Das Leben des David Gale

USA, D 2003, Länge: 130 Min., FSK: 12
Produktion: Universal Pictures u.a.
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Charles Randolph
Kamera: Michael Seresin
Musik: Alex + Jake Parker
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Kevin Spaces, Kate Winslet u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Unschuldig Beschuldigt
Suspense: nicht vorhanden
Held: Alkoholiker
Gegenspieler: nicht vorhanden
Stimmung: rätselhaft
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„Das Leben des David Gale“ ist ein lupenreiner Krimi mit tragischen Elementen, also ein Krimidrama.

Er gehört zu den schwächeren Werken von Alan Parker, der so herausragende Filme wie „Mississippi Burning“ gedreht hat. Das gutgemeinte Plädoyer gegen die Todesstrafe misslingt, weil es ein unglaubwürdiges Konstrukt ist. Es rückt die egozentrischen Interessen des Protagonisten in den Vordergrund, anstatt die Unzulänglichkeiten eines Justizsystems anzuprangern, das erwiesenermaßen in Einzelfällen die Verurteilung von Unschuldigen billigend in Kauf nimmt. Im Fall des David Gale ist Justitia hinters Licht geführt worden, aber sie hat nicht versagt.

Die Geschichte

Philosophieprofessor David Gale (Kevin Spacey) ist wegen Vergewaltigung und Mord an Constance Harraway, Leiterin der Bürgerrechtsbewegung Death Watch, zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung soll in vier Tagen in Huntsville (Texas) stattfinden. Die Journalistin Bitsey Bloom (Kate Winslet) wird beauftragt, drei Exklusiv-Interviews mit dem Todeskandidaten zu führen. Bei den Gesprächen im Gefängnis behauptet David, das Opfer eines Komplotts zu sein. Angefangen habe es mit der Falschbehauptung einer Studentin, sie vergewaltigt zu haben. Für den Vorwurf gab es keine Beweise. Die anschließende Rufmordkampagne bewirkte allerdings den Verlust seiner Professur und die Trennung von Frau und Sohn. Daraufhin ergab David sich dem Alkohhol.

Der Mord

Eines Tages wird Constance vergewaltigt und ermordet aufgefunden. Der Verdacht fällt auf David, zumal bei der Obduktion Spermaspuren von ihm gefunden werden. Bitsey erhält bei ihren Recherchen ein manipuliertes Video, das zeigt, wie Constance Suizid begeht. Das nährt in Bitsey den Verdacht, dass die krebskranke Frau ihr Ableben benutzt hat, um ein für sie amoralisches Justizsystem anzuprangern. Kurz vor der Hinrichtung gelingt es Bitsey, Beweise für ihre Theorie aufzuspüren. Doch sie kommt zu spät zum Hinrichtungsort. David ist bereits mit einer Giftspritze hingerichtet worden. Am Ende erhält sie eine Paketsendung mit dem vollständigen Film vom Suizid, auf dem auch David als Mittäter zu sehen ist. Er war also Teil der Inszenierung und im Sinne der Anklage tatsächlich unschuldig.en Mafia.

Stärken

Im Film werden viele Fragen aufgeworfen und nur sukzessive Erklärungen abgegeben. Das sorgt für Rätselspannung. Man will wissen, wie das alles zusammenhängt. Auch die vielen Zeitsprünge erfordern Aufmerksamkeit. Man muss sich schon konzentrieren, um den Überblick zu behalten. Auch das ist gut. Die ins Spiel gebrachte Deadline von vier Tagen bis zum Exitus sorgt ebenfalls für Dramatik. Des Weiteren gibt es ein starkes Erzählmotiv, nämlich „Unschuldig Beschuldigt“, dessen dramatisches Potenzial aber ignoriert wird. Das Krimidrama erinnert von der Thematik auch an „Ein wahres Verbrechen“ von Clint Eastwood oder an „Just Mercy“ von Dessin Daniel Cretton, aber ohne deren Qualitäten zu erreichen.

Schwächen

Die Rätselspannung enthält keinen Suspense: „Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion“ (Alfred Hitchcock). Das ist eines der Hauptprobleme von „Das Leben des David Gale“. Man bleibt unberührt. Das liegt auch an den Protagonisten. Wie sollen Gefühle aufkommen, wenn David sich dem Alkohol widmet, anstatt um seinen Ruf und vor allem um seinen Sohn zu kämpfen? Eine Anteilnahme wird spätestens dann unmöglich, als klar wird, dass er sich aus rein egozentrischen Motiven an diesem Suizid-Konstrukt beteiligt hat. Ihm ging es nur darum, sich vor seiner Frau und seinen Kollegen reinzuwaschen, als Märtyrer dazustehen. Das Ganze ist nichts weiter als eine wehleidige Retourkutsche. Bitsey ist auch nicht viel besser. Im Grunde wird sie nur benutzt und hechelt dem Geschehen bis zum bitteren Ende stets hinterher. Für eine Anteilnahme hätte es einer aktiveren, trickreicheren Figur bedurft, die die Zusammenhänge rechtzeitig durchschaut und eingegriffen hätte.

Unglaubwürdigkeiten

Völlig unglaubwürdig ist die ganze Planung und Durchführung des Suizids in nur einer Nacht. Wie soll das denn funktionieren? Da sind doch vier Beteiligte mit im Boot: David, Constance, ihr Freund Dusty sowie ihr zwielichtiger Anwalt. Und die sind sich in der Kürze der Zeit alle einig, mit dieser Inszenierung zwei Menschenleben zu opfern?! Außerdem passt dieses Konstrukt überhaupt nicht zum Charakter von Constance, der einzigen sympathischen Figur in diesem Film. Dann wartet der Film mit einigen Übertreibungen auf, die irgendwann ein bisschen nerven: Ständig regnet es in Texas, ständig muss David sich einen hinter die Binde kippen. Das gipfelt dann in übertriebenem Overacting, zum Beispiel als David volltrunken an einer Telefonzelle rumtobt.

Lösungen

Schauen wir doch mal an, wie Clint Eastwood das in „Gran Torino“ gemacht hat. Da ist der Held ebenfalls unheilbar an Krebs erkrankt. Aber hier haben wir Suspense. Nur Walt Kowalski und die Zuschauer wissen von seiner tödlichen Erkrankung, die er dann am Ende zur Lösung der Geschichte einsetzt. Dann schauen wir doch mal an, wie Sam Fuller das in seinem Psychothriller „Schock-Korridor“ gemacht hat. Da gibt es einen investigativen Journalisten, der sich in eine psychiatrische Klinik einweisen lässt, um die dortigen Missstände anzuprangern. Allerdings hat er noch ein zusätzliches Motiv: Er will nämlich den Mord an einem Patienten aufklären. Kombinieren wir doch mal die Vorzüge dieser beiden Filme und nehmen mal an, dass nicht Constance, sondern David an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. Das würde seine egozentrischen Motive in den Hintergrund rücken und die Kritik an der Todesstrafe in den Vordergrund. Zusätzlich könnte man, wie in „Schock-Korridor“, diese Inszenierung mit der Aufklärung eines Verbrechens kombinieren. Im Gefängnis könnte David nämlich im Falle eines zu Unrecht Verurteilten ermitteln, dessen Unschuld sich am Ende beweisen ließe. Dann hätten wir ein echtes Plädoyer gegen die Todesstrafe und könnten mit ihm mitfiebern, aber so …

Fazit

„Das Leben des David Gale“ schöpft sein dramatisches Potenzial nicht aus und weckt leider keine Emotionen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Alan Parkers "Das Leben des David Gale".

Tödliche Versprechen

GB, CND 2007, Länge: 100 Min., FSK: 16
Produktion: Serendipity Point Films u.a.
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Steven Knight
Kamera: Peter Suschitzky
Musik: Howard Shore
Montage: Ronald Sanders
Darsteller: Viggo Mortensen, Naomi Watts u.a.

