Tödliche Entscheidung (Sidney Lumet)

Was für ein grandioses Thrillerdrama von Sidney Lumet! Nichts für schwache Nerven. Angeführt von einer herausragenden Schauspielerriege, allen voran Philip Seymour Hoffman als drogensüchtiger Immobilien-Buchhalter Andrew „Andy“ Hanson, führt der Weg der Protagonisten geradewegs in den Abgrund. Fehlendes Geld der beiden Brüder Andy und Hank (Ethan Hawke) für ein vermeintlich besseres Leben in Rio oder zum Begleichen von Schulden für den Unterhalt der Tochter sind der Auslöser für einen scheinbar einfachen Überfall auf den Juwelierladen der eigenen Eltern. „Ganz easy“, versucht Andy seinem jüngeren Bruder den Coup schmackhaft zu machen. Einfach Samstagmorgen reinspazieren, der kurzsichtigen Putzfrau Doris, die zu der Zeit im Laden aushilft, Bargeld und Schmuck stehlen. Fertig. Die Versicherung würde für den Schaden aufkommen und sie hätten nach Abzug der Hehlerprovision noch 120.000 Dollar. So weit der Plan. Doch der endet im Fiasko. Eine „Tödliche Entscheidung“.

Desaster

Denn zum einen steht nicht Doris, sondern die eigene Mutter Nanette Hanson zur Tatzeit im Laden, zum anderen traut Hank sich nicht, den Überfall allein durchzuführen. Deshalb engagiert er ohne Andys Wissen den Kleinkriminellen Bobby Lasorda. Der entpuppt sich aber als dilettantisches Großmaul, fuchtelt beim Überfall mit seiner Waffe herum und verängstigt Nanette dermaßen, dass sie, in die Enge getrieben, zu einer in den Schubladen deponierten Pistole greift. Beim nachfolgenden Schusswechsel wird Bobby getötet und Nanette schwer verletzt. Auf der Intensivstation wird sie, bereits hirntot, noch tagelang am Leben gehalten. Ihr Ehemann und Vater der beiden Brüder Charles Hanson (Albert Finney) hat die Vorsorgevollmacht und soll über die Abschaltung der lebenserhaltenden medizinischen Geräte entscheiden.

Suspense

Nicht nur dieser Moment wird fachgerecht retardiert und ist an Dramatik kaum zu überbieten. Denn bei Charles’ innerem Kampf, im Krankenhaus und zu Hause, sind seine Söhne anwesend, die letztlich diese Qualen verursacht haben. Eine klassische Suspense-Situation, denn der Zuschauer weiß mehr als Teile der handelnden Personen. Das treibt die Spannung zum Maximum. Auch Charles’ Entscheidung endet tödlich. Er gibt schließlich sein Einverständnis für das Ableben seiner geliebten Frau.

Produktive Irritation

Dabei erzählt Lumet diesen Strudel fataler Entscheidungen nicht-chronologisch. Was in anderen Filmen oftmals den Erzählrhythmus hemmt, ist hier keine Spielerei, sondern eine Eskalation der Spannung. Produktive Irritation heißt das dramaturgische Mittel. Der Zuschauer stolpert über Geschehnisse, die erst mal verwunderlich sind. Aber man ahnt, dass es einen plausiblen Zusammenhang gibt und will ihn erschließen. Der Zuschauer wird zum Mitdenken und Mitfiebern animiert. Besser kann man es nicht machen.

Eskalation

Immer wieder finden die Filmemacher überzeugende Lösungen auf die dramaturgische Kardinalfrage: Was ist in der jeweiligen Spielanordnung das Schlimmstmögliche für die Protagonisten? So unterhält sich Charles mit seinem ältesten Sohn Andy bei der Beerdigungsfeier und entschuldigt sich bei ihm, dass er nicht der Vater war, den dieser sich gewünscht hat. Diese Bitte um Verzeihung zieht Andy angesichts der von ihm verschuldeten Umstände förmlich die Schuhe aus. Keine Vorhaltungen oder Streitereien hätte eine derart niederschmetternde Wirkung erzielen können wie die Entschuldigung für begangene Fehler. Später weint Andy neben seiner Frau: „Das ist nicht fair. Man kann nicht alles ungeschehen machen.“

Schwachpunkte?

Auch zwischenzeitlich auftretende Schwachpunkte nutzt die grandiose Drehbuchautorin Kelly Masterson zur erzählerischen Optimierung. Denn Bobbys Ehefrau könnte Hank identifizieren. Diese offene Frage wird gelöst, indem die Ehefrau zusammen mit ihrem Bruder Hank erpresst: Ihr Stillschweigen soll 10.000 Dollar kosten. Eine unerschwingliche Summe für die beiden Brüder, denen das Wasser schon längst nicht mehr nur bis zum Hals steht. Deshalb ist Andys Griff zum Revolver ein nachvollziehbarer Ausweg, zumal ihm auch noch die Steuerfahndung dicht auf den Fersen ist.

Finale

Doch auch der Versuch, lästige Zeugen zu beseitigen, gerät zum Fiasko – die nächste „Tödliche Entscheidung“. Ähnlich wie beim Überfall im Juwelierladen wird der abgelenkte Täter (Andy) von der überfallenen Frau (Bobbys Ehefrau) erschossen. So erleidet Andy das Schicksal seiner Mutter und landet schwerverletzt auf der Intensivstation. Charles, der mittlerweile hinter die Zusammenhänge gekommen ist, schleicht sich ins Krankenzimmer und schaltet – nach Andys Beichte – die lebenserhaltenden Geräte ab. Zusätzlich erstickt er seinen Sohn mit einem Kopfkissen. Damit ist das Drama komplett.

