Mississippi Burning

USA 1988, Länge: 127 Min., FSK: 16
Produktion: Orion Pictures
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Chris Gerolmo
Kamera: Peter Biziou
Musik: Trevor Jones
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Willem Dafoe, Gene Hackman u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Die Suche
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): hartnäckig
Gegenspieler: perfide
Stimmung: spannend
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Mississippi Burning“ ist ein fulminantes, schonungsloses Krimidrama, das 1964 zur Zeit von Rassenunruhen in Jessup County (Mississippi) spielt. Es beruht auf der Ermordung von drei Bürgerrechtlern durch Mitglieder des Klu-Klux-Klans. Der Krimi ist handwerklich brillant gemacht. Die Inszenierung, die Musik, die Kameraarbeit – einfach hervorragend. Der Film besticht auch durch Authentizität in Besetzung und Ausstattung, die schlichtweg atemberaubend ist. Da stimmt jedes Detail, was wesentlich zur emotionalen Anteilnahme beiträgt. Ein Vergleich der armseligen Behausungen von „Mississippi Burning“ mit denen von Steven Spielbergs „Die Farbe Lila“ oder Tate Taylors „The Help“ macht deutlich, wie lächerlich letztere Filme nicht nur in diesem Punkt sind. 

Die Geschichte

Nach dem Verschwinden von drei Bürgerrechtsaktivisten, die von Mitgliedern des Klu-Klux-Klans ermordet wurden, werden die FBI-Agenten Alan Ward (Willem Dafoe) und Rupert Anderson (Gene Hackman) mit der Aufklärung des Falls beauftragt. In Jessup County stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens. Nachdem die beiden Agenten das ausgebrannte Autowrack der Vermissten in einem Sumpfgebiet aufgespürt haben, fordern sie zusätzliches Personal an. Aber die Leichen der jungen Männer sind nicht aufzufinden. 

Ermittlungen

Während der gesetzestreue Alan Ward Akten wälzt und Befragungen durchführt, ermittelt Rupert Anderson auf seine Weise. Er freundet sich mit Mrs. Pell (Frances McDormand), der Frau des Hilfssheriffs, an und bekommt schließlich heraus, dass sie ihrem Mann ein falsches Alibi verschafft hat. Daraufhin wird sie von Pell und anderen Klan-Mitgliedern brutal zusammengeschlagen. Anderson gerät derart in Rage, dass es über die weitere Vorgehensweise mit Ward zu einem handfesten Streit kommt. Aber beide raufen sich zusammen und entscheiden sich fortan für illegale Ermittlungsmethoden. So können sie einen der verdächtigten Klan-Mitglieder zur Aussage erpressen. Dessen Geständnis führt zum Fund der drei Leichen und zur Festnahme und Verurteilung der Mörder.

Odd-Couple

„Mississippi Burning“ ist ein Paradebeispiel für das dramatische Potenzial, das einer Besetzung von völlig gegensätzlichen Charakteren innewohnt. Auf der einen Seite der akribische, idealistische Paragraphenreiter Alan Ward, auf der anderen das erfahrene, ebenso zynische wie charmante Raubein Rupert Anderson. Erschwerend kommt hinzu, dass der jüngere Ward der Vorgesetzte des älteren Anderson ist und beide für diese Mission aneinander gekettet sind. So ist das richtig. Außerdem sorgt Anderson mit seiner unorthodoxen Art immer wieder für Lacher. Beiden schaut man gerne zu, wie sie streitend und ganz allmählich den Mördern das Handwerk legen.

Stärken

Obwohl es sich bei „Mississippi Burning“ um ein klassisches Whodunit handelt, entwickelt der Krimi eine sogartige Spannung. Das liegt auch an dem Wissen, am Erschrecken, dass dieser Krimi auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Der gezeigte gewalttätige Rassismus macht einen fassungslos. In diesem Fall ist es ein Vorteil, dass Gut und Böse klar verteilt sind. Wir können mit den beiden Helden mitfiebern, dass es ihnen gelingen möge, diesen Augiasstall auszumisten. Ein weiteres großes Plus ist die Einführung einer dokumentarischen Ebene. So sind zum einen Original-Aufnahmen von Versammlungen des Klu-Klux-Klans zu sehen, zum anderen fiktive Interviews mit Bewohnern von Jessup County. In den Statements und in den Gesichtern der Menschen wird der fest verwurzelte Rassismus deutlich. Mrs. Pell bringt es irgendwann auf den Punkt: Man wird nicht mit Hass geboren, aber wenn sie dir von klein auf eintrichtern wie minderwertig die andere Rasse ist, glaubt man es irgendwann.

Werbefilme

Alan Parker hat vor seiner Karriere als Filmregisseur Werbefilme gedreht, genauso wie Stanley Kubrick, Ridley und Tony Scott, Michael Bay, David Fincher usw. Was sie außerdem vereint: Ihre Filme sind handwerklich exzellent gestaltet. Woran liegt das? Ein Regisseur von Kurzprojekten ist eigentlich dauernd am Machen. Kinoprojekte benötigen einen längeren Vorlauf. Es vergehen oftmals Jahre bis ein Stoff realisiert werden kann, wenn überhaupt. Was machen die Regisseure in der Zwischenzeit? Im Idealfall verdienen sie ihre Brötchen mit Fernsehfilmen oder eben mit Werbung. Aber je mehr praktische Erfahrung ein Regisseur mitbringt, desto unverkrampfter und rücksichtsloser wird er an Filmproduktionen herangehen. Das sind Kernattribute des Filmhandwerks.

Der Kriminalfall

FBI-Boss Hoover war ein erklärter Gegner von Bürgerrechtlern und wollte diesen Fall auf sich beruhen lassen. Präsident Lyndon B. Johnson drohte seiner Einrichtung jedoch mit Massenentlassungen. Erst diese Erpressung veranlasste Hoover, seine FBI-Agenten zu entsenden. Die tappten lange im Dunkeln, bis sie eine Belohnung von 25.000 Dollar für Hinweise zur Ergreifung der Täter aussetzten. Das veranlasste einen involvierten Streifenpolizisten zur Aussage. So konnten die Leichen aufgespürt und die Mörder überführt werden. In einem späteren Gerichtsverfahren sagte die Ehefrau eines Mafia-Gangsters aus, dass das FBI ihren Mann zur Mitarbeit gedungen hatte. Der Mafioso – so die Ehefrau – hat dann einen der Klan-Miglieder unter Androhung von Folter zum Geständnis gezwungen. Diese Aussage wurde nie verifiziert, ist aber von Alan Parker auf prophetische Weise durchgespielt worden. Was klingt glaubhafter: Die Belohnungs- oder die Folterversion? Die 25.000 Dollar hätten dem Streifenpolizisten nicht viel genützt. Es wäre sein Todesurteil gewesen. Denn was der Klu-Klux-Klan mit Verrätern gemacht hat, erzählt Parkers Film eindrucksvoll. 

Schwächen

Singular. Gibt nur einen Schwachpunkt. Wie in „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“, der ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruht, gibt es auch in „Mississippi Burning“ eine Fülle von Gewalttaten, die sich so oder so ähnlich wohl ereignet haben. Allerdings stellt sich nach dem x-ten Brandanschlag von Klan-Mitgliedern auf eine Kirche oder Behausung von Schwarzafrikanern irgendwann ein Gefühl der Abstumpfung ein. Man gewöhnt sich dran. Hier wäre weniger mehr gewesen. Zur Anteilnahme bedarf es einer Nähe zu den Personen, die hier in Mitleidenschaft geraten. Erst wenn wir eine Beziehung zu ihnen aufgebaut haben, können wir Gefühle entwickeln und mitleiden. Der Fokus auf den jungen Aaron Williams und seiner Familie hätte das emotionale Potenzial gehabt, anstelle der unpersönlichen Masse von flüchtenden Schwarzafrikanern. Der Junge hatte auch als einziges Opfer den Mut, gegen die Schergen des Klu-Klux-Klans auszusagen.