Genre: Gangsterkrimi
Erzählmotiv: Das gefährliche Gut
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): ???
Gegenspieler: Russenmafia
Stimmung: absurd und brutal
Bewertung: 1 von 7 Sternen
Stream: nicht nötig

„Tödliche Versprechen“ hat zwar Thrillerelemente und spielt im Milieu russischer Mafiosi in London, ist aber deshalb noch lange kein Thriller.

Dominant ist die Aufklärung eines oder mehrerer Verbrechen, weshalb es sich hier um einen Gangsterkrimi handelt. Was haben Quentin Tarantino und David Cronenberg gemeinsam? Beide sind keine Geschichtenerzähler. Ihre Stärken zeigen sich in einzelnen Szenen, die einen Eigenwert haben, wobei sie bei Cronenberg teilweise noch plakativer und grausamer gestaltet sind als bei Tarantino. Im Grunde vergebliche Versuche, von den Defiziten abzulenken. Bei „Tödliche Versprechen“ kommt noch ein Mischmasch von unproduktiven Irritationen hinzu: ein Potpourri der Ungereimtheiten.

Die Geschichte

Es beginnt mit einem Mord in einem Friseursalon, bei dem ein tschetschenischer Mafioso getötet wird. Sein Fehler war es, Kirill (Vincent Cassel), den Sohn des russischen Mafiabosses Semjon (Armin Müller-Stahl), beleidigt zu haben. Im Krankenhaus verstirbt die schwangere 14-jährige Prostituierte Tatiana, während ihr Baby gerettet werden kann. Hebamme Anna (Naomi Watts), die einige Zeit zuvor ihr Baby bei der Geburt verloren hat, umhegt das Neugeborene. Sie nimmt ein Notizbuch der Verstorbenen an sich, in dem sich die Visitenkarte eines russischen Restaurants befindet, das von Semjon geführt wird. Mit einer Kopie des Notizbuches versucht Anna dort eine Übersetzung des Textes zu bekommen. Semjon gibt sich väterlich freundlich, erkundigt sich nach dem Original und bittet sie demnächst wiederzukommen.

Semjon maßregelt seinen mal wieder alkoholisierten Sohn wegen seines Alleingangs und beauftragt Nikolai (Viggo Mortensen), Kirills Fahrer, mit der Wiederbeschaffung des Notizbuches. Das hat mittlerweile aber auch schon Annas Onkel Stepan gelesen. Nikolai gelingt es, an das Notizbuch zu gelangen, das Semjon daraufhin umgehend verbrennt. Die Verwandten des ermordeten Tschetschenen fordern die Auslieferung von Kirill. Da sie ihn nicht kennen, will Semjon ihnen stattdessen Nikolai servieren. Doch beim Mordversuch in einer Sauna kann Nikolai die Killer ausschalten. Der ist – wie sich herausstellt – ein Undercover Agent von Scotland Yard. Die Polizei nimmt eine Blutprobe von Semjon, der – wie im Notizbuch beschrieben – der Vater des geretteten Babys ist. Um der Verhaftung wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen zuvorzukommen, beauftragt Semjon seinen Sohn das Baby zu entführen und zu ertränken. Das können Anna und Nikolai in letzter Sekunde verhindern. Am Ende ist Nikolai der neue Boss der russischen Mafia.

Stärken

Sehr schön sind einige Szenen, in denen Tatianas Off-Stimme Passagen des Notizbuches rezitiert. Die teilweise grausamen Erlebnisse stehen in Kontrast zu ganz alltäglichen Situationen und entwickeln gerade dadurch eine intensive Wirkung. Eigentlich ist die Vorstellung von diesen Gewalttaten, also das, was sich im Kopf des Betrachters abspielt, emotionaler als die expressive Darstellung von Brutalitäten. Dieses Paradoxon hätte für Cronenberg ein Vorbild für alle anderen inszenierten Gräueltaten sein sollen. Positiv anzumerken ist noch, dass Mafiaboss Semjon sozusagen gegen den Strich gebürstet wurde: Er wirkt so, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun.

Schwächen

Hingegen ist der ständig Wodka trinkende Kirill das Abziehbild eines Klischees. Schlimmer geht’s eigentlich nicht. „Anora“ von Sean Baker zeigt, wie es gemacht wird. Dann die Frage nach der Hauptperson? Ist es nun Anna oder Nikolai? Hmh. Es gibt keine Konzentration, was eine Anteilnahme erschwert. Die größtmögliche Gefahr für Anna wird ebenfalls nicht durchgespielt. Denn das wäre doch der Auftrag an Nikolai gewesen, Anna als Mitwisserin zu ermorden. Das hätte das Drama für den Undercover-Agenten bedeutet, zumal er da schon Gefühle für Anna hegt. So weckt der Krimi leider keine Emotionen, außer dass man sich manchmal wegen der gezeigten Grausamkeiten angewidert abwendet. Suspense gibt’s auch nicht, nur Rätselspannung, die immer wieder für unproduktive Irritationen sorgt. Man betrachtet das Geschehen, so wie der Besucher eines Cafés flanierende Passanten beäugt. Alles bleibt distanziert, humorfrei und brutal.

Ungereimtheiten

Wieso beteiligt sich der Friseur in der Anfangsszene von „Tödliche Versprechen“ am Mordkomplott? Warum weiht er Semjon nicht in Kirills Mordpläne ein? Man muss doch kein Prophet sein, um die Konsequenzen zu erahnen. Die blutigen Folgen werden dann ja auch durchgespielt. Als Tatiana im Krankenhaus stirbt und ihr Baby gerettet wird, wieso gibt es da keine Obduktion, keine Polizei, kein Jugendamt? Warum soll nur Annas Onkel, der das Notizbuch gelesen hat, ermordet werden? Stepan könnte den Inhalt doch schon Anna oder ihrer Mutter mitgeteilt haben? Hat er ja teilweise auch. Also müssten eigentlich alle drei auf Semjons Abschussliste stehen. Selbst das wäre keine Garantie. Es könnten ja mittlerweile weitere Kopien vom Notizbuch hergestellt worden sein. Langsam wird’s ziemlich hanebüchen. Aber Cronenberg setzt noch einen drauf: Seine tschetschenischen Killer wählen für ihren geplanten Mord eine öffentliche Sauna. Dabei sind sie natürlich unmaskiert! Ja, was glauben sie denn, was Semjon nach der Ermordung seines Sohnes machen würde? So dumm kann man doch eigentlich nicht sein? Eigentlich. Bis zum Ende des Films geht das dann munter so weiter. Kirill kann problemlos einen Säugling aus dem Krankenhaus kidnappen, den Anna am Ende – ebenfalls problemlos – bei sich zu Hause aufnehmen kann. Da fragt sich dann schon nicht mehr, ob es nicht vielleicht intervenierende Kollegen, Polizei oder Jugendamt gibt. Das scheinen die in London nicht so eng zu sehen. Was passiert eigentlich am Ende, als Nikolai der neue Mafiaboss wird, mit Semjon und Kirill? Egal. Wieso überhaupt dieser Titel? Welche tödlichen Versprechen werden hier von wem abgegeben?

Suspense

Die Information, dass es sich bei Nikolai um einen ehemaligen FSB- und jetzigen Undercover-Agenten von Scotland Yard handelt, kommt gegen Ende des Films. Da ahnt man schon, dass er eigentlich auf der anderen Seite steht. Also eine Überraschung ist es auch nicht mehr. Wie’s richtig gemacht wird, zeigt zum Beispiel „Donnie Brasco“ von Mike Newell. Da wissen wir von Anfang an um das doppelte Spiel des Helden und können so mit ihm mitzittern. Suspense eben. Das wäre auch hier die Lösung gewesen.

Fazit

In „Tödliche Versprechen“ verschenkt David Cronenberg vorhandenes Potenzial zu Ungunsten eines Sammelsuriums von absurden und grausamen Szenen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms, hier 1 blauer Smiley und 6 schwarze traurige Gesichter für David Cronenbergs "Tödliche Versprechen".

