Berüchtigt

USA 1946
Länge: 101 Min., FSK: 16
Produktion: RKO Pictures
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Ben Hecht u.a.
Kamera: Ted Tezlaff
Musik: Roy Webb
Montage: Theron Warth
Darsteller: Ingrid Bergman, Cary Grant u.a.

Genre: Thrillermelodrama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: so wird’s gemacht!
Held(en): verliebt
Gegenspieler: böse Nazis
Stimmung: fesselnd
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: YouTube
Datenträger: DVD

„Berüchtigt“ (Notorious) von Alfred Hitchcock ist kein Krimi, auch kein Drama, am ehesten noch ein Spionagethriller, eigentlich aber ein Thrillermelodrama.

Im Fokus stehen nämlich die Liebesgeschichte zwischen dem Geheimagenten Devlin (Gary Grant) und Alicia Huberman (Ingrid Bergmann) sowie die Gefahren, die aus ihrem Undercover-Einsatz resultieren. „Berüchtigt“ ist eines von Hitchcocks Meisterwerken und beruht auf einer Kurzgeschichte des Journalisten John Taintor Foote. Das Script stammt vom US-amerikanischen Autor Ben Hecht, der das Geheimnis guter Drehbücher wie folgt definiert hat: „Zwei Hunde, ein Knochen.“ „Berüchtigt“ ist eine Visualisierung seines Postulats, sowohl auf der Ebene des Melodramas als auch auf der des Thrillers.

Die Geschichte

Der US-amerikanische Geheimdienst sucht Zugang zu einer Gruppe von Neonazis, die in Rio ihr Unwesen treibt. Agent Devlin wird auf die hübsche Alicia Huberman angesetzt, Tochter eines verstorbenen Nazis. Der ideale Köder. Die lässt sich auf das Doppelspiel ein. Zum einen will sie wieder gutmachen, was ihr Vater verbrochen hat, zum anderen verliebt sie sich in Devlin. In Rio lautet ihr Auftrag, sich an Alexander Sebastian, den Kopf der Naziclique, heranzumachen. Der Plan scheint aufzugehen, bis Alexander sie zur Heirat nötigt. Aus unterschiedlichen Gründen stellen Alicia und Devlin ihre Gefühle zurück. Die Heirat wird vollzogen. Doch Alexander kommt hinter das doppelte Spiel seiner Ehefrau und beginnt, in Zusammenarbeit mit seiner Mutter, Alicia zu vergiften. Im letzten Moment kann der misstrauische Devlin die Geliebte retten.

Klassisches Erzählmotiv

Meister Hitchcock wusste um das dramatische Potenzial der Vorlage: Ein Mann und eine Frau verlieben sich ineinander. Aus beruflichen Gründen muss er sich von ihr trennen, indem er sie einem anderen Mann zuführt. Das ist das Drama: Die Unmögliche Liebe (s.a. „Die Brücken am Fluss“, „La Strada“ usw.). Hier ein Konflikt zwischen Liebe und Pflichterfüllung. Für einen frühen Ausstieg aus den beruflichen Zwängen hätte ihre Liebe ein anderes Fundament bedurft, mehr Sicherheit, auch eine andere Zeit. Aber so müssen beide die größtmögliche Prüfung absolvieren. So hat Devlin eine Schuld auf sich geladen. Er war es, der Alicia zum Pakt mit dem Teufel verführt hat. Am Ende von „Berüchtigt“ gönnt Hitchcock dem Liebespaar ein Happy End, eine Wendung also. Aus der unmöglichen Liebe wird die mögliche: „Ich lass dich nie mehr allein.“ Das ist schön und haben sich beide auch verdient.

Suspense

Selbstredend gestaltet Hitchcock den Informationsfluss so, dass wir (die Zuschauer) die meiste Zeit mehr wissen, als Teile der handelnden Personen. Wir kontrollieren sozusagen das Geschehen. Wenn Alicia mit Alexander anbändelt, wissen wir um die Hintergründe. Vor allem wissen wir um die tödlichen Gefahren, die eine Enttarnung ihres Doppelspiels implizieren. Diese Gefahren werden von Hitchcock zum Teil genüsslich retardiert. Wenn sich beim Empfang in Alexanders Villa der Vorrat von auf Eis gelagerten Champagnerflaschen dem Ende zuneigt, wissen wir um die Konsequenzen. Denn der Schlüssel zum Weinkeller befindet sich gerade in Devlins Händen. Die Zwischenschnitte auf den schrumpfenden Vorrat sind das Damoklesschwert, das dicht über den Köpfen der Liebenden schwebt. So ist das richtig: Keine Rätselspiele, sondern Suspense! 

Die Figuren

Schon toll, wie Alicia als Femme fatale inszeniert wird: trinkfreudig, spitzzüngig und leicht bekleidet. Im Grunde eine sehr moderne Frauenfigur. Sehr schön sind auch ihre Ängste, dass Devlin sie in erster Linie als geeigneten Köder und als Schnapsdrossel sehen könnte. In gewisser Weise steht Devlin seiner interessanten Partnerin in nichts nach. Obwohl auch er sich sofort verliebt hat, verschanzt er seine Gefühle hinter dem Spionageauftrag: „Wisch die Tränen ab. Sie passen nicht zu dir.“ Die Offenbarung seiner Gefühle lässt er nicht zu, noch nicht. Die Wahrung der Fassade, die sich in Bitterkeit und Verachtung ausdrückt, lässt ihn schließlich verzweifeln. Er beantragt seine Versetzung nach Spanien. Erst im letzten Moment siegt sein Misstrauen: Sollte es andere Gründe für Alicias merkwürdiges Verhalten geben als übermäßigen Alkoholkonsum?

Demgegenüber ist die Figur ihres Ehemanns schwach. Alexander Sebastian ist zu alt, um ernsthaft Alicias Partner zu sein. Er ist eher der väterliche Freund. Hier wäre ein gleichaltriger, also gleichwertiger Rivale viel besser und dramatischer gewesen.

Weitere Schwachpunkte

Wenn Devlins Boss, Capt. Paul Prescott, beim ersten Dinner von Alicia mit Alexander ebenfalls im Restaurant erscheint, ist das viel zu gefährlich, zumal beide Männer sich ja – warum auch immer – aus der Vergangenheit kennen. Was will Prescott da überhaupt? Jedenfalls müsste Alexander sofort Verdacht schöpfen und diesem nachgehen. Damit wäre aber auch das ganze Unterfangen gescheitert.

Die Hochzeit von Alicia und Alexander wird einfach ausgeklammert. Gezeigt werden nur die Resultate: Einzug Alicias in die herrschaftliche Ville ihres Gatten, Empfang usw. Eine körperliche Annäherung zwischen den Eheleuten fällt unter den Tisch. Alexanders sexuelle Wünsche und Alicias Ablehnung wäre aber dramatisches Konfliktpotenzial gewesen, auch bei den geheimen Treffen mit Devlin. Seine süffisante Frage, wie es denn so in der Hochzeitsnacht war, darf man sich eigentlich nicht entgehen lassen, auch wenn das Geschehen vor 80 Jahren angesiedelt ist.

