einen der politischsten Western gedreht, der als „Schneewestern“ in die Filmgeschichte eingegangen ist. Als Produkt der 68er Jahre ist er natürlich auch als Metapher zu verstehen, und zwar auf einen Raubtierkapitalismus, der sich aus Gründen der Profitgier Gesetze zu eigen macht oder zurechtbiegt und dabei auch vor Mord und Totschlag nicht zurückschreckt. Insofern hat der Film etwas sehr Modernes. „Mein Gesetz ist das Gesetz des Überlebens“, postuliert Kopfgeldjäger Loco (Klaus Kinski), nachdem er den Sheriff ermordet hat. Am Ende massakriert er mit seinen Kumpanen alle, die sich ihm in den Weg stellen, ob Mann oder Frau, ob hilflos oder nicht, ob alt oder jung – egal. Durch dieses verstörende und überraschende Ende hat der Film eine Bedeutung in der Filmgeschichte bekommen, die er aus gestalterischen Gründen eigentlich nicht verdient.

Stärken

Ein schöner Einfall ist es, mit Silence (Jean-Louis Trintignant) einen stummen Helden zu etablieren. Zusammen mit der Schneekulisse schafft Corbucci damit eine sehr visuelle und prägende Atmosphäre. Außerdem gibt es ein klassisches Erzählmotiv, nämlich Rache. Die attraktive Pauline dreht nach der Ermordung ihres steckbrieflich gesuchten Mannes den Spieß um und setzt nun ihrerseits ein Kopfgeld auf den Mörder aus. Die Verwendung dieses Motivs ist ein großer dramatischer Vorteil. Auch Überraschungen – sofern sie denn nicht der Handlungslogik und Plausibilität widersprechen – sind für jeden Film ein Gewinn. Insofern kann der Film auch mit seinem ungewöhnlichen Ende punkten. Hervorzuheben sind ebenfalls die stimmungsvolle Filmmusik von Enno Morricone sowie die dynamische Montage mit ihrem häufigen Wechsel von Nahaufnahmen zu Halbtotalen oder Totalen.

Gut und Böse

Sind hier im Grunde klar verteilt, was zwar für Verständlichkeit sorgt, aber eben nicht für Überraschungen. In dieser klaren Kategorisierung gibt es zwei Brüche: So ganz uneigennützig verrichtet der Held seine Dienste dann doch nicht. Schließlich verlangt er 1.000 Dollar für die Ausführung seines Jobs, genauso viel wie Kopfgeldjäger Loco für die Leiche von Paulines Ehemann bekommt. Die Rechtmäßigkeit seines Tuns hinterfragt er genauso wenig wie sein Widersacher. Damit begibt er sich aber auf dessen Ebene. In diesem Moment ist er nicht besser als Loco. Zweitens scheut Pauline sich nicht, mangels Barmittel, ihren Körper als Bezahlung anzubieten, was Silence veranlasst, sich schnurstracks an die Arbeit zu machen. Auch dieser Akt der Prostitution wird nicht weiter hinterfragt.

Schwächen

Es gibt erhebliche Defizite bei der Gestaltung des Films. Immer wieder glaubt Corbucci, den Zuschauer mit Erklärungen beglücken zu müssen. So gibt der Anführer der Vogelfreien schon in der Anfangssequenz überflüssige Erläuterungen über die Fähigkeiten und Absichten des Helden zum Besten. Dabei haben wir Ersteres gerade beobachten dürfen und Letzteres erschließt sich im Verlauf der Handlung. So geht das dann munter weiter. Ein Duell zwischen Silence und Kopfgeldjäger Charly kommentieren die anwesenden Gäste wie folgt: „Charly war immer ein besonders schneller Schütze, aber der andere war schneller“. Tja, das haben wir aber gerade eben gesehen. Die einfach gestrickten erzählerischen Fähigkeiten des Regisseurs drücken sich auch in Paulines Liebeserklärung an Silence aus. Wie bitte? Ihr Mann ist gerade ermordet worden und den Helden hat sie bis dato zweimal getroffen. Schon ein atemberaubend schneller Gefühlswechsel. Der entscheidende dramaturgische Fehler ist aber die späte Platzierung des Rachemotivs: Als Pauline den Auftrag auslobt und die eigentliche Geschichte beginnt, ist schon ein Drittel des Films vorbei. In „Erbarmungslos“, der eine ähnliche Geschichte erzählt, demonstriert Clint Eastwood, wie es richtig gemacht wird.

Fazit

„Leichen pflastern seinen Weg“ wird in Erinnerung bleiben. Dafür sorgen in erster Linie die Schneelandschaft und das brutale Ende. Sie können aber nicht über Corbuccis handwerkliche Limitierungen hinwegtäuschen. Mit einem Sergio Leone kann er nicht mithalten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Leichen pflastern seinen Weg.

Horizon (Kevin Costner) USA 2024

„Horizon“ – der erste von vier Teilen – ist ein sehenswerter, spannender Western mit überwältigenden Landschaftsaufnahmen, der im damaligen New Mexico kurz vor Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs spielt. Warum das Epos etliche negative Kritiken bekommen hat, ist nur zum Teil verständlich. Immerhin gelingt Kevin Costner, nach seinen vorangegangen Ausflügen ins Westerngenre („Der mit dem Wolf tanzt“ und „Open Range“), knapp drei Stunden fesselnde Unterhaltung. Das Problem ist sein Hang zur Egomanie und zum Größenwahn. Bei Costner muss es mindestens die ultimative geschichtliche Aufarbeitung von der Besiedelung des Wilden Westens sein, Untertitel: „An American Saga“. Weniger wäre mehr gewesen.

