DogMan

F 2023
Länge: 114 Min., FSK: 16
Produktion: LBP, EuropaCorp u.a.
Drehbuch + Regie: Luc Besson
Kamera: Colin Wandersman
Musik: Éric Serra
Montage: Julien Rey
Darsteller: Caleb Landry Jones, Jonica T. Gibbs u.a.

Genre: Drama, Tragikomödie, Thriller
Erzählmotiv: Identität
Suspense: teilweise vorhanden
Held: Hundefreund
Gegenspieler: Menschen
Stimmung: abgründig + spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video, Videobuster

Die große Stärke von Luc Besson ist die Skizzierung von prägnanten Charakteren, die man so schnell nicht vergisst (s. a. „Nikita“ und „Léon – der Profi“).

Auch bei „DogMan“ steht, genauso wie in diesen beiden Beispielen, ein Außenseiter, ein Traumatisierter, eine verlorene Seele im Fokus und Luc Besson ist ihr Anwalt. Fokus ist hier wörtlich zu nehmen. Die Konzentration auf den Helden ist einfach beeindruckend. Kein Schnickschnack, keine Mehrfachperspektiven, keine Ablenkungen. Es geht um den „DogMan“ und sonst nichts. Einfach sensationell, wie Caleb Landry Jones ihn spielt. Die Genreeinstufung fällt schon schwerer. Der Film ist eine Mixtur aus Tragikomödie, Thriller, Familiendrama und Gangsterkomödie. In jedem Fall hat er es in sich.

Die Geschichte

Nach einer Schießerei mit mehreren Toten wird Douglas Munrow ziemlich ramponiert, mit trägerlosem Kleid, blonder Perücke und geschminktem Gesicht, in seinem LKW von der Polizei festgenommen. Auf der Ladefläche: dutzende von Hunden. Die Polizeipsychologin Evelyn verhört ihn und erfährt seine Lebensgeschichte.

Rückblende

Als kleiner Junge lebt Douglas bei seinem gewalttätigen Vater, der überforderten Mutter und seinem älteren Bruder. In einem Zwinger hält der Vater etliche Hunde, die er schlecht behandelt und für brutale Kämpfe trainiert. Als Douglas den Tieren zum wiederholten Mal den Tieren heimlich zu Hilfe kommt, sperrt der Vater ihn zur Strafe in den Zwinger. Seine schwangere und verzweifelte Mutter sucht ihr Heil in der Flucht. Nach einer erneuten Hilfsaktion feuert der Vater sogar mit seiner Schrotflinte auf Douglas. Der Junge verliert einen Finger, ist fortan gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Allerdings führt der Vorfall zur Verhaftung von Vater und Bruder. Douglas kommt in ein Kinderheim, wo er die junge, engagierte Theaterpädagogin Salma kennenlernt. Sie studiert mit ihm Shakespeare-Stücke ein. Der Junge ist fasziniert von der Welt der Imagination und von Salma. Die verlässt allerdings bald wieder das Kinderheim, um ein Engagement beim Theater anzutreten. 

Hundeleben

Als junger Erwachsener führt Douglas ein städtisches Hundeheim. Er verfolgt Salmas Karriere und klebt Zeitungsausschnitte und andere Fundsachen in ein Album. Nach einem umjubelten Auftritt am Broadway überreicht Douglas ihr das Sammelwerk. Sie ist total gerührt, um ihm im nächsten Moment ihren Mann vorzustellen. Douglas hatte sich insgeheim Hoffnungen gemacht und ist wie vor den Kopf gestoßen. Als das Hundeheim geschlossen werden soll, flieht er mit seinen Vierbeinern in ein heruntergekommenes, leerstehendes Fabrikgebäude, wo sie vor der feindlichen Außenwelt erst mal geschützt sind. 

Theater

Auf der Suche nach Jobs gelangt Douglas zufällig in ein kleines Transvestiten-Theater. Wie magisch angezogen kann er den Theaterchef zu einem Probeauftritt überreden. Von diesem Moment an singt Douglas einmal die Woche in Frauenkleidern Chansons. Seine Geldprobleme löst dieses Engagement aber nicht. Deshalb bildet er seine Hunde als Diebesbande aus, spezialisiert auf den Schmuck reicher Leute. Irgendwann kommt ihm ein Versicherungsagent auf die Schliche. Doch anstatt die Polizei zu alarmieren, fordert der Agent mit Waffengewalt die Herausgabe der Juwelen, was ihm zum Verhängnis wird. Nicht besser ergeht es dem Gangsterboss El Verdugo und seiner Bande, die ihren Überfall auf Douglas und seine Hunde nicht überleben. Die Schießerei führt zur Verhaftung. Am Ende bedankt sich Douglas bei Evelyn für die Gespräche. Nach einer Befreiungsaktion seiner Hunde erhebt er sich vor dem Gefängnis aus seinem Rollstuhl und wankt einige Schritte, bis er tot zusammenbricht. 

Stärken

„Wo immer es einen Glücklosen gibt, schickt Gott einen Hund“, heißt es im Vorwort. Bei Douglas sind es dutzende von Hunden. Daran kann man den Grad seiner seelischen Verletzungen ermessen. Schließlich – das hat er gelernt – ist auf die Menschen kein Verlass. Die Männer sind gewalttätig (Vater, El Verdugo) oder Verräter (Bruder), die Frauen (Mutter oder Salma) suchen irgendwann das Weite. Man versteht seine Faszination, aus den Männerkleidern herauszuschlüpfen, seinen Wunsch nach einer Metamorphose: „Die imaginäre Welt hat mich zärtlich in den Arm genommen.“ Einfach genial ist die Szene am Broadway-Theater, die seine Hoffnungen und seine Zerrissenheit verdeutlicht. Douglas ist ebenso klug wie traurig und fähig zur Selbstreflexion. Deshalb am Ende auch der Dank an Evelyn. Luc Besson gelingt es, die Gefühle des Helden mit denen des Zuschauers zu synchronisieren.

Hunde

Der zweite Hauptdarsteller sind die Vierbeiner. Für Douglas sind sie die einzigen Wesen, auf die man sich verlassen kann: „Hunde können nicht lügen, wenn es um Liebe geht.“ Ihr einziger Fehler: „Sie vertrauen Menschen.“ Einfach toll ist die Szene, wie Douglas seinen Hunden aus Shakespeare-Stücken vorliest und sie gespannt lauschen, als würden sie den Sinn der Worte verstehen.

Schwächen

Okay, das Ableben von El Verdugo und seiner Bande ist Kintopp und in gewisser Weise auch witzig. Um die ist es auch nicht schade. Aber weniger wäre auch hier mehr gewesen. Genau wie in „Nikita“ sind es die ruhigen Momente, in denen der Film seine Kraft entfalten kann, nicht in den Ballereien. In die selbe Kategorie fällt auch die Racheaktion am Bruder, als der nach acht Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Hätte ein Denkzettel nicht genügt? Was ist denn schlimmer: der Tod oder das Weiterleben unter körperlichen Beeinträchtigungen und vor allem mit dem Eingeständnis der eigenen Schuld (s. a. „Der Tod und das Mädchen“ von Roman Polanski)? Desgleichen der Versicherungsagent. Hier hätte man sich einen Deal vorstellen können: Fifty-fifty, sonst kommt sein Spezialhund. Außerdem hätte Douglas sich auf seine Einladung zum Abendessen einlassen sollen, oder besser Luc Besson. Denn der hat hier eine Suspense-Situation verschenkt.

Glaubwürdigkeit

Dann gibt es eine ganze Reihe von Szenen, die unsere Akzeptanz für die Glaubwürdigkeit arg strapazieren. Da gibt es einen kleinen Hund, der ein Bild von einem Polizeiwagen präsentiert bekommt und anschließend in der Lage ist, in den Straßen einen Einsatzwagen zu orten und die Polizisten mit sich zu locken. Desgleichen die Diebesbande. Das ist zwar ganz witzig, muss man aber auch erst mal schlucken. Oder seine Hunde als Küchenhelfer. Die wissen ganz genau, wo das Mehl ist, und holen es für den DogMan aus dem Regal. Hier wären ein paar Trainingseinheiten ganz vorteilhaft gewesen. Also Douglas übt mit seinen Hunden das Stehlen von Schmuck oder das Apportieren von Lebensmitteln. Dann wäre man vermutlich nicht drüber gestolpert und hätte eher drüber hinwegsehen können. Aber so ist auch die finale Befreiungsaktion aus dem Gefängnis ein Stolperstein.

Fazit

Ansonsten ist der Schluss schön. Douglas hat Evelyn nämlich ein Geschenk gemacht, von dem sie nichts ahnt. Seinen Wachhund hat er vor dem Haus von Evelyn positioniert, um sie vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann zu beschützen, und man hat keinen Zweifel, dass der Hund seine Aufgabe erfüllen wird.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Luc Bessons DogMan.

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Armee im Schatten

F 1969, Länge: 138 Min., FSK: 16
Produktion: Les Films Corona u.a.
Roman: Joseph Kessel
Drehbuch + Regie: Jean-Pierre Melville
Kamera: Pierre Lhomme
Musik: Éric Demarsan
Montage: Françoise Bonnot
Darsteller: Lino Ventura, Simone Signoret u.a.

Genre: Kriegsdrama
Erzählmotiv: Der Verrat
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Résistance-Kämpfer
Gegenspieler: Kollaborateure + Gestapo
Stimmung: düster
Bewertung: 3 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video

„Armee im Schatten“ ist ein atmosphärisch dichtes, düsteres, eher ruhiges, dokumentarisch anmutendes Kriegsdrama nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Kessel.