Die deutsche Synchronisation von 1951 machte aus der Naziclique ein Drogenkartell, aus dem Uranerz wurde Heroin. Das ist schon ein bisschen unbedarft, auch unfreiwillig komisch. Es weiß doch jedes Kind, dass südamerikanische Drogendealer anders aussehen als deutsche Nazis. Wie kommt man überhaupt auf so eine Idee? Angeblich wollte der Verleiher aus pekuniären Gründen so kurz nach dem 2. Weltkrieg den Deutschen keine Geschichte mit bösen, bösen Nazis zumuten. Wäre denkbar. Ein anderer möglicher Grund könnte aber auch politische Einflussnahme gewesen sein, denn im Original wird die IG Farben namentlich erwähnt. Der seinerzeit weltgrößte Chemiekonzern hatte sich zahlreicher Kriegsverbrechen schuldig gemacht und wurde nach Kriegsende zerschlagen.

Fazit

Trotz seiner Defizite hat „Berüchtigt“ auch 80 Jahre nach seiner Herstellung nichts von seiner erzählerischen Kraft eingebüßt. „ ‚Berüchtigt‘ ist Hitchcocks Quintessenz.“ (Francois Truffaut)

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Alfred Hitchcocks Berüchtigt.

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Zeit der Unschuld

USA 1993, Länge: 140 Min., FSK: 6
Produktion: Barbara De Fina u.a.
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Martin Scorsese, Jay Cocks
Kamera: Michael Ballhaus
Musik: Elmer Bernstein
Montage: Thelma Schoonmaker
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Michelle Pfeiffer u.a.

Genre: Melodrama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Held: sehnsuchtsvoll
Gegenspieler: Aristokratie
Stimmung: getragen
Bewertung: 3 von 7 Sternen
Stream: Prime Video, Rakuten TV

„Zeit der Unschuld“ ist eine ebenso opulente wie distanzierte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edith Wharton. Ein Melodrama, das ein klassisches Erzählmotiv behandelt: Die Unmögliche Liebe.

In der New Yorker Aristokratie von 1870 hat die Liebe des jungen, bereits verlobten Anwalts Newland Archer (Daniel Day-Lewis) zur verheirateten, aber getrennt lebenden Gräfin Ellen Olenska (Michelle Pfeiffer) keine wirkliche Chance. Eine Romeo-und-Julia-Variante über große Gefühle, ohne diese zu erzeugen. Auf „getAbstract“ existiert eine sehr gute Zusammenfassung der Geschichte.

Romanverfilmung

Die eigentlich interessante Frage ist, welche Romane sich zur Verfilmung eignen und welche eher nicht? Nicht nur in diesem Punkt haben Alfred Hitchcock und Clint Eastwood eine Gemeinsamkeit, nämlich ihr untrügerisches Gespür für das filmische Potenzial eines Stoffes. Sie haben sich vorzugsweise bei Autoren der B- oder C-Literatur bedient, wohlwissend dass die Qualität von geschriebenen Wörtern nur bedingt etwas mit der von laufenden Bildern zu tun haben. Clint Eastwood hat sich bei „Die Brücken am Fluss“ einer zwar erfolgreichen, aber eher drittklassigen Vorlage bedient. Er wusste, welche Dramatik diese unglaubliche Konzentration auf eine schicksalhafte Begegnung hat.

Cornell Woolrich

Alfred Hitchcock und Francois Truffaut haben mehrfach Werke des literarisch eher unbedeutenden Cornell Woolrich verfilmt, dessen Romane allesamt dramaturgische Lehrstücke sind. Beide Regisseure wussten, worauf es ankommt: Nicht auf die Formulierungskunst, sondern auf Suspense, Deadlines, Druck, Gefahren, Konflikte, Reduktion und veritable Helden. Hitchcocks „Fenster zum Hof“, nach einer Kurzgeschichte von Cornell Woolrich, spielt nur in einem Hinterhof, Clint Eastwoods „Die Brücken am Fluss“ an nur vier Tagen im Madison County, meist auf der Farm von Francesca Johnson (Meryl Streep). Beide Filme sind zeitlich und örtlich unglaublich komprimiert: Die Einheit von Zeit, Raum und Handlung.

Edith Wharton

Martin Scorsese hat mit „Zeit der Unschuld“ einen Roman verfilmt, der sozusagen in der Aristokratie der Literatur angesiedelt ist. Edith Wharton hat für dieses Werk den Pulitzer-Preis erhalten und war mehrfach für den Nobelpreis nominiert. Da darf die Verfilmung der Vorlage natürlich in nichts nachstehen. Diese Bürde ähnelt hohen Erwartungen, die meistens – wie auch hier – nicht erfüllt werden. Auch sonst lässt diese Adaption Zweifel an der Tauglichkeit für eine Verfilmung aufkommen.

Schwächen

Es gibt eine Fülle von Personen, deren Funktion bis zum Schluss nicht richtig deutlich wird. Es gibt keine Reduktion, dafür einen ständigen Wechsel von Schauplätzen. Es gibt keine zeitliche Komprimierung, sondern die Geschichte einer unerfüllten Liebe über einen Zeitraum von über 25 Jahren. Es gibt codierte Dialoge, weil die Protagonisten, als Opfer enger gesellschaftlicher Regeln, fast nie frei aussprechen können, was sie eigentlich denken. „Hieroglyphenwelt“ nennt die Erzählerin diese Kommunikationsform. Es bleibt einfach zu Vieles im Interpretationsbereich.

Protagonist

Newland Archer ist zwar nicht feige, hat aber letztlich nicht das Format, sich über das vorhandene Regelwerk hinwegzusetzen. Es bleibt bei sehnsuchtsvollen Wunschträumen oder selbstmitleidigen Klagen. All dies trägt leider nicht zur Anteilnahme bei. Die manierierten Kamerafahrten von Michael Ballhaus sind visueller Ausdruck dieser Distanz. Alles sehr schick hier.

Fazit

In der Verfilmung von „Zeit der Unschuld“ dominieren die guten Absichten. Letztlich ein stylisches, getragenes, dialoglastiges High-Society-Melodrama, das kaum Gefühle erzeugt und den Zuschauer eher ratlos zurücklässt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Zeit der Unschuld.

Benny & Joon

USA 1993, Länge: 99 Min., FSK: 12
Produktion: MGM u.a.
Regie: Jeremiah S. Chechik
Drehbuch: Barry Berman
Kamera: John Schwartzman
Musik: Rachel Portman
Montage: Carol Littleton
Darsteller: Johnny Depp, Mary Stuart Masterson u.a.

Genre: Liebesgeschichte
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): originell
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: märchenhaft
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Benny & Joon“ von Jeremiah S. Chechik ist eine märchenhafte Liebesgeschichte, die das Zusammenleben mit psychisch Behinderten thematisiert.