Gigantomanie

Gleich sechs Erzählstränge schickt Costner ins Rennen. Da sind zum einen die ersten Siedler, die sich in „Horizon“ im San Pedro Valley niederlassen. Dann sind es die Apachen mit ihrem jungen Häuptling Pionsenay, die zunächst das Örtchen überfallen, Bewohner massakrieren und sich anschließend in die Berge zurückziehen. Als dritte Ebene wird eine Gruppe von Kopfgeldjägern eingeführt, die für jeden Indianerskalp harte Dollars bekommen und nun die Verfolgung aufnehmen. Dann werden die Geschehnisse im nahegelegenen Fort der US-Kavallerie beleuchtet, in dem Frances Kittredge (Sienna Miller) mit ihrer Tochter und anderen Überlebenden des Überfalls Zuflucht finden. Als Fünftes begleiten wir den Pferdehändler Hayes Ellison (Kevin Costner) bei seiner Flucht mit der Prostituierten Marigold und einem zweijährigen Baby von Wyoming gen Süden. Der sechste Erzählstrang beschreibt einen Siedlertreck nach Westen unter Leitung von Matthew van Weyden.

Emotionen

Das Problem mit multiplen Erzählsträngen: Man verliert seine Protagonisten aus den Augen und das geht dann zu Lasten der Anteilnahme. Ein Emotionshemmer. Wenn Hayes zum Beispiel im Duell den durchgeknallten Caleb Sykes (genial: Jamie Campbell) erschießt und mit Marigold samt Baby flieht, dann sind wir bei ihm. Wir fühlen und zittern mit ihnen mit, zumal sie von drei Killern verfolgt werden. Dann sehen wir uns aber unvermittelt mit den Personen und Gefahren eines Siedlertrecks konfrontiert. Es ist jedes Mal eine kleine Enttäuschung. Von Pionsenay ist irgendwann gar nichts mehr zu sehen. Die alternierende Erzählweise generiert leider kein Mehr an Komplexität und Spannung. Im Gegenteil.

Stärken

 Neben der brillanten Kameraarbeit gibt es immer wieder sehr schöne, auch witzige Szenen. Toll ist zum Beispiel die Etablierung von Marigold, die sich in einem kleinen Kaff in Wyoming bühnenreife Kabbeleien mit einem Ladenbesitzer und der örtlichen Chefin des Saloons um nahende Viehhändler liefert. Toll auch der eskalierende Dialog zwischen Caleb und Hayes, als sie gemeinsam zur Hütte hochgehen, in der Marigold mit Lucy, Ehemann Walter und dem Baby lebt. Berührend ist auch die Szene, in der Elizabeth, die ca. 14-jährige Tochter von Frances, in den Bürgerkrieg ziehenden jungen Rekruten selbstgebastelte Stoffherzen schenkt. Ungewöhnlich ist auch die Darstellung des Ablebens der ersten Landvermesser in „Horizon“. Wir sehen nur das Resultat, nicht aber die Ermordung durch die Apachen. Die Gräueltaten zeigt Costner dann beim anschließenden Überfall bis zum Exzess. 

Weitere Schwachpunkte

Die Ausstattung ist teilweise schlampig, weil sie nicht schlampig genug ist. Schon komisch, wenn Hayes tagelang durch die Wälder Wyomings reitet und – bis auf seinen Schnauzer – immer frisch rasiert ist. Lucy hat James Sykes, Calebs Vater, mit einer Schrotflinte das halbe Gesicht weggeschossen. Davon ist bei seiner Begutachtung von Calebs Leichnam absolut nichts zu sehen. Marigold wird vom bildhübschen Model Abbey Lee gespielt, die nichts, aber auch gar nichts mit Prostituierten im US-amerikanischen mittleren Westen des 19. Jahrhunderts gemein haben dürfte. Da hätte sich Costner mehr an den ungeschminkten Darstellungen der Italowestern orientieren können.

Lösungen

Ein Teil des Erfolges der Westernserie „Yellowstone“ (ebenfalls mit Kevin Costner) resultiert aus einem konzentrierten Familiendrama. Keine sechs Erzählstränge, sondern einer! Für „Horizon“  ist es doch eine einfache Rechnung: Vier epische Teile von jeweils drei Stunden ergeben eines Gesamtlänge von ca. 12 Stunden. Hätte man jeden der sechs Erzählstränge einzeln behandelt, wäre man auf eine angenehme Länge von zwei Stunden pro Film gekommen. Fokussierung auf jeweils einen Erzählstrang – das wär’s gewesen.

Fazit

„Horizon“ bietet zwar wenig Neues zum Genre des Westerns, aber immerhin knapp drei Stunden gute Unterhaltung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Kevin Costners Horizon.

The Dead Don’t Hurt (Viggo Mortensen) GB, MEX, DK 2023

„The Dead Don’t Hurt“ ist ein schönes Melodrama im Gewand eines Westerns. Ausflüge von Schauspielern ins Regiefach wecken ja immer Skepsis (s. „Three Burials“ von Tommy Lee Jones). Zum Glück erweist sie sich hier als unbegründet. Viggo Mortensen hat das richtig gut gemacht. Er fokussiert sich auf seine beiden Hauptfiguren und hat ein klassisches Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe (Romeo und Julia) und gegen Ende gibt es noch eine Rachegeschichte. Richtig wohltuend, einer zwar in Zeitsprüngen montierten, aber ansonsten konzentrierten Geschichte zu folgen.