The Rip

USA 2026
Länge: 113 Min., FSK: 16
Produktion: Artists Equity
Drehbuch + Regie: Joe Carnahan
Kamera: Juan Miguel Azpiroz
Musik: Clinton Shorter
Montage: Kevin Hale
Darsteller: Matt Damon, Ben Affleck u.a.

Genre: Krimi
Erzählmotiv: Der Verdacht, Der Verrat
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): misstrauisch
Gegenspieler: geld- und mordgierig
Stimmung: spannend
Bewertung: 5 von 7 Sternen
Stream: Netflix

„The Rip“ ist ein knallharter Krimi mit Thrillerelementen im Drogenmilieu, der durch seine Spannung und authentische Polizeiarbeit besticht.

Kein Wunder, basiert die Geschichte doch auf Erfahrungen des Polizisten Chris Casiano, Mitglied eines Drogendezernats des Miami Police Departments. Obwohl es sich dominant um ein klassisches Whodunit handelt, also um ein Rätselspiel, zieht uns die Jagd nach den Mördern in den eigenen Reihen regelrecht in den Bann. Das liegt auch an der Variation von zwei klassischen Erzählmotiven, nämlich „Der Verrat“ und „Der Verdacht“. 

Die Geschichte

Captain Jackie Velez vom Tactical Narcotic Team (TNT) des Miami Police Department wird von maskierten Gangstern ermordet. Weil ein Verdacht gegen Mitglieder ihre eigenen Einheit besteht, leitet das FBI interne Ermittlungen ein. Der Stellvertreter der Ermordeten, Lieutenant Dane Dumars (Matt Damon), erhält einen Hinweis auf ein Versteck von Drogengeldern. Daraufhin durchsucht er zusammen mit Sergeant JD Byrne (Ben Affleck) und drei weiteren Kollegen eine verdächtige Villa, in der sie 25 Millionen Dollar aufspüren. Entgegen den Anweisungen nimmt Dumars keinen Kontakt mit seinen Vorgesetzten auf. Stattdessen sammelt er die Handys seiner Kollegen ein, die er mit der Zählung der Scheine beauftragt. Ein anonymer Anrufer fordert die Spezialeinheit auf, innerhalb von 30 Minuten die Villa zu verlassen. 

Misstrauen

Derweil wächst das Misstrauen unter den Mitgliedern des TNT. Vorsichtshalber verständigt Byrne einen Kollegen von der DEA. Nachdem draußen verdächtige Lichtzeichen zu sehen sind, eröffnen Unbekannte das Feuer auf das TNT-Team. Dumars und Byrne nehmen die Verfolgung auf und stellen einen Drogengangster. Es stellt sich jedoch heraus, dass das Kartell mit dem Überfall nichts zu tun hat. Zurück in der Villa ist die Einheit einem Brandanschlag ausgesetzt. Im letzten Moment können Dumars und Byrne in einem gepanzerten Fahrzeug des DEA entkommen. Unterwegs schöpft Byrne Verdacht gegen die Mitarbeiter des DEA. Es kommt zum Schusswechsel und Verfolgungsjagden, die mit dem Tod oder der Festnahme der Verräter enden.

Stärken

Neben der glaubhaften Polizeiarbeit thematisiert „The Rip“ eine moralische Frage: Was ist, wenn ich hier ein Bündel Geldscheine an mich nehme und mit einem Schlag mein Leben ändern könnte? Genau diese Frage erörtern die beiden weiblichen Detectives beim Geldzählen, während sie ihre alltäglichen finanziellen Sorgen auflisten. Ein verständliches Dilemma, zumal dieser Griff in die Vollen nicht weiter auffallen würde. Außerdem befeuert es das gegenseitige Misstrauen. Man weiß nicht mehr, wem man was glauben soll. Man weiß nur, dass die Täter bereit sind, über Leichen zu gehen. All das sorgt natürlich für Spannung. Vorbildlich ist auch der zusätzliche Druck, der durch den anonymen Anruf entsteht. 

Schwächen

Etwas seltsam sind diese Lichtzeichen, die aus einem nahegelegen Gebäude abgegeben werden. Das Kartell kann eigentlich nicht dahinterstecken, denn die haben nach Bekunden ihres Bosses das Geld längst abgeschrieben. Die Verräter vom DEA verfügen doch über andere Kommunikationsmittel. Egal. Gravierender ist das Fehlen von Suspense, was letztlich dafür verantwortlich ist, dass man nicht richtig mit den Protagonisten mitfiebert. Wir ahnen zwar, dass Schauspieler wie Matt Damon oder Ben Affleck nicht die Rollen von Mördern innehaben. Aber das Misstrauen überlagert eben alles, auch unsere Anteilnahme. Wer will schon seine Gefühle in geldgierige Mörder investieren? Das ist das generelle Problem mit der Rätselspannung in Whodunits: „Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion.“ (Alfred Hitchcock)

Lösungen

Interessant wäre es, mal Folgendes durchzuspielen: Wir sehen Dumars und Byrne bei einem Einsatz, bei dem einer dem anderen das Leben rettet, was der andere vorher auch schon gemacht hat. Jedenfalls sind beide dicke Freunde. Und dann kommt der Hammer. Der Major eröffnet Dumars in einem vertraulichen Gespräch, dass Byrne wohl der Mörder von Captain Jackie Velez ist. Er hatte ein Verhältnis mit ihr und konnte an Informationen herankommen, von denen nur der Mörder Kenntnis hatte. Jetzt steckt Dumars in der Klemme: Einerseits muss und will er den Mord aufklären, andererseits liefert er seinen besten Freund möglicherweise damit ans Messer. Das wäre ein dramatischer Konflikt, an dem die Zuschauer Anteil nehmen könnten.

Suspense, Suspense, Suspense

Andere Möglichkeit: Beim Mord an Captain Jackie Velez in der Exposition sind die Täter nicht maskiert. Warum auch? Das macht man doch nur, wenn man nicht erkannt werden will. Tote können einen doch nicht mehr identifizieren. Jedenfalls hätte der Zuschauer dann Informationen von einer unmittelbaren tödlichen Gefahr, die unsere Protagonisten nicht haben. Na, wunderbar.

Fazit

Insgesamt ist „The Rip“ ein hervorragend gemachter Krimi im Drogenmilieu, der durch seine Spannung und Authentizität besticht.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 5 blaue Smileys und 2 schwarze traurige Gesichter für Joe Carnahans "The Rip".

Mississippi Burning

USA 1988, Länge: 127 Min., FSK: 16
Produktion: Orion Pictures
Regie: Alan Parker
Drehbuch: Chris Gerolmo
Kamera: Peter Biziou
Musik: Trevor Jones
Montage: Gerry Hambling
Darsteller: Willem Dafoe, Gene Hackman u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Die Suche
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): hartnäckig
Gegenspieler: perfide
Stimmung: spannend
Bewertung: 6 von 7 Sternen
Stream: Apple TV

„Mississippi Burning“ ist ein fulminantes, schonungsloses Krimidrama, das 1964 zur Zeit von Rassenunruhen in Jessup County (Mississippi) spielt.

Es beruht auf der Ermordung von drei Bürgerrechtlern durch Mitglieder des Klu-Klux-Klans. Der Krimi ist handwerklich brillant gemacht. Die Inszenierung, die Musik, die Kameraarbeit – einfach hervorragend. Der Film besticht auch durch Authentizität in Besetzung und Ausstattung, die schlichtweg atemberaubend ist. Da stimmt jedes Detail, was wesentlich zur emotionalen Anteilnahme beiträgt. Ein Vergleich der armseligen Behausungen von „Mississippi Burning“ mit denen von Steven Spielbergs „Die Farbe Lila“ oder Tate Taylors „The Help“ macht deutlich, wie lächerlich letztere Filme nicht nur in diesem Punkt sind. 