Sehr schön ist die ganz irdische und wenig märchenhafte Ausgangssituation für den Automechaniker Benny (Aidan Quinn): Nach dem Unfalltod der Eltern fühlt er sich für seine psychisch kranke Schwester Joon (Mary Stuart Masterson) verantwortlich. Dabei wirft der Film die Frage auf, inwieweit man sich für einen anderen Menschen aufopfern und das persönliche Wohlergehen hinten anstellen sollte? Wo ist die Grenze? Wann kippt eine Hilfestellung für andere Menschen ins Gegenteil? Im Grunde kann man diese Fragestellung auf andere Abhängigkeitsmodelle übertragen. Also, kann zum Beispiel die übermäßige Fürsorge einer alleinerziehenden Mutter für ihr einziges Kind nicht kontraproduktiv sein? Ist die Aufopferung für ein pflegebedürftiges Elternteil sinnvoller als die Betreuung in einem Seniorenheim usw.?

Die Geschichte

Schon gleich zu Beginn weist Benny die Avancen einer jungen Kundin zurück. Dabei dominieren Missverständnisse. Während die junge Frau die Absage auf ihre Person bezieht, wissen wir den wahren Grund. Benny ist ein Gefangener seines Verantwortungsgefühls für seine pflegebedürftige Schwester. Das ändert sich erst, als Joon beim Pokern mit Bennys Freunden den scheinbar nichtsnutzigen Sam (Johnny Depp) „gewinnt“. Der neue Untermieter erweist sich mit seinen originellen und komödiantischen Einfällen allerdings schon bald als Glücksfall und kann Joons Herz erobern. Darauf reagiert Benny eifersüchtig, weshalb er Sam hinauswirft. Erst als Joon auf ihrer gemeinsamen Flucht mit Sam in der Psychiatrie landet, erkennt Benny seinen Fehler. Trickreich gelingt es ihm zusammen mit Sam, Joon aus der Klinik zu „befreien“. Sie wagt den Sprung in die Eigenständigkeit und will mit Sam zusammenziehen.

Die Figuren

Der Film punktet mit interessanten und originellen Figuren. Man versteht Bennys Motive, die im Grunde ja nicht egoistisch sind. Man zittert mit ihm mit, dass er doch noch die Kurve kriegt und in der Lage ist, auch mit anderen Frauen eine Beziehung einzugehen. Sam ist eine Phantasiefigur, die manchmal im Baum hockt, Passagen von Horrorfilmen rezitiert oder Bügeleisen zweckentfremdet. Trotz seiner Stilisierung überwiegt das Positive. Er ist immer für eine Überraschung gut und kann mit seinem pantomimischen Talent andere Menschen zum Lachen bringen.

Da hinkt die Darstellung der Joon etwas hinterher. Eigentlich kommt ihre autistische Erkrankung nur einmal richtig zum Vorschein und zwar auf der Flucht mit Sam, weshalb sie dann ja auch in einer Klinik landet. Jedenfalls ist ihre Darstellung bei weitem nicht so intensiv, wie das Spiel des 9-jährigen Simon in „Das Mercury Puzzle“ von Harold Becker oder das von Raymond (gespielt von Dustin Hoffman) in „Rain Man“ von Barry Levinson.

Dramaturgie

Interessanterweise heißt der Film „Benny & Joon“ und nicht „Sam und Joon“. Der Fokus liegt also nicht auf der Liebesgeschichte, sondern auf der Beziehung zwischen Krankem und Pflegendem. Folgerichtig kommt es zum Eklat zwischen den Hauptpersonen, als Benny den Pokergewinn seiner Schwester hinauswirft. Fachgerecht wird auch eine Deadline eingebaut, als die Psychiaterin Benny eröffnet, dass die Bewerbungsfrist für das in Frage kommende Pflegeheim in einer Woche endet. Das erhöht natürlich den Druck. Am Ende wagt Joon die Befreiung vom vereinnahmenden Bruder: „Du brauchst meine Krankheit“, wirft sie ihm an den Kopf. Mit Bennys Einsicht, seinem Loslassen gönnen die Filmemacher der Geschichte ein Happy End.

Ungereimtheiten

Das Haus, in dem „Benny & Joon“ wohnen, hat aber auch gar nichts mit den Vorstellungen von der Lebenswelt eines Automechanikers gemein. Es ist eher Bestandteil des Märchens und wirkt wie die Villa Kunterbunt in „Pippi Langstrumpf“. Wer jemals in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie war, weiß wie schwer es ist, dort hineinzukommen, geschweige denn wieder heraus. Da hätten die Filmemacher sich etwas mehr Mühe geben können, zumal Hindernisse der Spannung ja nicht abträglich sind. Wieso Joons Psychiaterin in der fremden Klinik auftaucht und dort offensichtlich über Befugnisse verfügt, die über denen der stationierten Ärzte hinausgehen, ist ebenfalls seltsam.

Fazit

Trotz seiner Schwächen und Ungereimtheiten überwiegt das Positive. Dem Film gelingt es, mit einer ganz alltäglichen Problematik eine unterhaltsame Dreiecksgeschichte zu erzählen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Benny & Joon.

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Der Liebe verfallen

USA 1984
Länge: 107 Min., FSK: 12
Produktion: Paramount Pictures u.a.
Regie: Ulu Grosbard
Drehbuch: Michael Cristofer
Kamera: Peter Suschitzky
Musik: Dave Grusin
Montage: Michael Kahn
Darsteller: Robert De Niro, Meryl Streep u.a.

Genre: Melodrama
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: sehr gut
Held(en): Seelenverwandte
Gegenspieler: familiäre Bindungen
Stimmung: gefühlvoll
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, YouTube Store
Datenträger: DVD

„Der Liebe verfallen“ ist ein eher ruhiges, kluges und schönes Melodrama, das sich ganz auf seine herausragend agierenden Protagonisten konzentriert:

Die verheiratete Illustratorin Molly Gilmore (Meryl Streep) und den Bauingenieur Frank Raftis (Robert De Niro), der Frau und zwei Kinder hat. Ihre Dramatik bezieht die Geschichte aus den Widrigkeiten im Leben zweier Menschen, die füreinander bestimmt sind, zueinander zu finden. Menschen kann man eben nicht so einfach umtauschen wie Bücher.

Opening

Damit sind wir bei der Meeting-Scene. Denn Molly und Frank stoßen kurz vor Weihnachten schwer bepackt am Eingang einer Buchhandlung zusammen. Ein Aufeinanderprall mit Folgen. Denn sie vertauschen ihre Geschenke, die für den jeweiligen Ehegatten bestimmt sind. Eine Metapher, denn nicht nur die Bücher befinden sich beim falschen Partner. Während der Umtausch der Bildbände problemlos erfolgt, dauert es Monate bis Molly und Frank sich in einem Vorortszug wieder treffen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen und knüpfen zarte Bande. Diese Annäherung der Seelenverwandten wird sehr schön beschrieben. Nur ihre Hemmungen stehen einer Liebesbeziehung im Wege.