Die Geschichte

1860 in Nevada. Wilde Schießerei im Örtchen Elk Flats. Der sturzbetrunkene Weston Jeffries erschießt mehrere Menschen. In einem fingierten Prozess wird ein Unschuldiger verurteilt und gehängt. Sheriff Holger Olsen (Viggo Mortensen) quittiert daraufhin seinen Dienst. In Rückblenden erfahren wir, wie er in San Francisco auf die eigensinnige Frankokanadierin Vivienne Le Coudy (Vicky Krieps) trifft. Beide verlieben sich ineinander und ziehen auf seine kleine Farm, in der Nähe von Elk Flats. Olsen meldet sich freiwillig zum Militärdienst. In seiner Abwesenheit wird Vivienne von Weston überfallen und vergewaltigt. Neun Monate später gebärt sie einen Sohn. Nach Olsens Rückkehr aus dem Bürgerkrieg berichtet Vivienne ohne Umschweife von den Geschehnissen. Olsen stellt seine Kränkung zunächst zurück, bis Vivienne – als Resultat der Vergewaltigung – an Syphilis stirbt. Jetzt bricht Olsen die Zelte ab, nimmt den Jungen mit und rächt sich am Vergewaltiger.

Die Figuren

Eigentlicher Star des Westerns ist Vivienne, die eigensinnig, dickköpfig und schlagfertig agiert: „Ich werde niemals heiraten!“ Wenn sie lächelt, zum Beispiel als sie Olsen das erste Mal in San Francisco trifft, erinnert ihre herbe Schönheit an die junge Meryl Streep. Vivienne und Olsen fühlen sich sofort zueinander hingezogen, sie schweben sozusagen auf einer Wellenlänge. Dafür benötigt es auch nicht vieler Worte. Sie pflegen einen eigenen Sprachcode, eine reduzierte Kommunikation. Auch das ist sehr schön. Tischler Holger Olsen ist zwar nicht der Ritter, der manchmal in ihren Visionen auftaucht, aber er ist witzig, zupackend, liebevoll und nicht weniger eigensinnig als Vivienne. Sie passen zueinander und man schaut ihnen gerne zu, wie sie sich durchs Leben schlagen. 

Wendungen

Immer wieder gibt es überraschende Wendungen, die aber letztlich in den Figuren begründet sind. Gerade als Olsen und Vivienne sich in seiner Hütte in Nevada eingerichtet haben, will er in den Bürgerkrieg ziehen. In dieser Phase völlig überraschend, zumal er schon mal im Krieg war. Vielleicht ist es ein Test? Denn Olsen hat ihr von seiner ersten Frau erzählt, die nach seiner Rückkehr aus dem Krieg nicht mehr da war. Wird Vivienne da sein, wenn er überhaupt zurückkommt?  Sie ist zwar vehement gegen seinen Plan, akzeptiert ihn aber letztlich. Auch das ist überraschend.
Nach der Vergewaltigung durch Weston steht sie schon mit gepackten Koffern vor ihrer Hütte, um sich dann doch zum Bleiben zu entscheiden. Wieder eine Wendung, die aber plausibel ist. So leicht gibt sie eben nicht auf. 

Die Rückkehr

Als Olsen dann nach Jahren zurückkehrt, schenkt Vivienne ihm sofort reinen Wein ein, erzählt von der Vergewaltigung und dem Kind, das nicht seines ist. Andere Frauen hätten das wohl – wenn möglich – geheim gehalten, nicht so Vivienne. Auch Olsens Reaktion ist überraschend: Er kühlt sich erst mal beim Bad im See ab, dann nehmen sie allmählich ihren Alltag wieder auf. Nach Viviennes Tod kümmerte Olsen sich liebevoll um den Jungen, den Sohn seines Widersachers. Auch das ist nicht selbstverständlich. Überhaupt ist das einer der großen Stärken dieses Films: Er zeigt, wie Menschen trotz schwerer Schicksalsschläge doch zusammenhalten, nicht aufgeben, wieder Hoffnung und Vertrauen entwickeln können. 

Die Dialoge

Sie sind reduziert, pointiert, oftmals überraschend und manchmal mit Subtext versehen. Folgende  Bemerkung von Vivienne, als sie zum ersten Mal Olsens heruntergekommene Hütte in Nevada sieht: „Du lebst wie ein Hund. Was machst du hier?“ Antwort: „So wenig wie möglich.“ Der kurze Dialog charakterisiert beide treffend: Originell und undiplomatisch. Als Olsen aus dem Bürgerkrieg zurückkehrt, ist ihre erste Frage: „Wie war dein Krieg?“ Seine Retourkutsche kommt prompt: „Und wie war dein Krieg?“, wohl wissend, dass auch sie keine friedlichen Zeiten verbracht hat.