Fazit

Das Schlussbild zeigt eine Begräbnisfeier auf dem Friedhof von Jessup County. Zum ersten Mal sehen wir Weiße und Schwarze in Trauer vereint. Ein hoffnungsvolles Bild nach dieser Orgie rassistischer Gewalttaten. „Mississippi Burning“ ist nichts für schwache Gemüter, aber bietet zwei Stunden spannende, perfekt gemachte, schonungslose Unterhaltung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Alan Parkers "Mississippi Burning".

„Mississippi Burning“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Kinoplakate & Aushangfotos von „Mississippi Burning“ bei

The Whale

USA 2022, Länge: 117 Min., FSK: 12
Produktion: A24, Protozoa Pictures
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Samuel D. Hunter
Kamera: Matthew Libatique
Musik: Rob Simonsen
Montage: Andrew Weisblum
Darsteller: Brendan Fraser u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Verrat
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): beleibt
Gegenspieler: zynisch
Stimmung: düster
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

Es gibt Theaterstücke, die sich für eine Verfilmung eignen, zum Beispiel Ariel DorfmansDer Tod und das Mädchen“. „The Whale“, basierend auf einem Theaterstück von Samuel D. Hunter, hat zwar einige Vorzüge, gehört aber insgesamt nicht dazu. Dafür ist das Drama zu künstlich, übertrieben, bemüht, hat einige Ungereimtheiten und weckt vor allem wenig Emotionen. Inhaltlich erinnert der Film an „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, der ebenfalls die Fettleibigkeit aufgrund eines Schicksalsschlags thematisiert. 

Die Geschichte

Charlie (Brendan Fraser) ist ein adipöser Dozent für Creative Writing, der seine Kurse für Studenten online abhält und dabei seinen Anblick geheim hält. Liz, die Schwester seines verstorbenen Partners und zugleich seine Krankenpflegerin, befürchtet seinen Tod innerhalb von wenigen Tagen, wenn er nicht ins Krankenhaus geht. Aber Charlie will nur noch eine Annäherung an seine 16-jährige Tochter Ellie herbeiführen, die er im Alter von acht Jahren verlassen hat. Die verhält sich beim Besuch allerdings äußerst aggressiv und ist augenscheinlich nur an seinem Geld interessiert. Auch der junge Missionar Thomas, Ex-Frau Mary und Pizzabote Dan können Charlie nicht das geben, wonach er sich sehnt: Akzeptanz und Vergebung. Erst in der Schlussszene, die nahtlos in Charlies Tod übergeht, ergreift Ellie die dargebotene Hand ihres Vaters und nennt ihn „Papa“.

Stärken

Hervorragend ist die Besetzung dieses Kammerspiels und die Ausstattung der Räume. Hier stimmt jedes Detail. Fachgerecht wird auch die Deadline in der Exposition platziert: Charlie hat noch knapp eine Woche zu leben, wenn er sein Verhalten nicht ändert. Aber sein Selbstmord auf Raten ist schon längst beschlossene Sache: „Ich bin nicht daran interessiert, gerettet zu werden.“ Auch einige Dialoge haben es in ihrer Schonungslosigkeit in sich, ebenso wie die Filmmusik, die an den Gesang der Buckelwale erinnert. Aber dann …

Schwächen

Nicht nur die heruntergelassenen Jalousien aller Räume sorgen für eine düstere Atmosphäre. Überhaupt ist alles düster. Daran ändert auch die gutgemeinte finale Annäherung zwischen Vater und Tochter nichts. Sie wird überlagert von einer beklemmenden Künstlichkeit und Übertriebenheit. In „The Whale“ ist alles ein bisschen zu viel, nicht nur Charlies Leibesumfang, sondern auch die rebellische Tochter, der hartnäckige Missionar, die verbitterte Ex-Frau usw. Überhaupt – die pubertierende Tochter. Für ihre durchweg zynischen Äußerungen fehlt eigentlich das Fundament. So etwas macht man doch nur gegenüber vertrauten Personen, also wenn im Familiensystem etwas schief läuft. Letzteres ist aber doch seit acht Jahren nicht mehr existent. Ellies Abweisung bei der Kontaktaufnahme mit ihrem Vater müsste neugierig, distanziert und kalt erfolgen. Des Weiteren enthält der Film keinerlei Gefahrenmomente, wenn man mal vom baldigen Suizid auf Raten absieht. Darüberhinaus kommt der Film auch praktisch humorfrei über die Runden. Einzige Ausnahme sind die Dialoge zwischen Ellie und dem Missionar. Ansonsten: alles ziemlich bedeutungsschwer. Auch in „The Whale“ die Frage, was das antike 4:3-Seitenverhältnis soll? Welchen erzählerischen Mehrwert hat diese Entscheidung?

Schuld

Eigentlich bringt Charlie ein paar Voraussetzungen für einen tauglichen Helden mit, zum Beispiel seine schuldhaften Verstrickungen in die Trennung von Frau und Tochter. Wie kommt es, dass diese Schuld keine Emotionen auslöst?

In Khaled Hosseini „Drachenläufer“ werden wir mit dem 10-jährigen Amir Zeuge einer Vergewaltigung seines besten Freundes. In der Folgezeit werden wir zu Mitleidenden seiner seelischen Qualen (Suspense). Amir war feige und dieses Eingeständnis wiegt schwerer als die Freundschaft. Es findet eine Synchronisation mit seinen Gefühlen statt. Wir wünschen uns sehnlichst, dass er sich seinem Vater anvertrauen möge. Stattdessen entscheidet er sich für das Lügen und Intrigieren, die den Freund und seinen Vater aus dem gemeinsamen Zuhause vertreiben. Das ist die Schuld, die Amir auf sich lädt. Das ist das Drama, das uns ins seinen Bann zieht.

Weiteres Beispiel: In Ernst Lubitschs „Der Mann, den sein Gewissen trieb“, tötet der französischer Soldat Paul im ersten Weltkrieg einen Deutschen. Die Umstände quälen ihn dermaßen, dass er Kontakt mit den Eltern des Verstorbenen aufnimmt und dort wie ein Freund behandelt wird. Wir wissen um die Hintergründe, nicht aber die Eltern (Suspense). Sein Wunsch nach Vergebung ist zum Scheitern verurteilt. Das ist das Drama, das uns auch hier gefangen nimmt.

„The Whale“ setzt acht Jahre nach den schuldhaften Verstrickungen des Protagonisten ein. Das ist der Fehler. Wir werden nicht Zeuge und Komplize seiner Gewissensqualen. Es fehlt der Suspense! Es wird nur darüber geredet, aber die Entscheidungen sind gefallen. Deshalb findet keine Synchronisation mit Charlies Gefühlen statt. Sein Wunsch nach Akzeptanz und Vergebung lässt uns kalt.

Lösungen

Die Figur des Missionars ist völlig unglaubwürdig und überflüssig. Warum sollte Thomas wieder und wieder auftauchen, wo er doch ein ums andere Mal eine Abfuhr erhält? Diese Figur entstammt nur dem intellektuellen Wunsch des Autors, den Protagonisten mit religiösen Themen zu konfrontieren. An diesen Stellen wird das ganze künstliche Konstrukt dieses Theaterstücks transparent. Dabei wäre die Lösung hier ganz einfach: Thomas müsste durch den Pizzaboten Dan ersetzt werden. Der hat nämlich einen Grund immer wiederzukommen. Das ist das Essen, das Charlie im Übermaß verschlingt. Die Diskussionen wären dann weltlicher Natur und nicht religiöser. 

