Neues aus der Welt (Paul Greengrass) USA 2020

Wohlwollend betrachtet, könnte man diesen Western als elegisch bezeichnen, langweilig oder behäbig wäre allerdings zutreffender. Genau wie in „The Power of the Dog“ auch hier der Fehler, die Geschichte viel zu früh zu beginnen. Die sollte natürlich beim ersten dramatischen Höhepunkt einsetzen und das ist Captain Jefferson Kyle Kidds (Tom Hanks) Entdeckung eines von marodierenden Südstaatlern überfallenen Fuhrwerks. Der schwarze Fahrer wurde aufgeknüpft und das weiße, bei den Kiowas aufgewachsene Mädchen, Johanna Leonberger, hat sich in die Büsche geschlagen. Der Überfall selbst und die Identität der Mörder wird uns vorenthalten. Nun gut. Aber wieso begibt sich das traumatisierte Mädchen so schnell in Captain Kidds Obhut, in die eines Fremden? Hier müsste – auch in der Folgezeit – mehr Widerstand erfolgen.

Es wäre die Chance für eine konfliktreiche Odd-Couple-Konfiguration gewesen. Wieso lassen die Mörder das Mädchen überhaupt ungeschoren davonkommen? Sie ist doch die einzige Zeugin eines brutalen Verbrechens. Auch dieses Erzählmotiv („Der bedrohte Zeuge“) lässt Paul Greengrass sich entgehen. Wie wär’s denn gewesen, wenn Captain Kidd die Mörderbande überrascht hätte? Weil er Südstaatler ist, hätten sie ihn erst mal verschont. Dann wäre – wie gehabt – die Kavallerie gekommen. Die Bande hätte fliehen müssen, von den Soldaten nur halbherzig verfolgt. Dann hätte Captain Kidd das verstörte Mädchen eingefangen, um sie beim Indianerbeauftragten abzuliefern. Die Mörder wären zur Fahndung ausgeschrieben worden. Von diesem Moment an hätten Captain Kidd und Johanna – als Zeugen eines Mordes – eine Killerbande auf den Fersen gehabt. Auf die drei Kasper, die Johanna in Dallas für 50 Dollar kaufen wollen, hätte man gut und gerne verzichten können.

Des Weiteren ist dieses Gutmensch-Verhalten von Captain Kidd, nämlich die sofortige uneigennützige Fürsorge für das Mädchen, ziemlich nervig und dramaturgisch kontraproduktiv. Viel besser wäre es gewesen, wenn er des öfteren versucht hätte, diese lästige Göre loszuwerden und sie jedes Mal wieder zurückgekehrt wäre. Diese Anhäufung erzählerischer Fehler trägt maßgeblich zur dürren Geschichte bei: Der verwitwete Captain Kidd bringt die verwaiste Johanna im Texas des 19. Jahrhunderts zu Onkel und Tante, aus deren Obhut er sie am Ende wieder befreit.

Dieses Happy End ist, neben den phantastischen Landschaftsaufnahmen, eines der wenigen Highlights dieses überraschungsarmen Films. Denn der Captain baut Johanna mit in seine Vortragsreihen ein. Seinen Unterhalt verdient er nämlich als herumreisender Nachrichtensprecher und Geschichtenerzähler. Seinen zahlenden Zuhörern (zum großen Teil Analphabeten) liest er Meldungen aus aktuellen Zeitungen vor, die er gekonnt aufbereitet. Die Anteilnahme und Reaktionen des Publikums erinnert an die Blütezeit des französischen Vaudeville Theaters. Das ist grandios. Ironischerweise ist jede Anekdote, die Captain Kidd bei seinen Vorträgen zum Besten gibt spannender und unterhaltsamer als der gesamte Film. Ansonsten: Nichts neues aus der alten Welt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für "Neues aus der Welt"
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Johnny Guitar (Nicholas Ray) USA 1954

