Anthony Zimmer

F 2005
Länge: 85 Min., FSK: 12
Produktion: Canal+ u.a.
Drehbuch + Regie: Jérôme Salle
Kamera: Denis Rouden
Musik: Frédéric Talgorn
Montage: Richard Marizy
Darsteller: Sophie Marceau, Yvan Attal u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Falsche Identität
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): trickreich
Gegenspieler: gehen über Leichen
Stimmung: geheimnisvoll
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Anthony Zimmer“ ist ein richtig schöner französischer Unterhaltungsfilm, vorzugsweise an grauen Winterabenden zu genießen.

Im Portfolio hat der Thriller mit Krimielementen die Sonne Südfrankreichs, eine schöne geheimnisvolle Frau, einen trickreichen Geldwäscher, die russische Mafia, ein ganzes Bataillon von Interpol Agenten  und – natürlich – die Liebe. Bemerkenswert sind auch die erkennbaren Anleihen an Werke von Altmeister Alfred Hitchcock. Das Opening erinnert an „Der Fremde im Zug“, nur sind es hier die attraktiven Beine von Chiara Manzoni (Sophie Marceau), die in eleganten Pumps zum Gare du Nord stöckelt. Die Story erinnert an „Der unsichtbare Dritte“, nur dass Francois Taillandier (Yvan Attal) keineswegs so unbedarft und unschuldig ist, wie er sich gibt. Ein paar Ungereimtheiten kann die schöne Stimmung in diesem sonnendurchfluteten Thriller nicht entscheidend trüben.

Die Geschichte

Der wegen Geldwäsche in Millionenhöhe von Interpol und der russischen Mafia gesuchte Anthony Zimmer hat mit plastischer Chirurgie sein Aussehen und seine Stimme verändert. Interpol-Chef Akerman (Sami Frey) setzt seine attraktive Agentin Chiara auf ihn an, die ein Liebesverhältnis zum Gesuchten hatte. Im TGV an die Côte-d’Azur setzt sie sich zu einem wildfremden Mann, der Anthony Zimmer von der Körperstatur her ähnelt. Das ist der eher unscheinbare Übersetzer Francois, der dem Charme der geheimnisvollen Schönen verfällt. Ihre Einladung, das Wochenende gemeinsam in einem Luxushotel in Nizza zu verbringen, erscheint ihm wie ein Traum. Aus dem gibt es allerdings ein jähes Erwachen, als russische Mafiosi ihm nach dem Leben trachten. Mit Mühe und Not kann er ihnen ein ums andere Mal entkommen. Beim Showdown in Anthony Zimmers luxuriösem Anwesen rettet Francois Chiara aus den Fängen der russischen Mafiosi, die allesamt von Akermans Leuten liquidiert werden. Der Übersetzer entpuppt sich als Anthony Zimmer und kann mit seiner Geliebten unbehelligt den Tatort verlassen. Auch Akerman lässt ihn ziehen, obwohl er dessen wahre Identität durchschaut. Dafür hat er dessen Notizbuch mit allen Geldwäsche-Transaktionen.

Stärken

Die Filmemacher lassen sich Zeit mit der Einführung ihrer Figuren. Die Meeting-Scene im Schnellzug hat es schon in sich. In reduzierten Dialoge wird das Geheimnisvolle zelebriert. Dabei zeigt Chiara sich als ruchlose Femme fatale, die nicht davor zurückschreckt, Francois der Mafia als Köder hinzuwerfen, nur um vom Geliebten abzulenken. Aber Akerman hat sie ja treffend charakterisiert: „Sie ist skrupellos“. Richtig Fahrt nimmt der Film dann mit dem Eintreffen der russischen Mafiosi auf. Sehr schön sind auch die Flashbacks, mit deren Hilfe Francois versucht, sich das Erlebte nachträglich zusammenzureimen. Sie erhalten später, als seine wahre Identität herauskommt, auch noch eine zusätzliche Bedeutung.

Schwächen

Ein gravierender Schwachpunkt ist das Ende. Hier will Jérôme Salle uns weismachen, dass Chiara ihren Geliebten trotz plastischer Chirurgie nicht erkennt. Das ist aber – mit Verlaub – nicht besonders glaubwürdig, denn Menschen sind mit fünf Sinnen ausgestattet. Selbst wenn die Augen nicht zur Identifikation eines intimen Freundes ausreichen, bleiben immer noch vier Organe übrig. Chiara hätte ihren Geliebten anhand seiner Gerüche, seiner Gestik, Mimik, Muttermalen, Marotten usw. erkennen müssen. Hier reiht sich „Anthony Zimmer“ in andere fragwürdige Beispiele der Filmgeschichte ein, in denen uns Vergleichbares „verkauft“ werden soll: „Irma la Douce“, „Mrs. Doubtfire“ usw. Allesamt Filme, in denen man sich fragt, ob die getäuschten Partner ihre fünf Sinne noch beieinander haben? Nur das Erzähltempo, das „Anthony Zimmer“ am Schluss vorlegt, verhindert unproduktive Irritationen. Man hat schlicht keine Zeit mehr, um sich über diese Unglaubwürdigkeit Gedanken zu machen. Warum wird der Kripobeamte Driss von der russischen Mafia ermordet? Was soll das? Ihr Interesse gilt doch Anthony Zimmer. Außerdem wirbelt so ein Polizistenmord doch viel zu viel Staub auf. 

Suspense

In einem wichtigen Punkt hat Jérome Salle Altmeister Hitchcock nicht richtig studiert: Das ist – genau – Suspense. „Anthony Zimmer“ ist von Anfang bis Ende ein Rätselspiel, zwar ein spannendes mit Überraschungen und Wendungen, aber mit reduzierter emotionaler Anteilnahme. Wie wäre es denn gewesen, wenn die Zuschauer von Francois’ wahrer Identität gewusst hätten? Hätte dieses Wissen die Spannung minimiert? Nein. Im Gegenteil. Man kann sehr wohl mit einem Schurken mitzittern, zumal „Anthony Zimmer“ kein Mörder wie Tom Ripley oder Norman Bates war. Selbst in diesen Fällen hat die Identifikation funktioniert.

Fazit

„Anthony Zimmer“ hat nicht nur eine schöne Stimmung, sondern auch eine angenehme Länge. In 85 Minuten ist alles erzählt. Wunderbar. Daran könnte sich Martin Scorsese mal ein Beispiel nehmen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Jérôme Salles "Anthony Zimmer".

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Lou

USA 2022, Länge: 109 Min., FSK: 16
Produktion: Bad Robot Productions u.a.
Regie: Anna Foerster
Drehbuch: Maggie Cohn, Jack Stanley
Kamera: Michael McDonough
Musik: Nima Fakhrara
Montage: Matt Evans, Paul Tothill
Darsteller: Allison Janney u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Kidnapping
Suspense: nicht vorhanden
Heldin: tough
Gegenspieler: Psychokiller
Stimmung: regnerisch
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

Der Actionthriller „Lou“ hat eine originelle Heldin und gut gemachte Stunts. Das war’s dann aber.

Ansonsten hat man irgendwie alles schon gesehen. Alles ziemlich vorhersehbar hier. Nur die Handlung gerät zum Ende hin immer hanebüchener. Das ist aber auch die einzige Überraschung.

Die Geschichte

Die ehemalige CIA-Agentin Lou will sich in ihrer einsamen Hütte auf Orcas Island das Leben nehmen. Dabei wird sie von ihrer Nachbarin Hannah gestört, die ihre kleine Tochter Vee vermisst. Nachdem Lous Truck explodiert und sie die Leiche eines Verehrers von Hannah finden, wissen sie, dass sie es hier mit einem Killer zu tun haben. Der entpuppt sich als Hannahs Ex-Mann Philip, dem Vater von Vee, und dem Sohn von Lou. Ihr gelingt es bei der Suche nach dem Entführer, zwei Helfershelfer von Philip liquidieren. Während Hannah versucht, den Sheriff zu alarmieren, kann Lou die Flüchtenden an einem Strand stellen. Beim Kampf mit ihrem Sohn wird Lou allerdings verletzt. Dafür greift die zurückgekehrte Hannah ins Geschehen ein. Sie kann Philip verwunden und mit ihrer Tochter fliehen. Nach einem Kampf auf Leben und Tod umarmt Lou ihren Sohn und entschuldigt sich bei ihm. Beide tauchen im Meer unter, um dem Gewehrfeuer der eingetroffenen CIA-Agenten zu entgehen. Am Schluss verlassen Hannah und Vee Orcas Island, wobei sie von einer Frau mit Fernglas beobachtet werden. Die entpuppt sich als Lou, die den Kampf offensichtlich überlebt hat.s Eremit.