Es spielt gegen Ende des 2. Weltkriegs in Frankreich und erzählt die Geschichte einer Gruppe von Widerstandskämpfern, in der nichts beschönigt oder verherrlicht wird. Im Gegenteil. Die Atmosphäre ist geprägt von Pessimismus, Resignation und Angst, nicht nur vor der Gestapo, sondern auch vor den eigenen Leuten. Der Film ist der Versuch, den Résistance-Kämpfern des 2. Weltkriegs ein filmisches Denkmal zu setzen.

Die Geschichte

In Folge eines Verrats landet Widerstandskämpfer Philippe (Lino Ventura) in einem Internierungslager. Doch bei einem Gefangenentransport gelingt ihm die Flucht. In Marseille liquidiert er, zusammen mit anderen Mitstreitern, den Verräter in den eigenen Reihen. Dann flieht er aus Sicherheitsgründen mit einer Gruppe von Rebellen in einem U-Boot nach London. Als Philippe von der Verhaftung seines Freundes Felix erfährt, lässt er sich mit einer Militärmaschine über Frankreich absetzen, um seinen Freund zu befreien. Der wird allerdings in einem Hochsicherheitsgefängnis der Gestapo in Lyon gefangen gehalten und gefoltert. Untergrundkämpferin Mathilde versucht mit einem getarnten Rot-Kreuz-Fahrzeug, Felix aus dem Gefängnis zu holen. Aber der ist bereits sterbenskrank, weshalb der Transport verweigert wird. Im Zuge einer Razzia wird auch Philippe festgenommen. Bei sadistischen Exekutionsspielen der Gestapo können Mathilde und ihre Leute Philippe befreien. Ein paar Wochen verbringt er auf einem einsamen Gehöft. Dann erfahren die Résistance-Kämpfer von Mathildes Verhaftung. Sie wird von der Gestapo erpresst, die Namen ihrer Mitstreiter zu verraten. Um dieser Gefahr vorzubeugen, liquidieren sie Mathilde auf offener Straße. Im Nachspann erfährt man, dass sowohl Philippe als auch der Rest der Freischärler von den Nazis gefasst und getötet wurde.

Der Verrat

„Armee im Schatten“ basiert auf einem klassischen Erzählmotiv, das sich von Anfang bis Ende wie ein blutroter Faden durch die Handlung zieht: Der Verrat. Das Motiv impliziert konflikthafte Interaktionen, den Bruch von Freundschaften und in diesen Zeiten: Lebensgefahren. Es ist das Damoklesschwert, das über den Widerstandskämpfern schwebt. Es beginnt mit Philippes Internierung, die ein Verräter in den eigenen Reihen verschuldet hat. Am Ende reicht die Angst vor einem Verrat, um Freundin und Mitkämpferin Mathilde zu liquidieren. Wie ein Krebsgeschwür hat es alle Résistance-Kämpfer befallen: Man kann niemandem mehr trauen.

Das Drama

Hier wäre es allerdings dramatischer gewesen, sich auf die Erpressung von Mathilde durch die Gestapo zu konzentrieren. Sie enthält das größte Konfliktpotenzial. Diesen möglichen Verrat hätte man zusätzlich durch eine Intensivierung der Liebesgeschichte zwischen Philippe und Mathilde anreichern können. Im Film wird sie nur angedeutet, und zwar als beide nach Philippes Befreiung im Heck des Fluchtwagens sitzen und sie zärtlich seine Hand ergreift. Aber das war’s dann. Mehr gibt’s nicht. Schade. Dabei hätte man Philippes inneren Zwiespalt mit einem Liebesverhältnis auf die Spitze treiben können. Dann hätte er vor der Wahl gestanden, entweder seine Geliebte oder seine Mitstreiter opfern zu müssen. Es wäre der größtmögliche Konflikt für den Helden gewesen, und den sollte man als Erzähler durchexerzieren.

Schwächen

Durch die inneren Stimmen der Protagonisten können wir tief in ihre Befindlichkeiten eintauchen. Allerdings wäre auch hier eine Konzentration besser gewesen als der ständige Wechsel von Philippe zu Mathilde oder zu Felix. So verlieren wir unseren Helden immer wieder aus den Augen und können keine richtige Nähe aufbauen. Es gibt immer wieder Szenen, die nicht wirklich handlungsrelevant sind. Da transportiert zum Beispiel der junge Jean-François einen Koffer mit einem Funkgerät von Marseille nach Paris und muss mehrere Kontrollen passieren. Das ist zwar ganz spannend, aber eine Bedeutung für die Geschichte hat weder der Transport noch das Funkgerät.

Wahre Begebenheiten

Ein Problem sind auch die wahren Begebenheiten, die sowohl der Roman als auch Melvilles persönliche Erfahrungen enthalten. Im Zweifelsfall hält man sich eben an das, was passiert ist. Für die Dramatisierung einer Geschichte sollten sie aber als eine Art Steinbruch fungieren. Die Lösung wäre eine Selektion gewesen, eine Bearbeitung des dramatischsten Steinblocks: Konzentration auf die Liebesgeschichte und den daraus resultierenden Konflikten. Erstaunlich ist auch, dass einige Szenen trotz der wahren Begebenheiten unter mangelnder Handlungslogik und Glaubwürdigkeit leiden. Wie schon in „Vier im roten Kreis“ misst Melville diesen Faktoren leider eine untergeordnete Rolle zu. 

Ungereimtheiten

Bei Philippes Flucht am Anfang aus einem provisorischen Verhörraum im Hotel Majestic fragt man sich, wo denn die Verfolger bleiben? Das einzige erleuchtete Geschäft ist ein Friseurladen, in den Philippe dann flieht und sich auch noch rasieren lässt. Aber das Geschäft müsste doch durchsucht werden? Sehr merkwürdig. Die zweite Befreiungssituation bei den sadistischen Exekutionsspielen mutet noch absurder an. Ebenso seltsam ist die Geschichte mit dem anonymen Brief des jungen Jean-François. Wieso landet er nach seiner Festnahme in der Gefängniszelle von Felix, um ihm dort eine Zyankali-Kapsel zukommen zu  lassen? Die beiden würde man doch in getrennte Zellen sperren. Wieso wird Mathilde am Ende von der Gestapo auf freien Fuß gesetzt? Selbst wenn sie die Namen ihrer Mitstreiter verraten hat, würden die Nazis sie doch niemals laufen lassen. Ihr Schicksal ist doch so oder so besiegelt?

Fazit

„Armee im Schatten“ endet, wie viele andere Werke Melvilles, im großen Scheitern. Auch in „Vier im roten Kreis“ oder in „Der eiskalte Engel“ bleiben die Protagonisten am Ende auf der Strecke. Ein Überleben oder so etwas wie Hoffnung ist nicht vorgesehen. Insofern hat das Kriegsdrama auch etwas Fatalistisches. Irgendwann sehnt man sich nach „Das Leben im Schloss“ von Jean-Paul Rappeneau, der ebenfalls die Zeit der Besatzung Frankreichs gegen Ende des 2. Weltkriegs behandelt. Nur konzentrierter, spielerischer, humorvoller, leichter, irgendwie französischer.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Jean-Pierre Melvilles "Armee im Schatten"..

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Vom Winde verweht

USA 1939, Länge: 220 Min., FSK: 12
Roman: Margaret Mitchell
Regie: Victor Fleming u.a.
Drehbuch: Sidney Howard
Kamera: Ernest Haller
Musik: Max Steiner
Montage: Hal C. Kern, James E. Newcom
Darsteller: Vivien Leigh, Clark Gable u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): Odd-Couple-Paar
Gegenspieler: Dickköpfigkeit
Stimmung: dramatisch
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, freenet Video

„Vom Winde verweht“ erzählt keine Liebesgeschichte, keine Familiensaga und auch kein Melodrama, sondern das Drama zweier Menschen, die Opfer ihrer emotionalen Illusionen sind.

Des Weiteren zeigt der Film das Porträt einer impulsiven, starken Frau, die in unwirtlichen Zeiten unternehmerische Qualitäten an den Tag legt und der Scholle treu ist. Das hat etwas Modernes, Zeitloses. Ebenso die Skizzierung der Bindungsunfähigkeit der Protagonisten. Ansonsten wirkt aus heutiger Sicht vieles an diesem Schmachtfetzen übertrieben (Schicksalsschläge), künstlich (Technicolor) oder schwülstig (Dialoge). Aber das Südstaaten-Epos hat eben auch seine Qualitäten …

Teil 1

Georgia 1861. Die junge Scarlett O’Hara wächst auf der Baumwollplantage Tara, nahe Atlanta, auf. Sie ist in Ashley, den Erben der benachbarten Plantage, verliebt. Der plant jedoch, seine gutmütige Cousine Melanie zu heiraten. Auf einem Gartenfest versucht Scarlett, Ashley umzustimmen. Aber vergebens. Ebenfalls anwesend ist der etwas zwielichtige Captain der Südstaatler Rhett Butler, der kein Blatt vor den Mund nimmt und Scarlett provoziert. Aus Trotz über Ashleys Entscheidung heiratet sie spontan Melanies jüngeren Bruder Charles. Der stirbt aber gleich nach Ausbruch des Bürgerkriegs an Lungenentzündung. Scarletts Trauer über den Verlust hält sich in Grenzen.

Atlanta

In der Hoffnung, Ashley wiederzusehen, zieht Scarlett nach Atlanta zu der schwangeren Melanie und deren Tante. Auf einem Wohltätigkeitsball trifft sie erneut auf Rhett, der sie als Tanzpartnerin ersteigert. Wieder provoziert sie der eloquente Captain und gesteht ihr seine Liebe. Aber Scarlett erteilt ihm eine Abfuhr. Im örtlichen Lazarett geht sie dem Doktor zur Hand und lernt so die Grauen des Krieges kennen, der nun immer näher rückt. Unmittelbar vor dem Einmarsch der Yankees setzen bei Melanie die Wehen ein. In ihrer Verzweiflung wendet Scarlett sich an Rhett. Gemeinsam mit einer Hausangestellten helfen sie Melanie bei der Geburt ihres Sohnes. Anschließend fliehen sie vor Plünderern und heranrückenden Soldaten aus Atlanta. Kurz bevor sie Tara erreichen, verlässt Rhett die Frauen und den Säugling, um sich den Südstaatlern anzuschließen.