Fazit

Nicht ganz. Es gibt doch einen Schwachpunkt: Charles weiß, dass auch sein Lieblingssohn Hank die Finger mit im Spiel hatte. Diese fällige Konfrontation spart der Film aus. Das ist schade, aber nur eine kleine Trübung dieses dramatischen Meisterwerks. „Tödliche Entscheidung“ ist einer dieser Filme, nach denen man Hegels Erkenntnis („Es ist die Ehre großer Charaktere schuldig zu sein“) verstehen kann.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 7 blaue Smileys und 0 schwarze traurige Gesichter für Sidney Lumets Tödliche Entscheidung.

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Insider (Michael Mann) USA 1999

Es handelt sich hier um einen ebenso spannenden wie klugen Psychothriller, der auf einem tatsächlichen Fall beruht und ohne Darstellung von Gewalttaten auskommt. „Insider“ konzentriert sich ganz auf die inneren Konflikte seiner beiden Hauptdarsteller. Das ist zum einen Jeffrey Wigand (Russel Crowe), der als Wissenschaftler eines Tabakkonzerns vor den Suchtgefahren einer chemischen Beimischung warnt. Ein entsprechendes firmeninternes Memo hat seine Kündigung zur Folge. Trotz vertraglicher Schweigepflicht entscheidet er sich aus Gewissensgründen für die Veröffentlichung seiner Insider-Kenntnisse. Damit kommt Lowell Bergman (Al Pacino), Producer des CBS-Politmagazins „60 Minutes“ ins Spiel.

Die Geschichte

Was folgt, ist ein gnadenloser Kampf zwischen den Geschäftsführern, Lobbyisten und Anwälten des Tabakkonzerns auf der einen Seite und Wigand mit Bergman und seiner Redaktion auf der anderen Seite. Ein Kampf, der nicht mit Kugeln ausgetragen wird, sondern – subtiler und cleverer – mit Rufmordkampagnen, Psychoterror und Gerichtsklagen. Wigands Ehe übersteht diesen Kampf nicht. Seine Frau verlässt ihn mit den beiden gemeinsamen Kindern. Bergman gerät in einen vergleichbaren Zwiespalt, als CBS vom Tabakkonzern aufgekauft und das schon fertig produzierte Interview mit Wigand nicht ausgestrahlt werden soll. Hier sind die sektengleichen Zwänge einer Firmenstruktur sehr schön beschrieben.

Schweigende Mehrheit

Als es für die Journalisten unverfänglich ist, plädieren alle Mitarbeiter der Redaktion für eine Ausstrahlung des Interviews, also für eine Veröffentlichung der Wahrheit. Als der Druck der Fernsehbosse dann zunimmt, ist Bergman plötzlich allein. An hehre journalistische Grundsätze kann sich plötzlich keiner mehr erinnern. Um den Renitenten ruhig zu stellen, wird er – anders als Wigand – nicht gefeuert, sondern beurlaubt, was eigentlich viel cleverer ist. Denn Ressentiments entstehen eher durch Kündigungen als durch kostenlose Urlaube.

Showdown

Aber Bergman denkt gar nicht daran, lange auf dem Abstellgleis zu verweilen. Er schlägt mit seinen Mitteln zurück, indem er einen befreundeten Redakteur der New York Times von diesem Skandal berichtet. Die entscheiden sich nach kurzer Recherche für eine Veröffentlichung dieses Angriffs auf die Pressefreiheit auf der ersten Seite ihrer Zeitung. Ein Schachzug, der natürlich ein großes Interesse am nichtgesendeten Beitrag erzeugt. Dem müssen die TV Bosse schließlich nachgeben: Das Interview wird gesendet. Doch Bergman hat genug von seinen alten Kollegen und kündigt seinen Job bei „60 Minutes“, weil er gegenüber zukünftigen Informanten nicht noch einmal als Verräter dastehen will. Er ist nicht käuflich.

Die Form

Zum packenden Geschehen gesellt sich eine brillante Kameraarbeit (Dante Spinotti), oftmals aus der Hand gefilmt, manchmal in Zeitlupe, immer unglaublich konzentriert auf Handlung und Personen. Die Montage, die Komposition von Geräuschen, die Filmmusik offenbaren die Handschrift eines ganz großen Regisseurs: Michael Mann, einer der wenigen Autorenfilmer Hollywoods. Seine Werke sind stets ebenso eigenwillig wie spannend.

Schwachpunkte

Es gibt zwei Schwachpunkte im Film. Zum einen agiert Wigands Frau in ihrer Zickigkeit zu eindimensional. Da stellen sich bei der Trennung des Ehepaares regelrechte Glücksgefühle ein: Gottseidank ist er diese Tante endlich los. Ein komplexeres Verhalten wäre natürlich dramatischer gewesen und nur darum geht’s, nicht darum, welchen Charakter die reale Mrs. Wigand hatte. Des weiteren zahlt auch diese Geschichte ihren Preis für die Fokussierung auf zwei Hauptdarsteller: Die emotionale Anteilnahme wird gerecht aufgeteilt, aber nicht bis zum Anschlag maximiert. Dafür hätte man „Insider“ ganz aus Wigands Perspektive erzählen müssen. Aber dann wären die journalistischen Internas natürlich auf der Strecke geblieben. Eine Frage der Abwägung. Was ist wichtiger: die Eskalation der emotionalen Anteilnahme für den Protagonisten oder der Medienkrimi?

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Michael Manns Insider.