Stärken

Endlich mal eine toughe weibliche Heldin, deren bewegte Vergangenheit sich in ihrem verlebten Gesicht widerspiegelt. Das ist ungewöhnlich und vielversprechend. Dann sind die Stunts hervorragend choreografiert. Viel liebevoller als der Handlungsablauf. Aber dann …

Schwächen

Der Handlungsablauf ist vorhersehbar und langweilig. Er wirkt wie ein Filtrat von tausenden fragwürdiger Thriller. Völlig aberwitzig wird das Ganze, als Lou sich als Mutter des Killers entpuppt. Ein Zufall ist immer ein erzählerisches Manko, hier ein ziemlich absurdes. Ein Familienzusammentreffen der grotesken Art. 

Weitere Ungereimtheiten

Warum will Lou sich eigentlich umbringen? Wieso regnet es ständig?Warum tötet Philip Hannahs Freund auf bestialische Art und Weise? Der entfernt sich doch gerade vom Haus seiner Ex-Frau, also vom Ort des geplanten Kidnappings. Damit ist er für Philip eigentlich kein Hindernis. Im Gegenteil. Die Leiche des Freundes, die sich in einem an einer Weggabelung abgestellten Wagen befindet, könnte gefunden werden. Wieso betäubt Philip seine Tochter vor der Entführung mit Gas? Er müsste doch ihr Vertrauen gewinnen und nicht ihre Gesundheit gefährden. Welche Funktion haben die beiden Helfershelfer? Bei seinen Fähigkeiten kann Philip diese Entführung doch allein durchführen. Derart zwielichtige Helfer engagiert man doch nur, wenn man sich nicht die Hände schmutzig machen will oder kann.

Lösungen

Wie wär’s denn gewesen, wenn nicht Hannah, sondern ihre kleine Tochter Lou’s Selbstmordversuch verhindert hätte? Dann wären Lou und die kleine Vee die Gejagten gewesen, was die Spannung in andere Dimensionen katapultiert hätte. Außerdem hätte man ein „Odd-Couple“-Paar konfigurieren können, also zwei, die sich eigentlich nicht abkönnen, aber durch äußere Umstände aneinander gekettet sind. Lou, weil sie ein kleines Kind beschützen muss und Vee, die Hilfe braucht. Das hätte eine Variante von John Cassavetes’ „Gloria“ sein können. In jedem Fall hätte es zusätzliche Spannung generiert. Die absurde Mutter-Sohn-Verbindung sollte man besser streichen. Die beiden Helfershelfer sowie Hannahs Verehrer haben ebenfalls keine Handlungsrelevanz. Die tödlichen Kämpfe mit ihnen dienen nur der Anhäufung von Actionszenen. 

Fazit

Die originellen Ansätze in „Lou“ werden durch Vorhersehbarkeit und teilweise hanebüchene Handlungen leider komplett überlagert. Emotionen entstehen zu keiner Zeit.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Anna Foersters Lou.

The Rip

USA 2026
Länge: 113 Min., FSK: 16
Produktion: Artists Equity
Drehbuch + Regie: Joe Carnahan
Kamera: Juan Miguel Azpiroz
Musik: Clinton Shorter
Montage: Kevin Hale
Darsteller: Matt Damon, Ben Affleck u.a.

Genre: Krimi
Erzählmotiv: Der Verdacht, Der Verrat
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): misstrauisch
Gegenspieler: geld- und mordgierig
Stimmung: spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Netflix

„The Rip“ ist ein knallharter Krimi mit Thrillerelementen im Drogenmilieu, der durch seine Spannung und authentische Polizeiarbeit besticht.

Kein Wunder, basiert die Geschichte doch auf Erfahrungen des Polizisten Chris Casiano, Mitglied eines Drogendezernats des Miami Police Departments. Obwohl es sich dominant um ein klassisches Whodunit handelt, also um ein Rätselspiel, zieht uns die Jagd nach den Mördern in den eigenen Reihen regelrecht in den Bann. Das liegt auch an der Variation von zwei klassischen Erzählmotiven, nämlich „Der Verrat“ und „Der Verdacht“. 

Die Geschichte

Captain Jackie Velez vom Tactical Narcotic Team (TNT) des Miami Police Department wird von maskierten Gangstern ermordet. Weil ein Verdacht gegen Mitglieder ihre eigenen Einheit besteht, leitet das FBI interne Ermittlungen ein. Der Stellvertreter der Ermordeten, Lieutenant Dane Dumars (Matt Damon), erhält einen Hinweis auf ein Versteck von Drogengeldern. Daraufhin durchsucht er zusammen mit Sergeant JD Byrne (Ben Affleck) und drei weiteren Kollegen eine verdächtige Villa, in der sie 25 Millionen Dollar aufspüren. Entgegen den Anweisungen nimmt Dumars keinen Kontakt mit seinen Vorgesetzten auf. Stattdessen sammelt er die Handys seiner Kollegen ein, die er mit der Zählung der Scheine beauftragt. Ein anonymer Anrufer fordert die Spezialeinheit auf, innerhalb von 30 Minuten die Villa zu verlassen. 

Misstrauen

Derweil wächst das Misstrauen unter den Mitgliedern des TNT. Vorsichtshalber verständigt Byrne einen Kollegen von der DEA. Nachdem draußen verdächtige Lichtzeichen zu sehen sind, eröffnen Unbekannte das Feuer auf das TNT-Team. Dumars und Byrne nehmen die Verfolgung auf und stellen einen Drogengangster. Es stellt sich jedoch heraus, dass das Kartell mit dem Überfall nichts zu tun hat. Zurück in der Villa ist die Einheit einem Brandanschlag ausgesetzt. Im letzten Moment können Dumars und Byrne in einem gepanzerten Fahrzeug des DEA entkommen. Unterwegs schöpft Byrne Verdacht gegen die Mitarbeiter des DEA. Es kommt zum Schusswechsel und Verfolgungsjagden, die mit dem Tod oder der Festnahme der Verräter enden.

Stärken

Neben der glaubhaften Polizeiarbeit thematisiert „The Rip“ eine moralische Frage: Was ist, wenn ich hier ein Bündel Geldscheine an mich nehme und mit einem Schlag mein Leben ändern könnte? Genau diese Frage erörtern die beiden weiblichen Detectives beim Geldzählen, während sie ihre alltäglichen finanziellen Sorgen auflisten. Ein verständliches Dilemma, zumal dieser Griff in die Vollen nicht weiter auffallen würde. Außerdem befeuert es das gegenseitige Misstrauen. Man weiß nicht mehr, wem man was glauben soll. Man weiß nur, dass die Täter bereit sind, über Leichen zu gehen. All das sorgt natürlich für Spannung. Vorbildlich ist auch der zusätzliche Druck, der durch den anonymen Anruf entsteht. 