Tara

Vom Anwesen steht nur noch das Hauptgebäude. Ansonsten sind Land und Stallungen verwüstet und geplündert. Scarletts Mutter ist verstorben, ihr Vater hat den Verstand verloren und ihre beiden Schwestern sind krank. Zum ersten Mal ist Scarlett in ihrem Leben ganz auf sich gestellt. Aber sie ist genauso widerstandsfähig wie dickköpfig und schwört, nie wieder Hunger leiden zu müssen.

Teil 2

Scarlett übernimmt die Rolle des Familienoberhaupts. Einen marodierenden Yankee-Soldaten erschießt sie in Notwehr. Überraschenderweise hilft Melanie ihr bei der Entsorgung der Leiche. Als Ashley aus dem Krieg zurückkehrt, will auch Scarlett ihm um den Hals fallen. Im letzten Moment kann Mammy, das farbige Kindermädchen, sie zurückhalten. Unter vier Augen gesteht Scarlett dem Rückkehrer erneut ihre Liebe. Obwohl auch Ashley Gefühle für sie hat, will er Melanie und ihren gemeinsamen Sohn nicht verlassen. Eine Grundstückssteuer in Höhe von 300 Dollar auf Tara versucht Scarlett von Rhett zu erhalten. Nachdem dieses Vorhaben scheitert, macht sie sich an Fred, den Freund ihrer Schwester, heran, der in Atlanta mit einem Geschäft zu etwas Wohlstand gekommen ist. Beide heiraten und Scarlett baut das Unternehmen aus.

Der dritte Mann

Nach einem Überfall auf Scarlett nehmen sowohl Fred als auch Ashley an der geheimen Zusammenkunft einer Bürgerwehr (Klu-Klux-Klan) teil. Während Fred dabei erschossen wird, verschafft Rhett Ashley ein Alibi und kann ihn so vor der Verhaftung retten. Rhett nutzt die Gunst der Stunde und unterbreitet Scarlett einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Die Geburt der gemeinsamen Tochter Bonny bringt kurzfristig Entlastung im Dauerstreit des Paares, zumal Rhett die Kleine abgöttisch liebt. Aber der nächste Schicksalsschlag lässt nicht lange auf sich warten. Bonny bricht sich bei einem Reitunfall das Genick. Kurz darauf stirbt auch noch Melanie. Auf dem Totenbett muss Scarlett ihr versprechen, sich um Ashley und ihren Sohn zu kümmern. Scarlett wirft sich dem Geliebten in die Arme, der allerdings wieder in Selbstmitleid versinkt. Erst jetzt erkennt sie, dass Ashley der Falsche und Rhett der Richtige ist. Aber der hat mittlerweile endgültig das Weite gesucht. 

Antikriegsfilm

Der 1. Teil konzentriert sich auf die Charakterisierung seiner Protagonisten, insbesondere auf Scarlett O’Hara sowie auf die Auswirkungen eines erbarmungslosen Krieges, ohne eine einzige Kampfhandlung zu visualisieren. Gerade mit diesem Fokus auf das, was Krieg mit den Menschen macht, überzeugt „Vom Winde verweht“ als eindrucksvoller Antikriegsfilm. Eine Liebesgeschichte ist im 1. Teil nicht erkennbar. Dafür sind die Begegnungen zwischen Scarlett und Rhett auch zu flüchtig und stets von frotzelndem Geplänkel geprägt. Eine Liebesgeschichte oder Melodrama mit Fundament benötigt aber sowohl eine Annäherung als auch Zeit, die die Liebenden miteinander verbringen (s.a. „Unterwegs nach Cold Mountain“). 

Drama

Im 2. Teil dominiert das zwischenmenschliche Drama, das aus Schicksalsschlägen und der Unfähigkeit der Protagonisten resultiert, über den eigenen Schatten zu springen. Ein einziges Mal schafft Rhett es, seine Eifersucht und verletzten Eitelkeiten hintenanzustellen. Das ist die Phase nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter. Nach deren Unfalltod fällt das Ehepaar sofort wieder in seine destruktiven Verhaltensmuster zurück. Es sind also die inneren Widerstände oder Konditionierungen, die hier zum Scheitern führen, womit der Film auch an Marcel Carnés Meisterwerk „Die Kinder des Olymp“ erinnert, ohne an dessen Qualitäten heranzureichen. 

Heldin

Scarlett ist keine typische Frauenfigur, schon gar nicht für die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist. Sie ist wahrlich kein Heimchen am Herd. Nach Bonnys Geburt betrachtet sie skeptisch ihre Taille im Spiegel und verkündet: „Ich will keine Babys mehr.“ Scarlett ist eine interessante Heldin, aber nicht sympathisch. Muss sie auch nicht. Für den Erfolg ihres Unternehmens ist ihr die rücksichtslose Ausbeutung ihrer Arbeiter gleichgültig: „Wie ich das Geld verdiene, soll mir egal sein.“ Sie ist verzogen, privilegiert, temperamentvoll, lebenshungrig, unreif, ein verwöhntes Balg – im 1. Teil. Dann entwickelt sie sich zu einer starken, selbständigen und freiheitsliebenden Person, wobei sie ihren Eigensinn und ihre Kämpfernatur nie verliert, auch nicht nach dem Totalverlust. Das veranschaulicht auch ihr Schlusssatz: „Morgen ist auch noch ein Tag.“ Es geht immer weiter, egal was passiert.

Liebesgeschichte

Im Grunde sind beide Hauptfiguren sich zu ähnlich. Auf dem Opernball bringt Rhett es auf den Punkt: „Wir sind selbständig, gerissen und nennen die Dinge beim Namen.“ Dickköpfigkeit fehlt noch in dieser Aufzählung. Bei ihm kommt noch die Eifersucht hinzu, die eigentlich gar nicht zu einem Lebemann wie ihm zu passen scheint. Außerdem behandelt er Scarlett bis zum Ende von oben herab: „Ich verlass’ dich jetzt, mein Kind.“ Beide agieren im Stile eines klassischen Odd-Couple-Paares und sind Opfer ihrer Träume. Bis zum Schluss ist Scarlett Sklavin ihrer Obsession für Ashley Wilkes. Erst als Melanie stirbt und sie quasi noch den Auftrag bekommt, sich um den Witwer zu kümmern, erkennt sie, dass dieser nicht der Richtige ist. Aber da ist es zu spät. Rhett möchte, dass Scarlett ihn irgendwann mal so anschaut wie Ashley. Als das dann endlich passiert, läuft er davon. Scarlett genauso. Im Grunde kann sie alles haben, nur Ashley nicht. Das ist Teil der Obsession. Als sie ihn ganz am Ende für sich haben kann, will sie ihn nicht mehr. Da ist dann Schluss mit den Spielereien.

Die Liebe des Lebens

Letztlich hat man bei Scarlett und Rhett zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie füreinander bestimmt sind, wie etwa die Protagonisten in „Begegnung“ von David Lean oder „Die Brücken am Fluss“ von Clint Eastwood. Deshalb hat die Liebesgeschichte in „Vom Winde verweht“ auch nicht die Intensität dieser beiden Meisterwerke. Sie ist bei weitem nicht so stark. Das hängt auch mit den äußeren Widrigkeiten zusammen. Denn eine Liebesgeschichte zweier Menschen, die füreinander bestimmt sind und aufgrund widriger äußerer Umstände nicht zueinander kommen, ist weitaus dramatischer. Wir fühlen mehr mit ihnen mit. Die finale Trennung von Scarlett und Rhett lässt einen vergleichsweise kalt. 

Stärken

Es gibt eine sehr schöne Szene, die ohne Worte Scarletts innere Verfassung visualisiert. Auf dem Wohltätigkeitsball in Atlanta sieht man sie von hinten, wie sie als „trauernde“ Witwe von einer Empore scheinbar regungslos auf die Tanzenden schaut. Dann gleitet die Kamera am schwarzen Kleid nach unten und verbleibt auf ihren im Takte der Musik hin und her schwingenden Beinen. Kein Zweifel: Die Frau hat Hummeln im Hintern. Positiv ist auch, dass zwar ziemlich oft aber schnell gestorben wird. Es gibt kein langes Siechtum. Ein Brief vom verstorbenen Charles, zack, Trauerkleidung. Weiter geht’s. Bonny fällt vom Pferd. Schnitt auf den Sarg. Dadurch verliert der Tod an Bedeutungsschwere und gewinnt etwas Natürliches.

Rassismus

„Vom Winde verweht“ wird latenter Rassismus vorgeworfen. Sicher, die Schwarzen werden durch Stereotype dargestellt. Magd Prissy ist – filmisch ausgedrückt – unterbelichtet, der Hausangestellte Pork (Schweinefleisch) ist in der Not hilflos. Immerhin ist das Kindermädchen Mammy resolut und nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie ist sozusagen die Quoten-Farbige und eine wichtige Vertrauensperson. Aber diese simplifizierten Charakterzeichnungen sind ihrer Zeit geschuldet. Die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, die Zeit der Rassenunruhen, von Martin Luther King, den Black Panthers, die Werke von James Baldwin oder Toni Morrison waren noch in weiter Ferne. Im Grunde verhält es sich mit der Aufarbeitung des Rassismus’ ähnlich wie mit der Darstellung der Native Americans in den frühen Western (s. z.B. „Ringo“). Diese berechtigte Kritik hat aber nichts mit den erzählerischen Schwächen des Films zu tun. Sie sind ein Ablenkungsmanöver: Man redet über Rassismus, anstatt übers Handwerk. Wenn in diesem Film eine Gruppierung wirklich diskreditiert wird, dann sind es die Nordstaatler, also die „Yankees“. Sie treten hier ausschließlich als marodierende, plündernde, Unheil bringende Horde in Erscheinung.