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Der einzige Zeuge (Peter Weir) USA 1985

Von Beginn an baut „Der einzige Zeuge“ von Peter Weir eine sogartige Spannung auf, die vorrangig aus der Verknüpfung zweier klassischer Erzählmotive resultiert: „Der bedrohte Zeuge“ und „Die unmögliche Liebe“. Des Weiteren liefert der Aufeinanderprall völlig unterschiedlicher Welten zusätzliches Konfliktpotenzial. Die in der Landwirtschaft verwurzelte, technikfeindliche Lebenswelt der religiösen Amischen wird mit dem Lifestyle moderner Großstädter kontrastiert.

Figuren

Heimlicher Held der Geschichte ist der 8-jährige Samuel, ein Amisch-Junge, der seinen ersten Ausflug mit seiner verwitweten Mutter Rachel (Kelly McGillis) in das Universum der Großstädter förmlich in sich aufzusaugen scheint. Das jähe Erwachen kann kaum brutaler sein: Auf einer Bahnhofstoilette in Philadelphia wird er „Der einzige Zeuge“ eines Mordes. Ermittelnder Detective ist John Book (Harrison Ford), der Mutter und Sohn erst mal bei seiner Schwester unterbringt. Am nächsten Morgen frühstücken John, Rachel und Samuel gemeinsam in einem Schnellrestaurant. In dieser Szene haben die Drehbuchautoren (Kelley, Wallace) sich etwas Geniales einfallen lassen. Im Verlauf eines kleinen Streits hält Rachel dem Detective sämtliche Schwächen vor, die seine Schwester ihr anvertraut hat. Auch wenn nicht alles stimmen mag, erhalten wir hier auf originelle Weise eine umfassende Charakterisierung des männlichen Protagonisten. Das ist exzellent! John Book ist der Appetit vergangen und der des Zuschauers ist geweckt.

Flucht

Als Samuel auf dem Polizeirevier McFee, ein Detective des Rauschgiftdezernats, als Täter identifiziert, beginnt eine gnadenlose Jagd. Nichtsahnend informiert John seinen Vorgesetzten Chief Paul Schaeffer vom Sachverhalt und wird kurz darauf Opfer eines Mordanschlags. Schütze aus dem Hinterhalt ist kein Geringerer als McFee, womit klar ist, dass der mit Schaeffer unter einer Decke steckt. Schwer verletzt taucht John mit Rachel und Samuel auf der Farm ihres Schwiegervaters unter. Nach seiner Genesung wird John in den bäuerlichen Alltag der Amischen integriert.

Die unmögliche Liebe

Wie ein Dokumentarfilm skizziert „Der einzige Zeuge“ die immaterielle, tief religiöse Welt, in der die Familie mit klar definierten Geschlechterrollen im Fokus steht. Der gemeinsame Bau einer Scheune, den die Amischen ameisengleich an einem Tag bewältigen, wird wie eine Hymne inszeniert – ein Triumph von Teamgeist und Hilfsbereitschaft. Die Abgründe treten zutage als John und Rachel sich ineinander verlieben. Das kollidiert mit den bigotten Moralvorstellungen und der hermetischen Abgeschiedenheit der Amischen, in der eine Beziehung zu „Engländern“ geächtet wird. Es ist eine Liebe, die von Anfang an keine Aussicht auf Erfolg hat. Diese emotionale Zerrissenheit spielt vor allem Kelly McGillis mit einer Melange aus Verliebtheit und Angst einfach überragend. Am Abend nach dem Bau der Scheune sieht John sie nackt in ihrem Zimmer und widersteht. „Ich hätte bleiben müssen oder du hättest gehen müssen“, bringt er das Drama auf den Punkt.

Showdown

Sehr schön ist auch das Fortführen der Thrillerebene. Bei einem Telefonat erfährt John vom Ableben seines Partners „in Ausübung seiner Dienstpflicht“. Dass sich hinter dieser Formulierung nichts anderes als die Beseitigung eines gefährlichen Mitwissers verbirgt, ist ihm sofort klar. Nach einer Handgreiflichkeit mit einem Touristen wird eine Polizeistreife auf John aufmerksam, denn Amische lehnen jede Anwendung von Gewalt ab. Damit haben die Verfolger ihn geortet und es kann zum Showdown kommen, bei dem John zwei seiner Gegenspieler ausschalten kann. Doch dann bringt Schaeffer Rachel in seine Gewalt und droht, sie zu erschießen. Die Lösung führt der kleine Samuel herbei, indem er die Nachbarn alarmiert. Schaeffer erkennt die Ausweglosigkeit seiner Situation, denn er kann nicht alle Herbeigeeilten erschießen. Das ist sehr stimmig gelöst: Ein Sieg der Gemeinschaft über die Habgier. Genauso überzeugend ist der Abschied der Liebenden, der nämlich ohne überflüssige Worte auskommt.

Schwachpunkte

Es gibt drei Schwachpunkte: Zum einen muss man wieder schlucken, dass die komplette Einheit eines Rauschgiftdezernats aus brutalen Gangstern besteht, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Immerhin besteht diese Bande hier, im Gegensatz zu „L.A. Confidential“ oder „16 Blocks„nur aus drei Gangstercops.

Grausamkeit

Dann ist dieser Mord auf der Bahnhofstoilette viel zu grausam inszeniert. Er gleicht einer Hinrichtung und hätte Samuel eigentlich traumatisieren müssen. Besser und glaubhafter wäre ein Totschlag im Affekt gewesen, denn der Ermordete war ja Polizist, also wahrscheinlich ein abtrünniges Mitglied der Gangstercops. Da hätte man sich sehr gut einen eskalierenden Streit vor dem Totschlag vorstellen können. Die Möglichkeit, dass der Ermordete ihnen im Zuge von Ermittlungen auf die Schliche gekommen ist, kann man eigentlich ausschließen. Denn dann wären ja weitere Beamte in diese Untersuchung involviert gewesen.