Fazit

Für Aronofskys Botschaft, dass jeder Mensch – ob fett oder renitent – es wert ist, nicht aufgegeben zu werden, bedarf es eigentlich keines zweistündigen langweiligen Films. Das könnte man schlanker erledigen, vor allem spannender.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter Darren Aronofskys The Whale.

Der große Crash

USA 2011
Länge: 109 Min., FSK: 6
Produktion: Before The Door Pictures u.a.
Drehbuch + Regie: J.C. Chandor
Kamera: Frank G. DeMarco
Musik: Nathan Larson
Montage: Pete Beaudreau
Darsteller: Kevin Spacey, Jeremy Irons u.a.

Genre: True-Story-Drama
Erzählmotiv: Der Verdacht
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): nicht entwickelt
Gegenspieler: geldgierig
Stimmung: spannend
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, Videobuster, freenet Video

„Der große Crash“ ist eine hervorragend gemachte „True Story“, die auf dem Zusammenbruch der Lehman Brothers Investmentbank beruht. Inszeniert wie eine spannende Dokumentation beleuchtet der Film Zusammenhänge, die Auslöser für eine der ganz großen Finanzkrisen der letzten Jahrzehnte war. Das Geschehen spielt sich kurz vor der Insolvenz, innerhalb eines Tages, weitgehend in den Räumen des Geldinstitutes ab. Dieser späte Erzählbeginn erzeugt Spannung (s. Postulat von Patricia Highsmith in „Dramaturgie“). Außerdem erweist sich auch hier die Einheit von Zeit, Ort und Handlung als großer erzählerischer Vorteil (auf Aristoteles basierende dramentheoretische Regel, s.a.: „Der Tod und das Mädchen“, „16 Blocks“ oder „Crawl“). 

Die Geschichte

Investmentbanker Eric Dale wird gefeuert. Bei seinem Weggang steckt er einem jungen Kollegen einen USB-Stick mit brisantem Material zu. Nach dessen Analyse verbergen sich hinter den geschönten Zahlen der Bank massenhaft Zertifikate mit einem sogenannten Klumpenrisiko. Der junge Broker schlägt Alarm. Sein Boss Sam Rogers (Kevin Spacey) informiert die Firmenleitung, die sofort reagiert. In nächtlichen Sitzungen beschließt man, die faulen Anleihen abzustoßen. So soll der interne Schaden, ohne Rücksichtnahme auf die Folgen für die Anleger, begrenzt werden. Sam und Eric werden mit großzügigen Gratifikationen bedacht, um moralischen Bedenken zu zerstreuen bzw. um Stillschweigen zu wahren. Am frühen Morgen stimmt Sam seine Trader auf den Ausverkauf ein. Es gelingt seiner Abteilung, über 90% dieser toxischen Zertifikate zu verkaufen.

Die Figuren

Die Schauspieler agieren allesamt hervorragend. Trotzdem kann man nicht so richtig mit ihnen mitfiebern. Woran liegt’s? Letztlich sind alle Figuren Rädchen im Finanzgetriebe, in das sie sich freiwillig begeben haben: Apostel des schnöden Mammons. Immer wieder spulen die Investmentbanker ihr Mantra ab: „Wir haben keine Wahl.“ Die hat man – mit Verlaub – aber immer, weshalb diese Behauptung übersetzt heißt: Ich will es so und nicht anders! Am Ende werden Sam und Eric großzügig abgefunden, also gekauft. Angebote, die sie nach eigenem Bekunden nicht ablehnen konnten. Da fragt man sich angesichts dieser üppigen Summen und ihres Einkommens schon, was denn das für Zwangslagen sein sollen? Eine emotionale Anteilnahme entsteht zu keiner der handelnden Personen.

Protagonist

Auch Sam, der noch am ehesten die Voraussetzungen für einen tauglichen Helden mitbringt, ist kein eindeutiger Protagonist. Das einzige Lebewesen, für das er Gefühle zeigt, ist sein todkranker Hund. Eine Nähe zu seiner Ex-Frau, zu seinem Sohn oder zu seinen Mitarbeitern existiert nicht wirklich. In den gigantischen Glaspalästen dominieren Einsamkeit und Gefühlskälte. Das ist das andere, auf den ersten Blick nicht sichtbare Krebsgeschwür. Die Gier, die Macht, die Angst, die alle im Würgegriff hat. Nur am Ende funktioniert die Metapher nicht. Da wird nur der Hund beerdigt, nicht aber die Habgier.

Antagonist

Desgleichen existiert kein eindeutiger Antagonist. CEO John Tuld ist zwar rücksichtslos, zynisch und profitgierig, aber das darf man vom Geschäftsführer eines amerikanischen Bankhauses auch erwarten. Gefahren gehen von ihm eigentlich nur für Mitarbeiter aus, die entlassen werden. Natürlich auch für geprellte Kreditnehmer und Anleger, die hier aber keine Rolle spielen. Aber Kündigungen kommt in einer Hire-and-Fire-Branche alle naselang vor, wie uns die Anfangssequenz veranschaulicht. Auch Tulds Rechtfertigungen sind nicht an den Haaren herbeigezogen: Schließlich hätten sie nur die unersättlichen Wünsche ihrer Anleger bedient. Das ist absolut richtig. Kredite sollten abgesichert sein und Erspartes kann man schließlich auch für einen niedrigen Prozentsatz bei einer Sparkasse anlegen. Die Gier ist allgegenwärtig. 

Defizite

Neben der Schwierigkeit, eine Nähe zu den Figuren aufzubauen, ist die Spannung in „Der große Crash“ rein informativer Natur. Diese Durchleuchtung von Strukturen und Machenschaften einer amerikanischen Investmentbank ist interessant, erhellend, auch faszinierend, aber nie mitreißend. Es gibt keinen Suspense. Wir wissen immer so viel oder so wenig, wie die agierenden Personen. Das ist aber kein dramatischer Vorteil, sondern ein Manko.

Lehman Pleite

Was „Der große Crash“ ausspart, sind die zum Teil ruinösen Folgen für andere Geldinstitute, Händler oder private Anleger. Das ist ungefähr so, als wenn man einen Film über den Erfinder der Atombombe dreht und dabei die verheerenden Folgen für Millionen von Menschen einfach ausklammert („Oppenheimer“). Darf man das? Kann man das einfach so machen? Eigentlich ist das fragwürdig, wenn nicht fahrlässig. Schließlich wird doch in beiden Fällen der Anspruch erhoben, wissenschaftliche bzw. ökonomische Strukturen zu durchleuchten. Dann gehören aber die desaströsen Auswirkungen dieser Erfindungen bzw. Machenschaften für andere Menschen mit ins erzählerische Portfolio. Ansonsten bleibt es bruchstückhaft.

Fazit

„Der große Crash“ ist ein hervorragend inszeniertes Finanzdrama mit Defiziten in der Figurenentwicklung und Dramaturgie. Die verheerenden Folgen dieses Finanzdebakels sind seltsamerweise nicht Gegenstand dieser Erzählung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter Der große Crash.

„Der große Crash“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Farbiges Logo von freenet Video.

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

In blau, schwarz und weiß gestaltetes Logo von Videobuster.

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Originaldrehbuch von „Der große Crash“ für Bildungszwecke zum Download

Farbiges Logo von script slug - ein Portal, das Original-Drehbücher zum Download anbietet.