Schwächen

Etwas seltsam sind diese Lichtzeichen, die aus einem nahegelegen Gebäude abgegeben werden. Das Kartell kann eigentlich nicht dahinterstecken, denn die haben nach Bekunden ihres Bosses das Geld längst abgeschrieben. Die Verräter vom DEA verfügen doch über andere Kommunikationsmittel. Egal. Gravierender ist das Fehlen von Suspense, was letztlich dafür verantwortlich ist, dass man nicht richtig mit den Protagonisten mitfiebert. Wir ahnen zwar, dass Schauspieler wie Matt Damon oder Ben Affleck nicht die Rollen von Mördern innehaben. Aber das Misstrauen überlagert eben alles, auch unsere Anteilnahme. Wer will schon seine Gefühle in geldgierige Mörder investieren? Das ist das generelle Problem mit der Rätselspannung in Whodunits: „Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion.“ (Alfred Hitchcock)

Lösungen

Interessant wäre es, mal Folgendes durchzuspielen: Wir sehen Dumars und Byrne bei einem Einsatz, bei dem einer dem anderen das Leben rettet, was der andere vorher auch schon gemacht hat. Jedenfalls sind beide dicke Freunde. Und dann kommt der Hammer. Der Major eröffnet Dumars in einem vertraulichen Gespräch, dass Byrne wohl der Mörder von Captain Jackie Velez ist. Er hatte ein Verhältnis mit ihr und konnte an Informationen herankommen, von denen nur der Mörder Kenntnis hatte. Jetzt steckt Dumars in der Klemme: Einerseits muss und will er den Mord aufklären, andererseits liefert er seinen besten Freund möglicherweise damit ans Messer. Das wäre ein dramatischer Konflikt, an dem die Zuschauer Anteil nehmen könnten.

Suspense, Suspense, Suspense

Andere Möglichkeit: Beim Mord an Captain Jackie Velez in der Exposition sind die Täter nicht maskiert. Warum auch? Das macht man doch nur, wenn man nicht erkannt werden will. Tote können einen doch nicht mehr identifizieren. Jedenfalls hätte der Zuschauer dann Informationen von einer unmittelbaren tödlichen Gefahr, die unsere Protagonisten nicht haben. Na, wunderbar.

Fazit

Insgesamt ist „The Rip“ ein hervorragend gemachter Krimi im Drogenmilieu, der durch seine Spannung und Authentizität besticht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joe Carnahans "The Rip".

Pain & Gain

USA 2013, Länge: 129 Min., FSK: 16
Produktion: De Line Pictures, Paramount Pictures
Regie: Michael Bay
Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely
Kamera: Ben Seresin
Musik: Steve Jablonsky
Montage: Joel Negron, Thomas A. Muldoon
Darsteller: Mark Wahlberg, Dwayne Johnson u.a.
Verleih: Paramount Pictures

Genre: Gangsterkomödie
Erzählmotiv: Kidnapping
Suspense: perfekt
Held(en): unterbelichtet
Gegenspieler: brutal
Stimmung: schwarzhumorig
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
Datenträger: Blu-ray, DVD

Mit „Pain & Gain“ ist Michael Bay eine rasante, rabenschwarze Gangsterkomödie gelungen.

Sie ist zum einen herausragend gestaltet, zum anderen eine bitterböse Satire auf den amerikanischsten aller Träume, nämlich die Mär vom „Gain“ durch Pain“. Wenn man nicht wüsste, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht, würde man ihn für das Werk zugekokster Drehbuchautoren abtun. Aber die Entführung hat sich wohl so oder so ähnlich in Miami (Florida) abgespielt und war wohl nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten möglich. Die Geschichte vom Scheitern einer rücksichtslosen Jagd nach Reichtum ist eine gnadenlose Abrechnung mit den ureigensten amerikanischen Werten. Gerade in MAGA-Zeiten hochaktuell.

Die Geschichte

Irgendwie ist Bodybuilder Daniel Lugo (Mark Wahlberg) mit seinem Job als Fitnesstrainer in Miami unzufrieden. Er fühlt sich zu Höherem berufen und kommt auf die Idee, mit zwei ähnlich einfach gestrickten Kumpels einen reichen Kunden zu entführen. Nach zwei missglückten Versuchen gelingt den maskierten Gangstern schließlich die Entführung von Victor Kershaw, der zur Übertragung seiner Besitztümer erpresst werden soll. Aber das Opfer erkennt Daniel als Drahtzieher des Kidnappings und weigert sich, auf die Forderungen einzugehen. Erst als das Trio eine härtere Gangart einschlägt, unterschreibt Victor die Verträge. Mehrere Versuche ihn anschließend umzubringen, scheitern. Victor landet schwerverletzt im Krankenhaus, wo die Polizei seiner Geschichte allerdings keinen Glauben schenkt. Derweil genießen die Gangster ihr neues Luxusleben in vollen Zügen und suchen ein neues Opfer. Das finden sie in Gestalt von Frank Griga und seiner Frau. Bei Verhandlungen über eine vorgegaukelte Geschäftsbeteiligung kommen beide allerdings ums Leben. Während das Trio damit beschäftigt ist, die Leichen zu entsorgen, kommt ihnen Privatdetektiv Ed Du Bois auf die Schliche. Schließlich werden die drei Gangster von der Polizei geschnappt, zu langen Haftstrafen oder zum Tode verurteilt.

Stärken

Für Michael Bay, der es in Blockbustern wie „Armageddon“ oder „Transformers“ gern mal krachen lässt, war „Pain & Gain“ eher ein Independent- und Herzensprojekt. Man merkt, dass er früher Werbung und Musikclips gedreht hat. Endlich mal ein Filmemacher, der sein Handwerk beherrscht. Der Film ist einfach hervorragend gestaltet. Mit rasanten Schnittfolgen, inneren Stimmen der Protagonisten, Slow-Motion und Standbildern legt er ein atemberaubendes Erzähltempo vor. Da nur die Zuschauer in die finsteren Pläne des Trios eingeweiht sind, haben wir jede Menge spannungssteigernden Suspense. Ein weiteres Plus ist die Rücksichtslosigkeit, mit der Michael Bay hier zur Werke geht: Hemmungen, Fingerspitzengefühl, Political correctness – Fehlanzeige. So ist das richtig! Die Dialoge sind rotzig, witzig, frech, nie langweilig. Die Handlung ist grell, folgerichtig ist der Film in grelle Farben getaucht.

Protagonisten

„Ich heiße Daniel Lugo und ich glaube an Fitness.“ Das ist die einfache und klare Vorstellung des Helden. Die Frage eines Motivationscoaches („Bist du ein Schwacher oder ein Macher?“) hat bei Daniel die Wirkung eines Aufputschmittels. Klar, ab jetzt gibt’s Vollgas.
In „Pain & Gain“ haben wir einen der Fälle, in denen die Protagonisten mit den Antagonisten identisch sind. Das funktioniert. Das hat schon bei Patricia Highsmith (Tom Ripley) oder in „Nightcrawler“ (Louis Bloom) funktioniert. Die Schurken üben eben auch eine Faszination aus, der wir uns manchmal schwer entziehen können. In „Pain & Gain“ kommt noch gewinnbringend hinzu, dass es sich um sozusagen unterbelichtete Helden handelt. Das Trio ist immer wieder für einen Lacher gut und hat unsere Sympathien (bis zu einem bestimmten Punkt, s. Schwächen). Auch die übrigen Figuren, allesamt hervorragend besetzt, sind nicht die Hellsten unter der Sonne. Einzige Ausnahme ist der Privatdetektiv Ed.

Schwächen

Irgendwann geht die Naivität und Stupidität der Protagonisten nahtlos in Brutalität über, womit der Film an „Breaking Bad“ erinnert. Dann wird’s richtig unappetitlich. Da werden zum Beispiel abgehackte Hände auf einem Grill verbrannt und nebenbei der Nachbarin zugewunken. In diesen Momenten verliert der Film seine Figuren. Schade. Die Morde an Frank Griga und seiner Frau passen einfach nicht recht zur schwarzhumorigen Grundstimmung. Da wäre es besser gewesen, sich von der Vorlage zu entfernen. Ist ja nicht verboten. Also, Konzentration auf die Entführung von Victor. Damit haben unsere Gangster ja auch mehr als genug zu tun.

Fazit

„Ich war einer von euch“, ist Daniel Lugos Schlusswort. Zumindest einen kurzen Moment dauerte sein amerikanischer Traum. Ein gnadenloser, bitterer Abgesang auf den amerikanischen Mythos von „Pain“ & Gain“. Fast ein pures Vergnügen!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Michael Bays Pain & Gain.