Passivität

Entscheidendes Manko sind aber die ausbleibenden Versuche von John und seinem Partner, ihre Erkenntnisse über Schaeffers kriminelle Machenschaften einem anderen hochrangigen Polizeibeamten, einem Staatsanwalt oder einem Journalisten anzuvertrauen. Die sind ja nicht alle korrupt. Hier hätte mehr kommen müssen, als nur eine kurze Debatte zwischen beiden, die nichts daran ändert, dass sein Partner wie ein braves Schaf zur Schlachtbank trabt und John dies letztlich billigend in Kauf nimmt. Ansonsten ist „Der einzige Zeuge“ ein fulminanter Thriller.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Peter Weirs Der einzige Zeuge.

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Gloria (John Cassavetes) USA 1980

Es handelt sich hier um einen fulminanten Mafiathriller, der auch 40 Jahre nach seiner Herstellung nichts von seiner Kraft eingebüßt hat. Das liegt zum einen am Aufbau eines Spannungsbogens, der von Anfang bis zum Ende kunstgerecht auf die Spitze getrieben wird, zum anderen an der genialen Gena Rowlands in der Rolle der alternden, ehemaligen Gangsterbraut Gloria Swenson. Der Film war auch die Vorlage für Luc Bessons ebenso brillanten Rachethriller „Léon – der Profi“.

Exposition

In „Gloria“ ist es die Mafia, die glaubt, ein Exempel statuieren zu müssen und den abtrünnigen Buchhalter Jack Dawn samt Familie liquidieren will. Der 6-jährige Sohn Phil soll im letzten Moment bei Nachbarin Gloria unterschlüpfen. Die Widerwilligkeit des Jungen zur verhassten Nachbarin zu gehen, ist sehr schön retardiert. Die Ermordung der Familie wird – anders als bei Luc Besson – nicht als blutspritzende Gewaltorgie inszeniert. Man sieht den Jungen in Glorias Wohnung noch mit seinem Vater telefonieren, bis mit einem explosionsartigen Knall das Fenster von Dawns benachbarter Wohnung zersplittert und die Telefonleitung „tot“ ist. Das ist super, viel besser als bei „Léon – der Profi“.

Odd-Couple

Das Gespann Gloria/Phil ist vortrefflich als Odd-Couple-Paar etabliert. Sie hasst Kinder, der Junge mag sie ebenso wenig. Besser kann man es nicht anrichten. Besser kann man es auch nicht weitertreiben. Denn die nachfolgenden Flucht-Verfolgungs-Szenen sind gnadenlos spannend und geben ihrer Heldin Gelegenheit zur kompletten Entfaltung. Nach Enttarnung ihres ersten Unterschlupfs wird Gloria mit dem Jungen auf der Straße von einem PKW mit fünf Mafiosi gestellt. Nachdem sie auf ihre Frage „Ihr wollt doch kein Kind abknallen?“ nur beredtes Schweigen erntet, zieht sie ohne Vorwarnung ihren Revolver und feuert alle Kugeln ins Innere des davon preschenden Wagens. Das ist Gloria!

Die Heldin

Aber sie ist weit mehr als nur eine zu allem entschlossene Beschützerin des Jungen. Sie leidet unter Einsamkeit, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Sie ist sarkastisch, auch wenn sie vorgibt, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Gloria hat Angst, obwohl sie es gegenüber Phil abstreitet. Sie entwickelt Gefühle für den Jungen, obwohl sie es nicht will, obwohl es in ihrem Lebensmodell nicht vorgesehen ist. Das ist schön, auch die Zeit, die der Film sich in diesen Momenten nimmt.

Die Form

Es gibt Wendungen, Überraschungen, eine geniale Ausstattung, eine tolle Kameraarbeit, eine brillante Filmmusik (Bill Conti), die stets auf das Geschehen eingeht und nicht domestiziert. Die Dialoge sind pointiert und schonungslos: „Ich bin froh, dass ich bei dir bin“, sagt der Junge. „Schön, dann werden wir uns mal einen Grabstein suchen“, antwortet Gloria.

Schwachpunkte

Tja, gibt es denn gar nichts zu mäkeln? Doch. Leider hat der Film zwei nicht unerhebliche Schwachpunkte: Zum einen fragt man sich, warum Gloria den Jungen im Laufe der Geschichte nicht irgendwann der Polizei anvertraut, zumal Jack Dawn ja schon mit dem FBI in Verhandlung war. Ein Zeugenschutzprogramm mit neuer Identität wäre für den Jungen eine dauerhafte Überlebensmöglichkeit gewesen. Für diese Unterlassung gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Von diesem Moment an hätte Gloria den Jungen nie wiedersehen können. Diesen Zwiespalt hätte John Cassavetes aber thematisieren und zelebrieren müssen.

Zum zweiten ist die Geschichte nicht richtig zu Ende erzählt, denn Mafiaboss Tanzini, der am überlebenden Jungen bis zum Schluss ein Exempel statuieren will, ist nicht tot, ebenso wenig wie Gloria oder Phil. Tanzini wird sein Vorhaben nicht aufgeben. Deshalb wäre es besser gewesen, wenn Gloria zusammen mit Phil am Ende tatsächlich mit einem Schiff nach Südamerika geflohen wäre und diese Geschichte nicht nur als Ausrede benutzt hätte. Hier hat Luc Besson in „Léon – der Profi“ ein besseres Ende kreiert, in dem der Held sich opfert und den Antagonisten mit in den Abgrund reißt. Ansonsten ist „Gloria“ ein genialer Thriller.