In der Eröffnungsszene zeigt sich das ganze erzählerische Desaster dieses Westerns. Eine Postkutsche wird von vier Gangstern überfallen, wobei einer der Kutscher erschossen wird. Johnny Guitar (Sterling Hayden) beobachtet diesen Überfall aus der Ferne. Anstatt am Tatort möglichen Verletzten zu helfen, reitet er weiter. Die unterlassene Hilfeleistung nimmt den Betrachter nicht unbedingt für den Protagonisten ein und verschenkt dramatisches Potenzial. Im weiteren Verlauf werden vier Männer der Saloonbesitzerin Vienna (Joan Crawford) des Überfalls verdächtigt. Ob sie etwas damit zu tun hatten oder wer es war, erfahren wir bis zum Schluss nicht, womit diese Szene aber auch überflüssig ist. Leider nicht die einzige Szene.

Dabei ist die Figur einer Saloonbesitzerin, die zudem Ländereien aufkauft und die Hosen anhat durchaus interessant. Emotionen entstehen allerdings zu keiner Zeit. Das liegt zum einen an ihrem inkohärenten Verhalten: Wieso zahlt sie z.B. ihren Geliebten Johnny aus, damit dieser die Stadt verlassen kann? Zum anderen an ihrer durch und durch eindimensionalen Gegenspielerin Emma Small, die schimärenhaft gegen Vienna giftet und die Rancher aufstachelt. Mit ihrer geifernden Vehemenz wirkt diese schwarz gekleidete Hexe eher wie eine Lachnummer. Wer soll denn das alles glauben? Welchen Grund gibt es überhaupt für die Feindschaft? Vieles bleibt im Interpretationsbereich. Warum verlassen Vienna und Johnny nach dem willkürlichen Ultimatum der Rancher nicht einfach für ein paar Wochen die Gegend? Nach ihrer Rückkehr wäre wahrscheinlich schon die Eisenbahn da und auch die Rancher hätten die wirtschaftlichen Vorteile einer Bahnanbindung begriffen. Davon abgesehen sollte eine Deadline immer mit maximalen dramatischen Konsequenzen verbunden sein – in diesem Fall: die Trennung der Liebenden. Das tut sie aber nicht. Vienna und Johnny könnten zusammen wegfahren oder gemeinsam das Ultimatum verstreichen lassen. Sie sind nicht gezwungen, sich zu trennen. Das ist ein zentraler Schwachpunkt.

Die Kritiker, vor allem die der „Nouvelle Vague“, haben „Johnny Guitar“ über den grünen Klee gelobt. Begründet wird dies vor allem mit angeblichen Parallelen zu den politischen Säuberungen der McCarthy-Ära. Das ist aber ziemlich weit hergeholt. Vienna wird zwar zur Persona non grata erklärt, aber nicht auf Grund ihrer Gesinnung, sondern aus Eifersucht. Sie hat ein Verhältnis mit Ted, einen von Viennas Leuten, den auch Emma liebt und ist zudem als erfolgreiche weibliche Unternehmerin potenziell verdächtig. Also, der Vergleich hinkt. Sie hat ja kein Berufsverbot und könnte mit ihrem Vermögen überall wieder unternehmerisch tätig sein.