Schwachpunkte

Die Schießerei zu Beginn des Films, bei der Weston sechs Menschen im Suff erschießt, ist eher plakativ und effekthascherisch. Abgesehen vom Auftritt des Antagonisten hat sie auch nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun. Weston hätte man aber auch anders etablieren können. Es hätte völlig genügt, wenn er den Hilfssheriff im Streit erschossen hätte, der zudem ein Freund von Olsen war. Dann hätte man sich auch die Gerichtsverhandlung und das Aufknüpfen des Unschuldigen ersparen können. Stattdessen hätte man zeigen können, wie der korrupte Bürgermeister und Westons Vater Zeugen des Streits bestochen hätten. Ermittlungen hätten dann eine Notwehr bezeugt. Das hätte völlig genügt, keine unproduktiven Fragen generiert und der Dramatik keinen Abbruch getan. Weniger wäre auch hier mehr gewesen.

Antagonisten

Desweiteren sind die männlichen Gegenspieler von Olsen zu eindimensional gezeichnet. Weston ist ausschließlich ein alkoholkranker Gewalttäter und Victor, Viviennes Freund in San Francisco, nur schnöselig. Viel besser wäre es gewesen, wenn man Weston eine charmante, hilfsbereite Seite gegönnt hätte. Dann wäre er ein viel gefährlicherer Antagonist gewesen. Einer, der vielleicht in Olsens langer Abwesenheit Viviennes Gefühle geweckt hätte?

Fazit

Insgesamt ist „The Dead Don’t Hurt“ ein sehenswerter Genre-Beitrag. Kevin Costner wird es schwer haben mit seinem Western-Epos „Horizon“, das Ende August in die Kinos kommt.

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Rio Grande (John Ford) USA 1953

John Ford war einer der produktivsten Regisseure der Filmgeschichte. Bei über 140 (!) Spielfilmen, darunter einige Kurz- und Stummfilme, hat er Regie geführt und sich darüberhinaus noch als Produzent betätigt. Ganze viermal hat er den Regie-Oscar gewonnen, so viel wie kein anderer. Einfach unglaublich! Der Kavallerie-Western „Rio Grande“ zählt nicht zu seinen Meisterwerken. Kein Vergleich mit „Red River“ oder „Der schwarze Falke“.

Die Geschichte

Colonel Kirby Yorke (John Wayne) ist Kommandant des Fort Starke und muss sich aufsässiger Apachen erwehren. Einer der neuen Rekruten ist sein 19-jähriger Sohn Jeff, den er seit 15 Jahren nicht gesehen hat. Kirbys Ex-Frau Kathleen und Mutter des gemeinsamen Sohnes kommt ebenfalls ins Fort, um ihren Jungen zurückzuholen. Aber Jeff will sich und vor allem seinen Vater beweisen, dass er es auch drauf hat. Dazu hat er dann auch bald Gelegenheit. Denn der Junge soll einen Transport von Frauen und Kindern ins sichere Fort Bliss begleiten. Die Kolonne gerät aber alsbald in einen Hinterhalt der Indianer, die vier Männer töten und alle Kinder entführen. Für einen Vergeltungsschlag erhält Kirby nun vom General grünes Licht, den Rio Grande zu überqueren. In einem mexikanischen Dorf kann er, nach heftigem Kampf, alle Geiseln befreien, wobei sich sein Sohn tapfer schlägt. Am Ende erhalten mehrere Soldaten, darunter auch Jeff, eine Belobigung. 

Schwächen

Insgesamt wirkt der Western mit seinen unmotivierten musikalischen Gesangseinlagen doch etwas angestaubt. Dazu tragen auch ein paar Ungereimtheiten und die mangelnde Dramatisierung bei. So fragt man sich zum Beispiel, warum der Treck der Frauen und Kinder nur stümperhaft gegen den Überfall der Apachen gesichert ist? Weit und breit keine Späher oder Kundschafter. Des weiteren wird ein gesuchter Totschläger von den Soldaten, auch von Kirby, geschützt. Falsch verstandene Kameradschaft wiegt mehr als strafrechtliche Ermittlungen. Auch die bedingungslose Pflichterfüllung steht hoch im Kurs, jedenfalls höher als Verständnis oder gar Mitgefühl für die Ureinwohner Amerikas. Insofern ist „Rio Grande“ auch ein militaristisches Machwerk. 

Drama

Hauptproblem ist aber die ausbleibende Zuspitzung des dramatischen Potenzials. Im Grunde gerät Kirby zu keiner Zeit in ernsthafte Gefahr, auch wenn er beim Showdown von einem Pfeil getroffen wird. Besser wäre es gewesen, wenn Jeff Opfer von Kirbys Wahnvorstellungen vom bedingungslosen Gehorsam geworden wäre. Die Schuld am Tod seines Sohnes wäre das größtmögliche Drama gewesen. Kirbys Ehe mit Kathleen hätte dann auch keine Zukunft mehr gehabt.

Stärken

Was Ford gut macht, ist das Einflechten von komödiantischen Elementen, die dem Film eine gewisse Leichtigkeit verleihen. So sorgt der Ausbilder der Rekruten, Sergeant Quincannon, immer wieder für Heiterkeit. Er mimt so eine Art großherziges Rauhbein. Auch Kirby selbst kann man hin und wieder dabei beobachten, wie er seinen Jungen sorgen- oder sogar liebevoll beobachtet. Das macht er natürlich heimlich, was aber seiner Figur eine sympathische Note verleiht. Der raue Kommandoton ist also auch Fassade. „Rio Grande“ beeindruckt auch mit seinem Aufnahmen vom Monument Valley in Arizona.