Die Geschichte

Nach dem Verschwinden von drei Bürgerrechtsaktivisten, die von Mitgliedern des Klu-Klux-Klans ermordet wurden, werden die FBI-Agenten Alan Ward (Willem Dafoe) und Rupert Anderson (Gene Hackman) mit der Aufklärung des Falls beauftragt. In Jessup County stoßen sie auf eine Mauer des Schweigens. Nachdem die beiden Agenten das ausgebrannte Autowrack der Vermissten in einem Sumpfgebiet aufgespürt haben, fordern sie zusätzliches Personal an. Aber die Leichen der jungen Männer sind nicht aufzufinden. 

Ermittlungen

Während der gesetzestreue Alan Ward Akten wälzt und Befragungen durchführt, ermittelt Rupert Anderson auf seine Weise. Er freundet sich mit Mrs. Pell (Frances McDormand), der Frau des Hilfssheriffs, an und bekommt schließlich heraus, dass sie ihrem Mann ein falsches Alibi verschafft hat. Daraufhin wird sie von Pell im Beisein anderer Klan-Mitglieder brutal zusammengeschlagen. Anderson gerät darüber derart in Rage, dass es über die weitere Vorgehensweise mit Ward zu einem handfesten Streit kommt. Aber beide raufen sich zusammen und entscheiden sich fortan für illegale Ermittlungsmethoden. So können sie einen der verdächtigten Klan-Mitglieder zur Aussage erpressen. Dessen Geständnis führt zum Fund der drei Leichen und zur Festnahme und Verurteilung der Mörder.

Odd-Couple

„Mississippi Burning“ ist ein Paradebeispiel für das dramatische Potenzial, das einer Besetzung von völlig gegensätzlichen Charakteren innewohnt. Auf der einen Seite der akribische, idealistische Paragraphenreiter Alan Ward, auf der anderen das erfahrene, ebenso zynische wie charmante Raubein Rupert Anderson. Erschwerend kommt hinzu, dass der jüngere Ward der Vorgesetzte des älteren Anderson ist und beide für diese Mission aneinander gekettet sind. So ist das richtig. Außerdem sorgt Anderson mit seiner unorthodoxen Art immer wieder für Lacher. Beiden schaut man gerne zu, wie sie streitend und ganz allmählich den Mördern das Handwerk legen.

Stärken

Obwohl es sich bei „Mississippi Burning“ um ein klassisches Whodunit handelt, entwickelt der Krimi eine sogartige Spannung. Das liegt auch an dem Wissen, am Erschrecken, dass dieser Krimi auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Der gezeigte gewalttätige Rassismus macht einen fassungslos. In diesem Fall ist es ein Vorteil, dass Gut und Böse klar verteilt sind. Wir können mit den beiden Helden mitfiebern, dass es ihnen gelingen möge, diesen Augiasstall auszumisten. Ein weiteres großes Plus ist die Einführung einer dokumentarischen Ebene. So sind zum einen Original-Aufnahmen von Versammlungen des Klu-Klux-Klans zu sehen, zum anderen fiktive Interviews mit Bewohnern von Jessup County. In den Statements und in den Gesichtern der Menschen wird der tief verwurzelte Rassismus deutlich. Mrs. Pell bringt es irgendwann auf den Punkt: „In der Schule sagten sie, dass Rassentrennung in der Bibel steht: Genesis 9, Vers 27. Mit sieben Jahren wird dir das so oft gesagt, dass du alles glaubst. Ich glaube, dass Hass, wenn man ihn einatmet, einen vergiftet.“

Werbefilme

Alan Parker hat vor seiner Karriere als Filmregisseur Werbefilme gedreht, genauso wie Stanley Kubrick, Ridley und Tony Scott, Michael Bay, David Fincher usw. Was sie außerdem vereint: Ihre Filme sind handwerklich exzellent gestaltet. Woran liegt das? Ein Regisseur von Kurzprojekten ist eigentlich dauernd am Machen. Kinoprojekte benötigen einen längeren Vorlauf. Es vergehen oftmals Jahre bis ein Stoff realisiert werden kann, wenn überhaupt. Was machen die Regisseure in der Zwischenzeit? Im Idealfall verdienen sie ihre Brötchen mit Fernsehfilmen oder eben mit Werbung. Aber je mehr praktische Erfahrung ein Regisseur mitbringt, desto unverkrampfter und rücksichtsloser wird er an Filmproduktionen herangehen. Das sind Kernattribute des Filmhandwerks.

Der Kriminalfall

FBI-Boss Hoover war ein erklärter Gegner von Bürgerrechtlern und wollte diesen Fall auf sich beruhen lassen. Präsident Lyndon B. Johnson drohte seiner Einrichtung jedoch mit Massenentlassungen. Erst diese Erpressung veranlasste Hoover, seine FBI-Agenten zu entsenden. Die tappten lange im Dunkeln, bis sie eine Belohnung von 25.000 Dollar für Hinweise zur Ergreifung der Täter aussetzten. Das veranlasste einen involvierten Streifenpolizisten zur Aussage. So konnten die Leichen aufgespürt und die Mörder überführt werden. In einem späteren Gerichtsverfahren sagte die Ehefrau eines Mafia-Gangsters aus, dass das FBI ihren Mann seinerzeit engagiert hatte. Der Mafioso – so die Ehefrau – hat dann einen der Klan-Miglieder unter Androhung von Folter zum Geständnis gezwungen. Diese Aussage wurde nie verifiziert, ist aber von Alan Parker auf prophetische Weise durchgespielt worden. Was klingt glaubhafter: Die Belohnungs- oder die Folterversion? Die 25.000 Dollar hätten dem Streifenpolizisten nicht viel genützt. Es wäre sein Todesurteil gewesen. Denn was der Klu-Klux-Klan mit Verrätern gemacht hat, erzählt Parkers Film eindrucksvoll. 

Schwächen

Singular. Gibt nur einen Schwachpunkt. Wie in „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“, der ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruht, gibt es auch in „Mississippi Burning“ eine Fülle von Gewalttaten, die sich so oder so ähnlich wohl ereignet haben. Allerdings stellt sich nach dem x-ten Brandanschlag von Klan-Mitgliedern auf eine Kirche oder Unterkünfte von Schwarzen irgendwann ein Gefühl der Abstumpfung ein. Man gewöhnt sich dran. Hier wäre weniger mehr gewesen. Zur Anteilnahme bedarf es einer Nähe zu den Personen, die hier in Mitleidenschaft geraten. Erst wenn wir eine Beziehung zu ihnen aufgebaut haben, können wir Gefühle entwickeln und mitleiden. Der Fokus auf den jungen Aaron Williams und seiner Familie hätte das emotionale Potenzial gehabt, anstelle der unpersönlichen Masse von flüchtenden Slumbewohnern. Der Junge hatte auch als einziges Opfer den Mut, gegen die Schergen des Klu-Klux-Klans auszusagen.

Fazit

Das Schlussbild zeigt eine Begräbnisfeier auf dem Friedhof von Jessup County. Zum ersten Mal sehen wir Weiße und Schwarze in Trauer vereint. Ein hoffnungsvolles Bild nach dieser Orgie rassistischer Gewalttaten. „Mississippi Burning“ ist nichts für schwache Gemüter, aber bietet zwei Stunden spannende, perfekt gemachte, schonungslose Unterhaltung.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Alan Parkers "Mississippi Burning".

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Das Verhör

F 1981, Länge: 86 Min., FSK: 12
Roman: John William Wainwright
Regie: Claude Miller
Drehbuch: Claude Miller u.a.
Kamera: Bruno Nuytten
Musik: Georges Delerue
Montage: Albert Jurgenson
Darsteller: Lino Ventura, Michel Serrault u.a.

Genre: Krimi
Erzählmotiv: Falscher Verdacht
Suspense: nicht vorhanden
Held(en): ???
Gegenspieler: nicht wirklich vorhanden
Stimmung: leidlich spannend
Bewertung: 2 von 7 Sternen
Stream: Apple TV, LaCinetek

„Das Verhör“ von Claude Miller ist ein lupenreiner Krimi, der auf einem Roman des britischen Schriftstellers John William Wainwright beruht – kein Thriller wie vielfach behauptet.