Weitere Schwächen

Irgendwann wirkt dieses sich ständig wiederholende Geplänkel zwischen Scarlett und Rhett ein bisschen langweilig. Über die gesamte Länge des Films gibt es in diesem Punkt, mit Ausnahme von Bonnys Kindheit und dem Schluss, keine Änderung und keine Entwicklung. Die Gutmütigkeit und Anständigkeit von Melanie ist schwer zu ertragen. Ein einziges Mal sorgt die Cousine für eine Überraschung, als sie Scarlett beim Entsorgen der Leiche hilft.

Fazit

„Vom Winde verweht“ hat seine Qualitäten als Drama, als Charakterstudie und Antikriegsfilm. Für eine Liebesgeschichte oder für ein Melodrama fehlen einfach die Zutaten.

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Gone Baby Gone

USA 2007, Länge: 114 Min., FSK: 16
Roman: Denis Lehane
Produktion: Miramax u.a.
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Ben Affleck, Aaron Stockard
Kamera: John Toll
Musik: Harry Gregson-Williams
Montage: William Goldenberg
Darsteller: Casey Affleck, Morgan Freeman u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Das Versprechen, Kidnapping
Suspense: nicht vorhanden
Held: hartnäckig
Gegenspieler: gehen über Leichen
Stimmung: beklemmend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar
Datenträger: Blu-ray, DVD

In „Gone Baby Gone“, der auf dem gleichnamigen Roman von Denis Lehane beruht, geht es um die Aufklärung des Verschwindens der 4-jährigen Amanda. Demzufolge handelt es sich um einen lupenreinen Krimi mit eingestreuten dramatischen Elementen, also um ein Krimidrama.

Auch ein Whodunit, das immerhin mit zwei klassischen Erzählmotiven aufwartet, nämlich „Das Versprechen“ und – wie erst später deutlich wird –  „Kidnapping“. Damit erinnert der Krimi auch an den genialen „Es geschah am helllichten Tag“ von Ladislao Vajda, in Kooperation mit Friedrich Dürrenmatt. Schlichtweg atemberaubend in „Gone Baby Gone“ ist die Besetzung sämtlicher Haupt- und Nebenrollen, die Ausstattung, die Kostüme, die Requisiten sowie die Dialoge. Teilweise kommt man sich vor wie in einem Dokumentarfilm, der eine unglaubliche Nähe zu seinen Protagonisten herstellt. Das funktioniert nur mit gegenseitigem Vertrauen und erfordert viel Zeit. An diesen Stellen merkt man, dass Regisseur Ben Affleck am Drehort, einem Arbeiterviertel von Boston, aufgewachsen ist. Er ist einer von ihnen, ein Junge aus Dorchester, genauso wie Autor Denis Lehane.

Die Geschichte

Der junge Privatdetektiv Patrick Kenzie und seine Partnerin Angela Gennaro erhalten den Auftrag, der verschwundenen 4-jährigen Amanda McCready nachzuspüren. Die ermittelnden Kripobeamten unter Leitung von Captain Jack Doyle sind wenig begeistert. Erst als sich eine Spur zum Drogenhändler Cheese auftut, der Amanda entführt haben soll, um unterschlagene Drogengelder zurückzubekommen, kooperieren sie mit den Privatdetektiven. Scheinbar. Tatsächlich fingieren sie bei einer nächtlichen Lösegeldübergabe Amandas Ableben und erschießen den Drogenhändler. Nach und nach kommt Patrick einem Komplott auf die Spur: Amanda wurde von Captain Doyle und seinen Detectives entführt, um der Kleinen ein besseres Leben zu ermöglichen. Im Gegensatz zu seiner Partnerin hält Patrick diesen Eingriff für moralisch verwerflich und alarmiert die Behörden. Doyle wird verhaftet und Amanda wieder zu ihrer alleinerziehenden Mutter gebracht.

Stärken

Sehr schön ist die Etablierung eines Erzählers, der uns auf auf das Leben und die Menschen im Ghetto einführt: „Diese Stadt kann ganz schön hart sein.“ Auch wenn es sich in „Gone Baby Gone“ um ein Rätselspiel handelt („Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion.“ Alfred Hitchcock), sorgen etliche Überraschungen und die Lösung des Falls für Spannung. Das liegt auch daran, dass Patrick sich auf gefährliches Terrain wagt und nicht nur bei seinen Verhandlungen mit dem Drogengangster in höchste Gefahr gerät. Denn Gut und Böse sind hier nicht eindeutig auseinander zu halten. Im Grunde geht von den Cops eine noch größere Gefahr aus. Sehr schön ist auch der finale Konflikt für Patrick: Soll er Amanda beim Captain lassen oder nicht? Gerade weil die Kleine sich dort offensichtlich wohlfühlt und seine Partnerin sich auf die Seite der Entführer schlägt, kann die Entscheidung kaum schwerer sein. Dramaturgisch perfekt.

Schwächen

Ein bisschen verwirrend ist die ganze Gangstergeschichte mit Cheese, Ray und Chris sowie den 125.000 Dollar. Dieses Rätselspiel wird nicht wirklich gelöst. Der vorgetäuschte Überfall von Detective Remy mit der Maske, als Amandas Onkel in einer Bar Internas der Entführung preisgibt, ist schon ein bisschen kurios. Zum einen kann man ihn trotz Maske identifizieren, zum anderen kommt sein Versuch, redselige Mitwisser auszuschalten, viel zu spät. Überhaupt ist die ganze Entführung zum Wohle eines vernachlässigten Kindes ein bisschen konstruiert und auch nicht zu Ende gedacht. Spätestens bei Amandas Einschulung müsste Captain Doyle doch eine Geburtsurkunde vorlegen. Und dann?

Filmkritik

In der Filmkritik wird „Gone Baby Gone“ „thematische Überfrachtung“ und „angestrengte Thesenhaftigkeit“ vorgeworfen. Aber was spricht denn gegen einen Austausch konträrer Meinungen, die ja auf beiden Seiten nicht an den Haaren herbeigezogen sind? Immerhin geht es hier um das Wohl eines Kindes. Thesen und Antithesen haben ja Fundament. Vielleicht haben Angela und der Captain ja recht? Wer weiß das schon? Ohne diesen Diskurs hätten die selben Kritiker dem Film wahrscheinlich Oberflächlichkeit und mangelnde Tiefe vorgeworfen? In jedem Fall regt der Film zum Nachdenken an.

Fazit

„Gone Baby Gone“ ist wahrlich „kein Kinderspiel“, worauf der Untertitel richtigerweise hinweist. Er serviert uns auch kein billiges Happy End, was ja, angesichts der Rückkehr der 4-jährigen Amanda in die Arme ihrer Mutter, hätte sein können. Nein, so einfach macht der Film es seinen Protagonisten und uns nicht. Am Schluss wird Patrick von der überforderten Mutter als Babysitter eingespannt. Das ist die Ironie: Er hat in moralischer Hinsicht richtig gehandelt, wofür ihm das Leben nun gewissermaßen den Mittelfinger rausstreckt.

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Train Dreams

USA 2025, Länge: 102 Min., FSK: 12
Produktion: Black Bear Pictures u.a.
Regie: Clint Bentley
Drehbuch: Clint Bentley, Greg Kwedar
Kamera: Adolpho Veloso
Musik: Bryce Dessner
Montage: Parker Laramie
Darsteller: Joel Edgerton, Felicity Jones u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: teilweise vorhanden
Suspense: nicht vorhanden
Held: arbeitsam
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: getragen
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: Netflix

„Train Dreams“ erzählt das Leben des Holzfällers und Wanderarbeiters Robert Grainier nach der gleichnamigen Novelle von Denis Johnson.

Auch hier ist die literarische Vorlage nicht für eine filmische Adaption geeignet. Eine Lebensgeschichte ist keine Geschichte. Es fehlt die dramatische Verdichtung, ein klassisches Erzählmotiv. Warum sollte die dramaturgische Regel von Patricia Highsmith („Eine gute Geschichte beginnt so nah wie möglich vor ihrem Ende“) etwas von ihrer Gültigkeit verloren haben? Warum sollte überhaupt eine dramaturgische Regel nicht stimmen? Nur weil diese hier vor 60 Jahren postuliert wurde oder der Begriff „Regel“ eine negative Konnotation hat? „Train Dreams“ ist im Grunde nichts weiter als eine schön bebilderte Collage von Lebensschnipseln, die interessant sind, aber keine tiefergehenden Gefühle hervorrufen.

Inhalt

Robert Grainier (Joel Edgerton) hat früh seine Eltern verloren und wächst bei Adoptiveltern auf. Später arbeitet er als Holzfäller beim Eisenbahnbau. Zwischen zwei Arbeitseinsätzen lernt er eines Tages die gleichaltrige Gladys kennen und verliebt sich. Beide errichten eine Blockhütte an einem kleinen Fluss. Die Zeit familiärer Idylle erreicht mit der Geburt der kleinen Kate ihren Höhepunkt. Doch Robert versäumt den Absprung von seiner gefahrvollen Arbeit in der Wildnis. Eines Tages kehrt er zurück und findet die Blockhütte niedergebrannt vor. Von Frau und Tochter fehlt jede Spur. Beide sind offensichtlich Opfer eines verheerenden Waldbrandes. Dieser Schicksalsschlag bringt Roberts Leben aus den Bahnen. Erst als ein befreundeter Indianer und ein paar zugelaufene Hunde sich um ihn kümmern, fasst er ganz allmählich neuen Mut. Robert baut die Blockhütte neu auf, lebt aber bis zum Ende als Eremit.