Fazit

Insgesamt sorgten aber erst die Italo-Western mit ihren Antihelden in schäbigen, schmutzigen Kulissen für eine entscheidende qualitative Entwicklung in diesem Genre. Dieser „Rio Grande“ ist eher ein harmloses Flüsschen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Rio Grande.

Dead for a Dollar (Walter Hill) USA 2022

Das bewundernswerte an Walter Hill ist seine Produktivität und sein rücksichtsloser Drang zur Unterhaltung. Dabei scheinen Authentizität und Handlungslogik, wie in „Dead for a Dollar“, für ihn eher unnützes Beiwerk zu sein. Schade eigentlich. Denn damit ignoriert er einerseits das dramatische Potenzial, das realistische Figuren und nachvollziehbare Motive haben können, zusätzlich läuft er ständig Gefahr, Opfer seiner angehäuften unproduktiven Irritationen zu werden.

Opening

Letzteres passiert in „Dead for a Dollar“, einem Remake des US-amerikanischen Westerns „Die gefürchteten Vier“ von Richard Brooks. „Dead for a Dollar“ beginnt mit einer Meeting-Szene, die symptomatisch ist: Da sucht der Kopfgeldjäger Max Borlund (Christoph Waltz) den Outlaw Joe Cribbens (Willem Dafoe) im Gefängnis auf und warnt ihn: „Joe, geh’ mir aus dem Weg!“ Wie bitte? Ein Kopfgeldjäger sucht freiwillig eines seiner ehemaligen Opfer auf, um ihn zu warnen? Warum? Wovor? Würde ein Profi sich diese Mühe machen? Außerdem weiß er da doch noch gar nichts von seinem anstehenden Auftrag. Schon starker Tobak. Dass Joe sich einen feuchten Kehricht um diese Warnung kümmern wird, ist jedenfalls absehbar. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Dialogszene an Künstlichkeit kaum zu überbieten ist.

Reminiszenz

Leider war das nur der Auftakt. Es folgen eine Fülle von Personen, die merkwürdige Dinge absondern oder tun. Eigentlich müsste der Film „Viel Gequatsche um Nichts“ heißen. Angeblich soll „Dead for a Dollar“ eine Reminiszenz an Budd Boetticher sein. Eine Hommage an Italo-Western mit ihren schweigsamen Helden wäre besser gewesen. 

Die Geschichte

Ist schnell erzählt: Der reiche Großgrundbesitzer Kidd beauftragt Borlund, seine angeblich entführte Ehefrau Rachel zurückzuholen. Sie soll vom schwarzafrikanischen Army-Deserteur Elijah Jones nach Mexiko verschleppt worden sein. Als Begleiter wird dem Kopfgeldjäger Sergeant Poe zugeteilt. Dass Rachel keinesfalls entführt wurde, ist ebenfalls sofort absehbar, was dramaturgisch wieder nicht so toll ist. Jedenfalls spüren die Verfolger die Flüchtenden auf und schaffen sie Richtung US-amerikanischer Grenze, wo es schließlich zum Showdown kommt.

Ungereimtheiten

Das Sammelsurium an Merkwürdigkeiten ist erschlagend. Da bedroht der mexikanische Rancher Vargas die Verfolger, ohne dass es irgendwelche Konsequenzen hat. Ständig fragt man sich, was diese unermüdliche Abfolge von nichtssagenden Szenen soll? Kurz darauf wird Joe beim Pokern der Falschspielerei bezichtigt, ohne dass es dafür irgendwelche Anhaltspunkte gibt. Was soll der arme Joe denn anderes machen, als den unterbelichteten Provokateur in Notwehr zu erschießen? Konsequenzen? Sucht man vergebens bei einer der langweiligsten Pokerszenen der Filmgeschichte.

Rachel besitzt einen kleinen Revolver, mit dem sie anfangs noch Schießübungen macht. Bei ihrer Ergreifung hat sie nichts Besseres zu tun, als Borlund die Waffe freiwillig auszuhändigen. Will sie nun fliehen oder nicht? Das soll jetzt verstehen, wer will, aber so langsam gleiten die Blicke sehnsuchtsvoll zum Ausschaltknopf.

Dramaturgie

Wie soll Spannung entstehen, wenn die ins Spielfeld geführten Figuren meistens Verständnislosigkeit oder unfreiwillige Komik erzeugen? Mit wem sollen wir hier Gefühle entwickeln oder gar mitzittern, wenn niemand wirklich in Gefahr gerät? Aber darum ginge es.

Fazit

Ein Vergleich mit Tarantinos „Django Unchained“ drängt sich auf, in dem Christoph Waltz ebenfalls einen Kopfgeldjäger mimt. Zahlreiche Kritiker loben Walter Hill für dessen Darstellung, hat er dem Schauspieler in „Dead for a Dollar“ doch angeblich die Manierismen ausgetrieben. Leider kommt dabei nichts anderes als Langeweile anstelle von partieller Situationskomik raus. Dieses plakative, synthetische Spätwerk ist nun wirklich keine Bereicherung für das Genre des Western.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Dead for a Dollar".