Er kann mit exzellenten Schauspielern, guten Dialogen und einem konzentrierten Setting punkten. Alles spielt sich in einer Sylvesternacht ab – die Einheit von Zeit, Ort und Handlung (Aristoteles). Leider haben die Filmemacher sich Alfred Hitchcocks Vorbehalte gegen „Whodunits“ nicht zu Herzen genommen: „Zum Beispiel handelt es sich in einem Whodunit nicht um Suspense, sondern um eine art intellektuelles Rätsel. Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion.“ Das ist das zentrale Problem in diesem, in vielen Krimis. Es fehlen die Emotionen.

Die Geschichte

In einer Sylvesternacht wird der Notar Jerome Martinaud (Michel Serrault) ins Polizeipräsidium von Cherbourg zum Verhör geladen. Er ist Hauptverdächtiger in einem Mordfall an zwei achtjährigen Mädchen, die zudem vergewaltigt wurden. Kommissar Gallien (Lino Ventura) und Inspektor Belmont (Guy Marchand) konfrontieren Martinaud mit den Fakten und setzen den anfangs arroganten Notar immer mehr unter Druck. Dessen Frau (Romy Schneider) belastet ihn zudem mit neuen Indizien. Die Schlinge zieht sich immer enger um seinen Hals, bis er schließlich gesteht. Kurz darauf entdecken Polizisten eine weitere Mädchenleiche in einem sichergestellten Fahrzeug, womit dessen Besitzer nun ins Visier der Ermittler gerät. Martinaud kann als freier Mann das Polizeirevier verlassen. Im Hof steigt er in den Wagen seiner Frau, die sich angesichts seiner Freilassung mit einer Pistole erschießt.

Schwächen

Die Geschichte zieht sich schon ziemlich zäh dahin. Spannung oder Gefahren sind Mangelware. Das liegt auch an der Figur des eitlen, arroganten Notars. Ob er nun schuldig ist oder nicht, wen interessiert’s? Sein angebliches Interesse an kleinen Mädchen ist ein ziemliches Konstrukt. Eine angeregte Unterhaltung mit seiner 8-jährigen Nichte ist kein übergriffiges Verhalten. Der Vorwurf deutet eher auf eine krankhafte Eifersucht seiner Frau hin, die keine Kinder bekommen kann. Ihr angeblicher Beweis für die Täterschaft ihres Mannes ist eine Nullnummer. Über ihren Selbstmord am Ende kann man allenfalls spekulieren, klar werden ihre Gründe nicht. 

Polizeiarbeit

Die Quittung einer Reinigung von Martinauds Regenmantel, datiert vom Tage nach dem zweiten Mord, die seine Gattin dem Kommissar aushändigt, besagt gar nichts. Sie besagt nur, dass der Mantel gereinigt wurde – mehr nicht. Desgleichen ist verwunderlich, weshalb Martinaud nach seinem Geständnis plötzlich freigelassen wird? Wenn der Besitzer eines Fahrzeugs eine Mädchenleiche in seinem Kofferraum hat, besagt das nur, dass er möglicherweise der Mörder dieses Mädchens ist – mehr nicht. Die ersten Morde muss er nicht begangen haben. Die könnte auch Martinaud auf dem Gewissen haben. Hat er aber angeblich nicht. Deshalb ist es auch verwunderlich, dass er in der ersten Mordnacht zufällig am Tatort, am Strand von Saint Clément war. Seltsame Zufälle. Merkwürdige Polizeiarbeit. Die Gefühle, die sich im Verlaufe dieser Films immer mehr einstellen, sind die der Verwunderung.

Lösungen

Die Figur des Martinaud müsste anders skizziert werden. Wenn er Sympathieträger wäre, könnten wir uns mit ihm identifizieren. Dann wäre er der Held und alles könnte aus seiner Perspektive erzählt werden. Wenn wir am Anfang der Geschichte erfahren würden, dass er unschuldig ist, hätten wir Suspense: Wir wüssten mehr als der Kommissar und könnten mit Martinaud mitfiebern, wenn sich langsam die Schlinge um seinen Hals zieht. Dann hätten wir tatsächlich einen Thriller, und zwar mit einem klassischen Erzählmotiv: „Unschuldig Beschuldigt“. Übrigens das Lieblingsmotiv von Alfred Hitchcock. So sehen wir eher unbeteiligt zu, wie sich „Das Verhör“ dahinzieht und im Verlauf die Merkwürdigkeiten Oberhand gewinnen.

Fazit

Letztlich ist die Romanvorlage nicht wirklich für eine Verfilmung geeignet. Die exzellenten Schauspieler können da auch nicht mehr viel ausrichten. Die Rolle des stoischen, grimmigen Killers in „Die Filzlaus“ ist Lino Ventura zum Beispiel förmlich auf den massigen Leib geschrieben. In „Das Verhör“ wirkt er ein bisschen verloren, so als würde er sich fragen: Was mache ich hier eigentlich? Es stellt sich zudem die Frage, wieso Hitchcocks Erkenntnisse, die alle wunderbar in Truffauts Standardwerk „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ nachzulesen sind, ignoriert werden?

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Claude Millers Das Verhör.

„Das Verhör“ im Stream oder Download bei

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Das Biest muss sterben

F 1969, Länge: 112 Min., FSK: 12
Produktion: Les Films la Boétie u.a.
Regie: Claude Chabrol
Drehbuch: Paul Gégauff, Claude Chabrol
Kamera: Jean Rabier
Musik: Pierre Jansen, Johannes Brahms
Montage: Jacques Gaillard
Darsteller: Michel Duchaussoy, Caroline Cellier u.a.

Genre: Krimidrama
Erzählmotiv: Rache
Suspense: teilweise vorhanden
Held(en): ein Traumatisierter
Gegenspieler: etwas eindimensional
Stimmung: düster
Bewertung: 4 von 7 Sternen
Stream: LaCinetek

„Das Biest muss sterben“ von Claude Chabrol ist ein spannendes Krimidrama, das auf einer Romanvorlage von Nicholas Blake beruht und ein klassisches Erzählmotiv variiert, nämlich Rache.

Hier ist es der verwitwete Vater Carles Thénier, dessen einziger Sohn von einem Autoraser überfahren wird und stirbt. Der Täter begeht Fahrerflucht. Den einzigen Sinn im weiteren Leben sieht Charles darin, den Mörder seines Sohnes aufzuspüren. Am Ende kann er ihn zur Strecke bringen, womit auch seine Mission im Leben beendet ist. Der Krimi kann mit seiner düsteren Atmosphäre, geleitet von der inneren Stimme des Helden, seinen Wendungen und seiner Suspense-Geschichte überzeugen.

Suspense

Das große Vorbild von Claude Chabrol war Alfred Hitchcock, dem Master of Suspense. Auch wenn es sich in „Das Biest muss sterben“ um ein Whodunit handelt, liegt ihm eine Suspense-Struktur zugrunde: Charles und der Zuschauer wissen von seinen Racheplänen, nicht aber die anderen. Das ist sehr schön konstruiert und schafft Spannung. Zusätzlicher Druck entsteht durch die Gefühle, die Charles und Hélène, die Beifahrerin im Unfallwagen, füreinander entwickeln. Einen liebenswerten Menschen zu hintergehen, ist weitaus schwieriger als ein „Biest“. Nur in einem Punkt hat Chabrol sein Vorbild nicht richtig studiert. Damit sind wir bei den drei gravierenden Mängeln dieses Krimidramas.

Defätismus

Francois Truffaut: „Es ist, glaube ich, sehr problematisch, in einem Film ein Kind sterben zu lassen. Das grenzt schon an Missbrauch des Kinos. Was meinen Sie?“ Alfred Hitchcock: „Ich bin ganz Ihrer Meinung. Es ist ein schwerer Fehler.“
„Das Biest muss sterben“ ist nichts anderes als eine Bestätigung dieser Einsicht. Durch den Tod des Jungen und der Suche nach dem Mörder legt sich von Anfang bis zum Ende eine bleierne Schwere über den Film.  Von französischer Leichtigkeit oder zumindest von Tragikomik ist hier nichts zu spüren. Das ist eigentlich schade. Charles’ Frau oder seine Mutter wären die tauglicheren Unfallopfer gewesen. Das hätte an seinem Rachemotiv nichts geändert, wohl aber am defätistischen Grundtenor und seinem Ende: Charles hat Hélène einen Abschiedsbrief hinterlassen und segelt in seiner Jolle aufs offene Meer hinaus, was seinen sicheren Tod bedeutet.