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Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille

F 2014
Länge: 135 Min., FSK: 16
Produktion: Légende Films, Gaumont
Regie: Cédric Jiminez
Drehbuch: Cédric Jiminez, Audrey Diwan
Kamera: Laurent Tangy
Musik: Guillaume Roussel
Montage: Sophie Reine
Darsteller: Jean Dujardin, Gilles Lellouche u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Machtkampf
Suspense: temporär vorhanden
Held(en): exzellent
Gegenspieler: super
Stimmung: spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
Datenträger: Blu-ray, DVD

Das machen sie schon super, die Franzosen. Sie nehmen einfach das, was da ist. In diesem Fall: die „French Connection“, also reale Vorgänge im Marseiller Drogenmilieu aus dem Jahr 1975.

Ausgestattet mit einem veritablen Helden, dem Richter Pierre Michel (Jean Dujardin), entspinnt sich ein gnadenloser Zweikampf zwischen Gut und Böse, den – um es mal vorwegzunehmen – die Gangster gewinnen. Mit seiner Hauptfigur erinnert „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ an Ridley Scotts „American Gangster“. Ein großer Vorteil dieser Vorlage ist auch die Möglichkeit zur Identifikation mit dem Helden. Es reicht eben nicht, einfach zu nehmen, was da ist. Man sollte auch wissen, was geeignet ist und wie man es umsetzt.

Und hierzulande?

Beeindruckend ist auch der unbedingte Wille, einen spannenden Unterhaltungsfilm zu drehen. Keine Nabelschauen. Keine Eitelkeiten. Keine Langeweile. Im Grunde wird dieser Figur des Unbestechlichen ein Denkmal gesetzt und den Angehörigen der Opfer dieses Drogenkrieges gedacht. Und hierzulande? Was ist mit den realen Kriminal- oder Justizfällen, die man filmisch aufarbeiten könnte oder sollte? Lassen wir das Lamentieren und reden lieber nicht über die Verfilmung der NSU-Morde. Ist nur ein Bumerang. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ soll gut sein. Immerhin.

Stärken

In „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ sind alle Figuren hervorragend besetzt, von der Heroinabhängigen bis zum neapolitanischen Mafioso. Einfach grandios. Die teilweise fiebrig agierende Handkamera passt zum authentischen Geschehen. Pierre Michel agiert im Stile eines „lonesome Cowboy“. Das hat schon was, wie er ein ums andere Mal Mitarbeiter, Verdächtige oder Kriminelle überrascht, indem er dickköpfig und nicht immer ganz legal seine Ziele verfolgt. Er nimmt sogar ein Geldgeschenk der Mafiosi in Höhe von 10.000 Franc an, aber nur, um es umgehend an einen Verein zur Hilfe von Drogenopfern weiterzuleiten. Pierre Michel ist nicht korrumpierbar. Er ist ein wahrer Held.

Dramaturgie

Die Gefahr, in die Pierre Michel bei seinem Feldzug gerät, könnte kaum größer sein. Sie ist, wie sich am Ende herausstellt, tödlich. Der Richter wirkt wie ein Getriebener, aber keineswegs unbeirrbar. Manchmal macht sich Resignation breit oder Zweifel, zum Beispiel als die Auswirkungen des Kampfes seine Familie erfassen. Als seine Frau ihn mit den gemeinsamen Kindern verlässt, bricht er zusammen. Er ist keine Maschine. Gerade in diesen Krisen hat er unsere Sympathie. Wir zittern mit ihm mit. Er kämpft um seine Familie, um sich dann doch wieder auf den Weg zu machen, was seine Frau lakonisch kommentiert: „Du musst tun, was du tun musst.“ Pierre Michel schweigt. Was soll er auch sagen? Sein Gegenspieler, der neapolitanische Mafioso Gaetan „Tany“ Zampa (Gilles Lelouche) ist ein Bösewicht wie er im Buche steht. Alfred Hitchcock hätte seine Freude an ihm gehabt. Jedenfalls erfüllt er die dramaturgische Gleichung des Altmeisters voll und ganz: „Je gelungener der Schurke, umso gelungener der Film“. Gibt’s denn gar nichts zu monieren? Doch.

Schwächen

Der Film beginnt damit, dass zwei Gangster auf einem Motorrad am helllichten Tage einen Rivalen in seinem Mercedes erschießen. Wer hier wen und warum beseitigt, wird nicht klar. Von solchen Szenen mit eingeschränkter Handlungsrelevanz gibt es ein paar. Das ist einer der Schwächen dieses Thrillers. Er will alles zeigen und verwirrt teilweise. Weniger wäre mehr gewesen.

Chronologie

Der Thriller ist chronologisch erzählt, also von der Ernennung Pierre Michels zum Richter für organisierte Kriminalität in Marseille bis zu seiner Ermordung. Diese Entscheidung ist naheliegend, aber ein dramatischer Nachteil. Denn es dauert schon ein wenig, bis der Held (und der Zuschauer) sich orientiert hat und in Gefahr gerät. Einmal mehr bewahrheitet sich Patricia Highsmiths dramatische Regel: „Ein gute Geschichte beginnt so nah wie möglich vor ihrem Ende“. Besser wäre also ein späterer Einsatz der Erzählung gewesen, zum Beispiel beim ersten Aufeinandertreffen des Helden mit „Tany“ Zampa auf der Landstraße, das um ein Haar tödlich für Pierre Michel ausgegangen wäre. Dieser Beginn hätte die Dramatik sofort auf den Höhepunkt getrieben. Die offenen Fragen wären der Spannung nicht abträglich gewesen. Im Gegenteil.

Fazit

„Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“ endet ganz im Geist des Existenzialismus. Nach Pierre Michels Ermordung hält der korrupte Innenminister die Grabrede, umgeben vom Kartell der „Korsaren“ in ihrer Tarnung als Mitglieder des Drogendezernats. Crime does pay. Bezeichnenderweise fand sich in Deutschland noch nicht mal ein Kinoverleih für diesen spannenden Thriller. 

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joel Schumachers Der Unbestechliche - Mörderisches Marseille.

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Payback – Zahltag

USA 1999
Länge: 101 Min., FSK: 16
Produktion: Icon Productions
Drehbuch + Regie: Brian Helgeland
Kamera: Ericson Core
Musik: Chris Boardman
Montage: Kevin Stitt
Darsteller: Mel Gibson u.a.

Genre: Actionthriller
Erzählmotiv: Rache
Suspense: leider nicht vorhanden
Held(en): kein tauglicher Held
Gegenspieler: unfreiwillig komisch
Stimmung: bleihaltig
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet TV

Es zahlt sich aus, diesen Thriller nicht allzu ernst zu nehmen. Dann kommt man mehr auf seine Kosten.

In seinen besten Momenten ist „Payback – Zahltag“ also kein reiner Thriller oder Actionthriller, sondern eine Thrillerkomödie mit einem klassischen Erzählmotiv, nämlich Rache. Bei einem Raubüberfall auf chinesische Gangster wird Porter (Mel Gibson) von seinem Kumpel Val und seiner eigenen Frau hintergangen. Er überlebt schwerverletzt. Kaum wieder genesen, macht er Jagd auf die Verräter. Bei seinem Feldzug scheut Porter auch einen bleihaltigen Kampf mit der Mafia nicht. Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Richard Stark und ein Remake von „Point Blank“ aus dem Jahr 1967.

Stärken

Der Film beginnt mit eindrucksvollen Nahaufnahmen, farbentsättigten Bildern, die eine düstere Grundstimmung einläuten. Assistiert von einer Off-Stimme sind wir immer ganz nah beim Helden. Erzählt wird eine einfache und verständliche Rachegeschichte. All das sind nicht zu unterschätzende Vorzüge. Einmal stutzt man und fragt sich, nachdem Porter die Verräter zur Strecke gebracht hat, warum er es nicht dabei belässt? Aber da ist ja noch Rosie, eine Edel-Prostituierte, die er von früher kennt und für die er immer noch Gefühle hegt. Porter weiß, dass sie beide erst frei sind, wenn auch die Bosse das Zeitliche gesegnet haben.