Liebe

Die Gefühlswelt der beiden Protagonisten spiegelt sich in den Begegnungen mit den jeweiligen Freunden wider. Das ist sehr kunstvoll montiert. Wenn Ed Lasky (Harvey Keitel) seinen Kumpel Frank ausfragt, antwortet Molly im Gespräch mit ihrer Chefin Isabelle (Dianne Wiest) und umgekehrt. Die Liebenden kommen sich näher über den Austausch von Privatem oder das Herumalbern auf einem Jahrmarkt. Aber je vertrauter sie werden, umso transparenter wird ihre innere Zerrissenheit. „Was tust du da?“ fragt Molly in einem Zwiegespräch mit ihrem Spiegelbild. Sie ist es auch, die den ersten Liebesakt in Eds Apartment abbricht: „Es tut mir Leid. Ich kann es nicht.“

Handwerk

Aber Ulu Grosbard und sein Drehbuchautor Michael Cristofer können es. Es gibt keinen Schnickschnack. Es geht um die Liebe des Lebens und sonst nichts. Die Dialoge sind originell, klug und pointiert. Immer wieder wählen die Filmemacher die richtige Entscheidung, zum Beispiel als Molly am Ende in ihren Wagen steigt, um Frank noch einmal zu sehen und auf regennasser Fahrbahn fast verunglückt wäre. Aber eben nur fast. Im letzten Moment kann sie ihren Wagen vor einem heranbrausenden Zug zum Halten bringen. Ihre innerliche Erschöpfung, dieses visualisierte „was tust du da?“ ist eigentlich viel dramatischer als ein Verkehrsunfall.

Schwachpunkte

Trotz dieser Szene mangelt es insgesamt an Dramatik. Wenn in Clint Eastwoods Meisterwerk „Die Brücken am Fluss“ die Liebenden aufeinander stoßen, dann verbleiben ihnen ganze vier Tage. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Deadline hat eben entscheidende Vorteile. Diese Spielanordnung ist konzentrierter und emotionaler. Die Hemmungen, die Widrigkeiten, die innere Zerrissenheit sind in „Die Brücken am Fluss“ genauso allgegenwärtig, aber sie sind dramatisch verdichtet.
Die Filmmusik in „Der Liebe verfallen“ erinnert ein bisschen an das Hintergrundgedudel in Supermärkten oder Kaufhäusern. Sie ist keine wirkliche Bereicherung für den Film.

Fazit

Natürlich ist es kein Zufall, wenn Molly und Frank ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung, also wieder zu Weihnachten, im Buchladen aufeinandertreffen. Aber sie verlieren sich in Plattitüden und schaffen es nicht, über ihre jeweiligen Trennungen zu sprechen. Erst später macht Frank eine Kehrtwendung und verfolgt die Geliebte, die er schließlich im Vorortszug in seine Arme schließen kann. Wieder der Zug. So schließt sich der Kreis. In diesem Fall ein stimmiges und schönes Happy End.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Ulu Grosbards Der Liebe verfallen.

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Eine Fantastische Frau

CL, USA, D, ES 2017, Länge: 104 Min., FSK: 12
Produktion: Fabula Productions u.a.
Regie: Sebastián Lelio
Drehbuch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza
Kamera: Benjamin Echazarreta
Musik: Matthew Herbert
Montage: Soledad Salfate
Darsteller: Daniela Vega, Francisco Reyes u.a.

Genre: Melodrama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Held: Trans*Frau
Gegenspieler: Family + Polizei
Stimmung: nicht so fantastisch
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„Eine Fantastische Frau“ ist ein eher ruhiges Melodrama über „Die unmögliche Liebe“ der Trans*Frau Marina zum älteren Orlando in Santiago de Chile.

Sehr schön ist die Konzentration auf die interessante Hauptfigur, die der Film zu keiner Zeit aus den Augen verliert. Ansonsten sind die Filmemacher leider Opfer ihrer guten Absichten und ihres eingeschränkten Könnens. Die Liebesgeschichte ist mit dem plötzlichen Herztod Orlandos nach fünf Minuten zu Ende. Das ist schade, denn wir hätten gern mehr über beide erfahren. Wie sollen wir Anteilnahme mit Marinas Trauer entwickeln? Die Begegnungen zwischen den Liebenden sind ähnlich kurz geraten wie die der Protagonisten in „Unterwegs nach Cold Mountain“, also letztlich eine behauptete Liebe. In Clint Eastwoods grandiosem Melodrama „Die Brücken am Fluss“ ist das zeitlich Verhältnis genau umgekehrt: 90% der Geschichte sind wir bei den Liebenden, nur den Rest der Zeit ohne sie.

Schwachpunkte

Wichtiger sind den Filmemachern offensichtlich die zum Teil selbst verschuldeten Demütigungen, die Marina nach Orlandos Tod erfährt. Da gibt es polizeiliche Ermittlungen, weil Orlandos Leichnam Hämatome aufweist. Die resultieren aus einem Sturz im Treppenhaus, als Marina ihn ins Krankenhaus transportiert. Dann taucht noch eine obskure Kommissarin für Sexualdelikte auf, die Marina verdächtigt, erpresst und demütigt. Da fragt man sich auch, ob es in Chile keine Pflichtverteidiger gibt, die die Belange von Beschuldigten vertreten?

Konsequenzen

Jedenfalls wirken diese Ermittlungen teilweise konstruiert und haben, was am Gravierendsten ist, keine Konsequenzen. Ein Verstoß gegen die dramaturgische Kardinalregel: Ein Held sollte in der jeweiligen Spielanordnung immer das Schlimmstmögliche durchleiden. Wer braucht schon Ermittlungen, die keine Konsequenzen haben? Apropos: Marina ist noch im Besitz eines Schlüssels des Verstorbenen zu einem Schließfach. Der gehört zu einem Spind in der Sauna, zu dem Marina sich trotz anwesender männlicher Gäste ungehindert Zugang verschaffen kann. Dann öffnet sie den Spind, in dem sich nichts, aber auch gar nichts befindet. So reiht sich eine Folgenlosigkeit an die andere. Das große Verpuffen.

Handwerk

Wenn Marina gegen den ausdrücklichen Wunsch von Orlandos Familie partout an der Totenwache und der Beerdigung teilnehmen will, hat das auch etwas Masochistisches. Ist doch klar, dass ihr dort Feindseligkeit entgegenschlägt. Um von einem Toten ungestört Abschied zu nehmen, bedarf es doch nicht eines Moments, in dem dessen ganze Sippe anwesend ist. Auch Marinas Visionen von Orlando, die ihr im Krematorium erscheinen, haben keinen erzählerischen Mehrwert. Sie erzeugen keine Emotionen. Die handwerkliche Limitiertheit der Filmemacher zeigt sich auch in der Schnittlänge einiger Szenen. Da darf man einige Male sekundenlang die Leere einer Wohnung bewundern, bevor jemand den Raum betritt.

Lösungen

Folgendes wäre besser gewesen: Der Film hätte sich bis zur Hälfte der Liebesgeschichte gewidmet. Nach Orlandos Tod hätte es eine notarielle Testamentseröffnung gegeben, bei der Marina zum ersten Mal Orlandos Ex-Frau und seinen Kindern begegnet wäre. Das Testament hätte sie zur Alleinerbin erklärt. Das hätte den Konflikt zwischen Marina und Orlandos Angehörigen eskaliert. Außerdem hätte die Kriminalpolizei ein Motiv für ihre Verdachtsmomente gehabt, die ansonsten nur spekulativ sind. So hätte man das untergeordnete Erzählmotiv „Unschuldig Beschuldigt“ fachgerecht in den Fokus rücken können. Insgesamt bleibt es leider bei der Behauptung, dass es sich hier um „Eine Fantastische Frau“ handelt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Eine fantastische Frau.