Ein weiterer Grund, den die Kritiker bemühen, ist ein angeblich lesbisches Verhältnis zwischen Vienna und Emma. Für eine derartige Vermutung benötigt man allerdings viel Phantasie. Der Film liefert zu keiner Zeit auch nur ansatzweise ein entsprechendes Indiz. Unklar bleibt auch, was diese „Gründe“ mit der Qualität eines Films zu tun haben sollen? Ist ein Film automatisch besser, wenn er metaphorisch eine bestimmte politische Epoche behandelt oder ein verkapptes Melodrama zwischen Frauen? Wohl kaum. Die Kritiker haben keine Kriterien – nicht wirklich. Keiner redet über die narrativen Defizite oder darüber, dass der Banküberfall von Viennas Männern an Dummheit kaum zu überbieten ist und man nicht andauernd Figuren bei ihren unterbelichteten Aktionen zuschauen möchte. Keiner redet über die ständig glatt rasierten und mit frischen Hemden gekleideten Gangster. Deren Hütte in ihrer Silbermine ist ein bestens ausgestattetes, luxuriöses Blockhaus, in dem es an nichts mangelt. Keiner redet über die unfreiwillige Komik, die aus diesen Zutaten resultiert. Dass dieses Machwerk zu den besten Western zählen soll, ist eine Beleidigung für „The Searchers“, „Rio Grande“, „Man nannte ihn Hombre“, „El Dorado“, „Erbarmungslos“ usw.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "Johnny Guitar"

Seraphim Falls (David von Ancken) USA 2016

Dieser Independent-Western überzeugt in der ersten Stunde durch spannende Verfolgungsjagden in den verschneiten Berglandschaften Nevadas. Es handelt sich hier um eine klassische Rachegeschichte. Ex-Südstaaten-Colonel Carver (Liam Neeson) macht den Ex-Yankee-Captain Gideon (Pierce Brosnan) für den Tod seine Familie verantwortlich. Mit einem Haufen zwielichtiger Söldner will er ihn zur Strecke bringen. Dabei wird Gideon verwundet, verliert sein Pferd und – bis auf ein Buschmesser – seine Waffen. Endlich mal ein Film, in dem ein Schwerverletzter nicht kurze Zeit später wieder putzmunter durch die Gegend läuft. Seine Wundbehandlung mit reduzierten Mitteln in feindlicher Umgebung ist hochspannend. Das sind die Stärken von „Seraphim Falls“: seine authentischen, detailgetreuen und dramatischen Flucht-Verfolgungs-Szenen. Man zittert mit Gideon mit, dessen Situation kaum aussichtsloser sein kann.

Leider driftet der Held auf seiner Flucht nach und nach in wüstenähnliche Prärielandschaften. Der Film versandet in surrealen Begegnungen und gutgemeinten Versuchen, amerikanische Traumen wie Bürgerkrieg und Ausrottung der Ureinwohner anzureißen: Erst begegnen die Protagonisten einem Indianer, der ein Wasserloch bewacht und bei seinen Tauschgeschäften pseudophilosophische Weisheiten von sich gibt. Noch absurder ist das fatamorganamäßige Erscheinen einer Marketenderin (Anjelica Huston), die Jäger und Gejagtem wahlweise Heilmittel oder Waffen anbietet.

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit privater und gesellschaftlicher Schuld findet nicht statt. Die Fragwürdigkeit von Carvers erbittertem Rachefeldzug wird zu keiner Zeit thematisiert. In „Bravados“ (Henry King) konfrontiert eines der Opfer den Rächer mit den Abgründen seiner Vergeltungssucht. In Clint Eastwoods Meisterwerk „Erbarmungslos“ debattieren die abgehalfterten Söldner bis zum bitteren Ende regelmäßig über den Sinn oder Unsinn ihrer Rachemission. Nichts davon in „Seraphim Falls“. Hier ist der Rächer ein eiskalter Killer, der ohne mit der Wimper zu zucken zwei seiner Leute tötet, als sie keine Funktion mehr für ihn haben. So kann natürlich keine Empathie entstehen. Die finale Vergebung kauft man Carver dann auch nicht mehr richtig ab. Dafür ist sein Charakter zu eindimensional angelegt.

Die Lösung wäre folgendes gewesen: Alles im Schnee spielen zu lassen und auf den surrealen Schnickschnack zu verzichten. Ganz auf die authentische Dramatik einer Verfolgungsjagd zu setzen und dabei die Rachsucht, diesen verzweifelten Wunsch nach Gerechtigkeit, in Frage zu stellen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für "Seraphim Falls"