The Revenant (Alejandro G. Iñárritu) USA 2015

Der Schnee-Western „The Revenant“ ist Iñárritus Meisterwerk, weil er mit dem Roman „Der Totgeglaubte – Eine wahre Geschichte“ von Michael Punke eine kongeniale dramatische Vorlage hat. Weil er sich hier ganz auf ein klassisches Erzählmotiv und seinen Protagonisten konzentriert. Weil er sich nicht in weitschweifigen Nebengeschichten verliert wie in „Babel“. So konnte Iñárritus filmsprachliches Talent zur vollen Entfaltung kommen und nicht Schiffbruch erleiden wie in seinem Antifilm „Beautiful“. Im Grunde verhält es sich bei Iñárritu ähnlich wie bei den Coen-Brüdern: Immer dann, wenn sie sich an eine einfache dramatische Vorlage halten, sind ihre Filme am stärksten („True Grit“).

Figuren

Von Anfang an hängt das Leben des Trappers Hugh Glass am seidenen Faden. Was er durchleidet ist schier übermenschlich und Leonardo DiCaprio verleiht der Rolle eine unglaubliche Intensität. Wenn er dem Tode nahe mit letzter Kraft durch den Schnee robbt, dann zittern wir nicht wegen der Eiseskälte mit ihm. Auch sein Gegenspieler, der gefühlskalte, geldgierige und gewalttätige Fitzgerald (Tom Hardy) agiert brillant. Neben Hugh Glass gibt es einen zweiten Hauptdarsteller. Das ist die atemberaubende winterliche Landschaft Nordamerikas (gedreht wurde der Film in Feuerland, Argentinien). Eigentlich ist der Film eine Demonstration der dramaturgischen Kardinalregel: Aufbau eines originären Helden, der in maximale Schwierigkeiten manövriert wird.

Dramaturgie

Es beginnt mit einem Überfall von Arikaree-Indianern auf eine Expedition, für die Glass als Kundschafter arbeitet. Die Überlebenden schlagen sich erst zu Wasser, dann auf dem Land zum nächsten Fort durch. Als nächstes wird Glass von einem Bären attackiert. Die Intensität dieses tödlichen Kampfes zwischen Mensch und Tier sucht in der Filmgeschichte ihresgleichen. Glass überlebt schwerverletzt. Was Iñárritu dann macht, ist wirklich bemerkenswert. Von einer wundersamen Heilung wie in vielen anderen Hollywoodfilmen sind wir hier weit entfernt. Glass ist nicht transportfähig, eigentlich schon so gut wie tot. Deshalb will Fitzgerald ein wenig nachhelfen und Glass ersticken. Dessen indigener Sohn Hawk kann den Mordversuch vereiteln, wird aber seinerseits von Fitzgerald erstochen.

Rache

Das ist die Schlüsselszene des Films, der Grund, weshalb Glass seine letzten Lebensreserven mobilisiert. Der Mörder seines Sohnes darf nicht davonkommen. „The Revenant“ ist also eine Rachegeschichte. Zur Synchronisation der Gefühle mit dem Helden trägt auch die exzellente Filmmusik und die herausragende Arbeit des mexikanischen Kameramanns Emmanuel Lubezki bei.

Roman vs. Verfilmung

Die Geschichte vom Überlebenskampf des Trappers Hugh Glass beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, wobei Michael Punke sich mehr an den überlieferten Ereignissen orientiert als Iñárritu. Das ist für die Erzählung nicht immer von Vorteil. Fast alle Eingriffe, die Iñárritu vorgenommen hat, tragen zur Dramatisierung und Verdichtung bei. Sie sind also ein erzählerischer Gewinn. Insbesondere die Schlüsselszene, in der Fitzgerald vor den Augen des schwerverletzten Trappers dessen Sohn ermordet, ist an Dramatik kaum zu überbieten und intensiviert das Rachemotiv. Auch die Reduktion des Überlebenskampfes auf das Ziel, ein rettendes Fort zu erreichen (im Roman sind es drei) ist ein Gewinn.

Nur in zwei Punkten ist der Roman stärker. Zum einen beleuchtet er ausführlich die spannende Vorgeschichte des Helden. Hier hätte Iñárritu einfach einen Erzähler etablieren oder die Protagonisten sich am Lagerfeuer Geschichten erzählen lassen können. Zum zweiten wird im Film der Racheakt vollzogen, im Roman aber nicht. Der Verzicht bzw. die Einsicht wirkt eigentlich stärker. Fraglich ist eben, ob für Fitzgerald nicht das Weiterleben die größere Strafe darstellt als der Tod (s.a. „Der Tod und das Mädchen“ von Roman Polanski)?

Schwachpunkte

Trotz der konzentrierten Vorlage erliegt Iñárritu auch in „The Revenant“ seinem Hang zur selbstverliebten Weitschweifigkeit. Regelmäßig verlässt er seinen Helden, um parallele Ereignisse zu erzählen. Wenn der Zuschauer von den herannahenden Arikarees informiert wird, ist das dramaturgisch richtig. Aber welche Handlungsrelevanz hat der Marsch des Captains und seiner Männer zum rettenden Stützpunkt? Immer wieder bremsen Traumsequenzen in Zeitlupe die Erzählung. Was sagt uns das, wenn Glass minutenlang in einer niedergebrannten Kirche zu sehen ist, in der er dann seinen ermordeten Sohn in die Arme schließt? Gar nichts, außer dass er seinen Sohn geliebt hat, was wir aber eh schon wissen. Also, insgesamt hätte dem Film eine Kürzung von 10 bis 15 Minuten gut getan. Weniger ist meistens mehr.