Solange es Menschen gibt

USA 1959, Länge: 124 Min., FSK: 12
Produktion: Universal Pictures
Regie: Douglas Sirk
Drehbuch: Allan Scott, Eleanore Griffin
Kamera: Russell Metty
Musik: Frank Skinner
Montage: Milton Carruth
Darsteller: Lana Turner, Juanita Moore u.a.

Genre: Melodrama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): zwei Mütter
Gegenspieler: Konventionen
Stimmung: dramatisch
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar

Obwohl „Solange es Menschen gibt“ vor über 65 Jahren hergestellt wurde, wirkt der Film – auch heute noch – richtig modern. Das liegt natürlich an der Figurenkonstellation und dem Fokus auf die Belange der weiblichen Protagonisten.

Im Grunde bilden die beiden Witwen Lora Meredith (Lana Turner) und die farbige Annie Johnson (Juanita Moore) mit ihren kleinen Töchtern eine Patchworkfamilie. Die Theaterschauspielerin Lora kann sich um ihre Karriere kümmern und Annie hält ihr den Rücken frei. Eine braucht die andere. Eine produktive Lebensgemeinschaft.

Der erste Erzählstrang

Leider verzettelt Douglas Sirk sich in einer Vielzahl von Erzählsträngen, anstatt sich auf den dramatischsten Konflikt zu konzentrieren. Da ist zum einen die Liebesgeschichte von Lora zum Fotografen Steve (John Gavin). Genau so schnell wie sie sich annähern, gehen sie auch wieder getrennte Wege. Steve hat ein starres, heute würde man sagen antiquiertes Rollenverständnis: Der Mann bringt das Geld nach Haus und die Frau kümmert sich um Heim und Kinder. Das kollidiert allerdings mit Loras Karriereplänen. Steve reagiert eingeschnappt und macht sich aus dem Staub. Jahre später gibt es ein Déjà-vu. Wieder stellt Steve seine Eifersucht und Empfindlichkeit vornan, weshalb ihm jetzt der Spitzname Lebewohl-Steve verliehen wird. Überhaupt kommen die Männer schlecht weg in Sirks Melodrama. Auch das ist modern. Sie werden als überempfindlich, unflexibel oder gar rassistisch und gewalttätig dargestellt.

Freundschaften

Der zweite Erzählstrang in „Solange es Menschen gibt“ behandelt die Freundschaft der beiden Mütter. Die funktioniert eigentlich nur, weil Annie bereitwillig die Rolle der Haushälterin übernimmt. Das verschafft Lora Luft bei ihren beruflichen Ambitionen und wertet ihre Position auf. Eine schwarze Haushälterin galt als Statussymbol. Eine weitere Grundlage ihrer Freundschaft sind ihre kleinen Töchter, die sich blendend verstehen. Eine umgekehrte Rollenverteilung – die farbige Annie auf Jobsuche und die weiße Lora als Kindermädchen – wäre in den USA der 50er Jahre wohl unmöglich gewesen.

Aber was wäre denn passiert, wenn Annie im Laufe der Geschichte doch berufliche Ambitionen entwickelt hätte? Was wäre gewesen, wenn Lora ihre Freundschaft zu Annie irgendwann nach außen getragen hätte? Wenn sie beispielsweise zu einem Empfang mit ihrer farbigen Freundin aufgetaucht wäre? Das hätte zumindest ihre Karriere beeinträchtigt, wenn nicht beendet. Diese dramatische Wendung müsste man als Erzähler einer Geschichte aber durchexerzieren. Dieses Konfliktpotenzial darf man sich nicht entgehen lassen.

Liebe

Der dritte Erzählstrang ist die Beziehung Loras zu ihrer Tochter Susie, die sich im Teenageralter in Lebewohl-Steve verliebt. Eine Dreiecksgeschichte: Mutter und Tochter verlieben sich in den selben Mann. Die Karriere und die Abwesenheit der Mutter, die vorgeblich zum Wohle des Kindes stattfindet, hat eben den Preis der Entfremdung. Die Vertrauensperson ist nicht mehr die eigene Mutter, sondern eben die ständig anwesende Annie. Auch der Fokus auf diese Dreiecksgeschichte hätte ein taugliches Fundament für ein abendfüllendes Melodrama sein können. Allerdings agiert Susie hier noch reichlich kindlich und ist keine wirkliche Gefahr für die Mutter. Hier hätte man sich ein abgründigeres Verhältnis gewünscht, so wie es zum Beispiel Vladimir Nabokov in „Lolita“ erzählt hat.

Rassismus

Der vierte Erzählstrang beschreibt das schwierige Verhältnis von Annie zu ihrer erstaunlich hellhäutigen Tochter Sarah Jane. Die will mit Ausgrenzung und Rassismus lieber nichts zu tun haben und verleugnet schon zu Schulzeiten ihre leibliche Mutter. Sarah Jane genießt das Heranwachsen in einem von Weißen dominierten und finanzierten Haushalt. Jahre später kommt es zum Eklat als ihr erster (weißer) Freund sie verprügelt, nachdem er erfahren hat, wessen Tochter sie ist. Rassismus in Reinkultur. Sarah Jane will die Nabelschnur ein für allemal durchschneiden und flieht, erst in ein New Yorker Nachtlokal, dann nach Los Angeles ins Moulin Rouge. Auch Annies letzter Versuch einer Annäherung scheitert und sie stirbt, ohne sich mit ihrer Tochter ausgesöhnt zu haben. Fast hat es den Anschein, als würde die Schwarze sich opfern, um der familiären Gemeinschaft der Weißen nicht im Wege zu stehen.

Rührseligkeit

Das Zelebrieren ihres Ablebens hat Sirk den Vorwurf der Rührseligkeit eingebracht. Das ist nur zum Teil berechtigt, zum Beispiel wenn die tränenüberströmte Lora die Gutherzigkeit der sterbenden Freundin lobt: „Du bist so gut.“ Das ist schon nicht mehr grenzwertig. Andererseits spricht überhaupt nichts dagegen, einen traurigen Moment fachgerecht zu retardieren. Und darin ist Douglas Sirk ein Meister. Erst als es zu spät ist, gesteht Sarah Jane der Mutter ihre Liebe und bittet um Verzeihung. Dieses Zwiegespräch zwischen Tochter und dem mit Blumen geschmückten Sarg der Mutter ist an Intensität nicht zu überbieten. Das ist das größtmögliche Drama.

Lösung

Folgerichtig hätte Sirk sich auf diesen Erzählstrang konzentrieren sollen oder müssen. Im Grunde wäre es eine Variation von Cornell Woolrichs Roman „Das Geheimnis der falschen Braut“ gewesen, in dem die Ehefrau ihren Mann umbringen will, um ans Erbe zu kommen. Erst als sie erkennt, dass er sich aus Liebe zu ihr opfert, als es zu spät ist, verliebt sie sich auch in ihn. Ein vergleichbares Drama. Eine Variation von Woolrichs Roman wäre die Lösung für Douglas Sirk gewesen. Weniger ist eigentlich immer mehr.