Stärken

Es gibt ein paar schöne, lebensbejahende Szenen mit Eigenwert, zum Beispiel die Liebesgeschichte zwischen Robert und Gladys. Dann die Szenen mit Robert und seiner kleinen Tochter. Die Hilfsbereitschaft des Indianers Ignatius Jack, der sich als einziger um den Traumatisierten kümmert. Die zugelaufenen Hunde, die plötzlich in seiner Blockhütte auftauchen und ihn ins Leben zurückholen. Auffallend ist auch die Vermeidung der Visualisierung von Gewalttaten. Als ein chinesischer Arbeiter beim Eisenbahnbau von einer Brücke gestoßen wird, bleibt die Kamera bei Robert. Wir sehen nicht den Gewaltakt, sondern die Reaktion des Zuschauenden, was eigentlich viel stärker ist. Wenn Tiere erlegt werden, sieht man nie die blutenden Kadaver. Einmal wird im Lager der Holzfäller ein Mann im Racheakt erschossen. Auch das sieht man aus der Ferne. Dafür schwelgt die Kamera in wunderschönen Landschaftsaufnahmen. Eine Hymne an die Natur, bis ihr dann von den Menschen der Garaus gemacht wird. 

Schwächen

„Train Dreams“ erinnert nicht nur wegen seiner fehlenden Voraussetzungen für eine Verfilmung an „Butcher’s Crossing“, auch thematisch: Die Eroberung des US-amerikanischen Westens als Akt rücksichtsloser Profitgier, die die Vernichtung von Ur-Einwohnern, Tieren und ihrer Natur billigend in Kauf nimmt. Nur, ist das keine neue Erkenntnis. Warum die Verarbeitung in einem dahinplätschernden Film? Warum belässt man es nicht bei einem literarischen Werk, das – wie „Butcher’s Crossing“ – wohl seine Qualitäten hat? Zudem sorgt der Erzähler hier für eine permanente Distanz zum Protagonisten. Es entsteht keine Nähe, keine Synchronisation von Gefühlen. Das liegt auch am fehlenden Suspense sowie am viel zu spät platzierten ersten dramatischen Höhepunkt: der niedergebrannten Blockhütte. Die sinistren Klangteppiche, die den Film wie ein Gespinst durchziehen, erzeugen eine bedeutungsschwere Grundstimmung. Alles sehr getragenen hier. 

Merkwürdigkeiten

Über die heimelige, geschmackvolle Ausstattung in der selbst errichteten Blockhütte vor gut 100 Jahren darf man sich schon wundern. Den Tod von Frau und Kind im Waldbrand könnte man als Metapher verstehen: Die Natur schlägt zurück. So ist das eben, wenn man sich an ihr vergeht. Aber wenn Gladys und Kate im Schlaf von den Flammen überrascht wurden, wieso sind dann keine sterblichen Überreste in der Blockhütte zu finden? Wenn sie nicht überrascht wurden, ergibt sich die Frage, wieso sie sich nicht in den nahen Fluss gerettet haben?

Fazit

Am Ende von „Train Dreams“ erfahren wir noch, dass Robert – hoch oben in den Lüften, in einer zweisitzigen Propellermaschine – sich endlich mit allem verbunden fühlt. Das können wir als Zuschauer an dieser Stelle eigentlich nicht behaupten. Immerhin kann man diesen Traum ganz entspannt vor sich ablaufen lassen. Er ist interessant und lässt einen nicht schweißtreibend hochschrecken, aber das war’s dann auch.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Clint Bentleys "Train Dreams".

Das Leben des David Gale

USA, D 2003, Länge: 130 Min., FSK: 12
Produktion: Universal Pictures u.a.
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Charles Randolph
Kamera: Michael Seresin
Musik: Alex + Jake Parker
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Kevin Spaces, Kate Winslet u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Unschuldig Beschuldigt
Suspense: nicht vorhanden
Held: Alkoholiker
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: rätselhaft
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„Das Leben des David Gale“ ist ein lupenreiner Krimi mit tragischen Elementen, also ein Krimidrama.

Er gehört zu den schwächeren Werken von Alan Parker, der so herausragende Filme wie „Mississippi Burning“ gedreht hat. Das gutgemeinte Plädoyer gegen die Todesstrafe misslingt, weil es ein unglaubwürdiges Konstrukt ist. Es rückt die egozentrischen Interessen des Protagonisten in den Vordergrund, anstatt die Unzulänglichkeiten eines Justizsystems anzuprangern, das erwiesenermaßen in Einzelfällen die Verurteilung von Unschuldigen billigend in Kauf nimmt. Im Fall des David Gale ist Justitia hinters Licht geführt worden, aber sie hat nicht versagt.

Die Geschichte

Philosophieprofessor David Gale (Kevin Spacey) ist wegen Vergewaltigung und Mord an Constance Harraway, Leiterin der Bürgerrechtsbewegung Death Watch, zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung soll in vier Tagen in Huntsville (Texas) stattfinden. Die Journalistin Bitsey Bloom (Kate Winslet) wird beauftragt, drei Exklusiv-Interviews mit dem Todeskandidaten zu führen. Bei den Gesprächen im Gefängnis behauptet David, das Opfer eines Komplotts zu sein. Angefangen habe es mit der Falschbehauptung einer Studentin, sie vergewaltigt zu haben. Für den Vorwurf gab es keine Beweise. Die anschließende Rufmordkampagne bewirkte allerdings den Verlust seiner Professur und die Trennung von Frau und Sohn. Daraufhin ergab David sich dem Alkohhol.

Der Mord

Eines Tages wird Constance vergewaltigt und ermordet aufgefunden. Der Verdacht fällt auf David, zumal bei der Obduktion Spermaspuren von ihm gefunden werden. Bitsey erhält bei ihren Recherchen ein manipuliertes Video, das zeigt, wie Constance Suizid begeht. Das nährt in Bitsey den Verdacht, dass die krebskranke Frau ihr Ableben benutzt hat, um ein für sie amoralisches Justizsystem anzuprangern. Kurz vor der Hinrichtung gelingt es Bitsey, Beweise für ihre Theorie aufzuspüren. Doch sie kommt zu spät zum Hinrichtungsort. David ist bereits mit einer Giftspritze hingerichtet worden. Am Ende erhält sie eine Paketsendung mit dem vollständigen Film vom Suizid, auf dem auch David als Mittäter zu sehen ist. Er war also Teil der Inszenierung und im Sinne der Anklage tatsächlich unschuldig.en Mafia.

Stärken

Im Film werden viele Fragen aufgeworfen und nur sukzessive Erklärungen abgegeben. Das sorgt für Rätselspannung. Man will wissen, wie das alles zusammenhängt. Auch die vielen Zeitsprünge erfordern Aufmerksamkeit. Man muss sich schon konzentrieren, um den Überblick zu behalten. Auch das ist gut. Die ins Spiel gebrachte Deadline von vier Tagen bis zum Exitus sorgt ebenfalls für Dramatik. Des Weiteren gibt es ein starkes Erzählmotiv, nämlich „Unschuldig Beschuldigt“, dessen dramatisches Potenzial aber ignoriert wird. Das Krimidrama erinnert von der Thematik auch an „Ein wahres Verbrechen“ von Clint Eastwood oder an „Just Mercy“ von Dessin Daniel Cretton, aber ohne deren Qualitäten zu erreichen.

Schwächen

Die Rätselspannung enthält keinen Suspense: „Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion“ (Alfred Hitchcock). Das ist eines der Hauptprobleme von „Das Leben des David Gale“. Man bleibt unberührt. Das liegt auch an den Protagonisten. Wie sollen Gefühle aufkommen, wenn David sich dem Alkohol widmet, anstatt um seinen Ruf und vor allem um seinen Sohn zu kämpfen? Eine Anteilnahme wird spätestens dann unmöglich, als klar wird, dass er sich aus rein egozentrischen Motiven an diesem Suizid-Konstrukt beteiligt hat. Ihm ging es nur darum, sich vor seiner Frau und seinen Kollegen reinzuwaschen, als Märtyrer dazustehen. Das Ganze ist nichts weiter als eine wehleidige Retourkutsche. Bitsey ist auch nicht viel besser. Im Grunde wird sie nur benutzt und hechelt dem Geschehen bis zum bitteren Ende stets hinterher. Für eine Anteilnahme hätte es einer aktiveren, trickreicheren Figur bedurft, die die Zusammenhänge rechtzeitig durchschaut und eingegriffen hätte.

Unglaubwürdigkeiten

Völlig unglaubwürdig ist die ganze Planung und Durchführung des Suizids in nur einer Nacht. Wie soll das denn funktionieren? Da sind doch vier Beteiligte mit im Boot: David, Constance, ihr Freund Dusty sowie ihr zwielichtiger Anwalt. Und die sind sich in der Kürze der Zeit alle einig, mit dieser Inszenierung zwei Menschenleben zu opfern?! Außerdem passt dieses Konstrukt überhaupt nicht zum Charakter von Constance, der einzigen sympathischen Figur in diesem Film. Dann wartet der Film mit einigen Übertreibungen auf, die irgendwann ein bisschen nerven: Ständig regnet es in Texas, ständig muss David sich einen hinter die Binde kippen. Das gipfelt dann in übertriebenem Overacting, zum Beispiel als David volltrunken an einer Telefonzelle rumtobt.