Klischees

Vieles wirkt einfach überzogen, manchmal bis ins Groteske, zum Beispiel der sadomasochistische Clinch zwischen Val und der chinesischen Prostituierten Pearl. Okay, das sind die Momente, in denen man nicht alles so ernst nehmen sollte. Desgleichen die chinesischen Mafiosi, die allesamt nicht nur so aussehen, wie man sich in seinen schlimmsten Albträumen fernöstliche Gangster vorstellt – nein, sie verhalten sich auch noch so. Sie transportieren Drogengelder in großen schwarzen Limousinen, sind schießwütig oder wollen einem die „Eier“ abschneiden. Die Cops sind korrupt und nicht besonders helle. Irgendwie hat man das alles schon mal so oder so ähnlich gesehen.

Mafiosi

Ganz schlimm wird es bei den Bossen des Syndikats. Die sind so schlecht inszeniert, dass selbst die Strategie, nicht alles ernst zu nehmen, nicht mehr funktioniert. Die „Bodyguards“ von Vize Carter werden bei Porters erstem Besuch kurzerhand k.o. geschlagen und ihr Boss zur Warnung erschossen. Vize Nr. 2 jammert bei Porters Besuch über seinen zerschossenen Koffer aus Alligatorleder und feuert seine beiden „Bodyguards“. Die verbliebenen Gangster der Vizebosse werden von Porter in ihrem Wagen in die Luft gejagt. So richtig unfreiwillig komisch ist dann der Auftritt von Gangsterboss Bronson. Er rudert zu Hause auf einem Fitnessgerät – was Mafiabosse eben so machen – und versteht sich prächtig mit seinem 18-jährigen Sohn. Das ist ja ganz schön, hat aber bei der Charakterisierung eines tauglichen Antagonisten nichts verloren. Schade, dass von diesen Gangstern – mit Ausnahme der Folterszene vielleicht? – überhaupt keine Gefahr ausgeht.

Zufälle

Dafür gibt es aber einige Zufälle, was ja erzähltechnisch nicht so toll ist. Zufällig kann Porter sich beim Showdown, trotz schwerster Verletzungen, seiner Fesseln entledigen und sich aus dem Kofferraum von Bronsons Limousine befreien. Zufällig befindet sich auch noch ein Autotelefon in der Konsole, das zufällig freigeschaltet ist, so dass Porter seinen tödlichen Anruf erledigen kann. Ist ja noch mal gut gegangen, kann man da nur sagen. Genauso als die fiesen Chinesen Porter an die „Eier“ wollen. Da tauchen zufällig und gerade noch rechtzeitig die korrupten Cops auf, weshalb die Schlitzaugen lieber erstmal Leine ziehen. Jedenfalls sind die Detectives einmal zu etwas nutze.

Prinzip

Ein weiterer Schwachpunkt ist Porters Anteil von 70.000 Dollar aus dem Überfall mit Val. Immer wieder besteht er auf der Auszahlung dieser Summe. Zurecht bezweifeln Mafiosi und Cops seine Zurechnungsfähigkeit. Wenn es sich um sein Geld handeln würde, wäre es ein origineller Charakterzug, vergleichbar mit dem dickköpfigen Verhalten von „Parker“ (Taylor Hackford, die Buchvorlage stammt übrigens ebenfalls von Richard Stark), dem es bei seiner Abrechnung „ums Prinzip“ geht. Aber in „Payback – Zahltag“ ist es nicht Porters Geld. Es handelt sich um Drogengelder, die er mit Val den Chinesen abgeknöpft hat. Seine Beharrlichkeit, exakt diese 70.000 zu bekommen, ist nicht wirklich nachvollziehbar.

Fazit

Schlussdialog. Rosie: „Wohin jetzt?“ Porter: „Irgendwo hin, Baby. Wenn du nicht mehr auf den Strich gehst, höre ich auf Leute umzulegen.“ Na, das ist doch mal eine Perspektive, mit der wir an diesem „Payback – Zahltag“ leben können.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Payback - Zahltag.

„Payback – Zahltag“ im Stream oder Download bei

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Der Klient

USA 1994, Länge: 116 Min., FSK: 12
Roman: John Grisham
Produktion: Regency Enterprises
Regie: Joel Schumacher
Drehbuch: Robert Getchell, Akiva Goldsman
Kamera: Tony Pierce-Roberts
Musik: Howard Shore
Montage: Robert Brown
Darsteller: Brad Renfro, Susan Sarandon u.a.

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Der bedrohte Zeuge
Suspense: vorbildlich
Held(en): exzellent
Gegenspieler: teilweise gelungen
Stimmung: spannend und witzig
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet TV
Datenträger: Blu-ray, DVD

Die Romane von John Grisham und ihre Verfilmungen zeichnen sich nicht gerade durch Originalität aus. Bestenfalls sind sie solide Unterhaltung, was eigentlich schon mal ziemlich gut ist.

Umso überraschender ist die Adaption von Grishams „Der Klient“. Sie ist nicht nur originell, sondern behandelt auch ein klassisches Erzählmotiv, nämlich „Der bedrohte Zeuge“ (s.a. „Der einzige Zeuge“ von Peter Weir). Ein großer Pluspunkt ist die konsequente Erzähl-Perspektive aus der Sicht des elfjährigen Mark Sway. Und das machen Regisseur Joel Schumacher und sein Hauptdarsteller richtig gut. Der Junge, der aus prekären Verhältnissen stammt, ist mit Brad Renfro hervorragend besetzt. Auch sein kleiner Bruder und seine alleinerziehende Mutter agieren brillant. Komplettiert werden die Protagonisten von Susan Sarandon, die als Anwältin „Reggie“ Love Gelegenheit hat, ihr persönliches Schicksal zu verarbeiten. Fünfter im Bunde ist Tommy Lee Jones als mediengeiler, durchtriebener Staatsanwalt Roy Foltrigg. Es macht einfach Spaß, diesen rotzfrechen Figuren bei der Jagd nach Marks Geheimnis zuzuschauen.

Suspense

Mafiaanwalt Jerome Clifford verrät dem Jungen nämlich kurz vor seinem Freitod, wo sich die Leiche des ermordeten Senators Boyette befindet. Dieses lebensgefährliche Wissen teilt außer Mark nur noch einer: der Zuschauer. So ist das richtig. Das ist Suspense par excellence. Der Zuschauer als Komplize. Die Gegenspieler des Jungen sind im Grunde alle Erwachsenen. Mark weiß eigentlich nie, wem er glauben kann und wenn er es mal versucht, ist es meist ein Grund, schnell das Weite zu suchen. Auch die Annäherung zu Reggie wird fachgerecht erst am Ende vollzogen. Die Freundschaft des Jungen kann man eben nicht so einfach erwerben. Das ist dramaturgisch perfekt.

Stärken

Der Thriller wird sehr schnell erzählt, die Handlung ist verdichtet. Man muss sich schon konzentrieren. Auch das ist gut. Die Dialoge sind brillant, teilweise schnodderig, kompromiss- oder schonungslos, manchmal auch witzig, aber nie langweilig. Als Mafioso Barry Muldano zum Beispiel beim Showdown die Leiche des Senators aus dem zubetonierten Boden buddelt, verkündet er stolz „Tag der Auferstehung, alte Ratte!“ Des öfteren gibt es überraschende Situationen, in denen die Protagonisten ihren Trickreichtum demonstrieren können. Als der Staatsanwalt und das FBI zum Beispiel den Jungen verhören und unter Druck setzen, zeichnet der heimlich das Gespräch auf, das Reggie dann gegen die Ordnungshüter verwendet. Eine wunderbare Szene.

Antagonisten

Einfach genial ist Sergeant Hardy, der den Jungen maximal unter Druck setzt. Mit einer Dose Limonade verschafft er sich Marks Vertrauen, aber die hat er ihm nur geschenkt, um an seine Fingerabdrücke zu kommen. Hardys sadistische Ader offenbart sich, als er dem Jungen prophezeit, auf einem elektrischen Stuhl in Kindergröße zu enden, wenn er nicht kooperiert. Unkorrekter geht’s eigentlich nicht. Eine derartige Drohung wäre in deutschen Filmen wohl undenkbar.