Romanvorlage

Ein Verweis auf die Romanvorlage von Fannie Hurst kann keine Entschuldigung sein. Ein kompetenter Erzähler erkennt das Potenzial seiner Geschichten und kann sich konzentrieren. Alfred Hitchcock war ein Meister darin. Seine Vorlagen hat er nie unter den Bestsellern gesucht, sondern immer in der B- oder C-Literatur oder in Kurzgeschichten. Sein Meisterwerk „Das Fenster zum Hof“ basiert auf einer Erzählung von Cornell Woolrich. Wieder dieser Woolrich, dessen Bücher allesamt mehr dramaturgische als sprachliche Lehrstücke sind. Sie sind geradezu prädestiniert für Variationen.

Fazit

Die steile Karriere einer nicht mehr ganz „taufrischen“ (Zitat Theateragent Loomis) Möchtegern-Schauspielerin ist komplett unglaubwürdig. Hier liefern Filme wie „Citizen Kane“ (Orson Welles) oder „Bullets Over Broadway“ (Woody Allen) plausiblere und dramatischere Einblicke ins Showbusiness. Zumindest hätte man Annies Absturz durchspielen müssen. Aber da hat Douglas Sirk sich schon längst hoffnungslos verzettelt. Immerhin sind es keine verlorenen zwei Stunden. „Solange es Menschen gibt“ macht nachdenklich, gibt Anregungen und berührt.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Douglas Sirks Solange es Menschen gibt.

Sinn und Sinnlichkeit

USA, UK 1995, Länge: 136 Min., FSK: 6
Produktion: Columbia Pictures u.a.
Roman: Jane Austen
Regie: Ang Lee
Drehbuch: Emma Thompson
Kamera: Miachael Coulter
Musik: Patrick Doyle
Montage: Tim Squyres
Darsteller: Emma Thompson, Kate Winslet u.a.

Genre: Melodrama
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): Schwestern
Gegenspieler: Standesdünkel
Stimmung: sinnlich
Bewertung: 3 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, YouTube Store
Datenträger: Blu-ray, DVD

Aus vier Gründen erreicht „Sinn und Sinnlichkeit“ von Ang Lee nach einem Roman von Jane Austen nicht die Qualität von „Stolz und Vorurteil“ (Joe Wright):

Liebesgeschichte

1. Es fehlt die Fokussierung auf eine Liebesgeschichte. Der Film schwankt unentschlossen zwischen der Liaison von Elinor Dashwood (Emma Thompson) und Edward Ferrars (Hugh Grant) einerseits und der von Marianne Dashwood (Kate Winslet) und John Willoughby (Greg Wise) andererseits hin und her. In „Stolz und Vorurteil“ ist der Fokus auf die unglückliche Liebe von Elizabeth „Lizzie“ Bennet zu Mr. Darcy die treibende Kraft der Geschichte.

Figuren

2. Die männlichen Figuren in „Sinn und Sinnlichkeit“ benehmen sich wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Vor allem Edward schleicht ständig mit gequältem Gesichtsausdruck herum. Dagegen sprühen in „Stolz und Vorurteil“ zwischen Lizzie und Darcy die Funken – eine energiegeladene Atmosphäre, die sich auf den Zuschauer überträgt. Einzig Willoughby hat in „Sinn und Sinnlichkeit“ bis zu seinem Einknicken etwas Draufgängerisches, Freches. Ihm hätte man zusammen mit Marianne das Happy End gegönnt, womit wir beim dramaturgischen Kernproblem sind.

Perspektiven

3. Im Grunde hätte die Geschichte aus Willoughbys Perspektive erzählt werden müssen. Er hat sich in Marianne verliebt, verliert sein Vermögen und geht aus finanziellen Gründen eine Beziehung mit einer wohlhabenden Londonerin ein. Darin liegt das eigentliche dramatische Potenzial: Der innere Kampf, sich für die Liebe in ärmlichen Verhältnissen oder ein materielles Arrangement zu entscheiden. Ein Konflikt, bei dem man sicher die Lebensumstände im England des 19. Jahrhunderts berücksichtigen muss. Verglichen mit seiner Lage sind die Dashwood-Ladys finanziell abgesichert. Sie leben mit einer Apanage in einem zur Verfügung gestellten Cottage. Damit sind sie aber nicht den Qualen ausgesetzt, die Willoughby durchleben muss. Es wäre eine Variante von Theodore Dreisers brillantem Roman „Eine amerikanische Tragödie“ gewesen, also „Eine britische Tragödie“.

Werktreue

Eine interessante Frage ist, inwieweit man sich bei einer Literaturverfilmung von der Vorlage entfernen darf oder sollte? Darf man den Helden einfach austauschen? Wer ist das überhaupt in „Sinn und Sinnlichkeit“? Darf man ein Happy End zu einem tragischen Ende umformen? Jane Austen war eine Frau, aber Ang Lee ist ein Mann, der die Figur des Willoughby erzählerisch hätte füllen können. Den Credits kann man entnehmen, dass Emma Thompson das Drehbuch geschrieben hat. In solchen Fällen frage ich mich immer, was Schauspieler dazu sagen würden, wenn plötzlich Drehbuchautoren neben ihnen vor der Kamera agieren? Also, warum keine mutigere Adaption? Warum sollte man als Filmemacher vor Werken der Weltliteratur in Ehrfurcht erstarren? Welchen „Sinn und Sinnlichkeit“ ergibt eine Neuverfilmung ohne diese ganz persönliche Perspektive, ohne dramatische Optimierung?

Happy-End

4. Damit sind wir beim Happy End. In „Stolz und Vorurteil“ freuen wir uns am Schluss mit Lizzie und Darcy. In „Sinn und Sinnlichkeit“ beschleicht uns eher ein ungutes Gefühl. Marianne arrangiert sich mit dem 20 Jahre älteren Gutmenschen Colonel Brandon (Alan Rickman), wobei ihr innerer Kampf ausgespart bleibt. Elinor bekommt Edward, der auch bei der Hochzeit noch rumläuft als hätte er die Hosen voll. Beide Eheschließungen sind eigentlich kein Grund zur Freude, aber ein weiteres Argument für die Willoughby-Version. Schade, dass die Filmemacher so mutlos waren.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Sinn und Sinnlichkeit.

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Der einzige Zeuge

USA 1985
Länge: 112 Min., FSK: 12
Produktion: Paramount Pictures u.a.
Regie: Peter Weir
Drehbuch: Pamela Wallace u.a.
Kamera: John Seale
Musik: Maurice Jarre
Montage: Thom Noble
Darsteller: Harrison Ford, Kelly McGillis u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Der bedrohte Zeuge
Suspense: teilweise vorhanden
Held: Cop
Gegenspieler: Cops
Stimmung: hochspannend
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, Paramount +
Datenträger: Blu-ray, DVD

Von Beginn an baut „Der einzige Zeuge“ von Peter Weir eine sogartige Spannung auf, die vorrangig aus der Verknüpfung zweier klassischer Erzählmotive resultiert: „Der bedrohte Zeuge“ und „Die unmögliche Liebe“.