Das Biest muss sterben

F 1969, Länge: 112 Min., FSK: 12
Produktion: Les Films la Boétie u.a.
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
Kamera: Jean Rabier
Musik: Pierre Jansen, Johannes Brahms
Montage: Jacques Gaillard
Darsteller: Michel Duchaussoy, Caroline Cellier u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Rache
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): ein Traumatisierter
Gegenspieler: etwas eindimensional
Stimmung: düster
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: LaCinetek

„Das Biest muss sterben“ von Claude Chabrol ist ein spannendes Krimidrama, das auf einer Romanvorlage von Nicholas Blake beruht und ein klassisches Erzählmotiv variiert, nämlich Rache. Hier ist es der verwitwete Vater Carles Thénier, dessen einziger Sohn von einem Autoraser überfahren wird und stirbt. Der Täter begeht Fahrerflucht. Den einzigen Sinn im weiteren Leben sieht Charles darin, den Mörder seines Sohnes aufzuspüren. Am Ende kann er ihn zur Strecke bringen, womit auch seine Mission im Leben beendet ist. Der Krimi kann mit seiner düsteren Atmosphäre, geleitet von der inneren Stimme des Helden, seinen Wendungen und seiner Suspense-Geschichte überzeugen.

Suspense

Das große Vorbild von Claude Chabrol war Alfred Hitchcock, dem Master of Suspense. Auch wenn es sich in „Das Biest muss sterben“ um ein Whodunit handelt, liegt ihm eine Suspense-Struktur zugrunde: Charles und der Zuschauer wissen von seinen Racheplänen, nicht aber die anderen. Das ist sehr schön konstruiert und schafft Spannung. Zusätzlicher Druck entsteht durch die Gefühle, die Charles und Hélène, die Beifahrerin im Unfallwagen, füreinander entwickeln. Einen liebenswerten Menschen zu hintergehen, ist weitaus schwieriger als ein „Biest“. Nur in einem Punkt hat Chabrol sein Vorbild nicht richtig studiert. Damit sind wir bei den drei gravierenden Mängeln dieses Krimidramas.

Defätismus

Francois Truffaut: „Es ist, glaube ich, sehr problematisch, in einem Film ein Kind sterben zu lassen. Das grenzt schon an Missbrauch des Kinos. Was meinen Sie?“ Alfred Hitchcock: „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Es ist ein schwerer Fehler.“
„Das Biest muss sterben“ ist nichts anderes als eine Bestätigung dieser Einsicht. Durch den Tod des Jungen und der Suche nach dem Mörder legt sich von Anfang bis zum Ende eine bleierne Schwere über den Film.  Von französischer Leichtigkeit oder zumindest von Tragikomik ist hier nichts zu spüren. Das ist eigentlich schade. Charles’ Frau oder seine Mutter wären die tauglicheren Unfallopfer gewesen. Das hätte an seinem Rachemotiv nichts geändert, wohl aber am defätistischen Grundtenor und seinem Ende: Charles hat Hélène einen Abschiedsbrief hinterlassen und segelt in seiner Jolle aufs offene Meer hinaus, was seinen sicheren Tod bedeutet.

Zufall

Die Suche nach dem Mörder entspricht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Polizei hat zu wenig Anhaltspunkte, nur die Vermutung, dass der Kotflügel des Unfallwagens verbeult ist. Überprüfungen von Autowerkstätten und Schrottplätzen verlaufen ergebnislos. Im Grunde stehen die Ermittler, einschließlich Charles, mit leeren Händen da. Just in diesem Moment fährt Charles sich mit seinem Sportwagen auf einem schlammigen Feldweg fest. Dasselbe Schicksal hat – welch Zufall! – Wochen zuvor auch der Unfallfahrer Paul und seine Beifahrerin Hélène ereilt. Ein freundlicher Bauer berichtet Charles umfassend vom vorangegangenen Malheur und sein Sohn kennt auch noch Hélènes Identität. Das ist – mit Verlaub – schon ein wenig kurios. Hier wäre es besser gewesen, mehr Indizien ins Spiel zu bringen. Das Aufspüren der Identitäten hätte das Ergebnis von Charles’ kriminalistischen und psychologischen Ermittlungen sein müssen. Der Zufall, zumal noch so ein eklatanter, ist immer ein erzählerisches Manko.

Antagonist

Bösewicht Paul ist zwar ein Schurke wie er im Buche steht, aber zu eindimensional charakterisiert. Er ist ein Tyrann, der Ehefrau und Sohn im Beisein anderer schikaniert und demütigt. Er ist ein wahrer Kotzbrocken, dessen Ableben niemanden berührt. Das ist schade und dramaturgisch verschenkt. Denn viel schlimmer für den Helden wäre es gewesen, wenn man den Täter mit sympathischen Facetten ausgestattet hätte. Oder noch schlimmer: Wenn Charles sich auch mit ihm angefreundet hätte. Es wäre das schlimmstmögliche Dilemma gewesen, das ein gekonnter Erzähler durchexerziert hätte.

Fazit

Das „Biest muss sterben“ ist ein abgründiges Krimidrama mit Mängeln in der Dramaturgie und der Charakterisierung des Antagonisten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Claude Chabrols Das Biest muss sterben.

„Das Biest muss sterben“ im Stream oder Download bei

Schwarzweißes Logo von LaCinetek.

Leihen: 3,99 Euro
Kaufen: 9,99 Euro

Das Spiel der Macht

USA 2006, Länge: 127 Min., FSK: 12
Roman: Robert Penn Warren
Produktion: Phoenix Pictures
Drehbuch + Regie: Steven Zaillian
Kamera: Pawel Edelman
Musik: James Horner
Montage: Wayne Wahrman
Darsteller: Sean Penn, Jude Law, Kate Winslet u.a.

Genre: Drama
Erzählmotiv: Die unmögliche Liebe
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): unterkühlt
Gegenspieler: raffiniert
Stimmung: korrupt
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: nicht verfügbar

„Das Spiel der Macht“ ist ein handwerklich herausragend gestaltetes Drama. Das Geschehen ist in Louisiana in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt und handelt vom Aufstieg und Fall des demokratischen Politikers Willie Stark (Sean Penn). Der inszeniert sich als Anwalt der Armen und Schwachen und kann so die Massen mobilisieren. Die ganze Besetzung, von der illustren Schauspielerriege bis hin zu den kleinsten Nebenrollen ist einfach brillant. Die Kameraarbeit von Pawel Edelman ist ein Kunstwerk. Er stammt von der seinerzeit besten Filmhochschule der Welt, aus dem polnischen Lódz, und hat viel mit Roman Polanski gedreht. Die Dialoge haben es in sich. Kein Zweifel, hier waren Könner am Werk.

Romanverfilmung

Sehr schön ist auch die innere Stimme des Ich-Erzählers, des Journalisten Jack Burden (Jude Law), der auf literarische Weise die Innenwelten der Figuren ausleuchtet. An diesen Stellen wird deutlich, dass erst sich hier um eine Romanverfilmung handelt, nämlich um „All the King’s Men“ von Robert Penn Warren, für den er seinerzeit den Pulitzer-Preis erhalten hat.

Dramaturgie

Die Verfilmung leidet unter einer mangelnden Konzentration. Neben den politischen Machenschaften wird noch ein klassisches Erzählmotiv angerissen, nämlich „Die unmögliche Liebe“. Leider wird die unerfüllte Leidenschaft von Jack zu seiner Jugendliebe Anne Stanton nur am Rande behandelt. Ihr Scheitern liegt auch nicht an den äußeren Umständen, wie bei „Romeo und Julia“ zum Beispiel, sondern an der Glorifizierung seines Bildes einer unbefleckten Liebe.