Lösungen

Schauen wir doch mal an, wie Clint Eastwood das in „Gran Torino“ gemacht hat. Da ist der Held ebenfalls unheilbar an Krebs erkrankt. Aber hier haben wir Suspense. Nur Walt Kowalski und die Zuschauer wissen von seiner tödlichen Erkrankung, die er dann am Ende zur Lösung der Geschichte einsetzt. Dann schauen wir doch mal an, wie Sam Fuller das in seinem Psychothriller „Schock-Korridor“ gemacht hat. Da gibt es einen investigativen Journalisten, der sich in eine psychiatrische Klinik einweisen lässt, um die dortigen Missstände anzuprangern. Allerdings hat er noch ein zusätzliches Motiv: Er will nämlich den Mord an einem Patienten aufklären. Kombinieren wir doch mal die Vorzüge dieser beiden Filme und nehmen mal an, dass nicht Constance, sondern David an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Das würde seine egozentrischen Motive in den Hintergrund rücken und die Kritik an der Todesstrafe in den Vordergrund. Zusätzlich könnte man, wie in „Schock-Korridor“, diese Inszenierung mit der Aufklärung eines Verbrechens kombinieren. Im Gefängnis könnte David nämlich im Falle eines zu Unrecht Verurteilten ermitteln, dessen Unschuld sich am Ende beweisen ließe. Dann hätten wir ein echtes Plädoyer gegen die Todesstrafe und könnten mit ihm mitfiebern, aber so …

Fazit

„Das Leben des David Gale“ schöpft sein dramatisches Potenzial nicht aus und weckt leider keine Emotionen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Alan Parkers "Das Leben des David Gale".

Mississippi Burning

USA 1988, Länge: 127 Min., FSK: 16
Produktion: Orion Pictures
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Chris Gerolmo
Kamera: Peter Biziou
Musik: Trevor Jones
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Willem Dafoe, Gene Hackman u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Die Suche
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): hartnäckig
Gegenspieler: perfide
Stimmung: spannend
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Mississippi Burning“ ist ein fulminantes, schonungsloses Krimidrama, das 1964 zur Zeit von Rassenunruhen in Jessup County (Mississippi) spielt.

Es beruht auf der Ermordung von drei Bürgerrechtlern durch Mitglieder des Klu-Klux-Klans. Der Krimi ist handwerklich brillant gemacht. Die Inszenierung, die Musik, die Kameraarbeit – einfach hervorragend. Der Film besticht auch durch Authentizität in Besetzung und Ausstattung, die schlichtweg atemberaubend ist. Da stimmt jedes Detail, was wesentlich zur emotionalen Anteilnahme beiträgt. Ein Vergleich der armseligen Behausungen von „Mississippi Burning“ mit denen von Steven Spielbergs „Die Farbe Lila“ oder Tate Taylors „The Help“ macht deutlich, wie lächerlich letztere Filme nicht nur in diesem Punkt sind. 

Die Geschichte

Nach dem Verschwinden von drei Bürgerrechtsaktivisten, die von Mitgliedern des Klu-Klux-Klans ermordet wurden, werden die FBI-Agenten Alan Ward (Willem Dafoe) und Rupert Anderson (Gene Hackman) mit der Aufklärung des Falls beauftragt. In Jessup County stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens. Nachdem die beiden Agenten das ausgebrannte Autowrack der Vermissten in einem Sumpfgebiet aufgespürt haben, fordern sie zusätzliches Personal an. Aber die Leichen der jungen Männer sind nicht aufzufinden. 

Ermittlungen

Während der gesetzestreue Alan Ward Akten wälzt und Befragungen durchführt, ermittelt Rupert Anderson auf seine Weise. Er freundet sich mit Mrs. Pell (Frances McDormand), der Frau des Hilfssheriffs, an und bekommt schließlich heraus, dass sie ihrem Mann ein falsches Alibi verschafft hat. Daraufhin wird sie von Pell im Beisein anderer Klan-Mitglieder brutal zusammengeschlagen. Anderson gerät darüber derart in Rage, dass es über die weitere Vorgehensweise mit Ward zu einem handfesten Streit kommt. Aber beide raufen sich zusammen und entscheiden sich fortan für illegale Ermittlungsmethoden. So können sie einen der verdächtigten Klan-Mitglieder zur Aussage erpressen. Dessen Geständnis führt zum Fund der drei Leichen und zur Festnahme und Verurteilung der Mörder.

Odd-Couple

„Mississippi Burning“ ist ein Paradebeispiel für das dramatische Potenzial, das einer Besetzung von völlig gegensätzlichen Charakteren innewohnt. Auf der einen Seite der akribische, idealistische Paragraphenreiter Alan Ward, auf der anderen das erfahrene, ebenso zynische wie charmante Raubein Rupert Anderson. Erschwerend kommt hinzu, dass der jüngere Ward der Vorgesetzte des älteren Anderson ist und beide für diese Mission aneinander gekettet sind. So ist das richtig. Außerdem sorgt Anderson mit seiner unorthodoxen Art immer wieder für Lacher. Beiden schaut man gerne zu, wie sie streitend und ganz allmählich den Mördern das Handwerk legen.

Stärken

Obwohl es sich bei „Mississippi Burning“ um ein klassisches Whodunit handelt, entwickelt der Krimi eine sogartige Spannung. Das liegt auch an dem Wissen, am Erschrecken, dass dieser Krimi auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Der gezeigte gewalttätige Rassismus macht einen fassungslos. In diesem Fall ist es ein Vorteil, dass Gut und Böse klar verteilt sind. Wir können mit den beiden Helden mitfiebern, dass es ihnen gelingen möge, diesen Augiasstall auszumisten. Ein weiteres großes Plus ist die Einführung einer dokumentarischen Ebene. So sind zum einen Original-Aufnahmen von Versammlungen des Klu-Klux-Klans zu sehen, zum anderen fiktive Interviews mit Bewohnern von Jessup County. In den Statements und in den Gesichtern der Menschen wird der tief verwurzelte Rassismus deutlich. Mrs. Pell bringt es irgendwann auf den Punkt: „In der Schule sagten sie, dass Rassentrennung in der Bibel steht: Genesis 9, Vers 27. Mit sieben Jahren wird dir das so oft gesagt, dass du alles glaubst. Ich glaube, dass Hass, wenn man ihn einatmet, einen vergiftet.“

Werbefilme

Alan Parker hat vor seiner Karriere als Filmregisseur Werbefilme gedreht, genauso wie Stanley Kubrick, Ridley und Tony Scott, Michael Bay, David Fincher usw. Was sie außerdem vereint: Ihre Filme sind handwerklich exzellent gestaltet. Woran liegt das? Ein Regisseur von Kurzprojekten ist eigentlich dauernd am Machen. Kinoprojekte benötigen einen längeren Vorlauf. Es vergehen oftmals Jahre bis ein Stoff realisiert werden kann, wenn überhaupt. Was machen die Regisseure in der Zwischenzeit? Im Idealfall verdienen sie ihre Brötchen mit Fernsehfilmen oder eben mit Werbung. Aber je mehr praktische Erfahrung ein Regisseur mitbringt, desto unverkrampfter und rücksichtsloser wird er an Filmproduktionen herangehen. Das sind Kernattribute des Filmhandwerks.

Der Kriminalfall

FBI-Boss Hoover war ein erklärter Gegner von Bürgerrechtlern und wollte diesen Fall auf sich beruhen lassen. Präsident Lyndon B. Johnson drohte seiner Einrichtung jedoch mit Massenentlassungen. Erst diese Erpressung veranlasste Hoover, seine FBI-Agenten zu entsenden. Die tappten lange im Dunkeln, bis sie eine Belohnung von 25.000 Dollar für Hinweise zur Ergreifung der Täter aussetzten. Das veranlasste einen involvierten Streifenpolizisten zur Aussage. So konnten die Leichen aufgespürt und die Mörder überführt werden. In einem späteren Gerichtsverfahren sagte die Ehefrau eines Mafia-Gangsters aus, dass das FBI ihren Mann seinerzeit engagiert hatte. Der Mafioso – so die Ehefrau – hat dann einen der Klan-Miglieder unter Androhung von Folter zum Geständnis gezwungen. Diese Aussage wurde nie verifiziert, ist aber von Alan Parker auf prophetische Weise durchgespielt worden. Was klingt glaubhafter: Die Belohnungs- oder die Folterversion? Die 25.000 Dollar hätten dem Streifenpolizisten nicht viel genützt. Es wäre sein Todesurteil gewesen. Denn was der Klu-Klux-Klan mit Verrätern gemacht hat, erzählt Parkers Film eindrucksvoll. 

Schwächen

Singular. Gibt nur einen Schwachpunkt. Wie in „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“, der ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruht, gibt es auch in „Mississippi Burning“ eine Fülle von Gewalttaten, die sich so oder so ähnlich wohl ereignet haben. Allerdings stellt sich nach dem x-ten Brandanschlag von Klan-Mitgliedern auf eine Kirche oder Unterkünfte von Schwarzen irgendwann ein Gefühl der Abstumpfung ein. Man gewöhnt sich dran. Hier wäre weniger mehr gewesen. Zur Anteilnahme bedarf es einer Nähe zu den Personen, die hier in Mitleidenschaft geraten. Erst wenn wir eine Beziehung zu ihnen aufgebaut haben, können wir Gefühle entwickeln und mitleiden. Der Fokus auf den jungen Aaron Williams und seiner Familie hätte das emotionale Potenzial gehabt, anstelle der unpersönlichen Masse von flüchtenden Slumbewohnern. Der Junge hatte auch als einziges Opfer den Mut, gegen die Schergen des Klu-Klux-Klans auszusagen.