Zufall

Die Suche nach dem Mörder entspricht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Polizei hat zu wenig Anhaltspunkte, nur die Vermutung, dass der Kotflügel des Unfallwagens verbeult ist. Überprüfungen von Autowerkstätten und Schrottplätzen verlaufen ergebnislos. Im Grunde stehen die Ermittler, einschließlich Charles, mit leeren Händen da. Just in diesem Moment fährt Charles sich mit seinem Sportwagen auf einem schlammigen Feldweg fest. Dasselbe Schicksal hat – welch Zufall! – Wochen zuvor auch der Unfallfahrer Paul und seine Beifahrerin Hélène ereilt. Ein freundlicher Bauer berichtet Charles umfassend vom vorangegangenen Malheur und sein Sohn kennt auch noch Hélènes Identität. Das ist – mit Verlaub – schon ein wenig kurios. Hier wäre es besser gewesen, mehr Indizien ins Spiel zu bringen. Das Aufspüren der Identitäten hätte das Ergebnis von Charles’ kriminalistischen und psychologischen Ermittlungen sein müssen. Der Zufall, zumal noch so ein eklatanter, ist immer ein erzählerisches Manko.

Antagonist

Bösewicht Paul ist zwar ein Schurke wie er im Buche steht, aber zu eindimensional charakterisiert. Er ist ein Tyrann, der Ehefrau und Sohn im Beisein anderer schikaniert und demütigt. Er ist ein wahrer Kotzbrocken, dessen Ableben niemanden berührt. Das ist schade und dramaturgisch verschenkt. Denn viel schlimmer für den Helden wäre es gewesen, wenn man den Täter mit sympathischen Facetten ausgestattet hätte. Oder noch schlimmer: Wenn Charles sich auch mit ihm angefreundet hätte. Es wäre das schlimmstmögliche Dilemma gewesen, das ein gekonnter Erzähler durchexerziert hätte.

Fazit

Das „Biest muss sterben“ ist ein abgründiges Krimidrama mit Mängeln in der Dramaturgie und der Charakterisierung des Antagonisten.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Claude Chabrols Das Biest muss sterben.

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Crossfire

Angesichts der Tatsache, dass „Crossfire“ von Claude-Michel Rome hierzulande nicht in die Kinos gekommen ist, erhärtet sich der Verdacht, dass man die besten Filme gar nicht oder selten zu sehen bekommt. Dieser Genremix aus Krimi und Thriller ist inszeniert wie ein Western und – bis auf Anfang und Ende – einfach hervorragend gemacht. Die Geschichte ist unglaublich verdichtet und temporeich. Man muss sich schon konzentrieren, um dem Geschehen folgen zu können. Gut so. Hinzu kommt noch, dass die Locations, die Ausstattung, die Atmosphäre, die Charaktere, die Dialoge, die Beschreibung der Polizeiarbeit ziemlich genial sind. Vor allem dieses Polizeirevier wird niemand so schnell vergessen.

Die Geschichte

Commandante Vincent Drieu (Richard Berry) wird ins kleine südfranzösische Saint-Merrieux strafversetzt. Seine Chefin, die schwangere Kommissarin Vasseur (Zabou Breitman), versucht ihn gleich auf Kurs zu bringen: Dienst nach Vorschrift, in drei Monaten wird das behelfsmäßige Polizeirevier ohnehin abgerissen. Aber Vincent wirkt nur desillusioniert, tatsächlich ist er ein hervorragender, akribisch arbeitender Polizist, der folgerichtig bei seinen Kollegen aneckt, mit der lokalen Unterwelt sowieso. Der scheinbar harmlose Fund eines abgestellten Fahrzeugs im Ghetto führt Vincent nach und nach auf die Spur einer Bande von Gangstern, die mit Drogen und Waffen dealen und auch vor Mord nicht zurückschrecken. Dabei gelingt es ihm, sein anfangs korruptes Team sukzessive zurück auf den Pfad des Gesetzes zu führen. Im bleihaltigen Showdown können sie gemeinsam die Gangster besiegen, wobei sich Kommissarin Vasseur als kriminelle Komplizin entpuppt. Am Ende quittiert Vincent seinen Dienst und verlässt Saint-Merrieux wie er gekommen ist.  

Die Dialoge

Ebenfalls ziemlich genial sind die lakonischen, manchmal auch sarkastischen Dialoge, zum Beispiel als die Polizeichefin Vincent die hiesigen Spielregeln erläutert: „Wir füllen hier das Wachbuch aus. Das war’s.“ Für seine Bleibe im Hotel Marisol hat sie folgende Bemerkung parat: „Wollen Sie nicht lieber eine der Zellen? Die sind bequemer.“ Seinen Hotelnachbarn, der alles organisieren kann, fragt Vincent: „Sind Sie der Weihnachtsmann?“ Seine Kollegen provoziert er mit folgender Frage: „Wieso? Ist das hier’n Revier?“ Die Hypothesen von Clubchef Farge zum scheinbaren Drogentod des Dealers Malik kommentiert Vincent so: „Sie schildern es, als wären Sie dabei gewesen.“ Irgendwann verdichten sich die Hinweise: Vincent ist nicht desillusioniert, sondern nicht korrumpierbar. „Er ist sauer, weil Sie ihm nicht zuhören“, klärt er seine Chefin nach einem Wutausbruch seines Kollegen auf. Diplomatie ist nicht seine Sache.

Stärken

Ein weiterer Vorzug dieses spannenden Copthrillers ist auch die fragmentarische Behandlung der privaten Vorgeschichte des Helden. Auf seinem Hotelzimmer führt Vincent Telefonate mit einer Frau, mit der er offensichtlich eine Liebesbeziehung hatte oder hat: „Komm zurück. Hör auf, bevor es zu spät ist.“ Die näheren Zusammenhänge werden angerissen, aber nicht detailliert beleuchtet. Müssen sie ja auch nicht. „Crossfire“ ist ja kein Melodrama oder deutscher Fernsehkrimi. Gerade diese schlaglichtartige Beleuchtung von Vincents Vergangenheit trägt sowohl zur geheimnisvollen, düsteren Grundstimmung als auch zur Spannung bei. 

Metapher

Herrlich ist das Bild des joggenden Commandante vor der Kulisse einer gigantischen Ölraffinerie. Anfangs läuft Vincent noch allein. Dann stoßen nach und nach die Kollegen seiner Abteilung dazu. Am Ende joggen sie zu Viert. Eine wundervolle Metapher für die Entwicklung der Nebenfiguren. Nur Kollege Jean-Ba gehört nicht zu den Joggern. Dafür ist seine Scham zu groß. Das wird deutlich, als er Vincent vor dem Hotel Marisol das Leben rettet und sich nicht zu erkennen gibt. Am Ende belehrt Vincent seine korrupte Chefin: „Ihr größter Fehler war, dass Sie Ihre Leute unterschätzt haben.“

Schwächen

Die Schießereien zu Beginn und am Ende von „Crossfire“ sind völlig überzogen. Vor allem das Opening ist unnötig brutal. In beiden Situationen können die Gangster eigentlich auch kein Interesse haben, haufenweise Polizisten zu erschießen. Das würde ihnen doch nur eine Armada von Gesetzeshütern auf den Hals hetzen. Nein, den Anfang hätte man einfach weglassen oder anders inszenieren müssen, zum Beispiel so: Der Gefangenentransport hat keine Begleitfahrzeuge. Er besteht nur aus einem Kleinlaster mit zwei Gefängniswärtern und zwei Fahrern. Dann gibt es einen kleinen Unfall. Der Fahrer steigt aus, weil er glaubt, eine Mitschuld zu haben und Hilfe leisten will. Aber der Unfall ist eine Falle. Der Fahrer wird in Geiselhaft genommen, die Freilassung des inhaftierten Gangster erpresst. Leichen: Null.