Dann ist da noch Jacks Freundschaft zu Annes Bruder, dem Arzt Dr. Adam Stanton. Auch zu ihm hatte Jack einst eine innige Beziehung. Nun benutzt er ihn für Willies politische Ränkespiele. Anne beschreibt Jack ihren Bruder folgendermaßen: „Er ist immer noch der selbe Idealist, der du früher warst“. Des Weiteren wird eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt, nämlich die Beziehung von Jack zu seinem Ziehvater Richter Irwing, den er ungewollt in den Selbstmord treibt. Das allein hätte schon genügend Stoff für ein abendfüllendes Drama geboten. All diese aufgeführten dramatischen Ereignisse rufen allerdings keinerlei Gefühle hervor. Woran liegt’s?

Protagonist

Der gravierendste Fehler in „Das Spiel der Macht“ liegt in der Unentschlossenheit der Charakterisierungen. Wer ist eigentlich der Held? Jack Burden oder der Robin-Hood-Verschnitt Willie Stark? Damit fängt’s an. Die innere Stimme des Ich-Erzählers deutet auf Jack hin. Er ist ein kühler, desillusionierter, teilweise zynischer, gutaussehender Journalist. Er wandelt Whiskey trinkend und wie ein zufällig anwesender Beobachter („ich beobachte lieber aus der Ferne“) durchs Geschehen, dem irgendwann seine Ideale abhanden gekommen sind. Das mag sein Interesse an Willie erklären, an seiner Empathie, seiner Authentizität und seinen scheinbar hehren Absichten. Jacks Wahlkampfhilfe wirkt wie eine Art Therapie: Kann Willie mir etwas zurückgeben, was irgendwann auf der Strecke geblieben ist? Nein, kann er nicht.

Emotionen

Zweimal zeigt Jack emotionale Reaktionen. Einmal als er gegenüber Richter Irwing belastendes Material zurückhält. Ein zweites Mal als seine Jugendliebe Anne ihn nach ihrer Affäre mit Willie aufsucht. Da fällt die Maske: „Wie konntest du mir das antun?!“ Da bricht alles aus ihm heraus. Es ist ein Eingeständnis seiner gefühlsmäßigen Unfähigkeit, das Bedauern verpasster Chancen, für die es keine Korrekturen gibt. Man kann nicht wirklich eine Nähe zu ihm aufbauen. Letztlich lässt einen das ganze Geschehen irgendwie unbeteiligt zurück. Jack durchläuft auch keine Entwicklung und zeigt keinerlei Schuldgefühle nach dem Suizid seines Ziehvaters, was die Distanz manifestiert. Der durchtriebene, bauernschlaue Willie wäre der tauglichere Held gewesen.

Konstruktionen

Die jahrzehntelang zurückliegende Korruptionsaffäre, in die Richter Irwing verwickelt war, wirkt schon arg konstruiert. Sie bestätigt letztlich Willies simples Weltbild, demnach jeder Dreck am Stecken hat: „Der Mensch stinkt sich durchs Leben, von der Windel bis zum Grab“. Viel glaubhafter und passender zu den politischen Machenschaften wäre es gewesen, wenn der Richter tatsächlich eine saubere Weste gehabt hätte. Er ist auch gar nicht der Typ für derart krumme Touren. Nein, ein Gerücht wäre die Lösung gewesen. Also eine Konstruktion, der man nur allzu gerne Glauben schenkt. Anstelle der Wahrheit hätte ihm die Unwahrheit das Genick brechen sollen. 

Showdown

Noch gravierender ist das konstruierte Finale. Das Motiv für den Attentäter Adam Stanton ist ein Gerücht, nämlich dass seine Schwester eine Affäre mit Willie eingegangen ist, um ihm die Leitung eines neuen Krankenhauses zuzuschanzen. Hmm? Das ist ziemlich schwach und nicht wirklich glaubhaft. Da hätte man schon eine krankhafte Geschwisterliebe – also Eifersucht – als Motiv herausarbeiten müssen. So wirkt das Ganze sehr inszeniert und plakativ, was ja auch die ästhetischen Schlussbilder mit zwei Leichen inmitten der kreisrunden Insignien des Staates Louisiana zeigen.

Fazit

In „Das Spiel der Macht“ kann die herausragende handwerkliche Gestaltung nicht über gravierende Mängel in der Dramaturgie und der Figurenentwicklung hinwegtäuschen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Das Spiel der Macht.

„All the King’s Men“ von Robert Penn Warren, neu bei bücher.de für 19,99 Euro

Farbiges Cover des Romans "All the King's Men" von Robert Penn Warren.

„All the King’s Men“ von Robert Penn Warren, gebraucht bei medimops

Vergiftete Wahrheit

Auch „Vergiftete Wahrheit“ von Todd Haynes orientiert sich an einer wahren Begebenheit und wird, ähnlich wie „Philomena“ von Stephen Frears oder der unsäglich langweilige „One Life“, zum Opfer seiner guten Absichten. Der Film beruht auf einem Bericht von Nathaniel Rich im New York Times Magazine und erzählt den Kampf des Anwalts Robert Bilott gegen den Pharmakonzern DuPont in West Virginia. Dieser hatte in den 80er Jahren Perfluoroctansäure (PFOA) in den Ohio River geleitet, damit wissentlich das Trinkwasser kontaminiert und zigtausende von Menschen vergiftet. Auch Todd Haynes unterliegt dem Fehler, sich eng an die Begebenheiten zu halten, die sich zudem über Jahrzehnte hinziehen und sich nicht wirklich für eine Verfilmung eignen. Alles ist interessant oder auch erhellend, aber nie packend. 

Stärken

Mit seiner ruhigen, etwas behäbigen Art erinnert Rob Bilott an Columbo. Man macht den Fehler, ihn zu unterschätzen. Aber er ist kompetent, hartnäckig, gründlich und nicht korrumpierbar. Wir können mit ihm sympathisieren, zumal es ein Kampf David gegen Goliath ist. Überhaupt sind alle Schauspieler, von den Farmern bis hin zu den Top-Anwälten, hervorragend besetzt. In seinen besten Momenten funktioniert „Vergiftete Wahrheit“ wie ein Krimi und Rob agiert wie ein Kommissar, der beharrlich die Puzzleteile eines Verbrechens zusammenträgt und am Schluss Anklage erhebt.

Schwächen

Ein großes Manko sind die fehlenden Gefahren. Einmal scheut Rob sich davor, die Zündschlüssel seines Wagens herumzudrehen. Eine Sprengladung? Aber dafür ist der Antagonist zu clever. Er ist nie wirklich greifbar, ein Phantom. Seine Schandtaten hat er bereits vollbracht. Nun ist er mit Vertuschung und Schadensbegrenzung beschäftigt und hat dafür gigantische finanzielle Mittel. DuPont ist eben nicht „Der weiße Hai“. Leider. Einmal wird Rob wegen gesundheitlicher Probleme ins Krankenhaus eingeliefert. Aber er erholt sich schnell wieder und Frau und Chef stehen an seiner Seite. Das ist schön, aber nicht spannend.

Protagonist

Im Grunde macht Rob alles richtig. Das ist lobenswert, aber auch nicht dramatisch. Er ist der Anwalt der Unterdrückten, der Geschädigten – ein guter Mensch, aber auch ein bisschen langweilig. Der Ehekonflikt ist vergleichsweise harmlos. Die Klagen seiner Frau über sein berufliches Überengagement sind im Grunde eine Liebeserklärung. Da geht es dem Whistleblower Jeffrey Wigand in „Insider“ von Michael Mann schon wesentlich schlechter. Seine Ehefrau reicht nämlich die Scheidung ein. Auch in „American Sniper“ von Clint Eastwood, ebenfalls nach einer wahren Begebenheit, wird das Eheleben hervorragend dramatisiert.