Finale

Nach einem Kampf auf Leben und Tod fragt Fitzgerald den „Revenant“: „Und dafür der ganze Aufwand? Lohnt sich das alles? Deinen Jungen kriegst du davon auch nicht zurück.“ Das sind aber die Fragen, die Glass dem Mörder seines Sohnes hätte stellen müssen: Lohnt es sich, für ein paar Dollar mehrere Menschen zu ermorden? Irgendwie stimmt hier die Perspektive nicht. Den eigentlichen Racheakt überlässt Glass den Arikaree-Indianern, die dem verwundeten Fitzgerald die Kehle aufschlitzen. Was mit dem ebenfalls schwer verletzten Helden passiert, lässt der Film offen. Aber dem hat ja, nach eigenem Bekunden, eh nur die Rachsucht am Leben gehalten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für The Revenant.

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Auf der Kugel stand kein Name (J. Arnold)

„Auf der Kugel stand kein Name“ beginnt damit, dass der Revolverheld John Gant (Audie Murphy)nach Lordsburg reitet. Ihm eilt der Ruf voraus, ein Auftragskiller zu sein, der seine Opfer erst provoziert bevor er sie erschießt. Damit ist die tödliche Gefahr sofort etabliert und schwebt wie ein Damoklesschwert über den Bewohnern der kleinen Stadt: „Gant ist wie eine Seuche, gegen die wir noch kein Mittel haben.“ Fast jeder könnte im Fadenkreuz des Revolverhelden stehen. Das ist super, zumal diese Ausgangssituation auch jede Menge psychologisches Potenzial hat. Alle, die Dreck am Stecken haben, wittern einen Racheakt.

Figuren

Hauptperson ist der Arzt Luke Canfield (Charles Drake), Sohn des örtlichen Schmieds. Er ist liiert mit Anne Benson, der Tochter des schwerkranken Richters. Luke und John sind sich nicht unsympathisch. Sie spielen sogar eine Partie Schach miteinander. Erst als die bloße Anwesenheit des Fremden zu Übergriffen, Selbstmord und Schießereien unter den Bewohnern führt, ergreift Luke Partei. Er stellt sich sogar an die Spitze einer Bürgerwehr, auch wenn er damit nur Schlimmeres verhindern will. Am Schluss ist es der verletzte Luke, der den Auftragskiller ausschalten kann.

Form

So spannend die Grundidee ist, so altbacken kommt die Inszenierung daher, leider ganz im Stile eines 50er-Jahre-Western. Wenn John Gant anfangs aus der Wildnis kommt, ist er frisch rasiert und adrett gekleidet. Schon seltsam. Selbiges gilt auch für sämtliche Einwohner von Lordsburg. Das verleiht dem Western eine künstliche und infantile Note. Die Bildkomposition erfolgt vornehmlich in längeren Halbtotalen. Auch das würde man heute anders machen. Man hätte es auch seinerzeit schon anders machen können. In Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ von 1953 geht es, was Ausstattung und Inszenierung angeht, anders zur Sache und zwar richtig.

Schwachpunkte

Ein Schwachpunkt ist auch die Vielzahl an Personen und Handlungssträngen, die der Film ins Spiel bringt. Es gibt außerhalb der Stadt eine Silbermine, an der Geschäftsmann Earl Stricker, Hotelbesitzer Henry Reeger und Farmer Ben Chaffee Anteile besitzen. Im Grunde befürchtet jeder von ihnen die Gier der Mitgesellschafter. Gerüchte und Spekulationen schaffen Argwohn und Misstrauen. Bankbesitzer Ted Pierce hängt irgendwie im Schlamassel mit drin und begeht Selbstmord. Lou Fraden hat einem Freund die Frau ausgespannt und befürchtet nun dessen Rache. Durch diese Anhäufung an Episoden bleibt eben Vieles an der Oberfläche. Ihre Vorgeschichten bleiben allesamt im Dunkeln.

Finale

Am Ende wartet „Auf der Kugel stand kein Name“ mit einer Überraschung auf. John Gant hat keinen der üblichen Verdächtigen im Visier. Auf seiner Todesliste steht kein Geringerer als Richter Benson. Vor Jahren war er mal an der illegalen Benennung des Gouverneurs und seines Stellvertreters beteiligt. Das belegt ein geheimes Dokument, das Anne in einer Schatulle findet. Leider erfahren wir weder etwas über den Inhalt dieses Dokuments noch über die Identität des Auftraggebers. Das ist schade. Man fragt sich auch, warum ein korrupter Richter derart belastendes Material aufbewahren sollte? Fazit: Das Potenzial dieser spannenden Grundidee wird leider nicht ausgeschöpft.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Auf der Kugel stand kein Name.

Bravados (Henry King) USA 1958

Mit seiner teilweise angedeuteten, teilweise ungeschminkten Kompromisslosigkeit und Härte wirkt „Bravados“ wie ein Vorbote der späteren Italo-Western. Erzählt wird ein klassisches Rachedrama, deren Vorgeschichte man häppchenweise erfährt (Ibsensche Enthüllungsdramaturgie). Der schwarz gekleideten Farmer Jim Douglas (Gregory Peck) reitet allein nach Rio Arriba, um der Hinrichtung von vier zum Tode verurteilten Gangstern beizuwohnen. Dort trifft er auch auf die hübsche Josefa Velarde (Joan Collins), mit der er früher wohl mal eine Beziehung hatte. Fragen beantwortet er bruchstückhaft oder ausweichend. Eine geheimnisvolle Aura umgibt den wortkargen, verbitterten Farmer. Man fragt sich die ganze Zeit, was ihm widerfahren ist? Das ist gut gemacht und steigert die Spannung.