Showdown

Beim bleihaltigen Finale hätten vier oder fünf Gefolgsleute von Vargas völlig genügt, aber doch nicht 30, die auch noch Gefallen daran finden, sich von den im Revier befindlichen Polizisten abknallen zu lassen. Irgendwie sind sie hier mit den Filmemachern durchgegangen, so als wollte man beweisen, dass nicht nur Hollywood bleihaltige Actionszenen produzieren kann. Wie wäre denn folgendes gewesen?

Lösung

Es gibt zwischen den fünf Polizisten und fünf Gangstern ein Feuergefecht und Verletzte auf beiden Seiten. Am Ende geht den Polizisten die Munition aus, nicht aber den Gangstern. In diesem Moment erscheinen Einwohner des Viertels und stellen sich zwischen die Kontrahenten. Vielleicht sind auch ein paar Ehefrauen der Polizisten oder Kriminellen dabei? Vielleicht auch ein paar Kinder, die den dicken Rémy immer vor der Polizeiwache geärgert haben? Jedenfalls haben die Menschen die Nase voll von Drogen, Korruption, Mord und Totschlag. Wie in „Der einzige Zeuge“ von Peter Weir kapieren die Gangster, dass es keine Lösung ist, erst 50 Unschuldige zu erschießen, um an die eigentlichen Zielobjekte zu gelangen. Also Flucht oder Aufgabe wäre die Lösung gewesen. Insgesamt wäre auch hier weniger mehr gewesen.

Fazit

„Crossfire“ hätte ein ganz großer Wurf werden können, wenn die Filmemacher mehr auf ihre Stärken vertraut hätten: Die liegen in den originellen Figuren und ihren Entwicklungen, in der Polizeiarbeit, in den Locations, der Ausstattung, den Dialogen, vor allem in den ruhigen und melancholischen Momenten des Films.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Crossfire.

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Spotlight

Reden wir zunächst mal über das Positive: Im Stile eines Dokumentarfilms erzählt „Spotlight“ von mehreren Journalisten des „Boston Globe“, die einen Missbrauchsskandal durch katholische Priester aufdecken. Das Krimidrama ist informativ, teilweise erhellend und keine verlorene Lebenszeit. Er erinnert an „Vergiftete Wahrheit“ von Todd Haynes oder natürlich an „Die Unbestechlichen“ von Alan J. Pakula. Herausragend ist die Besetzung der Schauspieler bis in die kleinsten Nebenrollen, vor allem die der Opfer und Täter.
Aber, und jetzt kommt das große ABER: „Spotlight“ hat eigentlich keine Geschichte, kein klassisches Erzählmotiv, keine Hauptperson, wenig Spannung, keinen Suspense. Es fehlen also die elementarsten Zutaten für die Gestaltung eines spannenden, unterhaltsamen Spielfilms.

Taugliche Filmstoffe

Da sind wir bei der interessanten Frage, was denn eigentlich ein tauglicher Filmstoff ist, der – wie hier – auf wahren Begebenheiten beruht? Wie erkennt man ihn? Er sollte eine Fülle von konflikthaften Interaktionen aufweisen. Er sollte seine Protagonisten in maximale Schwierigkeiten bringen, sie vor schwere Entscheidungen stellen. All das ist in „Spotlight“ nicht der Fall. Die Journalisten des „Boston Globe“ stoßen zwar auf Hindernisse, aber nicht auf Gefahren, Bedrohungen oder Gewissenskonflikte. Mit etwas Akribie kann das Spotlight-Team alle Probleme lösen. 

Reale Fälle

In Clint Eastwood Meisterwerk „The Mule“ zum Beispiel – ebenfalls nach einer wahren Begebenheit – verdingt sich ein alter Mann mehr oder weniger wissentlich als Rauschgiftschmuggler für ein mexikanisches Drogenkartell. Hier liegen die Schwierigkeiten auf der Hand, die dann zusammen mit seinen familiären Problemen allesamt durchdekliniert werden. In „Barry Seal“ – wiederum nach einer wahren Begebenheit – gerät der Held von einem Schlamassel in den nächsten. Die Konzentration auf den Helden lässt uns bis zum bitteren Ende mitzittern

Dramaturgie

Eigentlich wählt Tom McCarthy die falsche Perspektive. Wer hätte denn im Szenario von „Spotlight“ in Gewissenskonflikte geraten können? Doch nicht die Guten. Genau. Das Geschehen wäre besser aus der Sicht eines Kirchenoberen erzählt worden. Sein Konflikt zwischen Aufklärung der Verbrechen und Loyalität wäre existenziell gewesen. Im britischen Spielfilm „Der Priester“ von Antonia Bird wird genau dieser innere Kampf durchexerziert.

Die Figuren

„Spotlight“ bietet ein ganzes Bataillon an Personen auf, wobei der Überblick schon mal verloren gehen kann. Wer war das denn jetzt eigentlich? Diese Invasion trägt nicht gerade zum Verständnis bei. Ist es dramaturgisch ertragreicher, einen bzw. wenige Helden ins Spiel zu bringen oder mehrere, wie in „Spotlight“? Antwort: Am besten eine zahlenmäßige Reduktion der Helden, weil wir dann unsere Gefühle besser synchronisieren können. Wir können tiefer eintauchen, eine intensivere Nähe herstellen. Wir können eher mit dem oder den Helden mitzittern. Also, am besten mit einem Helden (s. TOP 20).

Fazit

„Spotlight“ wirft ein eher spannungsarmes Schlaglicht auf einen Skandal, den auch einschlägige Magazine detailliert beleuchtet haben. Mit seinem brillanten „Stillwater“ und seinem früheren „Station Agent“ hat Tom McCarthy gezeigt, dass er sich sehr wohl auf seine Figuren und ihre Geschichten konzentrieren und Emotionen wecken kann.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 3 blaue Smileys und 4 schwarze traurige Gesichter für Spotlight.

Reptile

„Reptile“ ist ein spannender Genremix aus Krimi und Thriller, der von seiner Story und Atmosphäre her an „L.A. Confidential“ von Curtis Hanson erinnert. Der hat allerdings mit den Cops Bud White und Ed Exley zusätzlich ein explosives Odd-Couple-Paar aufgeboten, während in „Reptile“ Detective Tom Nichols (Benicio del Toro) weitestgehend allein ermittelt. Wieder müssen wir schlucken, dass praktisch das komplette Dezernat einer Polizeieinheit aus Betrügern, Drogenhändlern und Mördern besteht. Das ist schon längst nicht mehr originell. Spätestens bei der Frage des Polizeichefs, „Weiß sonst noch jemand davon?“, erahnt man die tödlichen Konsequenzen einer wahrheitsgemäßen Antwort. Gucken diese Detectives denn keine amerikanischen Krimis? 

Die Geschichte

Tom Nichols ermittelt im mysteriösen Mord an einer Immobilienmaklerin. Nacheinander geraten ihr Ex-Mann, der zwielichtige Eli Phillips sowie ihr Freund Will Grady (Justin Timberlake) in Verdacht. Am Ende stellt sich heraus, dass praktisch das komplette Morddezernat in Tateinheit mit Will Grady Häuser beschlagnahmt und sich bereichert hat. Beim Showdown werden drei hochrangige Polizisten erschossen und Will Grady verhaftet. So weit die Story.

Allerdings wirkt das ganze Geschäftsmodell ziemlich konstruiert. Selbst wenn die Polizei Häuser aufgrund von Drogenfunden zunächst beschlagnahmt, dann werden deren Besitzer doch alles versuchen, um wieder an ihr Eigentum zu gelangen. Und irgendwann sind solche Ermittlungen doch abgeschlossen oder verlaufen im Sande. Dann erhalten die rechtmäßigen Besitzer doch ihre Häuser zurück. Das im Film geschilderte Verfahren ist de facto eine Enteignung und mutet – gerade in der Hochburg des Kapitalismus’ – ziemlich unglaubwürdig an.