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Das Schweigen der Lämmer (J. Demme)

Zu Zeiten als der Oscar noch nicht ein Symbol gesellschaftlicher Wiedergutmachung war, gab es hin und wieder würdige Preisträger. Einer davon ist der gnadenlos spannende Psychothriller „Das Schweigen der Lämmer“ von Jonathan Demme nach einem Roman von Thomas Harris. Hier stimmt praktisch alles: Drehbuch, Inszenierung, Kamera, Ausstattung, Filmmusik, Montage und vor allem die hervorragenden Schauspieler.

Figuren

Heldin ist die junge FBI-Agentin Clarice Starling (Jodie Foster), die einer Sondereinheit des FBI angehört. Ihr Ziel ist es, den Serienmörder „Buffalo Bill“ zur Strecke zu bringen. Dafür sucht Clarice den kannibalistisch veranlagten Psychiater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) auf, der in Baltimore im Gefängnis einsitzt. Von ihm erhoffen die Ermittler sich Hinweise zur Klärung des Mordfalls. Vor der fensterlosen Gefängniszelle entwickelt sich ein nervenzermürbendes Katz-und-Mausspiel. Quid pro quo lauten die Spielregeln, die von Dr. Lecter bestimmt werden. Für jede Information aus ihrem Privatleben liefert er Andeutungen zur Psyche des Serienmörders. Das ist genial gemacht.

Backstory

So tauchen wir tief in das Vorleben der Heldin ein, erfahren von ihrer Beziehung zum gewaltsam getöteten Vater und ihre Zeit auf dem Schlachthof des Onkels. Seit jenen Tagen wird sie vom Schreien der zur Schlachtbank geführten Lämmer in ihren Albträumen verfolgt. Clarice beantwortet Dr. Lecters Fragen wahrheitsgemäß. Zum einen würde er eventuelle Lügen sofort durchschauen, zum anderen ist er ihre Hoffnung bei der Aufklärung des Mordfalls. Im Laufe der Verhöre entwickelt sich ein Verhältnis zwischen beiden. Er mag sie und gibt ihr schließlich – verklausuliert – die entscheidenden Hinweise. Und Clarice ist fasziniert von der Inkarnation des Bösen, von seiner Intelligenz, von seiner Direktheit, von seiner Hinterhältigkeit. Ein abgründiges Vater-Tochter-Verhältnis.

Showdown

Der Showdown von „Das Schweigen der Lämmer“ ist ein kleines Meisterstück, brillant inszeniert und montiert. Besser geht’s nicht. Da ist zum einen Crawford, der Chef der Sondereinheit, der mit seinen Leuten das Haus eines vermeintlichen Täters in Chicago stürmt, zum anderen Clarice, die alleine weiter in Ohio ermittelt. Beide Handlungsstränge laufen alternierend aufeinander zu, bis Clarice dem Killer ganz allein gegenübersteht. Dieser Moment wird natürlich fachgerecht retardiert, bis sie ihn im letzten Moment ausschalten kann.

Schwachpunkte

Schwachpunkte: Wenn „Buffalo Bill“ eines seiner Opfer nachts vor einem Diner beobachtet, dann benötigt er dafür ja wohl kein Nachtsichtgerät. Das wird hier nur eingeführt, weil es beim Showdown eine Rolle spielt. Das hätte man geschickter lösen können. Dr. Lecters Entkommen aus dem provisorischen Hochsicherheitstrakt im 5. Stock eines Gerichtsgebäudes in Memphis muss man erst mal schlucken. Da benötigt es schon einiges Wohlwollen. Aber okay, ist ja Kintopp. Clarice hat Schwierigkeiten mit Männern, auch weil sie ihren Vater idealisiert. Das hat Dr. Lecter messerscharf erkannt. Sie lässt keine Männer in ihre Nähe kommen, weder den älteren Crawford noch den jungen Biologen, der ihr im Laufe der Ermittlungen Avancen macht. Da hätte man der Heldin zum Schluss der Geschichte schon eine Entwicklung gegönnt. Ansonsten: perfekte, abgründige Unterhaltung.

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The Equalizer (Antoine Fuqua) USA 2014

In „The Equalizer“ bekommt die Russenmafia ordentlich eins auf die Mütze. Das haben sie eben davon, wenn sie sich in den Staaten so breit machen. Der Mann, der hier für Gerechtigkeit sorgt, heißt Robert McCall (Denzel Washington). In seinem normalen Leben ist er ein unscheinbarer Mitarbeiter eines Baumarkts, in seinem Vorleben war er Spezialagent des DIA. Vorleben ist hier wörtlich zu nehmen, denn McCall hat sein Ableben und damit seinen Ausstieg aus der Agententätigkeit inszeniert. Dummerweise versucht er anschließend, ein guter Mensch zu sein. Aber dazu gehören Gleichgesinnte, ein anderes Vorleben und andere Fähigkeiten.

Die Geschichte

So freundet er sich in einem Diner mit der Prostituierten Alina (Chloé Grace Moretz) an. Als die von einem Kunden und ihrem Zuhälter Slavi krankenhausreif geschlagen wird, ist Schluss mit lustig. Jetzt kommt meine Lieblingsszene. McCall knöpft sich den Gangster und seine Leute in ihrer Hotelsuite vor. Die sind natürlich alle brutal, tätowiert und trinken literweise Wodka – wie russische Mafiosi das eben so machen. „Na, Opa. kriegst du überhaupt noch einen hoch?“, wird er verhöhnt. Kurz darauf liegen fünf Tote auf dem edlen Teppich. Das geht Ober-Russenmafioso Pushkin gewaltig auf den Keks, weshalb er seinen Mann fürs Grobe, Teddy Rensen, nach Boston schickt, um dort den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Bis zum Showdown müssen noch einige korrupte Polizisten und russische Gangster ins Gras beißen, aber gegen McCall haben sie letztlich keine Chance.