Gangster

Leider können die Mafiosi da nicht ganz mithalten. Barry sieht aus wie ein schmieriger Zuhälter, ist dumm wie Bohnenstroh und immer wieder für unfreiwillige Lacher gut. Seine Gangsterkollegen sind auch nicht viel besser. Einmal setzt nachts ein Mafioso dem Jungen im Krankenhaus als verkleideter Arzt ein Messer an die Kehle. Da gibt es so etwas wie eine tödliche Bedrohung. Ansonsten geht von den Gangstern praktisch keine Gefahr aus. Schon bemerkenswert. Die schwarze Stretchlimousine visualisiert die dramatischen Defizite: Sie gehört bezeichnenderweise nicht den Mafiosi, sondern dem Staatsanwalt.

Fazit

Die Darstellung der Mafiosi ist zwar spannungsmindernd, tut dem Vergnügen aber insgesamt keinen Abbruch. Insofern ist „Der Klient“ auch kein lupenreiner Thriller. Immer wenn die Gangster auftauchen, dominiert das Komödiantische, also auch eine Thrillerkomödie. Desgleichen ist das Happy-End nicht lupenrein. Denn Mark wird zusammen mit seiner Familie in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen und seine neu gewonnene Freundin nie wiedersehen. Nur Reggies private Situation bleibt, wie sie ist: Durch ihre Vergangenheit als Alkoholikerin hat sie nach wie vor kein Besuchs- und Sorgerecht für ihre Kinder. Auch das ist eine stimmige Entscheidung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joel Schumachers Der Klient.

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Die Filzlaus

F 1973
Länge: 80 Min., FSK: 12
Produktion: Les Films Ariane u.a.
Regie: Édouard Molinario
Drehbuch: Francis Veber
Kamera: Raoul Coutard
Musik: Jacques Brel, Francois Rauber
Montage: Monique + Robert Isnardon
Darsteller: Lino Ventura, Jacques Brel u.a.

Genre: Thrillerkomödie
Erzählmotiv: Bedrohter Zeuge
Suspense: sehr gut
Held(en): exzellent
Gegenspieler: mutiert zum Freund
Stimmung: witzig, spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV
Datenträger: Blu-ray, DVD

„Die Filzlaus“ ist eine französische Thrillerkomödie nach einem Theaterstück von Drehbuchautor Francis Veber („Le contrat“), der neben Billy Wilder („Buddy Buddy“) auch für das Remake aus dem Jahr 2008 verantwortlich war.

Der Film hat eine geniale Grundidee: Profikiller Ralph Milan (Lino Ventura) mietet sich in einem Hotelzimmer ein, um vor dem gegenüberliegenden Gerichtsgebäude einen Belastungszeugen zu liquidieren. Dummerweise will der Oberhemdenvertreter Francois Pignon (Jacques Brel) just in diesem Moment im Nachbarzimmer Selbstmord begehen. Das würde natürlich die Polizei alarmieren und den Auftragsmord gefährden. Also muss der Killer sich um den Lebensmüden kümmern. Ein einfacher und verständlicher Plot, der Ernst Lubitschs Definition einer Komödie („Something goes wrong“) auf den Punkt bringt.

Odd-Couple

„Die Filzlaus“ demonstriert auch, welch dramatisches Potenzial eine Odd-Couple-Konfiguration beinhaltet, heißt: Man konfrontiert zwei völlig gegensätzliche Charaktere in einer Situation, aus der es erstmal kein Entkommen gibt. Man kettet sie sozusagen aneinander. Denn für Killer Ralph Milan ist es eine ideale Location, um seinen Job zu erledigen. Für Francois ist das Leben nach einem letzten gescheiterten Telefonat mit seiner Frau Louise hier zu Ende. Das ist zwar ein Zufall, den man aber zu Beginn eines Films noch am besten schlucken kann, wie z.B. in „Juror#2“ oder in „Der Tod und das Mädchen“. Jedenfalls ist die Gefahr von Langeweile bei einer Konfrontation derart konträrer Protagonisten eher gering.

Suspense

Ein weiterer Pluspunkt ist der Informationsfluss. Nur die Zuschauer wissen zusammen mit Ralph Milan (und seinen nicht präsenten Auftraggebern) von dessen Mordplänen. Dieses Geheimnis fesselt einen ans Geschehen, lässt einen mitfiebern, sogar mit einem Killer. Irgendwann drücken wir ihm sogar die Daumen, dass er’s hinkriegt. Erst als Francois am Schluss das Gewehr in Ralphs Hotelzimmer entdeckt, ist dieses Geheimnis gelüftet. So ist das richtig. 

Figuren

Nichts gegen Walter Matthau, der die Rolle des Killers in Billy Wilders Remake spielt, aber Lino Ventura (seine Biografie liest sich wie ein Abenteuerroman) ist einfach genial. Es ist so, als ob alle vorherigen Rollen – Gangster, Agenten, Kommissare usw. – in dieser Figur kulminieren. Mürrisch, stoisch und wortkarg versucht er, dem sich anbahnenden Unheil zu entkommen. Vergeblich. Aus dem Jäger wird ein Gejagter. Lino Venturas reduziertes, fatalistisches Mienenspiel spricht Bände. Er muss nicht viel sagen. Wenn schon, dann solche Sätze: „Wollen Sie etwa in einer Bullenkutsche in eine Sterbelaube kutschiert werden?“ Ralph Milan ist ein Killer, der unser Mitgefühl hat – eher selten in der Filmgeschichte. 

Freundschaft

„Die Filzlaus“ ist mehr als eine Slapstickkomödie. Killer Ralph Milan ist ein Misanthrop, ein Zyniker, letztlich ein einsamer Mensch, der sich wundert, wieso man sich wegen einer Frau umbringen kann. Vorgeblich hilft er der Nervensäge oder rettet ihr das Leben, um seinen Job zu machen. Aber man hat immer das Gefühl, dass hinter dieser knallharten Fassade mehr steckt, dass es nur enttarnt werden will und Francois schafft das. Irgendwann hängt der coole Killer an der Angel. Er würde es sich selbst und anderen nie eingestehen, aber Francois ist ihm ans Herz gewachsen, spätestens als der ihm zum Dank ein Hemd aus seiner Kollektion vermachen will. Damit erinnert die Geschichte auch an Patricks Lecontes „Mein bester Freund“, der sie mit ähnlichen Charakteren nur vordergründiger erzählt.

Schwächen

Der erste Zufall ist leider nicht der einzige. Als Ralph die Nervensäge zu seiner Frau chauffieren will, um ihn unterwegs umzubringen, kollidieren sie zufällig mit einem PKW, in dem sich zufällig eine schwangere Frau mit ihrem Mann befindet. Zufällig anwesende Polizisten auf Motorrädern eskortieren das skurrile Quartett zur nächsten Klinik. Das ist zwar witzig, aber schon arg konstruiert. Damit sind wir beim nächsten Schwachpunkt. Das ist die dilettantische Polizeiarbeit. Denn die beiden Polizisten müssten im Anschluss eigentlich die Personalien der Unfallbeteiligten ermitteln. Tun sie aber nicht. Desgleichen bleibt später Ralphs Flucht in seinem Wagen vor einer Polizeisperre folgenlos. Ein einziges Mal geht ein Inspektor dem Hinweis von Kollegen nach und ermittelt in den Hotelzimmern von Killer und Selbstmörder. Insgesamt hätte man die Polizeiarbeit glaubhafter und dramatischer gestalten können.

Louise

Auch die Wankelmütigkeit von Louise wirkt etwas konstruiert. Mal zeigt sie Francois die kalte Schulter, dann wendet sie sich ihm plötzlich wieder zu. Nun gut, Dr. Fuchs, ihr neuer Freund, erweist sich ja als ziemlich rabiat und die angesprochene Langweile in der Beziehung mit Francois hat sich mit Ralphs Erscheinen auch verflüchtigt. Es gibt also Veränderungen, die sich auch daran zeigen, dass Francois um sie kämpft und zeigt, dass er sie tatsächlich liebt.

Fazit

Auch die lakonischen Ellipsen passen zur ironischen Grundstimmung des Films. Am Ende sieht man Ralph und Francois im Hof eines Gefängnisses ihre Runden drehen. Das letzte Wort hat natürlich „Die Filzlaus“, die hofft, demnächst zusammen mit Ralph in eine Zelle verlegt zu werden. Grandios.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Die Filzlaus.

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Farbiges Cover einer Blu-ray von Édouard Molinaros "Die Filzlaus".