Des Weiteren liefert der Aufeinanderprall völlig unterschiedlicher Welten zusätzliches Konfliktpotenzial. Die in der Landwirtschaft verwurzelte, technikfeindliche Lebenswelt der religiösen Amischen wird mit dem Lifestyle moderner Großstädter kontrastiert.

Figuren

Heimlicher Held der Geschichte ist der 8-jährige Samuel, ein Amisch-Junge, der seinen ersten Ausflug mit seiner verwitweten Mutter Rachel (Kelly McGillis) in das Universum der Großstädter förmlich in sich aufzusaugen scheint. Das jähe Erwachen kann kaum brutaler sein: Auf einer Bahnhofstoilette in Philadelphia wird er „Der einzige Zeuge“ eines Mordes. Ermittelnder Detective ist John Book (Harrison Ford), der Mutter und Sohn erst mal bei seiner Schwester unterbringt. Am nächsten Morgen frühstücken John, Rachel und Samuel gemeinsam in einem Schnellrestaurant. In dieser Szene haben die Drehbuchautoren (Kelley, Wallace) sich etwas Geniales einfallen lassen. Im Verlauf eines kleinen Streits hält Rachel dem Detective sämtliche Schwächen vor, die seine Schwester ihr anvertraut hat. Auch wenn nicht alles stimmen mag, erhalten wir hier auf originelle Weise eine umfassende Charakterisierung des männlichen Protagonisten. Das ist exzellent! John Book ist der Appetit vergangen und der des Zuschauers ist geweckt.

Flucht

Als Samuel auf dem Polizeirevier McFee, ein Detective des Rauschgiftdezernats, als Täter identifiziert, beginnt eine gnadenlose Jagd. Nichtsahnend informiert John seinen Vorgesetzten Chief Paul Schaeffer vom Sachverhalt und wird kurz darauf Opfer eines Mordanschlags. Schütze aus dem Hinterhalt ist kein Geringerer als McFee, womit klar ist, dass der mit Schaeffer unter einer Decke steckt. Schwer verletzt taucht John mit Rachel und Samuel auf der Farm ihres Schwiegervaters unter. Nach seiner Genesung wird John in den bäuerlichen Alltag der Amischen integriert.

Die unmögliche Liebe

Wie ein Dokumentarfilm skizziert „Der einzige Zeuge“ die immaterielle, tief religiöse Welt, in der die Familie mit klar definierten Geschlechterrollen im Fokus steht. Der gemeinsame Bau einer Scheune, den die Amischen ameisengleich an einem Tag bewältigen, wird wie eine Hymne inszeniert – ein Triumph von Teamgeist und Hilfsbereitschaft. Die Abgründe treten zutage als John und Rachel sich ineinander verlieben. Das kollidiert mit den bigotten Moralvorstellungen und der hermetischen Abgeschiedenheit der Amischen, in der eine Beziehung zu „Engländern“ geächtet wird. Es ist eine Liebe, die von Anfang an keine Aussicht auf Erfolg hat. Diese emotionale Zerrissenheit spielt vor allem Kelly McGillis mit einer Melange aus Verliebtheit und Angst einfach überragend. Am Abend nach dem Bau der Scheune sieht John sie nackt in ihrem Zimmer und widersteht. „Ich hätte bleiben müssen oder du hättest gehen müssen“, bringt er das Drama auf den Punkt.

Showdown

Sehr schön ist auch das Fortführen der Thrillerebene. Bei einem Telefonat erfährt John vom Ableben seines Partners „in Ausübung seiner Dienstpflicht“. Dass sich hinter dieser Formulierung nichts anderes als die Beseitigung eines gefährlichen Mitwissers verbirgt, ist ihm sofort klar. Nach einer Handgreiflichkeit mit einem Touristen wird eine Polizeistreife auf John aufmerksam, denn Amische lehnen jede Anwendung von Gewalt ab. Damit haben die Verfolger ihn geortet und es kann zum Showdown kommen, bei dem John zwei seiner Gegenspieler ausschalten kann. Doch dann bringt Schaeffer Rachel in seine Gewalt und droht, sie zu erschießen. Die Lösung führt der kleine Samuel herbei, indem er die Nachbarn alarmiert. Schaeffer erkennt die Ausweglosigkeit seiner Situation, denn er kann nicht alle Herbeigeeilten erschießen. Das ist sehr stimmig gelöst: Ein Sieg der Gemeinschaft über die Habgier. Genauso überzeugend ist der Abschied der Liebenden, der nämlich ohne überflüssige Worte auskommt.

Schwachpunkte

Es gibt drei Schwachpunkte: Zum einen muss man wieder schlucken, dass die komplette Einheit eines Rauschgiftdezernats aus brutalen Gangstern besteht, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Immerhin besteht diese Bande hier, im Gegensatz zu „L.A. Confidential“ oder „16 Blocks„nur aus drei Gangstercops.

Grausamkeit

Dann ist dieser Mord auf der Bahnhofstoilette viel zu grausam inszeniert. Er gleicht einer Hinrichtung und hätte Samuel eigentlich traumatisieren müssen. Besser und glaubhafter wäre ein Totschlag im Affekt gewesen, denn der Ermordete war ja Polizist, also wahrscheinlich ein abtrünniges Mitglied der Gangstercops. Da hätte man sich sehr gut einen eskalierenden Streit vor dem Totschlag vorstellen können. Die Möglichkeit, dass der Ermordete ihnen im Zuge von Ermittlungen auf die Schliche gekommen ist, kann man eigentlich ausschließen. Denn dann wären ja weitere Beamte in diese Untersuchung involviert gewesen.

Passivität

Entscheidendes Manko sind aber die ausbleibenden Versuche von John und seinem Partner, ihre Erkenntnisse über Schaeffers kriminelle Machenschaften einem anderen hochrangigen Polizeibeamten, einem Staatsanwalt oder einem Journalisten anzuvertrauen. Die sind ja nicht alle korrupt. Hier hätte mehr kommen müssen, als nur eine kurze Debatte zwischen beiden, die nichts daran ändert, dass sein Partner wie ein braves Schaf zur Schlachtbank trabt und John dies letztlich billigend in Kauf nimmt. Ansonsten ist „Der einzige Zeuge“ ein fulminanter Thriller.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Peter Weirs Der einzige Zeuge.

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Irina Palm

GB 2007
Länge: 99 Min., FSK: 12
Produktion: Ipso Facto Films u.a.
Regie: Sam Garbarski
Drehbuch: Martin Herron, Philippe Blasband, Sam Garbarski
Kamera: Philippe Blasband
Musik: John Stargasm
Montage: Ludo Troch
Darsteller: Marianne Faithfull, Miki Manojlović u.a.