Schwachpunkte

Damit sind wir beim Hauptproblem des Films. Man hat nie wirklich Angst um McCall, der bei seinem Kampf gegen die Übermacht kein einziges Mal eine Schusswaffe benutzt. Er wirkt wie eine Kunstfigur, wie Superman ohne Kostüm. Zudem nervt seine missionarische Gutherzigkeit, so als müsste er sämtliche Schandtaten seines Vorlebens wieder ausbügeln – „The Equalizer“. Leider erfährt man nichts von diesen Untaten. Man erfährt auch nicht, ob sie ihm in irgendeiner Form zu schaffen machen. Solche inneren Konflikte wären natürlich nicht schlecht für eine Annäherung an diese Figur. Aber was ist schon von Filmemachern zu erwarten, die derart klischeehafte Mafiosi ins Spiel schicken? So ist McCall einem „equal“. In „Man on Fire“ hat Tony Scott mit dem Ex-Agenten Creasy (ebenfalls Denzel Washington) demonstriert, wie man es richtig macht.

Fazit

Immerhin gibt es jetzt weniger russische Gangster. Das ist doch auch was.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für The Equalizer.

Das schnelle Geld (D.J. Caruso) USA 2005

Die Spielerbiographie „Das schnelle Geld“ erinnert an „The Wolf of Wall Street“ (Martin Scorsese), ohne allerdings auch nur annähernd dessen Qualität zu erreichen. Die Geschichte des Sportinvaliden Brandon Lang (Matthew McConaughey) taugt überhaupt nicht als Filmvorlage. Sie hat am Anfang einen dramatischen Höhepunkt, dann muss man viel Geduld aufbringen, bis zur Mitte des Films wieder etwas halbwegs Spannendes passiert. Außer Brandons schwerer Verletzung haben alle „dramatischen“ Ereignisse keine Konsequenzen. Das schnelle Verpuffen. Es gibt teilweise schöne Dialoge. Aber das darf man vom Drehbuchautor Dan Gilroy („Nightcrawler“) auch erwarten.

Schwachpunkte

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Figurenkonstellation: Sportwettenberater Walter Abrams (Al Pacino) behandelt seinen Zögling Brandon meist zuvorkommend, fast liebevoll. Es ähnelt einer Vater-Sohn-Beziehung, aber ohne dass hier die Fetzen fliegen. Die freundschaftliche Beziehung von Brandon zu Toni (Rene Russo), Walters Frau, beschreitet leider auch kein verbotenes Terrain. Spannung und Emotionen können so nicht entstehen.

Lösungen

Die Lösung wäre folgende gewesen: Brandon geht mit dem Engagement bei Walter einen Pakt mit dem Teufel ein („Faust“). Er verkauft seine Seele an den Agenturchef, der kein Erbarmen kennt. Brandon interessiert sich in erster Linie für „Das schnelle Geld“, in zweiter Linie für Toni, die seine Gefühle erwidert. Das wäre das Drama. Aber so bleibt alles beim Ringelpietz ohne Anfassen, passend zum schalen Ende, als Brandon sich einfach davonstiehlt. Einmal erlebt er eine heiße Liebesnacht, aber auch da entpuppt sich alles als Spiel, als Arrangement, nichts Ernstes also.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Das schnelle Geld.

Man on Fire (Tony Scott) USA 2004

Die Exposition ist ein kleines Meisterwerk und deutet schon darauf hin, womit wir es in „Man on Fire“ zu tun bekommen: Mit einem exzellent gemachten, spannenden Thriller. Zudem gibt es ein klassisches Erzählmotiv, nämlich Rache und das wird auch noch – zumindest weitgehend – intelligent abgehandelt, also nicht im Stile von „Ein Mann sieht rot“.

Die Figuren

Eigentlicher Star des Films ist die neunjährige Pita Ramos (Dakota Fanning), die mit ihren unbekümmerten, unkorrekten Fragen dem zweiten Protagonisten, den desillusionierten Ex-Agenten John Creasy (Denzel Washington), das Leben schwer macht: „Hast du eine Freundin?“, „Ist das gut schwarz zu sein als Bodyguard in Mexiko?“ usw. Dabei steht Creasy das Wasser sowieso schon bis zum Hals. Eigentlich ist es eher der Whisky und nicht das Wasser, in dem er die Erinnerungen an die Untaten seiner Vergangenheit ertränken will. Er ist schon drauf und dran, sich aus dem Leben zu schießen, aber es hat noch mehrere Wendungen in petto. Erst klemmt die Kugel im Lauf seiner Waffe und dann entwickelt er auch noch Gefühle für die kleine Nervensäge.

Freundschaft

Das Schönste an diesem Rachethriller ist die Zeit, die er sich nimmt, um die Freundschaft zwischen beiden zu erzählen. Der Film ist schon zur Hälfte vorbei als Pita ihn soweit hat: „Sie haben eben gelächelt.“ – „Nein. Ich lächle nie.“ Aber Creasy kommt da nicht mehr raus. Die Kleine hat ihn um den Finger gewickelt, ihren großen, traurigen „Creasy-Bär“. Das ist einfach schön. Auf dem Höhepunkt ihrer Freundschaft schenkt Pita ihm einen silbernen Anhänger mit einer Abbildung des Heiligen Judas, dem Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle. Nicht nur Creasy ist gerührt.