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Farbiges Cover einer DVD von Édouard Molinaros "Die Filzlaus".

One Battle After Another

USA 2025
Länge: 162 Min., FSK: 16
Produktion: Ghoulardi Film Company
Drehbuch + Regie: Paul Thomas Anderson
Kamera: Michael Bauman
Musik: Jonny Greenwood
Montage: Andy Jurgensen
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Sean Penn u.a.
Verleih: Warner Bros. Pictures

Genre: Thriller
Erzählmotiv: Bedrohter Zeuge
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): bekifft
Gegenspieler: genial
Stimmung: skurril
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video
Datenträger: 4K, Blu-ray, DVD

„One Battle After Another“ ist ein skurriler, spannender Revoluzzer-Thriller, der eine sehr schöne Grundstimmung hat. Geht doch, Paul Thomas.

Ganz anders als zum Beispiel in „Magnolia“ behandelt Anderson hier seine hervorragend besetzten und agierenden Figuren geradezu liebevoll. Keine depressive Stimmung. Gut so. Die Konfrontation von linken Agitatoren mit rechtskonservativen, religiösen Eiferern könnte man als satirische Metapher deuten. Ist sie aber nicht. Nicht nur die aktuelle Titelstory des SPIEGEL – „Gotteskrieger“ – belehrt uns eines Besseren. Die Realität hat die vermeintliche Überspitzung längst eingeholt. Darauf deutet auch der teilweise dokumentarische Stil dieses Porträts einer zutiefst zerrissenen Gesellschaft hin.

Die Geschichte

Eigentlich ist es eine Vierecksgeschichte. Da sind zum einen die linke Aktivistin Perfidia sowie ihr Partner, der Sprengstoffexperte „Ghetto Pat“ (Leonardo DiCaprio). Zum anderen stößt Perfidia bei einer gewaltsamen Befreiung von Migranten auf den rassistischen ICE-Offizier Colonel Lockjaw (Sean Penn) – der Beginn einer bizarren sexuellen Beziehung. Die endet erst als die inzwischen schwangere Perfidia nach einem Banküberfall verhaftet wird. Unter Druck verrät sie Namen und Adressen ihre Mitstreiter und wird als Gegenleistung in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Ausgestattet mit einer neuen Identität gelingt ihr die Flucht nach Mexiko.

16 Jahre später

Der Colonel will Mitglied des elitären „Christmas Adventures Club“ werden, eines klerikalen Geheimbundes mit mafiösen Strukturen. Die Sünden der Vergangenheit würden einer Aufnahme im Wege stehen. Deshalb spürt Lockjaw den Aufenthaltsort des drogenabhängigen Pat und seiner 16-jährigen Tochter Walla auf. Aber mit Hilfe eines immer noch funktionierenden Untergrundnetzwerkes können die Gejagten auf getrennten Wegen vorerst fliehen. Bei der anschließenden Verfolgungsjagd gelingt es dem Colonel, Walla doch noch gefangen zu nehmen. Ein DNA-Test bestätigt seine Vaterschaft. Lockjaw sieht nur einen Ausweg: Ein bezahlter Killer soll seine Tochter töten. Aber dem Mädchen gelingt erneut die Flucht. Zusammen mit Pat kann sie sich ihrer Verfolger entledigen. Der bei der Verfolgungsjagd arg ramponierte Colonel wird am Ende von Mitgliedern des Geheimbundes liquidiert. 

Stärken

Leonardo DiCaprio in seiner Rolle als bekiffter, gammliger Pseudo-Vater, der in seiner Verwirrung über sich hinauswächst, ist einfach brillant. Ebenso Sean Penn als etwas unterbelichteter, rassistischer Colonel, der sich zu Höherem berufen fühlt, bis er in Flammen aufgeht. Auch die ganzen Nebenrollen sind exquisit besetzt: Wallas Freunde, die Mitglieder des Geheimbundes, die Aktivisten usw. Sehr schön auch die ins Spiel gebrachte Selbstironie: Wenn Pat sich beim wiederholten Telefonat mit seinen Mitstreitern partout nicht an den Erkennungscode aus dem „Handbuch für Revolutionäre“ erinnern kann, dann ist das schon witzig. Außergewöhnlich ist auch die Verfolgungsjagd auf den hügeligen Landstraßen im Südwesten der USA. Der Killer des Geheimbundes ist hinter dem Colonel und Walla her, Pat hintendran. Das ganze Auf und Ab ist schon super gemacht, auch der Trick, mit dem Walla den Killer außer Gefecht setzt.

Schwächen

Wieder macht Anderson den Fehler, seinen Film fast komplett mit Musik zu unterlegen und zwar so penetrant, dass die Dialoge teilweise in den Hintergrund treten. Auch in „One Battle After Another“ scheint es so, als würde Anderson seiner Geschichte und seinen Figuren nicht recht trauen. Schade. Die blutige Ballerei unter den Auftragskillern gegen Ende des Films ist überflüssig. Es geht doch nur darum, dass Walla in den Besitz des Fahrzeugschlüssels gelangt und ihre Flucht fortsetzen kann. Das hätte man auch unblutiger und eleganter lösen können. Den nachfolgenden Mordversuch am Colonel durch den Killer des Geheimbundes hätte das Opfer eigentlich nicht überleben können. Bisschen merkwürdig und ebenfalls überflüssig, weil er doch kurz darauf sowieso liquidiert wird. Der entscheidende Schwachpunkt ist aber derselbe wie zum Beispiel in John Cassavetes „Gloria“: Die Geschichte ist nicht zu Ende. Denn genauso wie die Mafia in „Gloria“ wird auch der Geheimbund nicht ruhen, bis alle Zeugen dieses Malheurs beseitigt sind. Also können Pat und Walla am Ende eigentlich nicht in Ruhe in ihrem Haus weiterleben.

Lösungen

Auf die Kraft und die Macht der Geräusche zu setzen, wäre viel effizienter als die gesamte Tonebene mit aufdringlicher Filmmusik zuzukleistern. Hier könnten zum Beispiel die Filme von Robert Bresson, „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ von Fritz Lang, die Experimentalfilme von Dziga Vertov, das Opening von „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder das „Manifest zum Tonfilm“ Vorbilder sein. Jedenfalls wäre eine intensive Beschäftigung mit den gestalterischen Möglichkeiten auf der Tonebene sinnvoll. Das Ende müsste so aussehen: Pat flieht zusammen mit seiner Ziehtochter nach Mexiko, denn der Geheimbund hat ja beschlossen, für „Sauberkeit“ zu sorgen. Wie, das haben sie ja demonstriert. Dieses Ende wäre auch eine Ironie dieser Geschichte: Man flieht nicht in die USA, sondern aus dem Land.

Fazit

Insgesamt macht dieser skurrile Thriller – trotz seiner Defizite – einfach Spaß. Wir dürfen gespannt sein, wie dieser Kampf weitergeht – One After Another.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Paul Thomas Andersons One Battle After Another.

„One Battle After Another“ im Stream oder Download bei

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bei jpc + bücher.de

4K bei bücher.de: 31,99 Euro

Farbiges Cover eines 4K Datenträgers von Paul Thomas Andersons "One Battle After Another".

Blu-ray bei bücher.de: 17,99 Euro

Farbiges Cover einer Blu-ray von Paul Thomas Andersons "One Battle After Another".

DVD bei jpc: 14,99 Euro

Farbiges Cover einer DVD von Paul Thomas Andersons "One Battle After Another".

Soundtrack bei jpc: 18,99 Euro

Farbiges Cover einer Audio-CD der Filmmusik von Paul Thomas Andersons "One Battle After Another".

Der Clan der Sizilianer

F 1969, Länge: 115 Min., FSK: 16
Produktion: Les Productions Fox Europa u.a.
Regie: Henri Verneuil
Drehbuch: José Giovanni u.a.
Kamera: Henri Decaë
Musik: Ennio Morricone
Montage: Pierre Gilette
Darsteller: Alain Delon, Jean Gabin, Lino Ventura u.a.