Fazit

Das Schlussbild zeigt eine Begräbnisfeier auf dem Friedhof von Jessup County. Zum ersten Mal sehen wir Weiße und Schwarze in Trauer vereint. Ein hoffnungsvolles Bild nach dieser Orgie rassistischer Gewalttaten. „Mississippi Burning“ ist nichts für schwache Gemüter, aber bietet zwei Stunden spannende, perfekt gemachte, schonungslose Unterhaltung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Alan Parkers "Mississippi Burning".

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The Whale

USA 2022, Länge: 117 Min., FSK: 12
Produktion: A24, Protozoa Pictures
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Samuel D. Hunter
Kamera: Matthew Libatique
Musik: Rob Simonsen
Montage: Andrew Weisblum
Darsteller: Brendan Fraser u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Verrat
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): beleibt
Gegenspieler: zynisch
Stimmung: düster
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

Es gibt Theaterstücke, die sich für eine Verfilmung eignen, zum Beispiel Ariel Dorfmans „Der Tod und das Mädchen“. „The Whale“, basierend auf einem Theaterstück von Samuel D. Hunter, hat zwar einige Vorzüge, gehört aber insgesamt nicht dazu.

Dafür ist das Drama zu künstlich, übertrieben, bemüht, hat einige Ungereimtheiten und weckt vor allem wenig Emotionen. Inhaltlich erinnert der Film an „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, der ebenfalls die Fettleibigkeit aufgrund eines Schicksalsschlags thematisiert. 

Die Geschichte

Charlie (Brendan Fraser) ist ein adipöser Dozent für Creative Writing, der seine Kurse für Studenten online abhält und dabei seinen Anblick geheim hält. Liz, die Schwester seines verstorbenen Partners und zugleich seine Krankenpflegerin, befürchtet seinen Tod innerhalb von wenigen Tagen, wenn er nicht ins Krankenhaus geht. Aber Charlie will nur noch eine Annäherung an seine 16-jährige Tochter Ellie herbeiführen, die er im Alter von acht Jahren verlassen hat. Die verhält sich beim Besuch allerdings äußerst aggressiv und ist augenscheinlich nur an seinem Geld interessiert. Auch der junge Missionar Thomas, Ex-Frau Mary und Pizzabote Dan können Charlie nicht das geben, wonach er sich sehnt: Akzeptanz und Vergebung. Erst in der Schlussszene, die nahtlos in Charlies Tod übergeht, ergreift Ellie die dargebotene Hand ihres Vaters und nennt ihn „Papa“.

Stärken

Hervorragend ist die Besetzung dieses Kammerspiels und die Ausstattung der Räume. Hier stimmt jedes Detail. Fachgerecht wird auch die Deadline in der Exposition platziert: Charlie hat noch knapp eine Woche zu leben, wenn er sein Verhalten nicht ändert. Aber sein Selbstmord auf Raten ist schon längst beschlossene Sache: „Ich bin nicht daran interessiert, gerettet zu werden.“ Auch einige Dialoge haben es in ihrer Schonungslosigkeit in sich, ebenso wie die Filmmusik, die an den Gesang der Buckelwale erinnert. Aber dann …

Schwächen

Nicht nur die heruntergelassenen Jalousien aller Räume sorgen für eine düstere Atmosphäre. Überhaupt ist alles düster. Daran ändert auch die gutgemeinte finale Annäherung zwischen Vater und Tochter nichts. Sie wird überlagert von einer beklemmenden Künstlichkeit und Übertriebenheit. In „The Whale“ ist alles ein bisschen zu viel, nicht nur Charlies Leibesumfang, sondern auch die rebellische Tochter, der hartnäckige Missionar, die verbitterte Ex-Frau usw. Überhaupt – die pubertierende Tochter. Für ihre durchweg zynischen Äußerungen fehlt eigentlich das Fundament. So etwas macht man doch nur gegenüber vertrauten Personen, also wenn im Familiensystem etwas schief läuft. Letzteres ist aber doch seit acht Jahren nicht mehr existent. Ellies Abweisung bei der Kontaktaufnahme mit ihrem Vater müsste neugierig, distanziert und kalt erfolgen. Des Weiteren enthält der Film keinerlei Gefahrenmomente, wenn man mal vom baldigen Suizid auf Raten absieht. Darüberhinaus kommt der Film auch praktisch humorfrei über die Runden. Einzige Ausnahme sind die Dialoge zwischen Ellie und dem Missionar. Ansonsten: alles ziemlich bedeutungsschwer. Auch in „The Whale“ die Frage, was das antike 4:3-Seitenverhältnis soll? Welchen erzählerischen Mehrwert hat diese Entscheidung?

Schuld

Eigentlich bringt Charlie ein paar Voraussetzungen für einen tauglichen Helden mit, zum Beispiel seine schuldhaften Verstrickungen in die Trennung von Frau und Tochter. Wie kommt es, dass diese Schuld keine Emotionen auslöst?

In Khaled Hosseini „Drachenläufer“ werden wir mit dem 10-jährigen Amir Zeuge einer Vergewaltigung seines besten Freundes. In der Folgezeit werden wir zu Mitleidenden seiner seelischen Qualen (Suspense). Amir war feige und dieses Eingeständnis wiegt schwerer als die Freundschaft. Es findet eine Synchronisation mit seinen Gefühlen statt. Wir wünschen uns sehnlichst, dass er sich seinem Vater anvertrauen möge. Stattdessen entscheidet er sich für das Lügen und Intrigieren, die den Freund und seinen Vater aus dem gemeinsamen Zuhause vertreiben. Das ist die Schuld, die Amir auf sich lädt. Das ist das Drama, das uns ins seinen Bann zieht.

Weiteres Beispiel: In Ernst Lubitschs „Der Mann, den sein Gewissen trieb“, tötet der französischer Soldat Paul im ersten Weltkrieg einen Deutschen. Die Umstände quälen ihn dermaßen, dass er Kontakt mit den Eltern des Verstorbenen aufnimmt und dort wie ein Freund behandelt wird. Wir wissen um die Hintergründe, nicht aber die Eltern (Suspense). Sein Wunsch nach Vergebung ist zum Scheitern verurteilt. Das ist das Drama, das uns auch hier gefangen nimmt.

„The Whale“ setzt acht Jahre nach den schuldhaften Verstrickungen des Protagonisten ein. Das ist der Fehler. Wir werden nicht Zeuge und Komplize seiner Gewissensqualen. Es fehlt der Suspense! Es wird nur darüber geredet, aber die Entscheidungen sind gefallen. Deshalb findet keine Synchronisation mit Charlies Gefühlen statt. Sein Wunsch nach Akzeptanz und Vergebung lässt uns kalt.

Lösungen

Die Figur des Missionars ist völlig unglaubwürdig und überflüssig. Warum sollte Thomas wieder und wieder auftauchen, wo er doch ein ums andere Mal eine Abfuhr erhält? Diese Figur entstammt nur dem intellektuellen Wunsch des Autors, den Protagonisten mit religiösen Themen zu konfrontieren. An diesen Stellen wird das ganze künstliche Konstrukt dieses Theaterstücks transparent. Dabei wäre die Lösung hier ganz einfach: Thomas müsste durch den Pizzaboten Dan ersetzt werden. Der hat nämlich einen Grund immer wiederzukommen. Das ist das Essen, das Charlie im Übermaß verschlingt. Die Diskussionen wären dann weltlicher Natur und nicht religiöser. 

Fazit

Für Aronofskys Botschaft, dass jeder Mensch – ob fett oder renitent – es wert ist, nicht aufgegeben zu werden, bedarf es eigentlich keines zweistündigen langweiligen Films. Das könnte man schlanker erledigen, vor allem spannender.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter Darren Aronofskys The Whale.

Der große Crash

USA 2011
Länge: 109 Min., FSK: 6
Produktion: Before The Door Pictures u.a.
Drehbuch + Regie: J.C. Chandor
Kamera: Frank G. DeMarco
Musik: Nathan Larson
Montage: Pete Beaudreau
Darsteller: Kevin Spacey, Jeremy Irons u.a.

Genre: True-Story-Drama
Erzählmotiv: Der Verdacht
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): nicht entwickelt
Gegenspieler: geldgierig
Stimmung: spannend
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, Videobuster, freenet Video

„Der große Crash“ ist eine hervorragend gemachte „True Story“, die auf dem Zusammenbruch der Lehman Brothers Investmentbank beruht.

Inszeniert wie eine spannende Dokumentation beleuchtet der Film Zusammenhänge, die Auslöser für eine der ganz großen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte war. Das Geschehen spielt sich kurz vor der Insolvenz, innerhalb eines Tages, weitgehend in den Räumen des Geldinstitutes ab. Dieser späte Erzählbeginn erzeugt Spannung (s. Postulat von Patricia Highsmith in „Dramaturgie“). Außerdem erweist sich auch hier die Einheit von Zeit, Ort und Handlung als großer erzählerischer Vorteil (auf Aristoteles basierende dramentheoretische Regel, s.a.: „Der Tod und das Mädchen“, „16 Blocks“ oder „Crawl“). 

Die Geschichte

Investmentbanker Eric Dale wird gefeuert. Bei seinem Weggang steckt er einem jungen Kollegen einen USB-Stick mit brisantem Material zu. Nach dessen Analyse verbergen sich hinter den geschönten Zahlen der Bank massenhaft Zertifikate mit einem sogenannten Klumpenrisiko. Der junge Broker schlägt Alarm. Sein Boss Sam Rogers (Kevin Spacey) informiert die Firmenleitung, die sofort reagiert. In nächtlichen Sitzungen beschließt man, die faulen Anleihen abzustoßen. So soll der interne Schaden, ohne Rücksichtnahme auf die Folgen für die Anleger, begrenzt werden. Sam und Eric werden mit großzügigen Gratifikationen bedacht, um moralischen Bedenken zu zerstreuen bzw. um Stillschweigen zu wahren. Am frühen Morgen stimmt Sam seine Trader auf den Ausverkauf ein. Es gelingt seiner Abteilung, über 90% dieser toxischen Zertifikate zu verkaufen.