Form

Dramaturgisch fachgerecht wird an dieser Stelle die nächste Kehrtwendung vollzogen: Pitas Entführung und vermeintliche Ermordung im Zuge einer desaströsen Lösegeldübergabe. Die ganzen Wendungen und Überraschungen, bis hin zum dramatischen Ende, sind stets plausibel und eskalieren die Spannung. Die Montage und die Kameraarbeit sind herausragend. Die zeitweise angewendete fragmentarische Schnitttechnik inklusive Geschwindigkeitsmanipulationen sind hier kein Selbstzweck. Sie tragen zur Identifikation bei, zur Synchronisation der Gefühle. Wir sehen die Welt mit Creasys Augen: „Man on Fire“. Die Filmmusik ist schräge, einfach und genial. Sie ordnet sich stets dem Geschehen unter und versucht, die Wirkung zu intensivieren. Und das gelingt ihr. Chapeau! Linda Ronstedts Version von „Blue Bayoo“ ist nicht minder brillant.

Schwachpunkte

Es gibt zwei Schwachpunkte in „Man on Fire“: Samuel Ramos (Marc Anthony) ist nie und nimmer Pitas Vater und schauspielerisch eine komplette Fehlbesetzung. Glaubt er denn allen Ernstes, dass die Kidnapper seine Tochter ungeschoren lassen, nachdem er zusammen mit seinem Anwalt die Hälfte des Lösegeldes abgezwackt hat? Der finanzielle Druck, der auf dem Vater lastet, wird nicht richtig transparent. Hat er in dieser Zwangslage nichts Besseres zu tun, als in der heimischen Villa Golf zu spielen, in der – warum auch immer? – dauernd dutzende von Kerzen brennen?

Das martialische Gerede von Pitas Mutter („Töte sie alle!“ und „Legen Sie ihn um!“) nervt einfach nur. Es passt auch überhaupt nicht zu ihrer seelischen Verfassung. Creasys Freund Paul Rayburn (Christopher Walken) bläst ins gleiche Horn: „Er (Creasy) ist dabei, sein Meisterwerk (das Töten) zu vollbringen.“ Im Grunde hätten sie in diesen Momenten einfach nur schweigen müssen. Weniger wäre mehr gewesen. Creasy hatte es vorher ja schon auf den Punkt gebracht: „Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.“ Ansonsten macht es einfach Spaß, Tony Scott und seinem Team bei der Ausübung ihres Handwerks zuzuschauen.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Tony Scotts Man on Fire.

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Safe House (Daniél Espinosa) USA 2012

Jedenfalls wird in „Safe House“ ordentlich geballert und es werden jede Menge umweltschädlicher Autos geschrottet. Das ist gut, genauso wie das Anliegen, den Zuschauer zu unterhalten. Sehr schön sind die Präsentationen der Protagonisten im CIA-Hauptquartier, als eine Mitarbeiterin ihre Profile am Computer aufruft. Während sie knappe Lebensläufe und Beurteilungen vorliest, werden diese Charakterisierungen mit Aktionen der jeweiligen Personen montiert. So genanntes Scene-Merging. Das ist super. Das sorgt für Erzähltempo, erzählerische Tiefe und Spannung.

Stereotype

Aber ansonsten hat man irgendwie alles schon gesehen: Der abtrünnige CIA-Agent, der im Besitz geheimer Daten ist, hinter denen einige Killer her sind, die Verräter in den eigenen Reihen, das Greenhorn, das in diesen Schlamassel gerät und sich beweisen muss. Originell ist das nicht. Außerdem gibt es drei gravierende Schwachpunkte:

Schwachpunkte

Da ist zum einen die Figur des Ex-CIA-Agenten Tobin Frost (Denzel Washington), dessen angebliche innere Zerrissenheit zu keiner Zeit transparent wird. Er agiert im Stile eines altklugen, kaltblütigen, staatlich ausgebildeten Killers, der sich – ohne mit der Wimper zu zucken – eine Kugel aus dem Leib pult oder gegnerische Agenten abknallt. In „Man on Fire“ von Tony Scott spielt ebenfalls Denzel Washington einen traumatisierten Ex-Agenten, der die Hälfte des Films damit kämpft, wieder einigermaßen ins Leben zurückzufinden. Da nimmt man ihm seine Verzweiflung ab. Da kann man mit ihm fühlen. Tobin Frost weckt zu keiner Zeit Emotionen.

Liebesgeschichte

Wenn man eine Liebesgeschichte etabliert, dann sollte sie auch eine Handlungsrelevanz haben oder gestrichen werden. In „Safe House“ hat die Beziehung des jungen CIA-Agenten Matthew Weston zur Ärztin Ana keine Funktion. Es ist nur eine behauptete Liebe und kann deshalb auch keine Emotionen wecken. Auch hier wird die Chance auf die Erzählung einer „Unmöglichen Liebe“ vertan. Als Matthew seine Freundin am Kapstadter Bahnhof aus der Schusslinie bringen will, hätte sie ihm eigentlich sein Ticket und sein Geld um die Ohren hauen und bei ihm bleiben müssen. Dann hätte er nämlich nicht nur mit seinem gefährlichen Gefangenen untertauchen, sondern sich auch noch um den Schutz seiner Geliebten kümmern müssen. Es wäre ein zusätzliches Problem gewesen, was der Dramatik einer Erzählung noch nie geschadet hat.