Fazit

Der eigentliche Skandal ist die Strafe, die DuPont für jahrzehntelange vorsätzliche schwere Körperverletzung mit Todesfolgen erhalten hat: Insgesamt mussten 1,1 Milliarden Dollar an Entschädigungen gezahlt werden. Das entspricht in etwa dem Gewinn nur der Teflon-Sparte, die der Konzern seinerzeit in einem Jahr erzielt hat! Anschließend hat der Konzern seine Spuren verwischt, sich in Dow Chemical umbenannt, die Agrarabteilung in Corteva. Heute firmiert der Konzern unter dem Namen „DuPont de Nemours“.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Vergiftete Wahrheit.

Die Saat des heiligen Feigenbaums

„Die Saat des heiligen Feigenbaums“ ist ein über weite Strecken packendes Familiendrama. Es spielt in Teheran zur Zeit der landesweiten Proteste im Zuge der von der Sittenpolizei festgenommenen und in der Haft verstorbenen Kurdin Mahsa Amini. Der Film zeigt eindrucksvoll, was staatliche Repression mit den Menschen macht. Sie sind Gefangene eines brutalen Machtapparats, der jegliche Opposition im Keim erstickt und dabei vor Gewalt nicht zurückschreckt. Zusätzlich wird ein klassisches Erzählmotiv etabliert: der Verdacht. Dieser resultiert aus dem Verschwinden der Dienstwaffe von Ermittlungsrichter Iman, der mit seiner Frau Najmeh sowie den Töchtern Rezvan und Sana in einer kleinen Wohnung lebt. Die Atmosphäre wird zunehmend beklemmender, klaustrophobischer. Auch in den eigenen vier Wänden traut bald niemand mehr dem anderen, außerhalb sowieso nicht mehr. Im Schlussdrittel mutiert das Drama zum Psychothriller.

Stärken

Der Film liefert hautnahe Einblicke in eine fremde, hier repressive Kultur. Sehr schön ist die Konzentration auf die vier Protagonisten, allesamt hervorragende Schauspieler. In den Nahaufnahmen haben wir Gelegenheit, unsere Gefühle zu synchronisieren. Die Konflikte werden vorbildlich eskaliert und dramatisiert. Die Eingeschlossenheit der Familie  schafft eine beklemmende Atmosphäre. Ständig werden Geheimnisse ausgetauscht, wird jemand gebeten, nichts zu verraten. Dabei ist der Verrat schon längst Bestandteil des privaten und beruflichen Lebens. Sehr überzeugend wird auch Najmehs Lavieren zwischen Ehemann und Töchtern beschrieben. Bis zum Schluss versucht sie zwischen beiden Lagern zu vermitteln und die Familie zusammen zu halten. Dabei schenken ihre Töchter der Propaganda des Regimes schon längst keinen Glauben mehr. „Alles gelogen“, klärt Rezvan ihren Vater beim gemeinsamen abendlichen Fernsehgucken auf. Überhaupt sind die rebellierenden Töchter ein Highlight des Films. Fassungslos nimmt Iman zur Kenntnis, dass seine Jüngste sich die Haare blau färben und die Fingernägel lackieren will.

Ungereimheiten

Völlig unglaubwürdig ist das Verhalten der ca. 15-jährigen Sana, die den Diebstahl von Imans Dienstwaffe verschweigt. Die würde aber beim ersten moralischen Druck – immerhin steht hier nicht mehr und nicht weniger als die Existenz der Familie auf dem Spiel – wohl in Tränen ausbrechen und gestehen. Ausgespart bleibt auch ihr Tatmotiv. Wieso haben die Töchter bis zur Ernennung ihres Vaters zum Ermittlungsrichter keine blasse Ahnung von dessen beruflicher Tätigkeit? Wieso befinden sich eigentlich Imans Adresse und persönliche Kontaktdaten plötzlich im Internet? Wer steckt hinter dieser Veröffentlichung? Wieso hat Sana am Ende plötzlich elektrotechnische Fähigkeiten und kann in der Dunkelheit mehrere Außenlautsprecher an einen Verstärker anschließen?

Redundanz

Mit fast drei Stunden Länge ist „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ viel zu lang geraten. Immer wieder gibt es Szenen ohne erzählerische Mehrwert. Da wird Iman minutenlang von seiner Frau frisiert. Wiederholt dürfen wir ihm beim An- und Auskleiden oder beim Autofahren zusehen. Da kramt Sana beim Showdown im Nachbarhaus ausgiebig in einer Sammlung von Musikkassetten herum. Das anschließende Katz- und Mausspiel in den Ruinen verlassener Lehmbauten ist artifiziell und überflüssig.

Entwicklungen

Während Najmehs bröckelnde Loyalität gegenüber ihrem Ehemann sehr schön skizziert wird, gerät Imans Entwicklung zum Psychopathen ziemlich unglaubwürdig. Das ist schon eine Mutation, die zuvor durch nichts angedeutet wird. Da hätte seine Wandlung von „Liebes“ zu „Zwing mich nicht, dich zu schlagen“ schon brüchiger gestaltet werden müssen.

Lösungen

Weg mit der Dienstwaffe. Sie dient nur einem Rätselspiel, das die innere Zerrissenheit der Familie transparent machen soll. Mit gutem Grund hatte Alfred Hitchcock Vorbehalte gegenüber derartigen Rätselspielen (Whodunits). Die Zerrissenheit hätte man aber viel intensiver mit Imans innerem Konflikt verdeutlichen können. Sein erster Fall hätte nämlich eine Verurteilung von Rezvans inhaftierter Freundin Sadaf sein können. Dieser innere Konflikt wäre vergleichbar gewesen mit Justin Kemps Zwiespalt in Clint Eastwoods „Juror #2“: Unterzeichnet Iman das Todesurteil für Sadaf, verrät er seine Prinzipien und macht sich schuldig am Tod eines unschuldigen Menschen. Andererseits gefährdet er die Existenz seiner geliebten Familie. Das wäre das größtmögliche Drama gewesen. Das hätte Rasulof durchspielen müssen: Der Vater, der die Freundin seiner Tochter auf dem Gewissen hat. 

Drama

Diesem Drama hätte auch eine Hoffnung innegewohnt. Iman hätte nämlich beim nächsten von der Staatsanwaltschaft eingefordertem Todesurteil seine Unterschrift verweigern können. Das hätte mindestens seine Entlassung zur Folge gehabt. Er hätte dann seine Familie mit einem Brotjob durchbringen müssen. Seine für hiesige Verhältnisse verwöhnten Frauen hätten dann ein bisschen kürzer treten müssen. Das wäre aber okay gewesen, denn schließlich haben sie seine zweifelhaften beruflichen Tätigkeiten jahrzehntelang stillschweigend mitgetragen. Dieser Neuanfang wäre auch eine Chance gewesen. Es hätte gezeigt, dass die Handlanger eines brutalen Regimes auch Menschen sind. Insofern ist das Ende von „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ auch ein stückweit verlogen: Er simplifiziert und glorifiziert den Kampf der Frauen gegen ihren Unterdrücker, ohne Lösungen aufzuzeigen.

Fazit

Insgesamt hat Mohammad Rasulof ein spannendes Familiendrama erzählt, aber dabei viel Potenzial verschenkt. Ein Ärgernis sind die Überlänge und die handwerklichen Defizite.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Die Saat des heiligen Feigenbaums.