Genre: Tragikomödie
Erzählmotiv: Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Heldin: fingerfertig
Gegenspieler: fertig
Stimmung: wundervoll
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Irina Palm“ ist eine wundervolle kleine Tragikomödie, die sich ganz auf ihre originelle Protagonistin konzentriert und ihr eine schöne Liebesgeschichte mit Happy End gönnt.

Drei Schwachpunkte

1. Das Handlungsmotiv der Heldin Maggie (Marianne Faithfull), an Geld zu kommen, um die teure Operation ihres Enkelsohns bezahlen zu können, ist schon ein bisschen abgedroschen. Ihr Antrieb hätte schon ein bisschen eigennütziger sein können. Lösung: Sie kann nach dem Tod ihres Mannes das viel zu große Haus nicht mehr halten. Ihr droht der soziale Abstieg und vor allem die räumliche Trennung von Sohn und Enkel. Ihr Motiv wäre also Scham und Angst vor dem Verlust familiärer und sozialer Kontakte.

2. Überhaupt haben’s die Filmemacher mit der Moral. Das Ausmaß der Empörung von Maggies Sohn angesichts seiner Entdeckung von Mamas schmutzigem Handwerk mutet schon ein wenig grotesk an. Eigentlich hätte Maggie ihm hier mal die Leviten lesen müssen, zumal ihm ihre Beweggründe eigentlich hätten einleuchten können. Sein Zorn hätte sich zum Beispiel gegen Miki, den Betreiber des Sexclubs, richten können. Das hätte auch eine zusätzliche dramatische Funktion gehabt, denn Miki hat ja angedroht, Maggie zu „töten“, wenn sie ihren Arbeitsvertrag bricht. Nach der Konfrontation mit dem Sohn hätte Miki nun die Gelegenheit gehabt, ihm zu folgen und Maggies Adresse ausfindig zu machen. Damit hätte er seiner Drohung zumindest Nachdruck verliehen. Dieses dramatische Potenzial darf sich ein guter Erzähler eigentlich nicht entgehen lassen.

3. Die Mischung aus Faszination an Obszönitäten und moralinsaurer Empörung ihrer drei Freundinnen, denen leider nichts Besseres einfällt, als Maggie nach ihrem Outing öffentlich zu diskreditieren. Schade, dass den vertrockneten Ladys keine Chance auf eine Läuterung eingeräumt wird. Wie wär’s denn gewesen, wenn die schlimmste der drei Moralapostel bei Maggie in die Lehre gegangen wäre, um dieses Handwerk zum Wohle ihres Ehemannes zu erlernen?

Fazit

Die Originalität von Protagonistin und Geschichte überwiegen die Defizite. Man schaut „Irina Palm“ einfach gern dabei zu, wie sie in einer von Männern dominierten anrüchigen Branche ihre Frau steht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter Sam Garbarskis Irina Palm.


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Geliebte Jane

USA, GB 2007
Länge: 120 Min., FSK: 0
Produktion: BBC Films u.a.
Regie: Julian Jarrold
Drehbuch: Kevin Hood, Sarah Williams
Kamera: Eigil Bryld
Musik: Adrian Johnston
Montage: Emma E. Hickox
Darsteller: Anne Hathaway, James McAvoy u.a.

Genre: Melodrama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Heldin: Jane
Gegenspieler: Intriganten
Stimmung: gefühlsbetont
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, Videobuster
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Geliebte Jane“ ist ein opulent ausgestattetes, biographisch angehauchtes Melodrama mit einem klassischen Erzählmotiv: Die Unmögliche Liebe.

Die 20-jährige Schriftstellerin Jane Austen trifft mit dem jungen Rechtsanwalt Tom Lefroy den Mann ihres Lebens. Am Ende verzichtet sie, weil sie glaubt, dass ihre Liebe in den ärmlichen Verhältnissen, in denen sie leben müssten, keine Zukunft hätte. Tatsächlich handelte es sich im Leben der Schriftstellerin bei dieser Begegnung um eine Romanze, die ein paar Wochen währte. Keinesfalls um die Liebe ihres Lebens. Aber das ist ja legitim, wenn Filmemacher ihre Version und Interpretation von Lebensdaten liefern, zumal Janes ältere Schwester Cassandra sämtliche Briefe, die hätten Aufschluss geben können, nach Jane Austens frühem Tod vernichtet hat.

Die Geschichte

Es handelt sich in „Geliebte Jane“ also um eine fiktionale Biographie, die versucht, das Liebesdrama zu eskalieren. Dafür werden von den Gegenspielern intrigante Briefe, zum Beispiel an Lefroys reichen Onkel verschickt, in denen Jane als Mitgiftjägerin verunglimpft wird. Die gemeinsame Flucht der Liebenden ist der Höhepunkt der Romanze. Für die erneute Kehrtwendung muss wieder ein Brief herhalten, den Jane zufällig bei Lefroy findet und sie von dessen Zuwendungen für seine darbende Familie in Kenntnis setzt.

Im Film wird der Verzicht als reife Entscheidung einer langsam erwachsen werdenden Frau dargestellt. Tatsächlich ist dieser Brief ein Konstrukt. Denn Lefroys finanzielle Verpflichtungen hätten ihr eigentlich auch so bekannt sein müssen. Ihr scheinbar edelmütiger Verzicht verheimlicht auch den wahren Grund ihrer Umkehr: Ihr eigentlicher Geliebter ist nämlich nicht Lefroy, sondern die Schriftstellerei. Daneben hatten Männer vor allem als Forschungsobjekte eine Funktion. Denn nach eigenem Bekunden schreibt Jane ja über „Herzensangelegenheiten“ und da sind eigene Erfahrungen natürlich von Vorteil.

Finale

„Geliebte Jane“ endet mit einem Zeitsprung und zeigt, dass Jane ihren Geliebten nie vergessen hat. Anlässlich einer Dichterlesung erscheint der inzwischen ca. 40-jährige Lefroy mit seiner Tochter, die er ebenfalls Jane genannt hat. Die Unmöglichkeit ihrer Liebe stimmt im Film traurig. Mehr Glück hatte Jane Austen in ihrem Leben, das sie kompromisslos ihrer wahren großen Liebe gewidmet hat. Insofern kein Zufall, dass die Romane der begnadeten Erzählerin und Beobachterin wie Aschenputtel-Varianten wirken und allesamt mit einem Happy End schließen.

Schwachpunkte

Die brillante Kameraarbeit lässt die Drehorte ziemlich picobello erscheinen. Selbst das Wirtshaus einer Postkutschenstation wirkt richtig anheimelnd. Da ahnt man denn, dass alles irgendwie anders gewesen sein muss, nur nicht so. Im Jahre 1801 hatte Jane Austen sich in Bath in einen Mann verliebt, der kurz darauf tödlich verunglückte. Vielleicht wäre diese mysteriöse Episode viel tauglicher und dramatischer für ein biographisches Melodrama gewesen als die kurze Romanze mit Tom Lefroy?

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Geliebte Jane.

„Geliebte Jane“ im Stream oder Download bei

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Roman bei bücher.de: 10 Euro

Farbiges Cover des Romans "Geliebte Jane" von John Spence zum gleichnamigen Film von Julian Jarrold.

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