Die unmögliche Liebe

Vor allem aber wäre dieses Himmelfahrtskommando eine hervorragende Gelegenheit gewesen, sich wirklich näher kennenzulernen und sich nicht mehr anzulügen. Die Thrillerhandlung als Folie für eine „Unmögliche Liebe“ – das wär’s gewesen. Am Ende hätte Ana zum Beispiel als einzige den Showdown überleben können und zwar in einem Moment, in dem beide erkennen, hier die Liebe ihres Lebens getroffen zu haben. Das wäre das Drama gewesen, nicht das Ableben mehrerer Killer. Es wäre auch die Gelegenheit zur Etablierung einer starken Frauenfigur gewesen. Der Fokus auf männliche Attribute wie Raufen, Schießen, Autos zu Schrott fahren, wirkt ein bisschen infantil.

Odd-Couple

Das Gespann Tobin Frost und Matthew Weston hätte die Möglichkeit zu einer Odd-Couple-Konfiguration geboten, d.h. zwei völlig gegensätzliche Charaktere, die aufgrund äußerer Umstände aneinander gekettet sind und sich ständig auf die Nerven gehen. Dieses dramatische und komödiantische Potenzial darf man sich eigentlich nicht entgehen lassen. In „Midnight Run“ von Martin Brest spielt Robert de Niro den Kopfgeldjäger Jack Walsh, der den abtrünnigen Mafia-Buchhalter Jonathan Mardukas von New York nach Los Angeles bringen soll. Die ganze Zeit spielt Mardukas einen Advocatus Diaboli. Er fragt Walsh über seine gescheiterte Ehe aus und nervt ihn bis aufs Blut. So können wir einiges über die Person des Kopfgeldjägers erfahren, tauchen tief in seine Vorgeschichte, in sein Leben ein. Wir verstehen seine Probleme und können Gefühle entwickeln. Das ist vorbildlich gemacht.

Finale

Am Ende erzählt Tobin Frost auf Nachfrage von einer tiefergehenden Liebesbeziehung in seinem Leben. Das war’s. Anstatt an dieser Stelle nachzubohren, lässt Matthew es damit auf sich beruhen. Das ist schwach! So kann natürlich keine Tiefe, kein Verständnis und kein Gefühl entstehen. Anstelle einer Odd-Couple-Beziehung dominiert in „Safe House“ ein Lehrer-Schüler-Verhältnis auf Agentenebene.

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 2 blaue Smileys und 5 schwarze traurige Gesichter für Safe House.

L.A. Confidential (Curtis Hanson) USA 1997

Die Romanvorlage dieses brillanten Thrillers stammt von James Ellroy, einem Vertreter sogenannter Hard-boiled-Krimis. Entsprechend düster und blutig geht’s in „L.A. Confidential“ zur Sache. Die Erzählerstimme des Boulevard-Reporters Sid Hudgens (Danny de Vito) ist der Pacemaker der Geschichte. Die Vorstellung der drei Protagonisten, allesamt Mitglieder einer Mordkommission des LAPD, ist schon genial. Sie erfolgt im Stile einer erkennungsdienstlichen Behandlung und einer charakterisierenden kurzen Spielszene. Schon ist man ganz bei ihnen, bei dem jungen, noch unerfahrenen, aber wandlungsfähigen Lieutenant Ed Exley (Guy Pearce); dem einfach gestrickten, schlagkräftigen und nicht korrumpierbaren Police Officer Bud White (Russell Crowe) mit einem großen Herz für Frauen, denen Gewalt angetan wird; sowie dem eitlen, publicitysüchtigen und cleveren Sergeant Jack Vincennes (Kevin Spacey).

Die Geschichte

Letztlich dreht sich alles um die Nachfolge des inhaftierten Gangsterbosses Mickey Cohen. Also wer übernimmt die Kontrolle aus illegalen Geschäften mit Drogen, Glücksspiel und Prostitution? Über Ungereimtheiten bei den Ermittlungen zum Nite-Owl-Massaker kommen die drei Detectives schließlich dem neuen Unterweltboss auf die Schliche, der kein Geringerer als ihr eigener Chef ist, nämlich Captain Dudley Smith (James Cromwell). Bis zum Schluss wird die Spannung vorbildlich eskaliert. Passend zur düsteren, sarkastischen Grundstimmung des Films erledigt ausgerechnet der moralische, prinzipientreue Ed Exley am Ende Captain Smith durch einen Gewehrschuss in den Rücken. Die Dialoge sind originell und intelligent, manchmal auch hart und schonungslos, oder witzig und überraschend. Die Kameraarbeit ist herausragend, genauso wie die Montage.

Schwachpunkte

Es gibt nur zwei Schwachpunkte in „L.A. Confidential“: Wie in „Léon – der Profi“ muss man auch hier schlucken, dass der Leiter eines polizeilichen Dezernats ein brutaler Gangster ist, der zudem mit Hilfe einer Vielzahl von korrupten Detectives einen mörderischen Bandenkrieg betreibt. Die Schlussballerei in einem abgelegenen Motel, aus der Ed Exley und Bud White – zwar ramponiert – aber als einzige Überlebende hervorgehen, mutet schon kurios an. Dabei wäre die Lösung ganz einfach gewesen: Captain Smith hätte anstelle von einem dutzend Helfershelfern nur zwei gehabt, was auch glaubhafter gewesen wäre. Denn so ein Doppelspiel droht doch immer aufzufliegen. Also weniger wäre mehr gewesen. Ansonsten alles super!

7 Emojis zur Bewertung eines Spielfilms stellvertretend für die 7 Säulen der Filmgestaltung, hier 6 blaue Smileys und 1 schwarzes trauriges Gesicht für Curtis Hansons L.A. Confidential.

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