Juror #2

Ist doch nicht so schwer mit der Spannung. Das Thrillerdrama „Juror #2“ ist ein dramaturgisches Lehrstück, routiniert im besten Sinne: Wir haben einen Helden, der Schuld auf sich geladen hat (Hegel) und in maximale Schwierigkeiten gerät (Hitchcock). Dann haben wir noch ein klassisches Erzählmotiv, nämlich „Der Verdacht“, und vor allem Suspense (Highsmith). Vom ersten Verhandlungstag eines Mordprozesses an wird der Zuschauer durch die Flashbacks des Helden Justin Kemp (Nicholas Hoult) mit Informationen gefüttert, die erstmal nur wir mit ihm teilen. So können wir als Mitwisser Gefühle entwickeln und mit dem Helden mitzittern, zumal der Auslöser für das Drama im Grunde jedem passieren könnte: Die Verursachung eines Verkehrsunfalls bei Nacht und strömendem Regen.

Die Geschichte

Konzentriert und schnörkellos erzählt. Grandios. Am Anfang gibt es eine Überblendung von Justitia, die mit verbundenen Augen in jeder Hand eine Waage hält, auf Justins hochschwangere Frau Allison. Die hat ebenfalls ihre Augen verbunden, aber noch spielt sie nicht Justitia. Das kommt erst später. Jetzt bewundert sie erstmal das Kinderzimmer, das Justin liebevoll eingerichtet hat. Im Garten warten Freunde, um mit ihnen dieses Ereignis zu feiern. Das – man ahnt es schon – wird bald ein Ende haben. Denn Justin muss als Geschworener an einem Mordprozess teilnehmen, in dem er selber für das Ableben des Opfers verantwortlich ist. Damit steht er vor einem existenziellen Dilemma: Gesteht er seine Verwicklung in den Unfall, verliert er alles, was er hat. Schweigt er, macht er sich schuldig an der Verurteilung eines Unschuldigen. Besser geht’s nicht.

Das Finale

Allison will keine alleinerziehende Mutter sein. Am Ende hat sie die Rolle der Justitia inne, indem sie bereit ist, die Mitschuld ihres Mannes zu vertuschen. Das hätte ein möglicher Schluss sein können, denn nicht nur sie, auch die anderen Mitwisser von Justins Schuld haben Gründe, ihr Wissen zu verschweigen. Der Anwalt seines Vertrauens, Larry Lasker (Kiefer Sutherland), ist an seine Schweigepflicht gebunden und für die Staatsanwältin Faith Killebrew (hervorragend: Toni Collette) ist die Verurteilung ein Erfolg, wären da nicht ihre aufkeimenden Zweifel. In der Schlusseinstellung erfahren wir, dass sie dafür sorgt, dass die Waage doch noch in die andere Richtung ausschlägt. Justitia hat gesiegt! Aber wäre der Mantel des Schweigens nicht das dramatischere Ende gewesen?

Das Erzählmotiv

„Juror #2“ erzählt eine Variante von „Der Verdacht“, ein Lieblingsmotiv von Altmeister Alfred Hitchcock. Dessen Thriller behandelten oftmals den „Falschen Verdacht“. Hier“ ist es ein zutreffender, der sich in existenziellem Ausmaß gegen den Helden richtet. Also Ermittlungen, die unaufhaltsam ins Verderben führen. Damit behandelt dieser Stoff noch ein weiteres Erzählmotiv, nämlich „Identität“. Also alle Filme von Protagonisten mit Amnesie, die dann auf der Suche nach ihrer verlorenen Identität in ihrer Vergangenheit ermitteln, haben eine vergleichbare dramatische Struktur: Der Erkenntnisdrang, der geradewegs in den Abgrund führt (s.a. „Angel Heart“ von Alan Parker oder „König Ödipus“ von Sophokles).

Druck

Das anfangs skizzierte idyllische Familienleben dient der Fallhöhe, also der dramatischen Eskalation. Je kontrastreicher um so effektiver. Wie der Druck auf den Helden dann sofort eingeläutet und permanent erhöht wird, ist schon vorbildlich. Das anfangs ungute Gefühl des Helden, am Prozess teilzunehmen, entwickelt sich zur puren Verzweiflung. Justins innere Zerrissenheit wird geradezu zelebriert. Man kann sie nicht steigern. Hitchcock hätte seine Freude daran gehabt. Sehr schön auch die Figur des Anwalts Larry Lasker, der bei den Konsultationen immer wieder verheerende juristische Wasserstandsmeldungen abgibt.

Schwächen

Dass ein Geschworener sich in einem Prozess als Täter entpuppt, ist ein Zufall – unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Er ist der Dramatik geschuldet. Der Gerichtsmediziner dürfte und würde sich in der Verhandlung nie und nimmer zu einer Mordtheorie hinreißen lassen, zumal er sie selber kurz zuvor relativiert hat. Diese fahrlässige Diagnose müsste auch ein Pflichtverteidiger im Verhör zerpflücken. Desgleichen dürfte dieser den älteren Zeugen, der den Angeklagten aus einer Entfernung von über 100 Metern identifiziert hat, nicht ungeschoren davonkommen lassen. Nach zwei Drittel der Geschichte gibt es eine Pattsituation bei den 12 Geschworenen. Die Gründe für ein einheitliches „schuldig“ bis zum Ende werden nicht so recht deutlich. Diese Versäumnisse schwächen die Glaubwürdigkeit der Filmhandlung.

Fazit

Es dürfte in der Filmgeschichte wohl einmalig sein, dass ein 94-jähriger ein derart spannendes und konzentriertes Drama hergestellt hat. Anderen Regiegrößen – wie Hitchcock, Kurosawa oder Truffaut – hat man das Alter in ihren Spätwerken deutlich angemerkt. Bei Clint Eastwood bekommt man so langsam den Eindruck, dass er auch nach seiner Beerdigung noch weiter Filme drehen wird. Dann eben Underground-Filme.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Clint Eastwoods Juror #2.

„Juror #2“ im Stream oder Download bei

Auf Apple TV ansehen

Leihen (4K): 4,99 Euro
Kaufen (4K): 14,99 Euro

Farbiges Logo von freenet Video.

Leihen: 4,99 Euro
Kaufen: 14,99 Euro

Neue Filme & Bücher
bei jpc + bücher.de

Blu-ray bei jpc: 24,99 Euro

Farbiges Cover einer Blu-ray von Clint Eastwoods "Juror #2".

Screenplay von Curtis Evey bei bücher.de: 12,99 Euro

Farbiges Cover des Drehbuches von Curtis Evey zum Film "Juror #2" von Clint Eastwood.

Falls Sie mal auf der Suche nach einem kompetenten und engagierten Rechtsanwalt sind, dann

Spotlight

Reden wir zunächst mal über das Positive: Im Stile eines Dokumentarfilms erzählt „Spotlight“ von mehreren Journalisten des „Boston Globe“, die einen Missbrauchsskandal durch katholische Priester aufdecken. Das Krimidrama ist informativ, teilweise erhellend und keine verlorene Lebenszeit. Er erinnert an „Vergiftete Wahrheit“ von Todd Haynes oder natürlich an „Die Unbestechlichen“ von Alan J. Pakula. Herausragend ist die Besetzung der Schauspieler bis in die kleinsten Nebenrollen, vor allem die der Opfer und Täter.
Aber, und jetzt kommt das große ABER: „Spotlight“ hat eigentlich keine Geschichte, kein klassisches Erzählmotiv, keine Hauptperson, wenig Spannung, keinen Suspense. Es fehlen also die elementarsten Zutaten für die Gestaltung eines spannenden, unterhaltsamen Spielfilms.

Taugliche Filmstoffe

Da sind wir bei der interessanten Frage, was denn eigentlich ein tauglicher Filmstoff ist, der – wie hier – auf wahren Begebenheiten beruht? Wie erkennt man ihn? Er sollte eine Fülle von konflikthaften Interaktionen aufweisen. Er sollte seine Protagonisten in maximale Schwierigkeiten bringen, sie vor schwere Entscheidungen stellen. All das ist in „Spotlight“ nicht der Fall. Die Journalisten des „Boston Globe“ stoßen zwar auf Hindernisse, aber nicht auf Gefahren, Bedrohungen oder Gewissenskonflikte. Mit etwas Akribie kann das Spotlight-Team alle Probleme lösen. 