Genre: Gangsterthriller
Erzählmotiv:
Suspense: vorhanden
Held(en): entwicklungsfähig
Gegenspieler: knurrig
Stimmung: spannend
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar

„Der Clan der Sizilianer“ von Henri Verneuil ist ein spannender Gangsterthriller, der auf einer Romanvorlage von Auguste Le Breton beruht.

Er ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem sizilianischen Manalese-Clan und dem Gangster Roger Sartet (Alain Delon) auf der einen und der Polizei unter Leitung von Inspector Le Goff (Lino Ventura) auf der anderen Seite. Der Thriller kann mit einer dichten Atmosphäre, vielen Suspense-Situationen und Wendungen überzeugen. Das 60er-Jahre-Flair mit seinen Bars, Hotels und Geschäften ist eine attraktive Zeitreise, untermalt von Enno Morricones origineller Filmmusik.

Die Geschichte

Der in Paris ansässige Manalese-Clan, angeführt von Patriarch Vittorio (Jean Gabin), plant einen Juwelenraub in Rom. Zur Durchführung wird der einsitzende Gangster Roger Sartet in einer spektakulären Aktion aus einem Gefangenentransporter befreit. Ihm auf den Fersen ist der knurrige Inspector Le Goff. Da die Sicherheitsvorkehrungen der Juwelenausstellung unüberwindbar scheinen, plant Vittorio zusammen mit seinem New Yorker Kumpan Tony Nicosia, die Juwelen beim Weitertransport zur nächsten Ausstellung zu stehlen. Tatsächlich klappt der waghalsige Plan einer Flugzeugentführung und Le Goff hat ein weiteres Mal das Nachsehen. Doch dann erfährt er durch ein abgehörtes Telefonat von Rogers Rückkehr nach Paris. Am Flughafen kann er zumindest Manaleses Söhne festnehmen, während Roger ein weiteres Mal entkommt. Der wird allerdings bei einer Geldübergabe von Vittorio erschossen. Am Ende wird auch der alte Patriarch von Le Goff verhaftet.

Suspense

Das ist einer der großen Stärken dieses Thrillers. Immer wieder wird der Zuschauer mit Informationen gefüttert und hängt dadurch an der Angel. Man sieht wie Roger mit einem Akkubohrer den Metallboden des Transporters auffräst, wovon der wachhabende Polizist und seine Begleiter nichts mitbekommen. Bei einer Inspektion des Wachhabenden zittern wir mit dem Gangster mit, dass er unentdeckt bleiben möge. Das ist Suspense! Desgleichen als Roger die Rolle des britischen Versicherungsagenten Evans beim Weitertransport einnimmt und dessen Frau am Pariser Flughafen vergeblich ihren Mann unter den Begleitern sucht. Das ist sehr schön parallel montiert und schafft Spannung. Ein weiteres Mal fiebern wir mit dem Gangster mit. So ist das richtig.

Die Figuren

Die Charakterisierungen gehören zu den Defiziten von „Der Clan der Sizilianer“. Roger ist ein wenig einfach gestrickt und im Zweifelsfall nah an der Bleispritze gebaut. So bringt er sich und die Manaleses unnötig in Gefahr als er seinen Unterschlupf verlässt, um sich in einem Stundenhotel zu vergnügen. Ein anderes Mal führt er ein Telefonat mit seiner Schwester, das aber von der Polizei abgehört wird. Später lässt er sich am helllichten Tag (!) zu einem Liebesakt am Mittelmeerstrand mit Vittorios Schwiegertochter hinreißen. Eine Unvorsichtigkeit, die ihm später zum Verhängnis wird. Insgesamt wäre es ganz schön gewesen, ihn etwas schlauer und raffinierter zu skizzieren.

Der Manalese-Clan

Unklar bleibt bis zum Schluss, was die Manaleses eigentlich mit Roger wollen, zumal sie seine Gewaltbereitschaft verabscheuen und sein Fahndungsfoto überall präsent ist? Außerdem traut Vittorio dem Franzosen doch nicht über den Weg, wie er ihm offen gesteht. Ein Experte in Überwachungstechnik wäre für den Juwelenraub eigentlich viel geeigneter gewesen. Jean Gabin ist als krimineller Patriarch eher eine Fehlbesetzung. Einen sizilianischen Mafiaboss stellt man sich irgendwie anders vor. Hier stand wahrscheinlich der Wunsch im Vordergrund, die Granden des französischen Kinos noch einmal zusammenzubringen?

Der Kommissar

Aber Inspector Le Goff ist eine überzeugende Figur. Scheinbar hat er ein Hühnchen mit Roger zu rupfen, so hartnäckig hängt er an ihm dran. Das erinnert an die Verfolgung des Urkundenfälschers Frank Abagnale jr. durch den FBI-Agenten Carl Hanratty in „Catch me if you can“ von Steven Spielberg. Le Goff hat stets eine Zigarette im Mundwinkel hängen, die er nicht anzündet, weil er ja das Rauchen aufgegeben hat. Da ist schon klar, dass der Moment kommen wird, in dem er seinen Vorsatz aufgibt. Und der ist sehr schön platziert, nämlich als der Inspector erfährt, dass die Gangster ihm in New York ein weiteres Mal durch die Lappen gegangen sind. Da kommt es ganz lapidar im Kreis seiner Kollegen: „Gib mir Feuer.“ Mehr Worte bedarf es auch nicht. Damit ist alles gesagt. 

Festival der Ungereimtheiten

Es fängt damit an, dass der jüngste Spross der Manaleses mit einem Wachmann neben Roger auf einer Holzbank vor dem Saal des Untersuchungsrichters sitzt. Während ein korrupter Polizist Roger heimlich einen Akkubohrer zusteckt, geht der andere mit dem Manalese-Sprössling auf die Toilette, wo dem offensichtlich die Flucht gelingt. Abgesehen davon, dass dieser Ausbruch nicht erzählt wird, liegt ein Zusammenhang mit Rogers Befreiung doch auf der Hand. Ergo hätte die Polizei sofort bei den Manaleses auftauchen und eine Überwachung in die Wege leiten müssen und nicht erst viel später. Außerdem fragt man sich, warum die Polizei Vittorio nach der Flugzeugentführung nicht sofort verhaftet? Die Kidnapper waren doch nicht maskiert, also kennt man ihre Identitäten. Schon merkwürdig, dass Vittorio anschließend in Paris unbehelligt herumwandern kann.

Als Tony Nicosia in New York Roger seinen Anteil nicht auszahlt, ist diese Absicht doch durchschaubar. Roger soll nach Paris gelockt werden, was er dann zum eigenen Nachteil ja auch tut. Aber warum lässt er sich darauf ein? Warum geht er Tony Nicosia in diesem Moment nicht an die Gurgel? Auch Vittorios Schwiegertochter verhält sich nicht sonderlich clever als sie Rogers Schwester von der Rückkehr ihres Bruders nach Paris informiert. Damit hat die Polizei alle Informationen, um die Gangster festzunehmen bzw. die Leichen einzusammeln, womit wir beim Schluss des Thrillers sind.

Showdown

Das Finale von „Der Clan der Sizilianer“ ist eine Lachnummer. Für den Erhalt seines Anteils aus dem Juwelenraub wählt Roger einen einsamen Parkplatz. Zwei Autos stehen sich gegenüber. Auf der einen Seite steigt Vittorio mit seiner Schwägerin aus, auf der anderen Roger. Beide Männer haben ihre Hände tief in ihren Manteltaschen vergraben. Warum wohl? Vittorio wirft Roger einen Koffer mit Geld zu. Die Überprüfung nutzt Vittorio, um Roger über den Haufen zu schießen. Auch seine Schwägerin, die sich schützend in den Weg stellen will, muss dran glauben. Roger, Roger – kann man da nur sagen. Hast du denn nie gut gemachte Gangsterfilme gesehen? So etwas muss man doch anders durchziehen. Letztlich bricht ihm seine Einfältigkeit das Genick, weshalb sein Ableben auch keine allzu großen Gefühle hervorruft.

Fazit

Die Vorzüge dieses spannenden Gangsterthrillers werden durch seine Mängel in der Figurenentwicklung und den vielen Ungereimtheiten leider egalisiert.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Der Clan der Sizilianer.