Dramaturgie

Die Irritationen kommen zuhauf, die Informationen häppchenweise. Das erzeugt erstmal Spannung. Man muss sich schon konzentrieren, um den Ermittlungen folgen zu können. Man weiß auch nicht, wer gut oder böse ist? Das ist geschickt gemacht. Allerdings verliert Regisseur und Autor Singer sich zunehmend im Rätselhaften. Irgendwann werden die produktiven Irritationen zu unproduktiven. Man sucht nach Antworten auf Fragen, bekommt aber keine.

Wer hat denn nun die Maklerin Summer Elsworth getötet? War es der Drogenkurier Rudi Rackozy? War es Detective Wally Finn? Oder war es doch ihr Freund Will Grady? Man kann spekulieren, erhält aber immer noch keine Antworten. Und das ist nicht gut. Warum? Weil es keine Kunst ist, sich ein Rätsel auszudenken und die Lösung zu verheimlichen. Nicht ohne Grund heißt es Knobelspaß. Also, hier übertreibt Singer ein ums andere Mal. Wir werden auch über den Mörder von Eli Phillips im Unklaren gelassen. Will Grady ist zwar anwesend, aber dann kommt noch jemand zur Tür herein, den wir nicht sehen. Wer war das? Ist Eli überhaupt ermordet worden? Dafür gibt es nur ein Indiz, aber keine Gewissheit. So geht das dann munter weiter. 

Weitere Ungereimtheiten

Warum wird Captain Allen überhaupt beim Showdown erschossen? Der gehört doch zur Gangsterbande von „The White Fish“. Also, warum töten ihn seine eigenen Leute? Wieso wird Tom Nichols überhaupt mit diesem Mordfall betraut? Wäre doch für Captain Allen und seine Kumpane viel sinnvoller, wenn der Fall sozusagen in der Familie bleibt.

Informationsfluss

Der Film leidet unter einem Überschuss an Rätseln und Mangel an Informationen. Wie könnte man den Informationsfluss verbessern? Dazu Alfred Hitchcock: „Der Zuschauer sollte informiert werden, wann immer es möglich ist.“ So ist es. Man sollte den Zuschauern mit Informationen füttern, ihn zum Geheimnisträger und Komplizen machen. Nur das schafft Suspense. Überraschungen sind schön und gut, wenn sie denn funktionieren, aber was sind sie schon im Vergleich zu Suspense.

Suspense – was ist das?

Kasperletheater. Kasper hält sich im Vordergrund der Bühne auf, während im Hintergrund ein Krokodil auftaucht. Was machen die Kinder? Sie schreien: „Kasper. Pass auf!“ usw. Was macht Kasper (an so einer Stelle zeigen sich die wahren Meister eines kunstgerechten Spannungsaufbaus)? Kasper merkt nichts von der drohender Gefahr. Im ganzen Lärm fragt er die Kinder: „Was habt ihr gesagt?“ Was machen die Kinder? Die schreien natürlich noch lauter als vorher, zumal das Krokodil immer näher kommt. Diese Situation wird bis zum Exzess retardiert. Im allerletzten Moment – das Krokodil hat schon sein riesiges Maul geöffnet – dreht Kasper sich herum und schlägt das „Reptile“ k.o. Die Spannung funktioniert, weil die Kinder mehr Informationen haben als Teile der handelnden Personen (Kasper). Darum geht’s!

Die Form

„Reptile“ ist exzellent gemacht. Die Dialoge sind fragmentarisch, unkorrekt, manchmal hart oder witzig. Die Kameraarbeit, die Inszenierung ist hervorragend. Ein Beispiel: Als Tom Nichols mit seinem Partner Dan Cleary im Haus der Ermordeten nach Spuren sucht, öffnet er irgendwann eine Schranktür mit einem Spiegel. Jetzt sehen wir in der linken Bildhälfte, wie Dan Will Grady nach einer Lebensversicherung der Verstorbenen befragt. In der rechten sehen wir, was Tom an Utensilien aus dem Schrank befördert. Das ist super gemacht. Auch die Filmmusik unterstützt die latent düstere und bedrohliche Grundstimmung. Schade eigentlich, dass Grant Singer seine Rätselspielereien übertrieben hat. Es hätte ein ganz großer Wurf werden können.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 4 blaue Smileys und 3 schwarze traurige Gesichter für Grant Singers Reptile.

Adieu, Bulle

Die Franzosen haben es schon drauf mit ihren Krimis. „Adieu, Bulle“ ist eine unkonventionelle, spannende Genremixtur aus Krimi und Thriller von Pierre Granier-Deferre. Ein Polit- und Copthriller, der vor allem durch seine originellen und schrägen Figuren lebt, die die Handlung mit schnodderigen Dialogen kompromisslos vorantreiben. „Adieu, Bulle“ ist ein harter und brisanter Film. In den Schießereien bleiben sowohl einige Gangster als auch Polizisten auf der Strecke. Inhaltlich behandelt er die illegale Verquickung von Politik, Justiz und Ermittlungsbehörden, also Korruption. Heutzutage hätten noch die Lobbyisten ihre Finger mit im Spiel. Aktuell ist die Thematik allemal.

Die Geschichte

Während eines Wahlkampfes wird eine Gruppe von Plakatierern von Gangstern überfallen. Dabei wird einer der Angegriffenen getötet ebenso wie ein herbeigeeilter Kripobeamter. Der kann allerdings vor seinem Ableben noch den Mörder identifizieren: Portor. Kommissar Verjeat (Lino Ventura) und sein Team um Inspector Lefèvre (Patrick Dewaere) blasen zur Jagd, wobei sie wenig zimperlich vorgehen. Schnell wird klar, dass der aalglatte Politiker Lardatte seine Finger im Spiel hat. Der versucht, sich seines Verfolgers zu entledigen, indem er dessen Versetzung erwirkt. Aber durch einen fingierten Korruptionsskandal erreicht Verjeat einen Aufschub. Den nutzt er, um Portor und Lardatte trickreich in die Falle zu locken.

Die Figuren

Kommissar Verjeat ist mürrisch, grimmig, stoisch und schlagkräftig – in doppelter Hinsicht. Vor dem Präsidium herumlungernde Harekrishna-Anhänger befördert er schon mal einen nach dem anderen auf die Straße. Verjeat ist nicht korrumpierbar und nimmt kein Blatt vor den Mund. „Mit Kriminellen umzugehen, ist etwas anderes als mit Politikern“, belehrt ihn Polizeichef Ledoux. „Sie werden mir eines Tages sicher den Unterschied erklären“, kontert Verjeat.

Ihm zur Seite agiert der nicht mInder originelle Lefèvre, der sich anfangs bitter darüber beklagt, dass eine Bordellchefin sie bei Ermittlungen „nicht schmieren“ wollte. Er ist ein Draufgänger, immer gut für eine ausgefallene Idee. Die beiden passen gut zusammen, auch wenn Verjeat ihn einmal ohrfeigt oder für verrückt erklärt. Lefèvre versteht, dass es väterlich gemeint ist. Dafür spart er seinerseits nicht mit guten Ratschlägen für seinen Chef: „Sie setzen gerade ihre Pension aufs Spiel.“ Den beiden schaut man einfach gerne zu, wie sie sich durch dieses Dickicht von Filz und Korruption schlagen.

Finale

Das Ende ist lakonisch und passt zum Grundtenor des Politthrillers. Portor hat Lardatte als Geisel genommen. Wieder soll Verjeat – wie zu Beginn schon einmal – die Geiselnahme gewaltfrei lösen. Aber er hat keine Lust mehr, für seine alten Kollegen und vor allem für Lardatte die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Verjeat beruft sich auf seine Versetzung und verlässt einfach den Tatort: „Adieu, Bulle“. Wir werden ihn vermissen.

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