Die Figuren

Die Schauspieler agieren allesamt hervorragend. Trotzdem kann man nicht so richtig mit ihnen mitfiebern. Woran liegt’s? Letztlich sind alle Figuren Rädchen im Finanzgetriebe, in das sie sich freiwillig begeben haben: Apostel des schnöden Mammons. Immer wieder spulen die Investmentbanker ihr Mantra ab: „Wir haben keine Wahl.“ Die hat man – mit Verlaub – aber immer, weshalb diese Behauptung übersetzt heißt: Ich will es so und nicht anders! Am Ende werden Sam und Eric großzügig abgefunden, also gekauft. Angebote, die sie nach eigenem Bekunden nicht ablehnen konnten. Da fragt man sich angesichts dieser üppigen Summen und ihres Einkommens schon, was denn das für Zwangslagen sein sollen? Eine emotionale Anteilnahme entsteht zu keiner der handelnden Personen.

Protagonist

Auch Sam, der noch am ehesten die Voraussetzungen für einen tauglichen Helden mitbringt, ist kein eindeutiger Protagonist. Das einzige Lebewesen, für das er Gefühle zeigt, ist sein todkranker Hund. Eine Nähe zu seiner Ex-Frau, zu seinem Sohn oder zu seinen Mitarbeitern existiert nicht wirklich. In den gigantischen Glaspalästen dominieren Einsamkeit und Gefühlskälte. Das ist das andere, auf den ersten Blick nicht sichtbare Krebsgeschwür. Die Gier, die Macht, die Angst, die alle im Würgegriff hat. Nur am Ende funktioniert die Metapher nicht. Da wird nur der Hund beerdigt, nicht aber die Habgier.

Antagonist

Desgleichen existiert kein eindeutiger Antagonist. CEO John Tuld ist zwar rücksichtslos, zynisch und profitgierig, aber das darf man vom Geschäftsführer eines amerikanischen Bankhauses auch erwarten. Gefahren gehen von ihm eigentlich nur für Mitarbeiter aus, die entlassen werden. Natürlich auch für geprellte Kreditnehmer und Anleger, die hier aber keine Rolle spielen. Aber Kündigungen kommt in einer Hire-and-Fire-Branche alle naselang vor, wie uns die Anfangssequenz veranschaulicht. Auch Tulds Rechtfertigungen sind nicht an den Haaren herbeigezogen: Schließlich hätten sie nur die unersättlichen Wünsche ihrer Anleger bedient. Das ist absolut richtig. Kredite sollten abgesichert sein und Erspartes kann man schließlich auch für einen niedrigen Prozentsatz bei einer Sparkasse anlegen. Die Gier ist allgegenwärtig. 

Defizite

Neben der Schwierigkeit, eine Nähe zu den Figuren aufzubauen, ist die Spannung in „Der große Crash“ rein informativer Natur. Diese Durchleuchtung von Strukturen und Machenschaften einer amerikanischen Investmentbank ist interessant, erhellend, auch faszinierend, aber nie mitreißend. Es gibt keinen Suspense. Wir wissen immer so viel oder so wenig, wie die agierenden Personen. Das ist aber kein dramatischer Vorteil, sondern ein Manko.

Lehman Pleite

Was „Der große Crash“ ausspart, sind die zum Teil ruinösen Folgen für andere Geldinstitute, Händler oder private Anleger. Das ist ungefähr so, als wenn man einen Film über den Erfinder der Atombombe dreht und dabei die verheerenden Folgen für Millionen von Menschen einfach ausklammert („Oppenheimer“). Darf man das? Kann man das einfach so machen? Eigentlich ist das fragwürdig, wenn nicht fahrlässig. Schließlich wird doch in beiden Fällen der Anspruch erhoben, wissenschaftliche bzw. ökonomische Strukturen zu durchleuchten. Dann gehören aber die desaströsen Auswirkungen dieser Erfindungen bzw. Machenschaften für andere Menschen mit ins erzählerische Portfolio. Ansonsten bleibt es bruchstückhaft.

Fazit

„Der große Crash“ ist ein hervorragend inszeniertes Finanzdrama mit Defiziten in der Figurenentwicklung und Dramaturgie. Die verheerenden Folgen dieses Finanzdebakels sind seltsamerweise nicht Gegenstand dieser Erzählung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter Der große Crash.

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Das Biest muss sterben

F 1969, Länge: 112 Min., FSK: 12
Produktion: Les Films la Boétie u.a.
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
Kamera: Jean Rabier
Musik: Pierre Jansen, Johannes Brahms
Montage: Jacques Gaillard
Darsteller: Michel Duchaussoy, Caroline Cellier u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Rache
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): ein Traumatisierter
Gegenspieler: Kotzbrocken
Stimmung: düster
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: LaCinetek

„Das Biest muss sterben“ von Claude Chabrol ist ein spannendes Krimidrama, das auf einer Romanvorlage von Nicholas Blake beruht und ein klassisches Erzählmotiv variiert, nämlich Rache.

Hier ist es der verwitwete Vater Carles Thénier, dessen einziger Sohn von einem Autoraser überfahren wird und stirbt. Der Täter begeht Fahrerflucht. Den einzigen Sinn im weiteren Leben sieht Charles darin, den Mörder seines Sohnes aufzuspüren. Am Ende kann er ihn zur Strecke bringen, womit auch seine Mission im Leben beendet ist. Der Krimi kann mit seiner düsteren Atmosphäre, geleitet von der inneren Stimme des Helden, seinen Wendungen und seiner Suspense-Geschichte überzeugen.

Suspense

Das große Vorbild von Claude Chabrol war Alfred Hitchcock, dem Master of Suspense. Auch wenn es sich in „Das Biest muss sterben“ um ein Whodunit handelt, liegt ihm eine Suspense-Struktur zugrunde: Charles und der Zuschauer wissen von seinen Racheplänen, nicht aber die anderen. Das ist sehr schön konstruiert und schafft Spannung. Zusätzlicher Druck entsteht durch die Gefühle, die Charles und Hélène, die Beifahrerin im Unfallwagen, füreinander entwickeln. Einen liebenswerten Menschen zu hintergehen, ist weitaus schwieriger als ein „Biest“. Nur in einem Punkt hat Chabrol sein Vorbild nicht richtig studiert. Damit sind wir bei den drei gravierenden Mängeln dieses Krimidramas.

Defätismus

Francois Truffaut: „Es ist, glaube ich, sehr problematisch, in einem Film ein Kind sterben zu lassen. Das grenzt schon an Missbrauch des Kinos. Was meinen Sie?“ Alfred Hitchcock: „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Es ist ein schwerer Fehler.“
„Das Biest muss sterben“ ist nichts anderes als eine Bestätigung dieser Einsicht. Durch den Tod des Jungen und der Suche nach dem Mörder legt sich von Anfang bis zum Ende eine bleierne Schwere über den Film.  Von französischer Leichtigkeit oder zumindest von Tragikomik ist hier nichts zu spüren. Das ist eigentlich schade. Charles’ Frau oder seine Mutter wären die tauglicheren Unfallopfer gewesen. Das hätte an seinem Rachemotiv nichts geändert, wohl aber am defätistischen Grundtenor und seinem Ende: Charles hat Hélène einen Abschiedsbrief hinterlassen und segelt in seiner Jolle aufs offene Meer hinaus, was seinen sicheren Tod bedeutet.

Zufall

Die Suche nach dem Mörder entspricht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Polizei hat zu wenig Anhaltspunkte, nur die Vermutung, dass der Kotflügel des Unfallwagens verbeult ist. Überprüfungen von Autowerkstätten und Schrottplätzen verlaufen ergebnislos. Im Grunde stehen die Ermittler, einschließlich Charles, mit leeren Händen da. Just in diesem Moment fährt Charles sich mit seinem Sportwagen auf einem schlammigen Feldweg fest. Dasselbe Schicksal hat – welch Zufall! – Wochen zuvor auch der Unfallfahrer Paul und seine Beifahrerin Hélène ereilt. Ein freundlicher Bauer berichtet Charles umfassend vom vorangegangenen Malheur und sein Sohn kennt auch noch Hélènes Identität. Das ist – mit Verlaub – schon ein wenig kurios. Hier wäre es besser gewesen, mehr Indizien ins Spiel zu bringen. Das Aufspüren der Identitäten hätte das Ergebnis von Charles’ kriminalistischen und psychologischen Ermittlungen sein müssen. Der Zufall, zumal noch so ein eklatanter, ist immer ein erzählerisches Manko.

Antagonist

Bösewicht Paul ist zwar ein Schurke wie er im Buche steht, aber zu eindimensional charakterisiert. Er ist ein Tyrann, der Ehefrau und Sohn im Beisein anderer schikaniert und demütigt. Er ist ein wahrer Kotzbrocken, dessen Ableben niemanden berührt. Das ist schade und dramaturgisch verschenkt. Denn viel schlimmer für den Helden wäre es gewesen, wenn man den Täter mit sympathischen Facetten ausgestattet hätte. Oder noch schlimmer: Wenn Charles sich auch mit ihm angefreundet hätte. Es wäre das schlimmstmögliche Dilemma gewesen, das ein gekonnter Erzähler durchexerziert hätte.

Fazit

Das „Biest muss sterben“ ist ein abgründiges Krimidrama mit Mängeln in der Dramaturgie und der Charakterisierung des Antagonisten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Claude Chabrols Das Biest muss sterben.

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