Reale Fälle

In Clint Eastwood Meisterwerk „The Mule“ zum Beispiel – ebenfalls nach einer wahren Begebenheit – verdingt sich ein alter Mann mehr oder weniger wissentlich als Rauschgiftschmuggler für ein mexikanisches Drogenkartell. Hier liegen die Schwierigkeiten auf der Hand, die dann zusammen mit seinen familiären Problemen allesamt durchdekliniert werden. In „Barry Seal“ – wiederum nach einer wahren Begebenheit – gerät der Held von einem Schlamassel in den nächsten. Die Konzentration auf den Helden lässt uns bis zum bitteren Ende mitzittern

Dramaturgie

Eigentlich wählt Tom McCarthy die falsche Perspektive. Wer hätte denn im Szenario von „Spotlight“ in Gewissenskonflikte geraten können? Doch nicht die Guten. Genau. Das Geschehen wäre besser aus der Sicht eines Kirchenoberen erzählt worden. Sein Konflikt zwischen Aufklärung der Verbrechen und Loyalität wäre existenziell gewesen. Im britischen Spielfilm „Der Priester“ von Antonia Bird wird genau dieser innere Kampf durchexerziert.

Die Figuren

„Spotlight“ bietet ein ganzes Bataillon an Personen auf, wobei der Überblick schon mal verloren gehen kann. Wer war das denn jetzt eigentlich? Diese Invasion trägt nicht gerade zum Verständnis bei. Ist es dramaturgisch ertragreicher, einen bzw. wenige Helden ins Spiel zu bringen oder mehrere, wie in „Spotlight“? Antwort: Am besten eine zahlenmäßige Reduktion der Helden, weil wir dann unsere Gefühle besser synchronisieren können. Wir können tiefer eintauchen, eine intensivere Nähe herstellen. Wir können eher mit dem oder den Helden mitzittern. Also, am besten mit einem Helden (s. TOP 20).

Fazit

„Spotlight“ wirft ein eher spannungsarmes Schlaglicht auf einen Skandal, den auch einschlägige Magazine detailliert beleuchtet haben. Mit seinem brillanten „Stillwater“ und seinem früheren „Station Agent“ hat Tom McCarthy gezeigt, dass er sich sehr wohl auf seine Figuren und ihre Geschichten konzentrieren und Emotionen wecken kann.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Spotlight.

The Zone of Interest

Es gibt zwei bis drei Stellen, die interessant oder eindrucksvoll sind. Aber das war’s dann. So ist das eben, wenn die guten Absichten alles andere dominieren. Aber gute Absichten sind gutgemeint und – bekanntermaßen – das Gegenteil von gut. Von seiner Herangehensweise erinnert der Film an „Nomadland“, der vor zwei Jahren ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Auch da unterliegt die Regisseurin dem Irrtum, dass ein ehrenwerter Inhalt auch ein gutes Werk bedeutet. Leider ist es nicht so einfach. In „The Zone of Interest“ fehlen alle Zutaten für eine taugliche Filmerzählung: Es gibt keine Geschichte, es gibt keine Figuren und keine Konflikte, die unsere Anteilnahme wecken. In jeder Szene spürt man die Theatervergangenheit des Regisseurs. Alles sehr getragen hier, eine stilisierte, düstere Auschwitz-Collage, aber kein Spielfilm.

Form

Es beginnt mit einer langen schwarzen Sequenz. In Zelluloidzeiten hätte ich einen Filmriss vermutet. Aber nein, hier geht es um höhere Kunst, wie auch der anschließende elektronische Brummton suggeriert. Die Inszenierung besteht aus tableauartigen, langen Einstellungen in Totalen oder Halbtotalen. Ganz selten mal eine Halbnah oder Nah-Einstellung. Auch das trägt zur Distanz bei. Zweimal liest Rudolf Höß (Christian Friedel) seiner Tochter ein Märchen vor. Das wird dann mit einer Infrarotkamera in schwarz-weiß visualisiert. Die Nahaufnahme einer Mohnblume verschwimmt zu einem blutroten Stilleben. Was soll uns das sagen? Der Fokus auf diesen artifiziellen Spielereien demonstriert Glazers Vergangenheit als Musikclip- und Werbefilmregisseur. Das Grauen lässt sich so nicht übertragen. 

Figuren

„Die Banalität des Bösen“ ist ein Zitat von Hannah Ahrendt und mag für Glazer eine Art Leitmotiv gewesen sein. Wir sehen die Familie Höß beim Badeausflug, beim Essen, bei alltäglichen Verrichtungen. Damit werden uns die Figuren aber nicht näher gebracht. Sie wecken kein Interesse, schon gar keine Emotionen. Man fühlt sich noch nicht mal angeekelt. Sie sind einem schlicht egal. Nur die Leidenschaftslosigkeit, mit der diese Protagonisten durch die Gegend schleichen, überträgt sich.

Einmal erklärt Ehefrau Hedwig (Sandra Hüller) ihrer Mutter, die zu Besuch weilt, dass sie die vielen Blumen gepflanzt hat, damit man die Mauer (zum KZ) nicht sieht. Da schimmert dann doch doch so etwas wie ein Erkennen durch. An anderer Stelle droht Hedwig einer Hausangestellten, dass Rudolf sie „verbrennen“ könnte, wenn sie nicht spurt. Natürlich wusste Hedwig von den Krematorien und den grausamen Vorgängen jenseits der Mauer, genau wie ihre Mutter, die irgendwann einfach mit ihrem Koffer auf und davon ist. Leider sind das die einzigen Male, bei denen das Verdrängen thematisiert wird. 

Konflikte gibt es so gut wie keine zwischen dem Ehepaar, was dramaturgisch natürlich fahrlässig ist. Einmal gesteht Rudolf, dass er nach Oranienburg versetzt wird, was Hedwig empört. Sie möchte einfach weiter mit ihren Kindern im Anwesen neben dem KZ leben. Rudolf gibt klein bei, womit sich auch dieses Problem verflüchtigt. Einmal zeigt er tiefer gehende Gefühle, als er sich vor seiner Versetzung von seinem Pferd verabschiedet.

Das Grauen

Glazers Entscheidung, das Grauen visuell komplett auszublenden, ist einerseits verständlich, andererseits undramatisch. Der Film leidet darunter, dass es keine Berührungspunkte zwischen den Welten gibt, zumal wir Rudolf nicht bei seiner Arbeit im KZ erleben. Einmal sehen wir ihn beim Angeln im Fluss, wie er ein Gebiss am Haken hat und mit seinen Jungs panisch das Weite sucht. Dann hören wir bei den Familienszenen im Garten ständig Schreie, Wehklagen oder Schüsse, die von der anderen Seite der Mauer herüber dringen. Aber das Grauen bleibt gesichtslos. Es tritt nur objekthaft oder akustisch in Erscheinung.

Fazit

Insgesamt hat Glazer mit „The Zone of Interest“ eine Chance vertan, sich dem Geschehen dokumentarisch zu nähern. Dreimal wird ein Brief vorgelesen oder diktiert, den Rudolf von Vorgesetzten erhält bzw. verfasst. Da bekommt man eine Ahnung, wie spannend und erhellend dieses düsterste Kapitel deutscher Kriegsgeschichte hätte sein können. Das wär’s gewesen. Ein verdichteter Dokumentarfilm anstelle dieser verquasten Collage.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für "The Zone of Interest".