Die Jagd

Dann erscheint der angereiste Henker, der aber mit den Gangstern unter einer Decke steckt. Bei ihrer Flucht nehmen sie Amy, die Tochter des Drugstorebesitzers, als Geisel mit. Einem sofort zusammen gestellten Suchtrupp schließt Jim Douglas sich nicht an. Er hat seine eigenen Pläne, was ihm den Vorwurf der Feigheit einbringt. Das stört den Lonesome Rider von „Bravados“ aber nicht. Er ruht sich erst mal aus und macht sich am nächsten Tag an die Verfolgung. Schon bald stößt er auf den Suchtrupp, der von einem der Gangster in Schach gehalten wird. Aber jetzt erweist Jim Douglas sich als ein zu allem entschlossener und fähiger Anführer.

Der erste Gangster

Den ersten im Hinterhalt lauernden Gangster kann er überwältigen. In der rechten Hand hält Jim Douglas seinen Revolver, mit der Linken zeigt er ihm das Foto einer jungen Frau. Erst jetzt kann man die Zusammenhänge erahnen. Es ist ein Bild seiner Ehefrau, die vergewaltigt und ermordet wurde. Obwohl der Gangster im Angesicht des Todes seine Unschuld beschwört, kennt Douglas keine Gnade. Hasserfüllt erschießt er den am Boden liegenden Verbrecher. Derweil klärt der Pater von Rio Arriba Josefa über den Meuchelmord an Jims Ehefrau auf. Sein Nachbar Butler hatte die vier Gangster zur Tatzeit in der Nähe von Jims Farm beobachtet.

Der zweite Gangster

Den zweiten Gangster hängt Douglas einfach auf. Seine Kumpanen erreichen Butlers Farm, wo sie erst mal ihren Hunger stillen. Den flüchtigen Farmer erschießt der dritte Gangster von hinten. Der vierte, ein Indio, findet einen Geldbeutel beim Toten und nimmt ihn an sich. Zeitgleich wird Amy vom dritten Gangster im Farmhaus vergewaltigt. Dann flüchten die Verbrecher zu zweit weiter nach Mexiko. Als Jim Douglas mit dem Suchtrupp auf Butlers Farm eintrifft, sieht er sich angesichts seines ermordeten Nachbarn und der vergewaltigten Amy in seiner erbarmungslosen Jagd bestätigt. Am Rio Grande, der Grenze zu Mexiko, setzt er die Verfolgung allein fort.

Der dritte Gangster

Den dritten Gangster stöbert Douglas in einer Cantina auf und erschießt ihn im Duell. Der Indio kann fliehen, aber Douglas ist ihm auf den Fersen. In einer kleinen Hütte, in der der vierte Gangster mit Frau und Kind lebt, kommt es zum Showdown. Douglas hat nur Augen für den Indio, wird aber von dessen Frau außer Gefecht gesetzt. Nun wird der Spieß umgedreht. Douglas wird mit dem Revolver bedroht und berichtet von seinem Schicksal. Aber der Indio kann seine Unschuld beweisen, denn der Geldbeutel, den er Butler abgenommen hat, gehört eigentlich Douglas. Den kann sein Nachbar aber nur gewaltsam an sich genommen haben. Jetzt wird Jim Douglas klar, wer tatsächlich seine Frau ermordet hat und welchem Irrtum er unterlegen ist. Kein Geringerer als sein Nachbar war der Mörder seiner Frau. Nachdem der Indio spürt, dass von Douglas keine Gefahr mehr ausgeht, lässt er ihn laufen.

Schwachpunkte

Der ganze Schluss von „Bravados“ ist eine erzählerische Katastrophe. Zum einen müsste Jim Douglas die Erkenntnis, eigentlich nicht viel besser zu sein als seine Opfer, regelrecht erschüttern. Schließlich entlarvt die Wahrheit über den Mord an seiner Frau die ganze Fragwürdigkeit seines Rachefeldzugs. Zum zweiten fällt die Reaktion seiner Mitmenschen auf seinen tödlichen Irrtum schon unfreiwillig komisch aus. „Sie haben nur drei Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt“, versucht ihn der Pater zu beruhigen. Als Jim Douglas in der Schlusseinstellung die Kirche verlässt, jubeln ihm die Einwohner des Ortes zu. Worüber jubeln die? Darüber, dass ein Selbstjustiz praktizierender Farmer unter ihnen weilt?

Am Ende von „Bravados“ schreitet Jim Douglas Arm in Arm mit Josefa daher, was einem vorhersehbaren und arg konstruierten Pseudo-Happy-End gleichkommt. Eigentlich hat diese Beziehung keine Handlungsrelevanz. Zum vierten fehlt natürlich die direkte Konfrontation zwischen dem Rächer und dem Täter. Die Bankräuber haben Jim Douglas sozusagen die Arbeit abgenommen. Das ist schade. Dabei hätte er jetzt mal zeigen können, dass mehr in ihm steckt als nur dieser blinde Hass. In „Der Graf von Monte Christo“ demonstriert Alexandre Dumas wie’s richtig gemacht wird, desgleichen Ariel Dorfman in „Der Tod und das Mädchen“.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Henry Kings Bravados.